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    Krieg führt niemals zu Lösungen

    Rom (DT) Der Anschlag vom 11. September 2001 lag wenige Stunden zurück. Als Johannes Paul II. vor den Teilnehmern an der Mittwochsaudienz das Wort ergriff, konnte er seine Erschütterung über die New Yorker Tragödie vom Vortag nicht verbergen. In jener Generalaudienz sprach er nur über das Attentat. „Gestern war ein dunkler Tag in der Geschichte der Menschheit, es ereignete sich ein schrecklicher Angriff auf die Würde des Menschen“, sagte der Papst. Er sprach das aus, was immer seine Überzeugung in den mit den Konflikten dieser Welt verbundenen Fragen war: „Ich vereine meine Stimme mit all den Stimmen, die in diesen Stunden ihre Empörung und Verurteilung äußern, und ich betone erneut, dass die Wege der Gewalt niemals zu wirklichen Lösungen der Menschheitsprobleme führen werden.“

    Das dramatische Geschehen bedeutet für die Kirche eine Verpflichtung zum Gebet für den Frieden: Ende April 2008 besuchte... Foto: dpa

    Rom (DT) Der Anschlag vom 11. September 2001 lag wenige Stunden zurück. Als Johannes Paul II. vor den Teilnehmern an der Mittwochsaudienz das Wort ergriff, konnte er seine Erschütterung über die New Yorker Tragödie vom Vortag nicht verbergen. In jener Generalaudienz sprach er nur über das Attentat. „Gestern war ein dunkler Tag in der Geschichte der Menschheit, es ereignete sich ein schrecklicher Angriff auf die Würde des Menschen“, sagte der Papst. Er sprach das aus, was immer seine Überzeugung in den mit den Konflikten dieser Welt verbundenen Fragen war: „Ich vereine meine Stimme mit all den Stimmen, die in diesen Stunden ihre Empörung und Verurteilung äußern, und ich betone erneut, dass die Wege der Gewalt niemals zu wirklichen Lösungen der Menschheitsprobleme führen werden.“

    „Zehn Jahre nach dem Mauerfall standen Papst und Vatikan vor einer neuen Weltsituation“

    Diese Haltung hatte ihn zehn Jahre zuvor, als sich der Präsident der Vereinigten Staaten für die militärische Option zur Vertreibung der Truppen Saddam Husseins aus Kuwait entschloss, in einen tiefen Widerspruch zu den sogenannten „Neo-Cons“, den konservativen Christen jenseits des Atlantiks gebracht. Aber Johannes Paul II. blieb eisern. Auch diesmal, in den Wochen und Monaten nach dem Einsturz der Twin Towers, sollte er jeder auf militärische Gewalt basierenden Antwort eine entschiedene Absage erteilen. So wie er sofort die terroristische Gewalt verurteilt hatte, so sagte er auch Nein zu einem bewaffneten Gegenschlag.

    In jener Mittwochsaudienz, einen Tag nach dem 11. September, betete er dafür, „dass die Spirale von Hass und Gewalt nicht die Oberhand gewinnt“. Und er bekräftigte seine tiefe Überzeugung: „Wenn in solchen Momenten jedes Wort unangemessen scheint, kommt uns der Glaube zu Hilfe. Allein das Wort Christi kann uns helfen, eine Antwort auf die Fragen zu geben, die unser Gemüt quälen. Alle, die an Gott glauben, wissen, dass auch dann das Böse und der Tod nicht das letzte Wort haben, wenn die Mächte der Finsternis zu triumphieren scheinen. Auf dieser Wahrheit gründet die christliche Hoffnung.“ Das sagte ein Mann, der inzwischen um eine Hoffnung ärmer geworden war: Der Fall des Eisernen Vorhangs hatte nicht dazu geführt, dass im Osten Europas wieder christliche Nationen entstehen würden, dass der Kontinent, wie er es noch bei seiner ersten Reise in die vom Kommunismus befreite Tschechoslowakei formuliert hatte, wieder aus zwei christlichen Lungen atmet – einer östlichen und einer westlichen.

    Gut zehn Jahre nach dem Fall der Mauer standen Papst und Vatikan vor einer völlig neuen Weltsituation: Die Vereinigten Staaten waren die alleinige Supermacht und der – vom israelisch-palästinensischen Konflikt genährte – islamische Extremismus begann den freien Westen zu bedrohen. In dieser Lage jedoch wollte Johannes Paul II. jeglichen Eindruck vermeiden, als sei die katholische Kirche die „Hausreligion“ der westlichen Alliierten, er selber eine Art Hofkaplan der amerikanischen Präsidenten und als seien die Feldzüge des Westens im muslimisch geprägten Orient eine Neuauflage der Kreuzzüge des Mittelalters. Das hatte Vater Bush im Jahr 1991 erfahren müssen und so ging es auch Sohn Bush, als der zweite Krieg gegen Saddam Hussein heraufzog.

    Zum militärischen Engagement der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in Afghanistan hatte sich der Vatikan Zurückhaltung auferlegt. Aber zum Angriff auf Bagdad fand Johannes Paul II. immer wieder unmissverständliche Worte. So bei seiner Neujahrsansprache vor dem Diplomatischen Corps am 13. Januar 2003 im Vatikan: „Und was ist zur Bedrohung durch einen Krieg zu sagen, der die Bevölkerung des Irak treffen könnte, das Land der Propheten, ein Volk, das durch mehr als zwölf Jahre Embargo bereits erschöpft ist? Krieg ist niemals ein Mittel wie andere auch, das man wählen könnte, um Differenzen zwischen Völkern zu regeln. Wie uns die Charta der Organisation der Vereinten Nationen und das internationale Recht erinnern, kann man – selbst wenn es darum geht, das Gemeinwohl sicherzustellen – nur dann auf einen Krieg zurückgreifen, wenn es sich um das allerletzte Mittel handelt, unter Befolgung sehr strenger Bedingungen, und ohne die Folgen für die Zivilbevölkerung während und nach der Militäraktion zu vernachlässigen.“ Das war die glasklare vatikanische Linie. Wobei beim Irak die Gefahr hinzukam, dass ein Krieg in jedem Fall zu Lasten der christlichen Minderheit gehen würde. Hier hat die Geschichte dem polnischen Papst Recht gegeben.

    Noch Anfang dieser Woche beklagten in Brüssel zwei chaldäisch-katholische Bischöfe aus dem Irak, Baschar Warda aus Erbil und Amel Schamon Nona aus Mossul, dass sich die Lage der Christen in ihrem Land immer weiter verschlechtere. Die Vertreibungen dauerten an. Zahlreiche christliche Familien, die nach Syrien geflohen waren, kehrten jetzt wieder zurück und lebten im Irak als Obdachlose. In Städten wie Mossul und Bagdad schwebten Christen beständig in Lebensgefahr.

    „Was dem Islam nicht anzulasten war, ist George Bush mit seinem Irak-Krieg gelungen“

    Deshalb habe sich etwa in der Erzdiözese Mossul die Zahl der chaldäischen Gläubigen seit 2003 von dreißigtausend auf dreizehntausend verringert. Was dem Islam nicht anzulasten war, ist George W. Bush mit seinem Irak-Krieg gelungen: Das Land Abrahams erlebt heute den Exodus der Christen.

    Drei Jahre vor seinem Tod besuchte der schon alt und schwach gewordene Johannes Paul II. Aserbaidschan und sprach in Baku vor Vertretern der Politik und der Religionen. Gerade solche Reisen in Regionen, wo Christen Seite an Seite mit Muslimen – in Aserbaidschan auch mit Juden – leben, hat Papst Wojtyla immer wieder genutzt, um sein Gegenmodell zum „Zusammenprall der Kulturen“ zu präsentieren, wie er sich in den gewaltsamen Konflikten im Nahen und Mittleren Osten sowie in den Anschlägen islamistischer Terrorgruppen zu vollziehen schien. Es war am 22. Mai 2002 in Baku, als er nicht nur seinen Zuhörern, sondern der ganzen, am Vorabend eines weiteren Irak-Kriegs stehenden Welt zurief: „Trotz der Unterschiede, die zwischen uns bestehen, fühlen wir uns alle verpflichtet, Beziehungen der gegenseitigen Hochschätzung und des Wohlwollens zu pflegen. Ich weiß um das große, von den Religionsführern vollbrachte Werk zugunsten der Toleranz und des gegenseitigen Verständnisses in Aserbaidschan... Von diesem Land aus, das die Toleranz als vorrangigen Wert jedes gesunden zivilen Zusammenlebens erkannt hat und stets tiefer erkennt, wollen wir der Welt zurufen: Schluss mit dem Krieg im Namen Gottes! Schluss mit der Verunehrung seines heiligen Namens! Ich bin als Botschafter des Friedens nach Aserbaidschan gekommen. Solange ich eine Stimme habe, werde ich rufen: ,Friede, im Namen Gottes!‘ Und wenn dann ein Wort dem andern folgt, werden ein Chor und eine Symphonie entstehen, die die Seelen ergreifen, den Hass auslöschen und die Herzen entwaffnen werden.“

    Es war eine Grundmelodie des polnischen Papstes, die seit dem ersten Friedens-Treffen von Assisi sein gesamtes Pontifikat durchzog: Die Religionen – auch die muslimische – sollen, wie er in Baku sagte, „nicht die Gegnerschaft und den Hass nähren, sondern die Liebe und den Frieden fördern“. Wenn die Religion eine so wichtige Rolle im privaten wie auch öffentlichen Leben der Menschen spielt, dann hat sie und dann haben die Führer der Religionen auch eine Verantwortung dafür, dass die Menschheit in Frieden lebt.

    Es war dann der deutsche Papst, der viereinhalb Jahre später die Hauptfrage, die der 11. September 2001 aufgeworfen hatte, die Frage nach Religion und Gewalt, nochmals direkt bei den Hörnern packte und auf sie die Antwort des akademischen Lehrers gab. Als Benedikt XVI. im September 2006 seine berühmte „Regensburger Vorlesung“ hielt, war der Irak-Krieg längst geschlagen und der religiöse Hass in der muslimischen Welt auf alles Westliche und Christliche hatte nur noch zugenommen. Der Inhalt dieser Vorlesung und die ihr folgende Empörung in islamischen Ländern sind bekannt. Es war die Antwort des Theologen auf den gewaltbereiten Islam: Gewalt ist widersinnig, dozierte Joseph Ratzinger mit den Worten des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos. Gewalt stehe im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele.

    Gott habe kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln sei dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube sei Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer jemanden zum Glauben führen wolle, brauche die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt, Waffen und Drohung. Der entscheidende Satz in der Argumentation des Papstes gegen die Gewalt lautete: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Und Anwendung von Gewalt widerspricht der Vernunft.

    „Der friedliche Dialog wäre ohne die Vorlesung des Papstes nicht in Gang gekommen“

    Es war ein diplomatischer Kraftakt, den der Vatikan damals unternehmen musste, um die Erregung in der muslimischen Welt über die Verwendung jenes Mohammed-Zitats zu dämpfen, das Papst Benedikt aus der Rede des byzantinischen Kaisers übernommen hatte, das aber gar nicht den Kernpunkt seiner Argumentation darstellte. Aber bald wendete sich die Geschichte der „Regensburger Vorlesung“ ins Positive: Einen Monat nach der Rede des Papstes schrieben ihm 38 muslimische Persönlichkeiten einen offenen Brief, in dem sie zum Teil mit den von ihm vertretenen Positionen übereinstimmen und zum Teil nicht.

    Die 38 Muslime gehörten verschiedenen Nationen und unterschiedlichen Denkströmungen an. In den folgenden Monaten kamen weitere Namen dazu und aus den 38 Unterzeichnern wurden 138, die ein Jahr später einen zweiten Brief veröffentlichten, der an den Papst gerichtet war, doch auch an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, an den orthodoxen Patriarchen von Moskau sowie an die Oberhäupter der Ostkirchen, der Anglikaner, der Lutheraner, der Reformierten, der Methodisten und der Baptisten. Der erste Brief hatte sich klar dafür ausgesprochen, den Glauben „ohne Zwang“ zu bekennen. Er bekannte sich zur Vernünftigkeit des Islam und bekräftigte entschlossen die Grenzen, welche die islamische Lehre dem Führen von Kriegen oder der Anwendung von Gewalt setzt. Der zweite Brief ging von der Schlussfolgerung des ersten aus und entwickelt sie weiter.

    Papst Benedikt vertraute dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, die Aufgabe an, den begonnenen Dialog mit den Muslimen fortzuführen. Ein erstes Treffen fand schließlich 2008 im Vatikan statt. Dieser friedliche Dialog wäre ohne die „Vorlesung“ des Papstes über Glauben und Vernunft in Regensburg nicht in Gang gekommen. Zehn Jahre nach den Anschlägen von New York stehen katholische Kirche und muslimische Religionsführer im Gespräch. Wohin dieser Weg führt, ist offen. Aber soeben erst wurde mit den Freiheits-Revolutionen im Nahen Osten und in Nordafrika ein ganz neues Kapitel in der Beziehung zwischen Christentum und Islam aufgeschlagen.