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    Konrad Krajewski: Kardinal der Leidenden

    Konrad Krajewski, der Almosengeber Seiner Heiligkeit – Serie über die römische Kurie (Teil 3). Von Guido Horst

    Konrad Krajewski. Foto: dpa

    Wenn Franziskus selber sagt, dass der Leiter des päpstlichen Almosenamtes und der Präfekt der Glaubenskongregation „die beiden langen Arme des Papstes“ seien – so geschehen in einem im Juni stückweise veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur „Reuters“ –, dann spricht alles dafür, auch diese beiden Kurialen in einer kleinen Serie über die „Männer des Papstes“ vorzustellen. Zumal sie beim jüngsten Konsistorium die Kardinalswürde erhalten haben: Erzbischof Luis Ladaria Ferrer SJ, der Nachfolger von Kardinal Gerhard Müller, und der polnische Geistliche Konrad Krajewski, der im August 2013 Nachfolger von Erzbischof Guido Pozzo als Päpstlicher Almosenier wurde.

    Konrad Krajewski: Das neue Gesicht des päpstlichen Almosenamtes

    Das Amt an der Spitze der Apostolischen Almosenverwaltung war in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt. Es unterstützt im Namen des Papstes Bedürftige und wer als Ehejubilar oder Priester mit einem hohen Weihejubiläum aus diesem Anlass in Rom um einen schriftlichen Apostolischen Segen gebeten hat, wusste, dass die Ausstellung dieser schriftlichen Papstsegen auch Aufgabe des Almoseniers ist – mehr war von diesem Amt nicht bekannt. Bis Franziskus kam – und sehr bald dann Krajewski, der der Sorge des Papstes um die Armen und Obdachlosen um den Vatikan herum ein neues Gesicht geben sollte.

    Der polnische Papst hat ihn tief geprägt

    Als Krajewski 1998 nach Rom kam, hätte er sich nie vorstellen können, dass er einmal Kardinal werden würde. In Polen hatte er, der sich zuvor in Rom an der Benediktiner-Hochschule Sant'Anselmo im Fach Liturgie spezialisiert hatte, als Zeremoniar des Erzbistums £ódŸ gearbeitet – und plötzlich ging er genau dieser Tätigkeit an der Seite von Johannes Paul II. weiter nach. Es war der große Einschnitt im Leben Krajewskis. Die tagtägliche Nähe zu dem großen polnischen Papst hinterließ in ihm tiefe Spuren. Zur Seligsprechung Karol Wojtylas am 1. Mai 2011 legte er davon in einem Beitrag für den „Osservatore Romano“ ein ausführliches Zeugnis ab. „Wer mit Johannes Paul II. in Kontakt trat“, schrieb er dort, „begegnete Jesus, den der Papst mit seiner ganzen Person repräsentierte.

    Mit dem Wort, der Stille, den Gesten, seiner Art zu beten, der Weise, wie er sich im liturgischen Raum bewegte, der Sammlung in der Sakristei: mit seinem ganzen Sein. Man bemerkte es sofort: Er war eine ganz von Gott erfüllte Person. Und für die Welt war er sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit geworden. Auch durch seinen vom Leid der letzten Jahre gequälten Leib... Als er nicht mehr gehen konnte und während der Feiern völlig von den Zeremoniaren abhängig geworden war, habe ich begonnen, mir darüber klar zu werden, dass ich eine heilige Person berührte. Vielleicht irritierte ich die vatikanischen Beichtväter, da ich vor jeder Feier zur Beichte ging und so einem inneren Imperativ folgte, da ich ein starkes Bedürfnis nach der Beichte verspürte. Ich bedurfte der Absolution, um neben ihm sein zu können.“

    Der Tod von Johannes Paul II.

    Als Johannes Paul II. schließlich starb, war auch das für Krajewski ein zutiefst geistliches Ereignis. „Wir knieten um das Bett Johannes Pauls II.“, schrieb Krajewski. „Der Papst lag im Halbdunkeln. Das milde Licht der Lampe beleuchtete die Wand, doch man konnte ihn gut sehen. Als die Stunde gekommen war, von der wenige Augenblicke später die ganze Welt wissen sollte, stand Erzbischof Dziwisz unvermittelt auf. Er machte das Licht im Zimmer an und unterbrach so die Stille des Todes Johannes Pauls II. Mit bewegter, doch überraschenderweise fester Stimme begann er mit dem für einen aus den Bergen stammenden Mann typischen Akzent, eine der Silben verlängernd, zu singen: ,Dich Gott, loben wir, dich, Herr, preisen wir‘. Es schien, als käme der Klang vom Himmel. Alle blickten verwundert auf Don Stanislaw. Doch das brennende Licht und der Gesang der Worte, die folgten – ,Dir, dem ewigen Vater, huldigt das Erdenrund...‘ – verliehen einem jedem von uns Sicherheit. Ja – so dachten wir – wir befinden uns in einer völlig anderen Wirklichkeit. Johannes Paul II. ist gestorben, was heißt: Er lebt für immer.“

    Krajewski arbeitete weiter im Amt für die Liturgischen Feiern des Papstes, bis ihn dann Franziskus wenige Monate nach seinem Amtsantritt zum Almosenier und Titularerzbischof ernannte. Und ganz im Sinne seines Papstes blieb er nicht hinter einem Schreibtisch des Almosenamtes, sondern ging hinaus, zu den Obdachlosen, die den Petersplatz umlagern. Das hatte er vorher schon getan und Franziskus hatte davon erfahren. Und für den polnischen Liturgiker begann nun ein ganz neues Leben, das ihn auch in die Schlagzeilen bringen sollte: Er ließ unter den Kolonnaden des Petersplatzes Duschen für Obdachlosen bauen, auch für einen Friseur dort ließ er sorgen. Er verteilt Essen am römischen Bahnhof Termini und zeitgleich zum Gebet des Kreuzwegs mit dem Papst am römischen Kolosseum gab Krajewski Schlafsäcke und kleine Ostergeschenke an Bedürftige im römischen Stadtgebiet aus. Für Wohnungslose und Migranten organisiert er Busausflüge an einen Strand vor den Toren der Stadt und er ließ in seiner Wohnung auch schon einmal eine syrische Flüchtlingsfamilie schlafen.

    Franziskus wünscht sich dafür einen Kardinal

    Dass ihn Franziskus im letzten Konsistorium zum Kardinal ernannt hat, galt weniger den persönlichen Verdiensten Krajewskis oder weil der Pole den Papst in besonderer Weise beraten würde. Die Ernennung galt eher dem Amt, das, wenn es nach Franziskus geht, ab jetzt immer von einem Kardinal geleitet werden sollte. Dass das Leiden zum Leben gehört, das hat Krajewski an der Seite Johannes Pauls II. gelernt – und diese Erfahrung hat ihn tief geprägt.

    So schrieb er in dem bereits zitierten Zeugnis für den „Osservatore Romano“: „Mit Johannes Paul II. zusammen zu sein hieß, im Evangelium zu leben, mitten im Evangelium zu sein. In den letzten Jahren meines Dienstes neben ihm ist mir klar geworden, dass die Schönheit immer an das Leid gebunden ist. Man kann Jesus nicht berühren, ohne das Kreuz zu berühren: Der Papst war so sehr vom Leid geprüft, man kann sagen gequält, doch äußerst schön, da er voll Freude alles, was er von Gott empfangen hat, aufopferte und Gott voll Freude alles zurückerstattete, was er von ihm empfangen hatte. Die Heiligkeit nämlich – so sagte Mutter Teresa von Kalkutta – bedeutet nicht nur, dass wir alles Gott aufopfern, sondern auch, dass Gott von uns all das nimmt, was er uns gegeben hat. Der Athlet“, Krajewski meint Johannes Paul II., „der in den Bergen wanderte und Ski fuhr, hatte jetzt aufgehört zu gehen; der Schauspieler hatte die Stimme verloren. Stück für Stück war ihm alles genommen worden.“ Für die da zu sein, denen das Leben alles genommen hat, ist jetzt der Hauptberuf des neuen Kardinals.

    Bearbeitet von Guido Horst

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