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    Kleine und schwache Werkzeuge können große Werke vollbringen

    Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 17. Juni.

    Papst Franziskus
    Papst Franziskus. Foto: dpa. Foto: Claudio Peri (ANSA)

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Im heutigen Abschnitt des Evangeliums (Mk 4,26-34) spricht Jesus vor einer Menge von Menschen über das Reich Gottes sowie die Dynamik seines Wachstums, und er tut dies, indem er zwei kurze Gleichnisse erzählt.

    Im ersten Gleichnis (vgl. V. 26-29) wird das Reich Gottes mit dem geheimnisvollen Wachstum des Samens verglichen, der auf den Boden geworfen wird und dann aufkeimt, wächst und  Ähren hervorbringt, unabhängig von der Sorge des Sämanns, der sich am Ende des Reifungsprozesses um die Ernte kümmert. Die Botschaft, die dieses Gleichnis uns übermittelt, ist folgende: durch die Predigt und das Wirken Jesu ist das Reich Gottes angekündigt worden, ist es in den Boden der Welt eingedrungen, und wie der Same wächst und entwickelt es sich von selbst, durch eigene Kraft und nach menschlich nicht entschlüsselbaren Kriterien. In seinem Wachsen und Aufkeimen innerhalb der Geschichte hängt es nicht so sehr vom Wirken des Menschen ab, sondern es ist vor allem Ausdruck der Macht und Güte Gottes, der Kraft des Heiligen Geistes, der das christliche Leben im Volk Gottes voran führt.

    Manchmal scheint die Geschichte mit ihren Ereignissen und ihren Hauptdarstellern im Widerspruch zum Plan des himmlischen Vaters zu stehen, der für alle seine Kinder Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit und Frieden will. Doch wir sind aufgerufen, diese Zeiten als Zeiten der Prüfung, der Hoffnung und der aufmerksamen Erwartung der Ernte zu leben. Gestern wie heute wächst das Reich Gottes auf geheimnisvolle, auf überraschende Weise in der Welt und offenbart die verborgene Kraft des kleinen Samenkorns, seine siegreiche Vitalität. In den Wendungen der persönlichen und gesellschaftlichen Ereignisse, die manchmal den Schiffbruch der Hoffnung zu kennzeichnen scheinen, muss man weiter auf das leise, aber mächtige Handeln Gottes vertrauen. Daher dürfen wir in dunklen und schwierigen Momenten nicht verzagen, sondern müssen fest in der Treue zu Gott, in seiner Gegenwart, die immer rettet, verankert bleiben. Vergesst das nicht: Gott rettet immer. Er ist der Retter.

    Im zweiten Gleichnis (vgl. V. 30-32) vergleicht Jesus das Reich Gottes mit einem Senfkorn. Es ist ein ganz kleines Samenkorn, doch es entwickelt sich so sehr, dass es das größte aller Gewächse im Garten wird: ein unvorhersehbares, überraschendes Wachstum. Es ist nicht einfach, in diese Logik der göttlichen Unvorhersehbarkeit einzutreten und sie in unserem Leben anzunehmen. Doch heute ermahnt uns der Herr zu einer Haltung des Glaubens, die unsere Pläne, unsere Berechnungen, unsere Vorhersagen übersteigt. Gott ist immer der Gott der Überraschungen. Der Herr überrascht uns immer. Es ist eine Einladung, uns den Plänen Gottes sowohl auf persönlicher als auch auf gemeinschaftlicher Ebene großherziger zu öffnen. In unseren Gemeinschaften müssen wir auf die kleinen und großen Gelegenheiten des Guten achten, die der Herr uns anbietet, und uns in Seine Dynamik der Liebe, der Aufnahmebereitschaft und der Barmherzigkeit gegenüber allen einbinden lassen.

    Die Authentizität der kirchlichen Sendung wird nicht durch den Erfolg oder die Zufriedenheit über die Ergebnisse bestimmt, sondern davon, dass wir mit dem Mut des Vertrauens und der Demut, uns Gottes Willen zu überlassen, vorangehen. Vorangehen im Bekenntnis Jesu und mit der Kraft des Heiligen Geistes. Es handelt sich um das Bewusstsein, kleine und schwache Werkzeuge zu sein, die in Gottes Händen und mit seiner Gnade große Werke vollbringen können und sein Reich voranbringen, das „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17) ist. Die Jungfrau Maria helfe uns, einfach zu sein, aufmerksam zu sein, um mit unserem Glauben und unserer Arbeit an der Entwicklung des Reiches Gottes in den Herzen und in der Geschichte mitzuwirken.

    Nach dem Gebet des Angelus und vor den Grüßen an einzelne Gruppen auf dem Petersplatz sagte der Papst:

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Gestern wurde in Caracas María Carmen Rendíles Martínez, die Gründerin der Schwesterngemeinschaft „Siervas de Jesús de Venezuela“ seliggesprochen. Mutter Carmen, die im vergangenen Jahrhundert in Caracas geboren wurde und dort gestorben ist, hat gemeinsam mit den Schwestern voller Liebe in den Gemeinden, in den Schulen und an der Seite der Bedürftigsten gedient. Preisen wir den Herrn für diese seine treue Jüngerin und vertrauen wir ihrer Fürsprache unsere Gebete für das venezolanische Volk an. Und grüßen wir die neue Selige und das venezolanische Volk mit einem Applaus!

    Voller Sorge verfolge ich das dramatische Schicksal der Bevölkerung im Yemen, die bereits durch einen Jahre andauernden Konflikt zermürbt ist. Ich appelliere an die internationale Gemeinschaft, dass sie keine Bemühung unterlassen möge, um die betroffenen Parteien so schnell wie möglich an den Verhandlungstisch zu bringen und eine Verschlimmerung der bereits tragischen humanitären Situation zu vermeiden. Beten wir zur Gottesmutter für den Yemen: „Gegrüßet seist du, Maria…“.

    Am kommenden Mittwoch wird der Weltflüchtlingstag begangen, den die Vereinten Nationen eingerichtet haben, um die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was unsere Brüder und Schwestern, die aufgrund von Konflikten und Verfolgungen gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, oftmals unter großer Angst und großem Leid durchleben müssen. Ein Tag, der in diesem Jahr mitten in die Beratungen zwischen den Regierungen für die Annahme eines internationalen Flüchtlingspakts über eine sichere, geordnete und regulierte Migration fällt, der innerhalb dieses Jahres zur Anwendung kommen soll. Ich wünsche mir, dass die in diese Prozesse einbezogenen Staaten ein Übereinkommen erreichen, um denen, die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, auf verantwortliche und humanitäre Weise Beistand und Schutz zu gewährleisten. Doch auch jeder von uns ist aufgerufen, den Flüchtlingen nahe zu sein, Momente der Begegnung mit ihnen zu suchen, ihren Beitrag zu schätzen, damit auch sie sich besser in die Gemeinschaften, die sie aufnehmen, integrieren können. In dieser Begegnung und in diesem gegenseitigen Respekt und dieser gegenseitigen Unterstützung liegt die Lösung für viele Probleme.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

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