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    Klare Aussage, aber keine grundlegende Kursänderung

    Bonn (DT/KNA/KAP) Die Interviewaussagen von Papst Benedikt XVI. zum Gebrauch von Kondomen sind auf Zustimmung, aber auch auf Skepsis gestoßen. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick erklärte am Dienstag, Papst Benedikt XVI. gehe es „nicht um die Erlaubnis von Kondomen, sondern um die Eindämmung von Aids“. Der Papst setze sich dafür ein, „dass alles getan werden muss, dass diese schreckliche Krankheit sich nicht weiter verbreitet“, erklärte der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Bischofskonferenz. Neu sei, dass Benedikt XVI. für bestimmte Situation den Gebrauch von Kondomen ausnahmsweise für möglich halte, führte Schick weiter aus. Es sei Sache des Papstes, zu benennen, welche konkreten Ausnahmen aus katholischer Sicht erlaubt seien. Grundsätzlich habe er aber erneut bestätigt, dass Abstinenz und Treue in der Ehe die Ausbreitung von Aids am besten verhinderten.

    Bonn (DT/KNA/KAP) Die Interviewaussagen von Papst Benedikt XVI. zum Gebrauch von Kondomen sind auf Zustimmung, aber auch auf Skepsis gestoßen. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick erklärte am Dienstag, Papst Benedikt XVI. gehe es „nicht um die Erlaubnis von Kondomen, sondern um die Eindämmung von Aids“. Der Papst setze sich dafür ein, „dass alles getan werden muss, dass diese schreckliche Krankheit sich nicht weiter verbreitet“, erklärte der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Bischofskonferenz. Neu sei, dass Benedikt XVI. für bestimmte Situation den Gebrauch von Kondomen ausnahmsweise für möglich halte, führte Schick weiter aus. Es sei Sache des Papstes, zu benennen, welche konkreten Ausnahmen aus katholischer Sicht erlaubt seien. Grundsätzlich habe er aber erneut bestätigt, dass Abstinenz und Treue in der Ehe die Ausbreitung von Aids am besten verhinderten.

    Nach Ansicht des Hamburger Weihbischofs Hans-Jochen Jaschke haben die Aussagen des Kirchenoberhaupts auch Geltung für heterosexuelle Paare. „Frauen werden ja in Afrika vielfach mit Aids angesteckt, weil die Männer sich nicht beherrschen, weil sie wie die Machos auftreten“, sagte Jaschke am Dienstag „Radio Hamburg“. Demnach sei das Kondom „keine Erleichterung für die Männer, sondern eine Hilfe für einen verantwortlichen Umgang mit Sexualität zwischen Mann und Frau genauso“, so der Weihbischof. Die geänderte Haltung des Papstes sieht Jaschke in den „schrecklichen Aids-Bedrohungen“ in Afrika, Osteuropa, Indien und China begründet. „Alle Verantwortlichen sagen, die Abwehr von Aids kann nur mit einer Änderung des Verhaltens wirklich Erfolg haben. Aber in eine Änderung des Verhaltens und in eine humane Sicht der Sexualität gehört dann auch das Kondom hinein, und das Kondom kann in bestimmten Situationen ja das geringere Übel sein“, sagte der Bischof.

    Stefan Hippler, katholischer Aidsseelsorger in Südafrika, sieht in den Papst-Äußerungen „einen ersten feinen Haarriss in einer Mauer aus Beton“. Sie seien „ein Zeichen, dass sich die Kirche doch bewegt“, schreibt der Trierer Diözesanpriester in der „Süddeutschen Zeitung“ (Dienstag). „Was Sexualität bedeutet und im 21. Jahrhundert wissenschaftlich erarbeitet worden ist, muss in die Entwicklung der Moraltheologie einfließen.“ In einem am selben Tag veröffentlichten Interview der „Stuttgarter Nachrichten“ beschreibt Hippler den Papst als „moralische Instanz, auch in Südafrika, egal ob man katholisch ist oder nicht“. Das Wort des Kirchenoberhauptes habe Gewicht.

    Der Chef des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor, Josef Sayer, begrüßte im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Montag den Schritt des Papstes. Er bedeute Rückendeckung für alle, die mit Aidskranken arbeiten oder Jugendliche an einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität heranführen, so Sayer. In der Praxis seien Kondome für die Partner von Misereor im Kampf gegen Aids ohnehin kein Tabu. Unsere Partner haben Kondome nicht ausgeschlossen, weil sie in ihnen ein Mittel im Kampf gegen den Tod durch Ansteckung sahen.“ Wenn Papst Benedikt XVI. jetzt auf medizinische Aspekte der Verringerung der Ansteckungsgefahr abhebe, dann liege das eben auf der Linie der pastoralen Praxis vor Ort, erläuterte Sayer. „Ich finde es hervorragend, dass Papst Benedikt XVI. zur Kenntnis nimmt und unterstreicht, was die Kirche alles leistet in der HIV-Prävention und der Betreuung Aidskranker. Das ist schon heute enorm. Und wenn der Papst noch größeren Einsatz fordert, gebe ich ihm auch da Recht.“ Gleichzeitig mahnte Sayer, dass eine Aufhebung des Kondomverbots in der katholischen Kirche keine Lösung des Aids-Problems bedeute. Aids sei nur in den Griff zu bekommen, wenn „wir eine Kultur verantwortlicher Sexualität aufbauen.

    Theorie des geringeren Übels mit Vorsicht anwenden

    Die Äußerungen des Papstes beziehen sich nach den Worten von Kardinal George Cottier nur auf „Ausnahmefälle“. Ein solcher liege etwa bei HIV-Infizierten vor, sagte der frühere päpstliche Haustheologe der römischen Zeitung „Il Messaggero“. Wenn man in einer Extremsituation lebe, könne es von einem moralischen Standpunkt aus erlaubt sein, das Leben auch mit „falschen Hilfsmitteln“ zu verteidigen, sagte der Dominikaner. Wer HIV-positiv sei, habe die Pflicht, das Gebot „du sollst nicht töten“ zu respektieren, so der Kardinal. Diese „Theorie des geringeren Übels“ müsse jedoch mit großer Vorsicht angewandt werden. Die Kirche habe ihre grundsätzliche Auffassung nicht geändert, nach der Enthaltsamkeit das beste Mittel zum Schutz gegen Aids sei.

    Das katholische Hilfswerk missio ist dem Papst „dankbar“ für seine Stellungnahme. „In klaren Worten geht Benedikt XVI. sehr differenziert auf das Thema ein“, sagte missio-Präsident Klaus Krämer am Montag in Aachen der Katholischen Nachrichten-Agentur. Der Papst reduziere den Kampf gegen Aids nicht auf die Frage nach dem Kondomgebrauch und stärke zugleich den kirchlichen Partnern in den Entwicklungsländern den Rücken. Die Aussagen seien „ein wichtiger Schritt nach vorne“ im Kampf gegen Aids. Gerade in Afrika sei die Kirche besonders aktiv bei der Betreuung Aidskranker und auch in der Aufklärung und Vorbeugung, so Krämer. Dabei gehe sie nach der „ABC-Methode“ vor: A wie Abstinenz als sicherster Schutz, danach B wie „be faithful“ für die Treue. Und „C wie condom oder choice“ sei die letzte Alternative, um Leben zu schützen, wenn die anderen Wege in der Praxis nicht möglich seien. Die eindeutige Position des Papstes habe ein sehr großes Gewicht, betonte Krämer. In Gesprächen mit Benedikt XVI. habe er schon mehrfach erlebt, wie differenziert dieser die Kondomfrage beim Kampf gegen Aids beurteile. Insofern seien die jüngsten Aussagen kein Zeichen für einen Sinneswandel, sondern eher eine Präzisierung seiner bisherigen Überzeugungen.

    Die Papstäußerungen zeigen nach Einschätzung des Freiburger katholischen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff, dass sich Benedikt XVI. den Realitäten des sexuellen Lebens der Menschen stellt. „Man darf eine einzelne Interviewäußerung sicher nicht überbewerten. Aber die Papstworte zeigen eine erstaunliche Realitätsnähe, die man in vielen kirchlichen Lehramtsäußerungen nicht findet“, sagte Schockenhoff am Montag der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ in Freiburg. Zwar sei das Interview eindeutig keine offizielle Lehraussage der Kirche, dennoch hätten die Äußerungen großes Gewicht und erhebliche Verbindlichkeit. „Ich denke, eine künftige lehramtliche Äußerung zur Sexualmoral kann eigentlich nicht mehr hinter das zurückfallen, was der Papst hier als private Interviewäußerung gesagt hat“. Für Schockenhoff ist eindeutig, dass die vom Papst gewählten Formulierungen auch die Erlaubnis zur Kondombenutzung für Ehepartner umfassen, von denen einer HIV-positiv ist. „Ganz klar, das hat der Papst gesagt. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Wenn Ehepartner in dieser Situation sind, müssen sie tun, was ihnen ihr Gewissen sagt. Wenn der Papst dies jetzt auch gesagt hat, dann ist das erfreulich und ein Zeichen dafür, dass das Lehramt und der Papst persönlich im Wahrnehmen des sexuellen Lebens der Menschen eine größere Realitätsnähe an den Tag legen.“

    Die Papstworte seien mit Sicherheit kein Freibrief, so Schockenhoff. Aber die Signalwirkung dieser in den Medien transportierten Äußerung sei sehr groß und die lässt sich nicht immer auf den einen konkreten Fall eingrenzen. „Der Papst muss also damit leben – aber vielleicht fällt ihm das ja auch gar nicht so schwer – dass die Menschen seine Äußerungen auch auf andere Zusammenhänge übertragen. Und: Er hat ja selten für eine Aussage so viel Lob und Anerkennung gefunden“, erklärte Schockenhoff wörtlich.

    Französische Kirchenführer reagierten zurückhaltend auf Äußerungen von Papst Benedikt XVI. zum Gebrauch von Kondomen. Sie stellten keine Meinungsänderung dar, erklärte Kardinal Philippe Barbarin von Lyon in der Tageszeitung „Le Parisien“ (Montag). Sexualität müsse Ausdruck der in Treue gelebten Liebe sein. Wenn dies nicht der Fall sei und die Sexualität schon nicht Quelle des Lebens sei, dürfe Sexualität zumindest nicht Quelle des Todes werden. Bischof Stanislas Lalanne von Coutances, früherer Sprecher der Bischofskonferenz, sagte im Rundfunksender „Europe1“, die Äußerungen des Papstes seien keine Revolution. Allerdings sei die Haltung klarer ausgesprochen worden als früher. Lalanne schloss aus, dass der Papst künftig über die von Benedikt XVI. jetzt vertretene Linie hinausgehen werde. In der Tageszeitung „La Croix“ (Montag) urteilte der Moraltheologe Xavier Lacroix, es handele sich nicht um eine grundlegende Kursänderung. Benedikt XVI. wie sein Vorgänger Johannes Paul II. hätten immer hervorgehoben, dass Präservative nicht das einzige Mittel zur Bekämpfung von Aids sein dürften.

    Französische Aids-Hilfsorganisationen bezeichneten die Papstäußerungen als unzureichend. Benedikt XVI. weigere sich einzuräumen, dass Abstinenz und Treue als Mittel der Aids-Bekämpfung versagt hätten, erklärte „Act Up Paris“. Auch „Sidaction“ äußerte die Auffassung, der Papst weigere sich weiter, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Kondomgebrauch zur Kenntnis zu nehmen.

    Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) begrüßt die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. zum Gebrauch von Kondomen. Sie seien ein wichtiger Schritt im Kampf gegen HIV und Aids, erklärte DAH-Vorstandsmitglied Tino Henn am Montag in Berlin. Erstmals gestatte die katholische Kirche ihren Gläubigen damit den Gebrauch von Kondomen zur HIV-Prävention. Man hoffe, dass dies erst der Anfang sei „hin zu einer zeitgemäßen Haltung für eine selbstbestimmte Sexualität und wirksame Verhütung vor ungewollten Schwangerschaften und vor sexuell übertragbaren Krankheiten allgemein“. Leider habe der Papst das Kondomverbot nicht generell aufgehoben, so Henn weiter. Die DAH appelliere an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sich beim Papst dafür einzusetzen, dass es künftig keine Einschränkungen für den Kondomgebrauch mehr geben werde.

    Deutliche Worte gab es aus Tansania: „Tansania hält an seiner Anti-Kondom-Linie fest“, sagt Methodius Kilaini, Weihbischof in der Diözese Bukoba am Victoriasee. Eine Lockerung scheint hier undenkbar. Ohnehin sei die Aussage des Papstes, Kondome bei männlichen Prostituierten zu tolerieren, falsch interpretiert worden – vor allem von HIV-Aktivisten.

    Die russische Orthodoxie schließt sich dem Papst in der Bewertung von Kondomen an. Wie die Moskauer Nachrichtenagentur „Interfax“ am Dienstag berichtet, gebe es Übereinstimmung im Blick auf die Aussage von Benedikt XVI. über Ausnahmesituationen – „begründete Einzelfälle“ –, die einen Kondomgebrauch rechtfertigten. Der Leiter des Moskauer synodalen Departments für Gesellschaftsfragen, Erzpriester Wsewolod Tschaplin, erläuterte demnach, dass die orthodoxe Kirche zwischen abtreibender und nicht-abtreibender Empfängnisverhütung unterscheide. Priester könnten Gläubigen nichtabtreibende Verhütungspraktiken erlauben. Dies bedeute aber nicht, dass die Kirche „jegliche egoistische Entscheidung“ gegen Kinder erlaube. Im Falle der HIV-Infektion rufe die Kirche auf, dass die Betroffenen „ernsthaft darüber nachdenken sollen, ob sie Verkehr haben sollen“, so Tschaplin.

    Als „überraschenden Schritt“ hat der emeritierte Münchner Moraltheologe Johannes Gründel die Äußerungen von Benedikt XVI. zur Verwendung von Kondomen in Einzelfällen gewertet. Damit lasse der Papst erstmals eine Güterabwägung zu, sagte Gründel am Montag der Katholischen Nachrichten-Agentur. Wenn ein Kondom verwendet werde, um einen anderen Menschen vor einer HIV-Infektion zu schützen, werde ein geringeres Übel in Kauf genommen, um ein größeres zu vermeiden. Der Schutz des Lebens stehe so im Vordergrund. Mit diesen päpstlichen Äußerungen sei keineswegs ein volles Ja zur allgemeinen Empfängnisverhütung verbunden, erinnerte Gründel. Benedikt XVI. nenne nur ein Extrembeispiel. Eine Verantwortungsethik müsste aber weiter gehen und auch auf andere Fälle anwendbar sein.