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    Klare Ansage im Stimmengewirr

    Humanae vitae forderte auch die Ökumene heraus: Wie Paul VI. und Karl Barth über Naturgesetz und Offenbarung rangen. Von Manfred Gerwing

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    Bei der Seligsprechung Pauls VI. im Jahr 2014 erinnerten die Gläubigen an die berühmte Enzyklika von 1968 als Sternstund... Foto: KNA

    Der Protest war groß, als Paul VI. am 25. Juli 1968 die Enzyklika Humanae vitae publizierte. Griff er doch lehramtlich in den innerhalb der katholischen Kirche heftig tobenden Streit über die sittliche Erlaubtheit oder Verwerflichkeit künstlicher Kontrazeption ein. Die Enzyklika differenziert dabei zwischen der moralisch unerlaubten und der sittlich gerechtfertigten Weise, die Zahl der Kinder zu beschränken.

    Der „direkte Abbruch einer begonnenen Zeugung“, sprich „die direkte Abtreibung“, wird als moralisch unerlaubt bezeichnet, ebenso die „direkte Sterilisierung“ und „jede Handlung […], die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel“ (HV 14). Die Wahl der empfängnisfreien Zeiten hingegen wird als moralisch erlaubt dargestellt.

    Die Menschen werden angehalten, das natürliche Sittengesetz zu beachten, das von der Kirche „in beständiger Lehre ausgelegt“ werde (HV 11). „Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung –, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen.“ (HV 12)

    Entsprechend der so dargelegten Norm des Naturrechts ist es also den Eheleuten nicht gestattet, den durch den ehelichen Akt initiierten „Zeugungsvorgang in seinem natürlichen Ablauf“ zu hindern, wohl aber rechtmäßig von der natürlichen Empfängnisregelung Gebrauch zu machen (HV 16). Die natürliche Regelung der Empfängnis ist sittlich zu rechtfertigen, die künstliche Kontrazeption hingegen nicht.

    Die Kritik folgte unmittelbar. Auch einer der renommierten evangelischen Theologen, Karl Barth, nahm differenziert Stellung. Er war seit seiner Papstaudienz während des Konzils im September 1966 in einem lebendigen Gedankenaustausch mit Paul VI. Karl Barth verwies als Vertreter der dialektischen Theologie in einem Schreiben an den Papst auf das ihn bewegende Problem hin: Ist das Naturgesetz tatsächlich so sehr herauszustreichen, dass es „als eine Art zweiter Offenbarungsquelle“ zu gelten habe?

    Gleichzeitig kritisierte Karl Barth aber auch die innerkirchlichen Gegner der Enzyklika, die ihrerseits im Gegensatz zur kirchlichen Lehrentscheidung das Gewissen des Einzelnen als eine Art zweiter Offenbarungsquelle geltend machten. Schon gar nicht konnte Karl Barth diese Position mit der „schönen Konstitution Dei verbum des letzten Konzils zusammenbringen“. Innerhalb der christlichen Welt hatte schon im Jahre 1930 die Church of England auf ihrer Lambeth Conference mit überwältigender Mehrheit für die Kontrazeption votiert. Sie konnte damit allmählich die Meinungsführerschaft in der christlichen, nichtkatholischen Welt übernehmen.

    Zuvor jedoch stand sie im Gegensatz zu ihren christlichen Brüdern und Schwestern. Führende Vertreter des Luthertums, der Methodist Episcopal Church South, sahen in der Kontrazeption „eine der widerwärtigsten modernen Verirrungen“, einen Rückfall in das moralisch bankrotte Heidentum.

    The Presbyterian vom 2. April 1931 schrieb über die Übernahme des Lambeth-Beschlusses durch den USA Federal Council of Churches: „Ihre jüngste Äußerung über die Geburtenkontrolle sollte ein ausreichender Grund sein, dieser Körperschaft die Unterstützung zu entziehen, die erklärt, sie spreche in ihren Ex-cathedra-Verkündigungen im Namen der Presbyterian Church und anderer protestantischer Kirchen.“

    Als Papst Pius XI. in Casti connubi am 31. Dezember 1931 den katholischen Standpunkt unmissverständlich formulierte, war dies eine „ökumenische Sternstunde“ in dieser Frage (W. Brandmüller). Hier zeigt sich: Christen passen sich grundsätzlich nicht der Welt an. Sie richten sich nach dem Willen Gottes, der sich nicht nur, aber auch im Naturgesetz findet. Nach ihm gelte es sich zu richten und entsprechend zu handeln: ordo essendi est ordo agendi. Die Seinsordnung bestimmt die Ordnung des Handelns. Es müsse klar sein: Der eheliche Akt ist seiner Natur nach nur zur Zeugung von Nachkommen bestimmt. Die Verhütung ist ein unsittliches Verhalten.

    Wir wissen: Diese „Sternstunde“ des ökumenischen Konsenses ging rasch verloren. Den Standpunkt des Bundesrats der Kirchen in den Vereinigten Staaten (USA Federal Council of Churches) und dessen Resolution aus dem Jahr 1961 übernahmen schließlich auch immer mehr katholische Theologen: „Die meisten protestantischen Kirchen halten Verhütung und zeitweise Abstinenz für moralisch richtig, wenn die Motive richtig sind. Die Protestanten sind allgemein der Überzeugung, dass Motive und nicht Methoden die wichtigste moralische Frage darstellen, vorausgesetzt, dass die Methoden auf die Verhütung der Empfängnis begrenzt sind“ (Resolution vom 21.02.1961).

    Die sich hier artikulierende Situationsethik drang auch in die katholische Moraltheologie ein. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden in der Debatte über Kontrazeption Stimmen laut, die ebenfalls für eine Rezeption des genannten USA-protestantischen Standpunktes plädierten.

    Auf diesem Hintergrund ist die 1968 publizierte Enzyklika Humanae vitae zu verstehen. Sie ist ein lehramtliches Zeugnis, das klarerweise nicht den einfachen Weg wählt, dem modischen Zeitgeist widersteht und in Erinnerung ruft, dass Christen sich in ihrem Verhalten nach dem Willen Gottes zu richten haben. Paul VI. setzte mit dieser Entscheidung das fort, was Pius XI. in Casti connubii im Blick auf das Thema der Kontrazeption begonnen und von Pius XII. und Johannes XXIII. fortgesetzt worden war. Johannes Paul II. hat Humanae vitae immer wieder bekräftigt und in seiner Theologie des Leibes erweitert und vertieft.

    Die Antwort Pauls VI. an Karl Barth kam am 11. November 1968. Er stellte klar: Auch im katholischen Glaubensverständnis sei die Offenbarungswahrheit in der Heiligen Schrift und in der kirchlichen Überlieferung hinterlegt. Gott ist Erlöser-Gott, ja; er ist aber auch Schöpfer-Gott, der sein ewiges Gesetz in die Herzen der Menschen eingeschrieben habe (vgl. Römer 2, 15). Die übernatürliche Offenbarung, von der Karl Barth spreche, sei zu achten und zu ehren. Sie dürfe aber nicht im kontradiktorischen Gegensatz zu dem in die Herzen der Menschen geschriebenen Gesetz verstanden werden. Die übernatürliche Offenbarung erhellt vielmehr das Gewissen, vollendet es und bewirkt, dass der Mensch das, was er als richtig erkannt hat, auch realisieren und erfüllen kann. Natur und Gewissen sind ebenso erlösungsbedürftig wie erlösungswürdig. In sieben Thesen fasste Karl Barth seinerseits seine Antwort an Papst Paul VI. zusammen. Dabei präzisierte er vor allem die Frage nach der Bedeutung von Natur und Gewissen für die Bezeugung der göttlichen Offenbarung. „Der unaufhebbare Unterschied zwischen dem eindeutigen Wort Gottes auf der einen und den vieldeutigen Stimmen der Natur und des Gewissens auf der anderen Seite“ müsse gesehen werden. „Jenes als die feste, diese aber als die bewegliche Seite der päpstlichen Kundgebung.“

    Der Autor ist Dekan der Theol. Fakultät und Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

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