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    Kirchenkrise als Chance

    Bonn/Wien (KNA/DT/KAP/sb) Die deutschen und österreichischen Bischof haben zum Jahreswechsel eine kritische Bilanz gezogen und die Gläubigen zu einem Neuaufbruch ermutigt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, rief die Christen auf, die Krise durch den Missbrauchsskandal als Chance zu begreifen. Zugleich forderte er die Gesellschaft auf, den „zigtausend Kindern und Jugendlichen“ beizustehen, die in Familien, im Bekanntenkreis, Schulen oder Institutionen Opfer von sexuellem Missbrauch würden. Erneut warb der Erzbischof für den von der Bischofskonferenz angestoßenen Dialogprozess.

    Stürmische Zeiten liegen hinter der Kirche. Mehrere Bischöfe haben nun dazu aufgerufen, die Krise der Kirche auch als Ch... Foto: dpa

    Bonn/Wien (KNA/DT/KAP/sb) Die deutschen und österreichischen Bischof haben zum Jahreswechsel eine kritische Bilanz gezogen und die Gläubigen zu einem Neuaufbruch ermutigt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, rief die Christen auf, die Krise durch den Missbrauchsskandal als Chance zu begreifen. Zugleich forderte er die Gesellschaft auf, den „zigtausend Kindern und Jugendlichen“ beizustehen, die in Familien, im Bekanntenkreis, Schulen oder Institutionen Opfer von sexuellem Missbrauch würden. Erneut warb der Erzbischof für den von der Bischofskonferenz angestoßenen Dialogprozess.

    Der Kölner Kardinal Joachim Meisner bezeichnete 2010 als „annus terribilis“, als Jahr des Schreckens für die Kirche. Zugleich sei es aber auch ein Jahr der Gnade gewesen: Für das neue Jahr 2011 rief Meisner die Menschen zu innerer Einkehr und zur Rückbesinnung auf den Glauben auf. So könnten sie ihr Leben gestalten und Kraft schöpfen. Das Christentum halte für Gläubige drei „Garantiescheine“ bereit: den Taufschein als Dokument ihrer Erwählung, das Erstkommunionzeugnis als Dokument der Einheit mit Christus und den anderen Gläubigen und die Firmurkunde als Dokument der Hoffnung für die Kirche. Alle drei solle man sich immer vor Augen halten.

    Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagte, die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle werde die Kirche weiter beschäftigen. „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen“, sagte er im Liebfrauendom. Dennoch sollte die Gesellschaft bei diesem Thema auch in anderen Bereichen genauer hinschauen. Die kirchlichen Einrichtungen und Schulen müssten wieder zu einem Ort werden, wo Heranwachsende stark gemacht würden und Jesus kennenlernten, so Marx. Zugleich verwahrte er sich gegen einen Generalverdacht gegen Priester.

    Religiöse Differenzen dürfen nach den Worten des Berliner Kardinals Georg Sterzinsky nicht zum Vorwand für Gewalt und Unfrieden benutzt werden. Bei einem Friedensgebet am Abend des Neujahrstags betonte der Erzbischof die Bedeutung der Religionsfreiheit für den Frieden. Zwar herrsche nicht überall schon Frieden, wo die Religionsfreiheit geachtet werde, aber umgekehrt gelte, dass dort, wo die freie Religionsausübung nicht gewährt werde, auch kein Friede bestehe. Sterzinsky räumte ein, dass die Christenheit bis ins vergangene Jahrhundert gebraucht habe, bis sie in Praxis und Theorie das Recht auf Religionsfreiheit anerkannt habe. Erst das Zweite Vatikanische Konzil habe dies für die katholische Kirche verbindlich erklärt. Die Kirche habe damit ihren Wahrheitsanspruch nicht aufgegeben, aber anerkannt, dass auch andere Religionen Wahrheit enthielten. Jede aufgezwungene Einheit im Namen der Wahrheit könne nicht von Gott kommen, betonte der Kardinal. Er beklagte, dass weltweit gegenwärtig vor allem Christen Opfer von religiös motivierten Verfolgungen würden. Ihre Freiheit werde vielerorts mit offener oder versteckter Gewalt eingeschränkt.

    Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann warnte vor einem „ewigen Jammern“ über verlorenes Vertrauen und einer „gebetsmühlenartigen Wiederholung“ von Schuld wegen des Missbrauchsskandals. Nach seiner Einschätzung hat die Kirche „genug und genügend klar“ zum Ausdruck gebracht, dass sie über die Vorfälle sehr erschrocken sei. Eine Inflation der Schuldbekenntnisse mache die Kirche „am Ende bei wichtigen Partnern und Instanzen lächerlich“.

    Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann bekannte, in falscher Sorge um das Ansehen der Kirche sei viel zu oft weggesehen und geschwiegen worden. In den Fürbitten wurde besonders um Hilfe für die Opfer sowie um Reue bei den Tätern gebetet.

    In Regensburg beglückwünschte Bischof Gerhard Ludwig Müller alle Katholiken, die sich von Christus und seiner Kirchen nicht abbringen ließen „angesichts wirklicher Schuld in unseren eigenen Reihen“. In den Zeiten einer neuen brutalen Christenverfolgung in einigen islamistisch geführten Ländern und totalitären Volksrepubliken sowie in Zeiten unentwegter „Diffamierungskampagnen“ gelte es den Blick auf Christus zu richten.

    Nach Auffassung des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke braucht die Kirche wieder mehr Engagement der einzelnen Getauften. Um die Krise zu bewältigen, sei dies wichtiger als alle Imagerezepte. Hanke rief zu einer sachlichen Analyse der Situation auf. Die Zahl der Kirchenaustritte nannte er „erschreckend hoch und schmerzlich“.

    In Augsburg sprach Bischof Konrad Zdarsa von „schweren Turbulenzen“, die das Bistum erlebt habe, und von den „unverhältnismäßig vielen Gläubigen“, die der Kirche den Rücken gekehrt hätten. 2010 solle aber auch als Jahr eines neuen, gemeinsamen Aufbruchs gesehen werden.

    Der Passauer Bischof Wilhelm Schraml rief zur Erneuerung der Kirche auf und warnte vor Gleichgültigkeit und Unverbindlichkeit. Ein „Christentum light“ oder ein liberales Christentum sei schal gewordenes Salz und nicht zu gebrauchen. „Unser Profil ist der gelebte Glaube an Christus.“ Den Gläubigen rief Schraml zu, Christus in der Heiligen Schrift, im Gebet, im Messopfer, in der eucharistischen Anbetung und in der Tradition der Kirche zu begegnen. Dort erhielten sie Antwort auf die drängenden Fragen und nicht in Diskussionsforen. Die Menschen würden von der Kirche keine Strukturdebatten oder Kommissionspläne erwarten, so der Bischof. „Sie erwarten Auskunft über das Evangelium Jesu Christi und das gelebte Zeugnis.“ Zugleich warnte Schraml vor der Präimplantations-Diagnostik (PID). Niemand dürfe das Recht auf Leben antasten. Jeder Mensch, ob behindert oder nicht, habe ein fundamentales Recht auf Leben. Besonders ging er auf die Bedeutung der Familien ein. Diese gelte es zu stützen und zu stärken. Die Familie sei der Ort für die Einübung und Weitergabe des Glaubens.

    Der Trierer Bischof Stephan Ackermann geht für 2011 von einem „epochalen Umbruch der sozialen Gestalt der Kirche“ in Deutschland aus. Mit Blick auf den Missbrauchsskandal sprach er von „gewichtigen Hausaufgaben“. Dazu zähle die Frage materieller Anerkennung und anderer Hilfen für die Betroffenen.

    Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff bat zum Jahresende erneut um Verzeihung für die Missbrauchsfälle. Die schweren Verfehlungen seien ein schmerzlicher Kontrast zur Frohen Botschaft.

    Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen sieht durch die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche das Evangelium verdunkelt. Solch sündhaftes Verhalten mache die Botschaft der Kirche unglaubwürdig, sagte der Bischof in seiner Silvesterpredigt. Er erinnerte zugleich daran, dass die Kirche zwar grundsätzlich heilig, immer aber auch eine Kirche der Sünder sei. „Vielleicht hat das Erschrecken über das, was in unseren Reihen zum Vorschein kam, doch die heilsame Folge, dass wir wieder ernsthafter mit der Realität von Schuld und Sünde rechnen“, sagte Algermissen. Mit Blick auf Kirchenaustritte sagte der Bischof, wer die Kirche verlasse, schneide sich selbst ab vom göttlichen Arzt Jesus Christus, der die Wunden heilen könne

    Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte, 2011 solle ein „Jahr der Teilhabe am Leben der Kirche“ werden. Es brauche eine Erneuerung, nicht damit die Kirche wieder stark, sondern damit die Welt gerettet werde. Neben den treuen Katholiken bräuchten auch die Fernstehenden die Kirche als moralische Instanz, weil sie die ewig gültigen Werte und die Maßstäbe Gottes in der Welt verkünde.

    Auch der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, appellierte an die Gläubigen, einen hoffnungsvollen Aufbruch zu wagen.

    Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann mahnte „Mut und Entschiedenheit“ der katholischen Kirche an. Um der gegenwärtigen Krise wirklich entgegenzutreten, müsse die Kirche durch eine „Gebetsschule der Aufmerksamkeit, der Wachsamkeit und des Gottvertrauens“ gehen.

    Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagte, es werde viel Zeit und Kraft brauchen, „neue Glaubwürdigkeit und neues Vertrauen zu gewinnen“.

    Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker ermunterte die Menschen, „gegen den selbst auferlegten Leistungs- und Perfektionszwang“ der Gegenwart zu arbeiten.

    Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle ging auf die zunehmende Verfolgung religiöser Gruppen in vielen Ländern der Erde ein. Das Thema Christenverfolgung spiele in Deutschland „eine ziemlich untergeordnete Rolle“, kritisierte er.

    Der Bischof von Münster, Felix Genn, warnte vor einer Freigabe von Gentests an Embryonen in der Präimplantationsdiagnostik (PID). „Ohne die Not von Eltern gering zu schätzen, die sich ein Kind wünschen, kann die PID nicht der Weg sein, weil dadurch ein Dammbruch entsteht, der nicht aufgehalten werden kann“, sagte Genn in Münster. Wörtlich erklärte er: „Der Mensch ist nicht Herr über das Leben, auch nicht Herr über den Embryo.“ Der Bischof appellierte an die Christen, ihre politische Verantwortung für die Gestaltung von Staat und Gesellschaft wahrzunehmen. Er erinnerte an den münsterschen Bischof Clemens August von Galen (1878–1946) und dessen Predigten 1941 gegen das Euthanasieprogramm der Nazis. Galen habe „die Folgen aufgezeigt, die aus der Entscheidung entstehen, den Wert des Lebens von irgendwelcher menschlichen Entscheidung abhängig zu machen“.

    Auch der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst sprach das Thema PID an. Beim Lebensschutz dürfe es keine Kompromisse auf Kosten des Lebens der Kinder geben, so Tebartz-van Elst in einem Interview der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ (Freitag). Er verteidigte Kardinal Meisner, der PID mit dem Bethlehemer Kindermord des Herodes verglichen hatte und dafür kritisiert worden war. In seiner Silvesterpredigt in Frankfurt sagte der Bischof: „Wo Menschen meinen, ihre Möglichkeiten aus dem medizinisch Machbaren ableiten zu können, wird der rote Faden unseres Glaubens, die Nabelschnur des Lebens, die Tuchfühlung mit dem Anfang so abgeschnitten, dass Menschen durch Menschen sterben müssen.“ Vor dem Schöpfer des Lebens gebe es keinen gerechten Grund und keine Rechtfertigung das Lebensrecht von Menschen zur Disposition zu stellen“.

    Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat die Gläubigen im Ruhrbistum aufgefordert, an einer Neugestaltung kirchlichen Lebens aktiv mitzuwirken. Kirche zu sein bedeute, „ihre geistlichen Perspektiven zu entschlüsseln, um einen Sinn für die Institution zu bekommen“, so der Bischof. Früheren Generationen sei es eher gegeben gewesen, über die Gemeinschaft der Kirche zum Glauben vorzudringen. Heute dagegen gewinne nur derjenige einen Sinn für Kirche, der eine lebendige Beziehung zu Gott entwickle.

    Der Erfurter Bischof Joachim Wanke rief in einem Neujahrswort zu einer stärkeren Familienförderung auf. Stabile Familien seien das tragende Fundament der Gesellschaft, sagte Wanke in MDR 1 Radio Thüringen. Familie sei da, „wo Kinder einen Vater und eine Mutter haben, die miteinander in Treue zusammenstehen“, so Wanke.

    Wiens Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, hat zum Jahreswechsel seine Hoffnung betont, dass „wieder eine Zeit der Gottsuche“ komme. In seiner Silvesteransprache benannte er aber auch die Sorgen, die ins neue Jahr hinüberreichen: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, demografische Entwicklung. Wörtlich sagte Kardinal Schönborn: „Ich wünsche mir, dass wir ein waches Herz bewahren für die Not des anderen, offen für die Nöte unseres Nächsten“.

    Der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari betonte im Grazer Dom die Wichtigkeit, „die Mitte der Kirche zu stärken und von dort aus den Blick in die Höhe und Tiefe des christlichen Glaubens zu öffnen: auf Jesus Christus selber“. Erst von dieser Mitte der Kirche sei „eine katholische Synthese zwischen sogenannten Reformern und Bewahrern, zwischen sogenannten Liberalen und Konservativen ernsthaft denkbar und schrittweise auch möglich“, so der Bischof von Graz-Seckau. Aus der Kraft dieser Mitte und Tiefe müsse auch ein „neues katholisches Selbstbewusstsein, ohne Arroganz und ohne Illusion“ erwachsen. Zur hohen Zahl der aus der Kirche ausgetretenen Katholiken meinte Kapellari, die Kirche gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie wieder einmal zurückkehren werden: „Christus hat bei Eurer Taufe seine Hand auf Euch gelegt und er zieht seine Hand nie zurück.“ Wer von der Kirche fortgehe, der schwäche eine Kraft, „die Europa auch heute mehr zusammenhält, als allgemein bewusst ist. Er vergrößert einen Hohlraum, der in Gefahr ist, von Kräften ausgefüllt zu werden, die auch edlen Agnostikern als gefährlich erscheinen“, gab Bischof Kapellari zu bedenken.

    Auch der St. Pöltener Bischof Klaus Küng ging in seiner Silvesterpredigt darauf ein, dass die Kirche „ein schwieriges Jahr“ erlebt habe und durch die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle „in Misskredit“ geraten sei. Dies habe sich in ganz Österreich in den hohen Austrittszahlen niedergeschlagen: „Anlassfälle wie das Vorkommen von Missbrauch, innerkirchliche Turbulenzen, aber auch lehramtliche Stellungnahmen, die den Kontrast zwischen verbindlicher Lehre und der mehrheitlichen Lebenspraxis deutlich erkennen lassen, führen zum Zerreißen des brüchig gewordenen Bandes“, so Bischof Küng, der „einen tiefer gehenden Besinnungsvorgang“ forderte. Anlass dafür sei die feststellbare „Gefahr der Relativierung“, die fast alle Inhalte der Glaubens- und der Sittenlehre betreffe und in Gesellschaft und Kirche „fast selbstverständlich“ geworden sei. Die nötige „Grundbesinnung“ müsse von konkreten Fragen nach der Beziehung zu Gott, zum Nächsten, zu sich selbst, zum Evangelium sowie zur Lehre der Kirche und den daraus entspringenden Konsequenzen getragen sein. Die „Erneuerung der Buß- und Beichtpraxis“ sei daher ein wichtiges Ziel in der kommenden Fastenzeit.

    Für den Kärntner Bischof Alois Schwarz war 2010 ein Jahr „mit einer sehr traurigen Geschichte des Versagens Einzelner, vor allem einzelner Amtsträger“. Gleichzeitig gab es das Bemühen der Kirche, „Wege der Aufarbeitung, der Versöhnung und der Wiedergutmachung zu ermöglichen“. Betroffen zeigte sich Bischof Schwarz bei der Silvesterpredigt im Klagenfurter Dom von den deutlich gestiegenen Kirchenaustritten: „Ich trauere um jeden, der nicht mehr die Heilsgaben der Gnade Gottes, die die Kirche vermittelt, in Anspruch nehmen möchte.“ Besorgniserregend sei die weltweit zunehmende Verfolgung von Christen.

    Der Tiroler Bischof Manfred Scheuer stellte die Sehnsucht nach Frieden und Solidarität in den Mittelpunkt seiner Neujahrsansprache: „Möge das Jahr 2011 ein Jahr des Friedens werden, ein Jahr der Dankbarkeit und des Staunens für die Schöpfung, ein Jahr, in dem etwas mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen und zwischen den hochindustrialisierten Staaten und den Entwicklungsländern wächst.“