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    „Kirche ist Volk Gottes vom Leib Christi her“

    Kein Spielzeug, keine Süßigkeiten. Nicht einmal acht Jahre ist der kleine Joseph Ratzinger alt, als er am 16. Dezember 1934 einen Wunschzettel an das Christkind schreibt und sich den „Volks-Schott“, die deutsch-lateinische Ausgabe des römischen Messbuches, wünscht. Doch was viele Zuhörer am Samstag in der Industrie- und Handelskammer beim Vortrag von Bischof Rudolf Voderholzer schmunzeln lässt, hat einen ernsten Hintergrund. Für den Regensburger Bischof, langjähriger Leiter des Instituts Papst Benedikt XVI., ist das heute als Faksimile im Papsthaus in Pentling ausgestellte Schriftstück nicht nur eine interessante Facette im Leben Joseph Ratzingers, sondern auch ein erster Beleg dafür, welchen zentralen Stellenwert die Eucharistie im Leben und Denken von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. hat. Bei einem Vortrag auf dem Eucharistischen Kongress legte der Bischof beeindruckend das Eucharistie-Verständnis des großen deutschen Theologen und Papstes dar. Dabei machte Voderholzer klar: Benedikt XVI. lebt selbst ganz und gar aus der Feier der Eucharistie. Und auch die Kirche findet erst durch die Eucharistie zu ihrem eigentlichen Wesen als „mystischer Leib“ des Herrn.

    Relecture und Auslegung: Bischof Voderholzer ging in Köln auf ein Standardwerk Joseph Ratzingers ein: „Der Geist der Lit... Foto: KNA

    Kein Spielzeug, keine Süßigkeiten. Nicht einmal acht Jahre ist der kleine Joseph Ratzinger alt, als er am 16. Dezember 1934 einen Wunschzettel an das Christkind schreibt und sich den „Volks-Schott“, die deutsch-lateinische Ausgabe des römischen Messbuches, wünscht. Doch was viele Zuhörer am Samstag in der Industrie- und Handelskammer beim Vortrag von Bischof Rudolf Voderholzer schmunzeln lässt, hat einen ernsten Hintergrund. Für den Regensburger Bischof, langjähriger Leiter des Instituts Papst Benedikt XVI., ist das heute als Faksimile im Papsthaus in Pentling ausgestellte Schriftstück nicht nur eine interessante Facette im Leben Joseph Ratzingers, sondern auch ein erster Beleg dafür, welchen zentralen Stellenwert die Eucharistie im Leben und Denken von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. hat. Bei einem Vortrag auf dem Eucharistischen Kongress legte der Bischof beeindruckend das Eucharistie-Verständnis des großen deutschen Theologen und Papstes dar. Dabei machte Voderholzer klar: Benedikt XVI. lebt selbst ganz und gar aus der Feier der Eucharistie. Und auch die Kirche findet erst durch die Eucharistie zu ihrem eigentlichen Wesen als „mystischer Leib“ des Herrn.

    Dem Regensburger Bischof zufolge reflektiert Joseph Ratzinger in der ersten Periode seines Schaffens – etwa bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising – die ekklesiologische Dimension der Eucharistie. Der junge Ratzinger sei dabei maßgeblich vom französischen Theologen und Jesuiten Henri Kardinal de Lubac (1896–1991) beeinflusst worden, erklärt Bischof Voderholzer. Für de Lubac gründeten Kirche und Eucharistie ineinander. „Die Kirche schafft die Eucharistie und die Eucharistie schafft die Kirche“, sei ein Zitat de Lubacs, das beim Zweiten Vatikanum oft zitiert worden sei. Joseph Ratzinger versteht Eucharistie dementsprechend „vollkommen dynamisch-ekklesiologisch“, sagt Rudolf Voderholzer.

    In seiner Dissertation über die Rede vom Volk Gottes und dem Leib Christi beim Kirchenvater Augustinus kann Ratzinger aufzeigen, dass sich das neue Volk Gottes, die Kirche, maßgeblich von der Feier der Eucharistie her konstituiert. „Kirche ist Volk Gottes vom Leib Christi her“, lautete das Ergebnis von Ratzinger. Der Dogmatikprofessor habe damit schon weit vor dem Konzil die „falschen Alternativen“ überwunden, die laut Voderholzer Kirche entweder als Volk Gottes oder als Leib Christi sehen. „Die Eucharistie ist der Vorgang, durch den Christus sich seinen Leib auferbaut und uns selber zu einem einzigen Brote und einem einzigen Leibe macht“, habe Ratzinger in einer unveröffentlichten Eucharistievorlesung diese Erkenntnis, die heute unter dem Fachterminus „Eucharistische Ekklesiologie“ in die Theologie eingegangen ist, sehr prägnant umschrieben.

    Für Benedikt XVI. ist die Kirche „ein Netz von Eucharistiegemeinschaften“, die sich durch den Empfang des Leibes Christi immer wieder „vereinen“. Diesen grundlegenden Zusammenhang von Eucharistie und Kirche betont Ratzinger als Tübinger Professor auch in seinen Vorlesungen zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, indem er den Glaubenssatz „Gemeinschaft der Heiligen“ anders als die spätere Interpretation als „eucharistische Gemeinschaft“ versteht.

    Neben dieser ekklesiologischen Dimension wendet sich Ratzinger aber auch einer zweiten Dimension zu, Voderholzer nennt sie die spirituelle. Dabei ist die Frage zentral, ob und inwiefern Christus für die Menschen einen Opfertod gestorben ist. Für den späteren Papst stehe dabei fest, dass die Einsetzung der Eucharistie durch Jesus im Abendmahlsaal die Vorwegnahme seines Todes darstellt. „Sie ist geistiger Vollzug des Todes“, so Voderholzer. Abendmahlsworte und Tod am Kreuz sind eng miteinander verbunden. „Die Abendmahlsworte wären ohne den Tod eine Währung ohne Deckung. Der Tod wäre ohne diese Worte eine große Hinrichtung ohne erkennbaren Sinn. Beides zusammen aber ist dieses neue Geschehen, in dem das Sinnlose des Todes zu Sinn wird“, in dem das „Unlogische der Gewalt“ zur „Logik der Liebe“ gewandelt wird, erläutert der Regensburger Bischof. Eucharistie stelle daher nicht einfach nur Wiederholung, Ergänzung oder Vervollständigung des Kreuzesopfers Jesu dar, sondern sei vielmehr erinnernde Vergegenwärtigung. In seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ schreibt Kardinal Ratzinger. „Dieses wahre Opfer, das uns alle zum Opfer macht, das heißt mit Gott eint, gottförmig werden lässt“, gründet in einem geschichtlichen Ereignis. „Aber es liegt nicht als Vergangenheit hinter uns, sondern wird uns gleichzeitig zugänglich in der Gemeinschaft der glaubenden und betenden Kirche. Das ist es, was Messopfer zutiefst bedeutet.“ Die Feier der Eucharistie sei, so Voderholzer, ein zutiefst kommunikatives Geschehen, indem Gott mit dem Menschen in Verbindung trete. Das Kreuz werde so von einem Marterwerkzeug zum „Zeichen der Himmel und Erde, Gott und Mensch, und die Menschen untereinander verbindenden Liebe“.

    Die Eucharistie bildet in diesem Geschehen für Papst Benedikt XVI. die Mitte. Die Kommunikation beschränkt sich für ihn aber nicht allein auf die Liturgie. Deshalb ist eine anbetende Haltung auch im Leben notwendig. Durch diese Haltung der Anbetung könne die eucharistische Feier über den Augenblick des Kommunionempfangs hinaus die größte Kraft entfalten. Anbetung und Kommunion konkurrieren für Papst Benedikt nicht miteinander, sondern sind letztlich eins. „Anbetung ist das Dauern der Kommunion und das Dauern von eucharistischer Gemeinde.“ Schon in einem Predigtvorschlag 1960 ist diese Lebenshaltung der Anbetung bei Ratzinger deutlich erkennbar. „Anbetung kann im Kirchenraum allein gar nicht zu Ende geführt werden, sondern vollendet sich erst in der Hingabe des ganzen Menschseins. Denn wer wahrhaft anbetet, beugt nicht nur die Knie, sondern sich selbst. Der beugt sein Leben vor Gott.“ „Anbetung muss zur Lebenshaltung werden, zur Lebenseinstellung“, resümiert Voderholzer.

    In seinem Vortrag beleuchtet der Regensburger Bischof auch die Frage nach der korrekten Übersetzung der Kelchworte, des „pro multis“. Als Erzbischof habe Ratzinger die interpretierende Übersetzung „für alle“ laut Voderholzer „nicht überschwänglich begrüßt“, in seiner Eucharistiepredigt aus dem Jahr 1978 aber Gründe für die Hinnehmbarkeit der Übersetzung erläutert. Schrift und Überlieferung würden beide Formen – für alle und für viele – kennen. „Beide sagen je ein Aspekt der Sache aus. Einerseits den umfassenden Heilscharakter von Christi Tod, der für alle Menschen gelitten wurde. Auf der anderen Seite die Freiheit der Verweigerung als Grenze des Heilsgeschehens. Keine der beiden Formen, für alle, für viele, kann das Ganze sagen. Jede bedarf der Auslegung und der Rückbeziehung auf das Ganze der Botschaft.“ Mit der päpstlichen Instruktion Liturgiam authenticam 2001 ordnete Benedikt XVI. eine Rückkehr zur wörtlichen Übersetzung „für viele“ an. Der Heilige Vater habe aber jedem Versuch, dies als eine Verkürzung der universalen Heilsbedeutung Christi zu interpretieren, eine Absage erteilt. Jesus Christus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben.