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    Kirche am Boden

    Es war eines dieser spektakulären Videos, die einem im Internet manchmal angezeigt werden. Schwere Geräte fahren auf, Bagger sollen ein Gebäude dem Erdboden gleichmachen. Von Alexander Ertl

    Alexander Ertl
    Alexander Ertl, 24, freier Autor "Junge Federn" und studiert Theologie in München

    Es war eines dieser spektakulären Videos, die einem im Internet manchmal angezeigt werden. Schwere Geräte fahren auf, Bagger sollen ein Gebäude dem Erdboden gleichmachen. Davor schwenkt die Kamera noch kurz auf fanatische Hausbesetzer. Doch die Polizei kann sie noch rechtzeitig rausholen, wenngleich ein wenig unsanft. All das ist den Schaufelladern egal.

    Endlich kann die martialische Show beginnen! Ich hingegen konnte bei dem Clip nicht lange zusehen, fast schossen mir die Tränen aus den Augen (was nicht so leicht der Fall ist). Der Grund: Abgerissen wurde die 2013 profanierte, ehemals katholische Kirche St. Lambertus, im Volksmund auch der „Immerather Dom“ genannt. Eine hübsche, große neuromanische Kirche, die hohen Türme wachten fast hundertdreißig Jahre lang über den Erkelenzer Ortsteil. Todgeweiht steht nun das ehemalige Gotteshaus da, bereit zum Untergang. Und dann wird sie in ein paar Tagen plattgewalzt.

    Der ganze Ort Immerath wurde im Zuge der Neuerschließung eines Braunkohlegebiets umgesiedelt. Die Kirche wurde jedoch nicht verpflanzt, stattdessen wurde ein kleineres Begegnungszentrum errichtet, in der eine Kapelle ihren Platz hat. Diese sei besonders wegen ihrer Helligkeit und einer modernen innenarchitektonischen und künstlerischen Gestaltung ein Meisterstück. Das sei auch eine Chance zum Neuaufbruch. Kirche müsse sich auf die Socken machen, heißt es dann bei der Einweihung.

    Ich kenne bislang nur Bilder dieser Kapelle, aber worin sie den Menschen eine Ahnung von Transzendenz geben soll, wird mir beim Betrachten nicht ersichtlich. Der Charme einer Kantine oder eines Konferenzzimmers wird sicherlich nicht sonderlich anziehend auf religiös suchende Menschen wirken. Mir drängt sich manchmal der Verdacht auf, dass moderne Sakralkunst gar nicht mehr den Anspruch zu verfolgen scheint, den Menschen von heute gerade in der Feier des Gottesdienstes einen Ausbruch aus dem Alltag zu gewähren. Gebaut wird etwas ganz Gewöhnliches, Schlichtes, Einfaches. Ein Etwas, das nur durch Altar, Kreuz und Tabernakel überhaupt als christlicher Gottesdienstraum erkennbar wird. Zurzeit stelle ich mir jene Frage, die Romano Guardini zeitlebens umtrieb, nämlich, ob wir heutigen Menschen überhaupt noch liturgiefähig sind. Können wir uns noch an ihrer Schönheit erfreuen? Erschreckend ist, wie in einem Artikel der örtlichen Zeitung zu lesen ist, dass die Glasfenster der alten Kirche nur durch eine private Aktion in letzter Minute gerettet werden konnten, seitens des Bistums habe gar kein Interesse bestanden. Ergänzend zitiert wird noch ein ehemaliger Generalvikar, der meint, kirchliche Kunst sei „Asche von gestern“. All das macht traurig und betroffen. Bin ich zu kulturpessimistisch?

    Der Autor, 24, studiert Theologie in München

    Von Alexander Ertl

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