• aktualisiert:

    Kinder brauchen ihre Väter

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Was sich Kinder wünschen: Anwesende Väter, die sich Zeit nehmen. Foto: Symboldpa

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Begeben wir uns wieder auf den Weg der Katechese über die Familie. Heute wollen wir uns von dem Begriff „Vater“ leiten lassen. Ein Begriff, der uns Christen mehr als alle anderen am Herzen liegt, weil Jesus uns gelehrt hat, Gott mit diesem Namen anzurufen: Vater. Der Sinn dieses Namens hat gerade von der Weise ausgehend eine neue Bedeutung erhalten, in der Jesus ihn verwandte, um sich an Gott zu wenden und sein besonderes Verhältnis zu Ihm zum Ausdruck zu bringen. Das Geheimnis der Einheit Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Geistes, das Jesus offenbart hat, bildet den Kern unseres christlichen Glaubens.

    „Vater“ ist ein Begriff, den alle kennen, ein universaler Begriff. Er verweist auf eine grundlegende Beziehung, die so alt ist, wie die Geschichte der Menschheit. Heute jedoch ist man dahin gelangt, zu behaupten, unsere Gesellschaft sei eine „vaterlose Gesellschaft“. Mit anderen Worten: vor allem in der westlichen Kultur sei die Figur des Vaters gleichsam abwesend, verschwunden, verdrängt. In einem ersten Moment ist das wie eine Befreiung wahrgenommen worden: die Befreiung vom „Padre-Padrone“, dem Vater und Herrn, vom Vater als Vertreter eines von außen auferlegten Gesetzes, vom Vater als Sittenrichter über das Glück der Kinder und als Hindernis auf dem Weg zur Emanzipation und Selbstbestimmung der Jugendlichen. Früher regierte in einigen Häusern manchmal der Autoritarismus, in gewissen Fällen sogar Gewalttätigkeit: Eltern, die ihre Kinder wie Sklaven behandelten und die persönlichen Erfordernisse ihres Wachstums nicht respektierten; Väter, die ihnen nicht dabei halfen, ihren Lebensweg in Freiheit anzutreten – aber es ist nicht einfach, ein Kind in Freiheit zu erziehen –; Väter, die ihnen nicht halfen, ihre Verantwortung auf sich zu nehmen, um ihre Zukunft und die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten.

    Das ist natürlich keine gute Verhaltensweise; doch wie es so häufig geschieht, fällt man von einem Extrem ins andere. Das Problem unserer Tage scheint nicht so sehr die bedrängende Präsenz der Väter, als vielmehr ihre Abwesenheit, ihre „Flucht“. Die Väter sind jetzt so sehr auf sich selbst, auf ihre Arbeit und manchmal auf ihre individuelle Verwirklichung konzentriert, dass sie sogar die Familie vergessen. Und die Kinder und Jugendlichen allein lassen. Schon als Bischof von Buenos Aires habe ich das Gefühl der Verwaisung wahrgenommen, das die Kinder heute erleben; und oft habe ich die Väter gefragt, ob sie mit ihren Kindern spielten, ob sie den Mut und die Liebe besaßen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und in den meisten Fällen bekam ich keine schöne Antwort: „Ich kann nicht, ich habe so viel Arbeit...“ Der Vater war nicht bei seinem Kind, das heranwuchs, er spielte nicht mit ihm, nein, er hatte keine Zeit mit ihm zu verlieren.

    Nun, auf diesem gemeinsamen Weg des Nachdenkens über die Familie, möchte ich allen christlichen Gemeinschaften sagen, dass wir achtsamer sein müssen: das Fehlen der Vaterfigur im Leben der Kinder und Jugendlichen lässt Lücken zurück und führt zu Verletzungen, die auch sehr schwerwiegend sein können. Tatsächlich können Auffälligkeiten bei Kinder und Jugendlichen zum großen Teil auf diesen Mangel zurückgeführt werden: auf das Fehlen von Vorbildern und Führung in ihrem täglichen Leben, auf das Fehlen von Nähe, auf das Fehlen von Liebe seitens der Väter. Das Gefühl der Verwaisung, das viele Kinder verspüren, ist viel größer als wir denken.

    Sie sind Waisen in der Familie, weil die Väter oft abwesend sind, weil sie oft physisch nicht zu Hause sind, aber vor allem deshalb, weil sich die Väter, wenn sie da sind, nicht wie Väter verhalten, nicht mit ihren Kindern reden, ihrer erzieherischen Aufgabe nicht nachkommen, ihren Kindern nicht durch ihr von Worten begleitetes Vorbild jene Prinzipien, jene Werte, jene Lebensregeln vermitteln, die sie so nötig haben wie das tägliche Brot. Die erzieherische Qualität der väterlichen Präsenz ist umso wichtiger, je mehr der Vater durch die Arbeit gezwungen ist, außer Haus zu sein. Manchmal scheint es, dass die Väter nicht recht wissen, welchen Platz sie in der Familie einnehmen und wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Und im Zweifel wenden sie sich dann ab, ziehen sich zurück und vernachlässigen ihre Verantwortung, möglicherweise indem sie sich in eine scheinbar „kumpelhafte“ Beziehung zu ihren Kindern flüchten. Es stimmt, dass Du Deinem Kind ein „Freund“ sein sollst, aber ohne zu vergessen, dass Du der Vater bist! Wenn Du Dich nur wie ein ebenbürtiger Freund Deines Kindes verhältst, dann wird ihm das nicht guttun.

    Und dieses Problem sehen wir auch in der zivilen Gesellschaft. Die zivile Gesellschaft mit ihren Institutionen hat eine gewisse Verantwortung – wir könnten auch sagen väterliche Verantwortung – gegenüber den jungen Menschen, eine Verantwortung, die manchmal vernachlässigt oder unzureichend ausgeübt wird. Auch sie lässt sie manchmal verwaisen und schlägt ihnen keine wahre Perspektive vor. So bleiben die Jugendlichen Waisen, weil sie keine sicheren Wege haben, denen sie folgen können, weil sie keine Lehrer haben, denen sie vertrauen können, weil sie keine Ideale haben, die ihnen das Herz wärmen, weil sie keine Werte und Hoffnungen haben, die ihnen täglich Halt geben. Sie werden vielleicht mit Idolen überflutet, doch man raubt ihnen das Herz; sie werden dazu gedrängt, von Unterhaltung und Spaß zu träumen, aber man gibt ihnen keine Arbeit; man macht ihnen falsche Hoffnungen mit dem Gott des Geldes, aber man versagt ihnen den wahren Reichtum.

    Es wird also allen, den Vätern wie den Kindern, gut tun, die Verheißung nochmals zu hören, die Jesus seinen Jüngern gegeben hat: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen“ (Joh 14, 18). Denn Er ist der Weg, dem wir folgen müssen, der Meister, auf den wir hören sollen, die Hoffnung, dass sich die Welt verändern kann, dass die Liebe den Hass besiegt, dass es eine Zukunft der Brüderlichkeit und des Friedens für alle geben kann. Jemand von Euch könnte jetzt zu mir sagen: „Aber Pater, heute haben Sie die Dinge wirklich zu negativ dargestellt. Sie haben nur über die Abwesenheit der Väter gesprochen, was passiert, wenn die Väter ihren Kindern nicht nahe sind...“. Das stimmt, ich habe das hervorheben wollen, denn am nächsten Mittwoch werde ich diese Katechese fortführen und die Schönheit der Vaterschaft zeigen. Daher habe ich beschlossen, bei der Dunkelheit anzufangen, um dann zum Licht zu kommen. Möge der Herr uns helfen, diese Dinge richtig zu verstehen. Danke.

    Ein Sprecher verlas folgende Worte des Papstes an die Gäste aus dem deutschen Sprachraum:

    Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Lernen von den Heiligen, aus der Kraft des Gebets an Gott den Vater zu leben und uns für die Bedürfnisse sowie für das Heil der Brüder und Schwestern einzusetzen. Der Heilige Geist helfe euch, heilig zu werden, und geleite euch auf all euren Wegen.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller