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    Keine marianische Wüste

    Über die Marienverehrung in der evangelischen Kirche weiß die breite Masse der katholischen Christenheit nicht viel. Die meisten Katholiken dürften der Meinung sein, dass hinsichtlich der Mutter Gottes in der Lehre und der Praxis, in Verkündigung und Seelsorge des Protestantismus gleichsam tabula rasa herrsche. Die Reformatoren, so die gängige Sicht, hätten mit der Heiligenverehrung schließlich gebrochen. Dass die Dinge – in mehrfacher Hinsicht – wesentlich differenzierter zu sehen sind, macht die nun im Druck vorliegende Dissertation von Christiane Eilrich deutlich.

    Die Gottesgebärerin, dargestellt im mittleren Apsisrund der Euphrasius-Basilika in Kroatien. Foto: KNA

    Über die Marienverehrung in der evangelischen Kirche weiß die breite Masse der katholischen Christenheit nicht viel. Die meisten Katholiken dürften der Meinung sein, dass hinsichtlich der Mutter Gottes in der Lehre und der Praxis, in Verkündigung und Seelsorge des Protestantismus gleichsam tabula rasa herrsche. Die Reformatoren, so die gängige Sicht, hätten mit der Heiligenverehrung schließlich gebrochen. Dass die Dinge – in mehrfacher Hinsicht – wesentlich differenzierter zu sehen sind, macht die nun im Druck vorliegende Dissertation von Christiane Eilrich deutlich.

    Dass die aus gläubigem evangelisch-lutherischem Bekenntnisstand schreibende Theologin in allem Überzeugungen des „Mainstreams“ der protestantischen Theologie vertritt, darf natürlich mit Recht bezweifelt werden. Doch sensibilisiert die von ihr vorgelegte Arbeit katholische Leser zumindest dafür, dass es Marienverehrung wenigstens in Teilen der evangelischen Kirche gibt und theologisch für möglich, ja mehr noch: für sinnvoll gehalten wird. Die bemerkenswerte These Eilrichs lautet: „In der bewussten Begegnung mit der Figur Mariens ... kommt ... das gott-menschliche Wesen Jesu Christi und damit das spezifisch Christliche des Glaubens in den Blick. In diesem Sinne einer anschaulichen Illustration steht die Figur Mariens im Dienste der Christologie.“

    Und im letzten Satz ihrer Arbeit formuliert sie bekenntnishaft: „In der intensiven Beschäftigung mit der Figur Mariens wurde mir in den letzten Jahren Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott neu geschenkt.“

    Solche Sichtweisen einer evangelischen Theologin können von denen, die an der unverkürzten katholischen Glaubenslehre festhalten, nur froh und dankbar gewürdigt werden, denn sie bringen wahrhaft Katholisches ins Wort. Es ist gut zu verstehen, dass Eilrichs Arbeit in die im katholischen Pustet-Verlag erscheinende, von den katholischen Professoren Schallenberg und Wollbold herausgegebene Reihe „Studien zur Spiritualität und Seelsorge“ Aufnahme gefunden hat.

    Ein doppelter Wurf gegen Vorurteile

    Bemerkenswert ist, dass Eilrich als Protestantin Maria bereits im Untertitel ihres Werkes mit ihrem wohl höchsten und schönsten Titel nennt, der heute auch in sogenannten fortschrittlichen Kreisen des Katholizismus gerne umgangen wird: „Mutter Gottes“. Der Begriff der Gottesgebärerin ist für Eilrichs Darstellung zentral. Die Gestalt Mariens, gleichsam „transparent“ für das, was Christus ist und wirkt, wird für den Christen, dem es, wenn auch im übertragenen Sinne, zukommt, „Gott zur Welt zu bringen“, zum gültigen Lebensmodell. Eilrich weist vielfältige Spuren der Marienverehrung im protestantischen theologischen Denken und Gemeindeleben auf. Manches gibt es hier zu verzeichnen, von Marienstatuen in Kirchen, über Marienfeierstunden bis zur Marienschwesterschaft. Eine evangelische Marien-Weihnachtspredigt, ein „evangelischer“ Rosenkranz werden vorgestellt – all das mit der Absicht, in evangelischen Kreisen zu ausgedehnterer Marienverehrung zu ermuntern. Christiane Eilrich überzeugt durch solide theologische Reflexion und flüssigen Stil. Ihr Buch ist eine bahnbrechende Leistung – wertvoll und informativ zugleich. Es ist dazu angetan, nach zwei Seiten hin Vorurteile zu bekämpfen: jene evangelische Position, derzufolge Marienverehrung eine Abirrung von der reinen Lehre Christi sei, und die katholische Meinung, mit Blick auf Maria bestehe im Protestantismus eine Wüstenlandschaft.

    Natürlich bleibt aber an Eilrichs Buch vom katholischen Standpunkt aus manches zu kritisieren, so eine unzureichende Sicht der Jungfrauengeburt („Legende von der jungfräulichen Empfängnis“ Christi) sowie die konfessionsbedingte Zurückweisung der Mariendogmen von 1854 und 1950. Vorbehalte gibt es bei Christiane Eilrich auch hinsichtlich der Bedeutung Mariens als Fürsprecherin; Luther hat ja, wie sie darlegt, zugestanden: „Maria könne durchaus, wie allen anderen Heiligen auch, die Rolle einer Fürbitterin zukommen. Dabei sei ihr Gebet jedoch nicht bedeutsamer als das eines jeden Mitchristen.“

    Sicher ist eine sich als katholisch apostrophierende Mariologie zu verwerfen, deren literarische Erzeugnisse nur noch die bange Frage aufwerfen: Was hat hier eigentlich der Allmächtige der Gottesmutter gegenüber noch Entscheidendes voraus? Maria ist Gnadenmittlerin – aber mehr in engster Verbindung mit ihrem Sohn Jesus Christus, und niemals von diesem abgelöst! Die evangelische Position bezüglich der Fürbittkraft Mariens bleibt jedoch eindeutig im „zuwenig“ stehen. Hat Gott nicht Maria in unüberbietbarem Maße erwählt? Auch evangelische Christen können hier nur mit einem eindeutigen: „Ja“ antworten. Hat sie nicht auf Erden in heldenhaftem Maße gemäß dieser Erwählung gelebt? Auch hier kann die Antwort aller Christen nur „Ja“ lauten. Sollte Gott seiner „purissima cultrix“ (Luther), die in der Ewigkeit an seinem Throne steht, dann aber nicht eine größere Fürbittkraft zugestehen als anderen? Wenn nicht, so wäre dies mit dem Glauben an seine Gerechtigkeit schwer zu vereinbaren. Und warum hat Christus vom Kreuz her dem heiligen Johannes die allerseligste Jungfrau zur Mutter gegeben?

    Welche Spielräume hat der Protestantismus noch?

    In diesem Johannes hat sich hier immer die Kirche selbst dargestellt gesehen. Ob Christiane Eilrich einmal in einem weiteren Buch überprüfen wird, inwieweit der Protestantismus nicht – doch überwindbare! – Grenzen und Engführungen in Richtung der katholischen Lehrposition zu Maria hinter sich lassen kann? Man darf von dem Forschen der hervorragenden Theologin noch manches erwarten.

    Christiane Eilrich: Gott zur Welt bringen: Maria. Von den Möglichkeiten und Grenzen einer protestantischen Verehrung der Mutter Gottes: Studien zu Spiritualität und Seelsorge, Band 2. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7917-2315-0, 448 Seiten, EUR 44,–