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    Keine Witzchen, Märchen oder Bonmots

    Wann ist eine Predigt gelungen? Darüber werden die Sichtweisen und Urteile weit auseinandergehen. Von ihrer Sinngebung her müsste man wohl so antworten: Eine Predigt ist dann gelungen, wenn sie der Schriftstelle, auf die sie sich bezieht, gerecht wird, beziehungsweise wenn sie die Glaubenswahrheit, die sie behandelt, im Geiste der Kirche ausschöpft – und wenn all das in einer so packenden und motivierenden Weise geschieht, dass die Hörer sich durch solchen Impuls zu einer entschiedeneren Christusnachfolge als bis jetzt herausgerufen fühlen.

    Protest gegen Hetzkampagne und Todesdrohungen
    Studien belegen: Gute Predigten erreichen auch die Jugendlichen. Foto: dpa

    Wann ist eine Predigt gelungen? Darüber werden die Sichtweisen und Urteile weit auseinandergehen. Von ihrer Sinngebung her müsste man wohl so antworten: Eine Predigt ist dann gelungen, wenn sie der Schriftstelle, auf die sie sich bezieht, gerecht wird, beziehungsweise wenn sie die Glaubenswahrheit, die sie behandelt, im Geiste der Kirche ausschöpft – und wenn all das in einer so packenden und motivierenden Weise geschieht, dass die Hörer sich durch solchen Impuls zu einer entschiedeneren Christusnachfolge als bis jetzt herausgerufen fühlen.

    Das kann sogleich gewisse Missverständnisse abwehren. Eine Predigt ist keine lustige Sammlung von Witzchen, indischen Märchen und Schmunzeln erregenden Bonmots, die unausgesprochen nur dazu dienen sollen, bei den Menschen günstige Voraussetzungen dafür zu erzielen, dass sie den Prediger noch mehr ins Herz schließen als vorher. Ebenso ist eine Predigt keine politische Kampfrede, obwohl sie zuweilen auch zu politischen Umständen Stellung beziehen muss. Endlich ist sie auch keine exegetische oder dogmatische Vorlesung. Im Allerletzten handelt es sich bei der Wortverkündigung der Kirche um die Vermittlung des lebenspendenden Wortes selbst, das einen Namen hat und auf die Sehnsüchte der Menschen antwortet: Jesus Christus.

    Es ist sehr begrüßenswert, dass der Münchner Pastoraltheologe Andreas Wollbold uns eine neue Homiletik geschenkt hat, die sich in hervorragender Weise und erschöpfend der Theorie wie der Praxis des schwierigen Komplexes „Predigt“ widmet. Bei Wollbold sind es immer die Tiefe des Gedankengangs und die gute Fasslichkeit der Darstellungsweise, profunde wissenschaftliche Kenntnis und kirchliche Gesinnung, die sich auf das Glücklichste verbinden. Dem Autor geht es zunächst um die systematische und bis in Einzelheiten hineinreichende Durchdringung der „Grundlagen“ der Predigtverkündung. Dann folgt ein hilfreicher Kurs zur Predigterarbeitung und -darbietung, die „praktische Anleitung“, wobei der Umfang der beiden Hauptteile sich im Verhältnis zwei zu eins bewegt.

    Im ersten Hauptteil geht Wollbold auf die menschliche Sprache ein, die in der Predigt zur Rhetorik des Glaubens wird, um dann die Geschichte der Rhetorik insgesamt als Bezugswissenschaft der Homiletik zu fokussieren. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Predigt letztlich überhaupt nichts ausrichtet und man sich deswegen als Priester, Diakon oder sonst von der Kirche Beauftragter keine Mühe machen müsse. Ich erinnere mich an ein paar Verse, die ich in meiner Kindheit aufschnappte und die diese trübe Sicht ins Wort brachten: „Ich bin der Herr Pastor,/ ich predige euch was vor/ von Maria Zwiebel,/ aus der dicken Bibel./ Und wenn ich nicht mehr weiter kann, dann fang' ich wieder von vorne an.“ Der hier charakterisierte Prediger gibt sich damit zufrieden, irgendetwas an den Mann oder die Frau zu bringen, sekundäre („Maria Zwiebel“) oder lebensferne (zwar „aus der dicken Bibel“ gewonnene, aber ebenso scheinbar auch nur dort relevante, für die Menschen nicht fruchtbar gemachte) Inhalte. Da ihm ohnehin keiner zuhört, kann er beliebig „wieder von vorne“ anfangen. Selbstverständlich gibt es für jeden Prediger auch die Desillusionierung, wenn allzu starke Gleichgültigkeit seiner Hörer zutage tritt oder offenkundig schon beim Plausch auf dem Vorplatz der Kirche nach der Sonntagsmesse kaum noch einer auch nur die Hauptzüge des gerade erst in der Homilie Gehörten wiederzugeben in der Lage ist. Gerade auf denjenigen, der eben mit der Ausübung seines Predigtamtes begonnen hat, auf den „Berufsanfänger“, können sich solche Erfahrungen niederschmetternd auswirken.

    Die Folge darf dann aber nicht Resignation, sondern muss besonderer Eifer für die Predigtverkündigung sein. Nicht nur die Ehrfurcht vor dem Wort Gottes erfordert das, sondern auch die Einsicht in die wirklich vorhandenen Chancen der Predigt. Hierzu teilt Wollbold Hochinteressantes mit – besonders in Bezug auf jugendliche Hörer, bei denen oft behauptet wird, hier sei, was Aufmerksamkeit für eine Predigt angeht, Hopfen und Malz verloren. Der Verfasser des hier zu rezensierenden Buches verweist auf eine amerikanische Studie, die 651 High-School-Absolventen einbezog: „55 Prozent der jungen Predigthörer, die regelmäßig den Gottesdienst besuchten, konnten aus dem vergangenen Jahr ein persönliches Glaubenswachstum angeben, das von einer Predigt ausgelöst wurde“ (S. 23). Die befragten Jugendlichen nannten als entscheidende Kriterien für solchen „Predigterfolg“ dabei „nicht die Persönlichkeit und die spirituelle Ausstrahlung des Predigers …, sondern die Qualität der Predigt“ (ebd.).

    Auch eine Befragung von 262 Laien, ebenfalls in den Vereinigten Staaten, brachte Ähnliches ans Licht. Von Predigten in jedem Fall Wunderwirkungen zu erhoffen, erscheint sicher als verwegen, doch auch bei dieser Untersuchung stellte sich „die Tatsache“ heraus, „dass der Predigtakt selbst“ für die Predigtwirkung „offensichtlich ausschlaggebend ist, deutlich mehr als soziokulturelle Faktoren der Hörerschaft. Ebenso zeigte sich, dass ein klares und konzentriertes Thema der Predigt die Wirkung deutlich erhöhte“ (S. 25). Ergebnisse dieser Art sind ein ermutigendes Movens, alle Anstrengung zur Qualitätssteigerung in der homiletischen Arbeit zu unternehmen.

    Andreas Wollbold behandelt im ersten Hauptteil seines Buches dann ausführlich die verschiedenen Predigtformen wie homiletische und thematische Predigt. Letztere, die früher dominierte, ist heute zugunsten der Auslegung von Bibelperikopen ziemlich in den Hintergrund gedrängt worden. Das ist sehr zu bedauern, denn erstens muss die Darstellung von Glaubenswahrheiten nicht notwendig langweilig sein, und andererseits wäre es in unserer Zeit ein Desiderat, dass das darniederliegende Glaubenswissen vieler aufgefrischt würde. Die thematische Predigt, die, wie Wollbold richtig sagt, keinesfalls eine Geringschätzung der Heiligen Schrift bedeutet, auf die ja immer wieder rekurriert werden muss, behandelt der Verfasser knapp und zutreffend. Er weckt für diese Form der Predigt durch einen schönen, aus der Musikwelt gewonnenen Vergleich („Denkanstoß“, S. 145) erhöhtes Verständnis.

    Sodann geht Wollbold auch auf „anlassbezogene Predigtformen“, wie Predigten zu Kasualien oder auch Kinderpredigten ein. Man merkt deutlich, dass hier nicht nur ein Professor für Pastoraltheologie schreibt, sondern auch ein seelsorglicher Praktiker, der gewisse Problematiken aus seiner eigenen priesterlichen Praxis kennt. Einiges veranlasst hier zu einem kräftigen Schmunzeln, denn Wollbolds Diagnosen sind unverblümt, und manchmal bietet er sie mit köstlicher Ironie dar. Das ist etwa der Fall, wenn er hinsichtlich der Kinderpredigt vom „Diktat der ,Mamakirche‘“ spricht: „Erwachsene projizieren leicht ihre eigenen Wünsche in Kinder [hinein], ihre Sehnsucht nach Harmonie, Unverbildetheit, Natürlichkeit, Spontaneität, Zuwendung und Zuneigung. Gleichzeitig wollen sie ihre Kinder in der Öffentlichkeit auch allgemein beachtet und gelobt sehen. Darum sollen sie an diesen Orten ,ganz so bleiben‘, wie sie sind – und werden gerade so inszeniert“ (S. 157). Das trifft die Realität, wenn der Rezensent an die Erwartungshaltung denkt, die es bezüglich Kinderkatechese und Kindergottesdienst in Eltern- und Kinderliturgiekursen gab und gibt.

    Deswegen kommt es in der Verkündigung an Kinder darauf an, viel wesentlichere Dinge zu beachten, wie Wollbold überzeugend dartut: Unter- wie Überforderung der kindlichen Zuhörer ist zu vermeiden. Vor allem aber ist zu berücksichtigen: „Wer wirklich ihr [der Kinder] Freund ist, darf sie nicht um die Wahrheit des Glaubens betrügen. Die Bibel ist kein Märchenbuch, und die Evangelien [sind] keine Sammlung von Kurzgeschichten. … Es wäre fatal, wenn das Wirken Gottes in der Geschichte bei den Kindern in denselben Topf geraten würde wie der Weihnachtsmann, den man im Heranwachsen dann als Onkel Alfred oder das Weihnachtsgeschenk schlicht als Online-Bestellung bei Amazon zu entlarven lernt“ (S. 158).

    Von Herzen zuzustimmen ist dem Verfasser, wenn er konstatiert: „Seltsamerweise meint man, gerade Kindern die Realität des Übernatürlichen nicht zumuten zu dürfen, und dann wird der Durchzug Israels durch das Meer zum mutigen Durchschreiten einer Furt, bei dem man sich eben auch einmal nass machen muss, und die Brotvermehrung Jesu zum Wunder des Miteinander-Teilens (,Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt‘)“ (ebd.). Hier ist es bitter nötig, die Akzente in Richtung einer echten Vermittlung des Glaubens zu verändern, auf die auch die Kinder (und gerade sie) ein Anrecht haben.

    Auch zur Trauerpredigt weiß Wollbold Wegweisendes zu sagen. Sie bietet immense missionarische Chancen, stellt aber auch hohe Anforderungen und hat mit speziellen Problematiken einer Zeit zu kämpfen, die das „Memento mori“ ungern hört und, wenn nahestehende Verstorbene beerdigt werden, eigentlich nur noch Lobeserhebungen vernehmen möchte. Wollbold mahnt dazu, bei aller Einfühlsamkeit des Predigers – und sicher auch Wertschätzung für den Verstorbenen – doch auch das „Evangelium vom Kreuz und der Auferstehung“ (S. 160) zu verkündigen und mit dem Mitgefühl und allem weiteren zu vermitteln. Hier liegt ja die tiefste Hoffnungsquelle für die Hinterbliebenen – und die Zukunft unserer Verstorbenen, die uns zu Gott vorangegangen sind.

    Der zweite Hauptteil von Wollbolds Werk bietet dann einen tauglichen Leitfaden zur Predigterarbeitung. Er beschäftigt sich mit der Gliederung und sprachlicher Ausformulierung der Predigtgedanken, mit der Frage, ob „auswendig“ gepredigt werden solle, mit dem Predigtereignis als solchem und mit der Predigtkritik. Ein kleiner Exkurs ist der vielerorts nicht mehr benutzten Kanzel gewidmet. Wollbold, der den Übergang von dort zum Ambo als Predigtort in seinen Ursachen klar darstellt, nennt durchaus auch Vorteile des alten „Predigtstuhles“.

    Der zweite Teil des Buches wird sicher die mit dem Predigtamt Betrauten mehr interessieren als alle anderen, finden doch die von der Kirche bestellten Verkünder des Wortes hier wichtige Impulse für die Arbeit. Ansonsten ist das Werk durchaus auch für Predigthörer relevant und lesenswert. Andreas Wollbold ist es gelungen einzulösen, was er im Vorwort als ein Ziel seiner Publikation benannte: „Auch wer nicht selbst zu predigen hat, soll das Buch mit Gewinn zur Hand nehmen können. Das ist wie beim Hören von Musik: Wer sich in Harmonielehre, Instrumentenkunde und Stilistik kundig macht, wird auch besser, gezielter und letztlich sogar genussreicher musikalische Darbietungen anhören können als jemand, der die Musik ,einfach nur so hört‘“ (S. 12). Danken wir dem Autor für ein inspirierendes Werk, das viel Gutes wird stiften können!

    Andreas Wollbold: Predigten. Grundlagen und praktische Anleitung. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2017, 408 Seiten, ISBN: 978-3-7917-2890-2, EUR 29,95