• aktualisiert:

    „Kein katholisches Sondergut“

    Der Neutestamentler Thomas Söding zur Debatte um die Übersetzung des Vaterunser. Von Regina Einig

    Thomas Söding
    Thomas Söding. Foto: KNA

    Herr Professor Söding, aus bischöflichen Kommentaren spricht in diesen Tagen Freude über die Debatte über die Vaterunser-Übersetzung. Teilen Sie diese Haltung?

    Das Vaterunser ist ein großes Geschenk. Es herunterzuleiern, ist unangemessen. Es bewusst zu beten, tut der Seele gut. Dass in der Öffentlichkeit über ein Gebet diskutiert wird, ist fraglos ein Gewinn. Aber in der Debatte steckt mir noch zu viel Rechthaberei. Im Kern müsste doch die spirituelle Frage stehen: nicht plappern, sondern bitten, um den Willen Gottes zu erfüllen.

    Im deutschsprachigen Raum wird für die Beibehaltung der Formulierung „und führe uns nicht in Versuchung“ argumentiert, dies sei die wörtliche Übersetzung des griechischen Originals. In der Muttersprache des Heiligen Vaters lauten die von Rom für Liturgie approbierten Schriftübersetzungen aber „no nos dejes caer en la tentación" (wörtlich: lass uns nicht in Versuchung fallen). Ist die spanische (sowie die portugiesische und die neue französische Übertragung) falsch oder zumindest ungenauer als die deutsche?

    Die deutsche und die englische (Do not lead us into temptation), aber auch die italienische (e non ci indurre in tentazione) und die polnische Übersetzung (I nie wódŸ nas na pokuszenie) sind sehr genau. Sie entsprechen auch der Vulgata (et ne nos inducas in tentationem), die ihrerseits eine hervorragende lateinische Übersetzung des griechischen Originals ist. Das Verb im Neuen Testament, bei Lukas wie bei Matthäus, heißt: führen, bringen, tragen. Zweimal steht eine Präposition, die die Richtung angibt. Das Wort, das wir mit „Versuchung“ wiedergeben, kann auch „Prüfung“ heißen. Subjekt ist Gott, der Vater, wie in den benachbarten Bitten auch. Die spanischen, französischen und portugiesischen Exegeten, die ich kenne, geben zu, dass sie eine Paraphrase verwenden. Übrigens ist die Übersetzung kein katholisches Sondergut, sondern wird mit den Evangelischen und den Orthodoxen geteilt. Das ist hoher Wert.

    Sollen Katholiken unterschiedlicher Sprachgruppen weiterhin unterschiedliche Fassungen des Vaterunser verwenden, weil sie immer so gebetet haben? Oder wäre eine Vereinheitlichung wünschenswert?

    Wir brauchen keine Vereinheitlichung um jeden Preis. Das Vaterunser ist – leider Gottes – oft das einzige Gebet, das Menschen auswendig können. Deshalb wäre mein Rat immer: Hände weg von den Worten, die eingeführt sind.

    Spielt es für das Gottesbild des Beters eine Rolle, ob ich sage: „Führe uns nicht in Versuchung“, oder „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ oder läuft das auf ein und dasselbe hinaus?

    Es macht schon einen Unterschied, ob jemand etwas tut oder lässt. Freilich stellt sich bei Gott immer die Frage der Letztverantwortung, für sein Tun wie für sein Lassen. Wir Menschen wissen darauf keine Antwort. Deshalb beten wir ja, wenn wir glauben, wie Jesus uns Gott verkündet hat. In der Zuversicht, so erhört zu werden, dass Gottes Willen erfüllt wird.

    Ein Dogmatiker wies darauf hin, der Satz „und führe uns nicht in Versuchung“ müsse heute so erklärt werden, dass er nicht gegen die Gesamtbotschaft des Neuen Testamentes stehe, denn Gott sei die Liebe und wolle uns nicht in Versuchung führen. War die Gesamtbotschaft des Neuen Testaments nicht immer genau diese?

    Das Vaterunser ist das Evangelium im Evangelium. Einschließlich der Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“. Wer das bezweifelt, kann im Jesusbuch von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ja noch einmal nachlesen, wie diese Bitte genau die Botschaft von der Liebe Gottes zum Ausdruck bringt. Das Vaterunser ist kein Schönwettergebet. Es lotet die Tiefen, auch die Abgründe des Lebens aus. Die Versuchung, von der Jesus spricht, ist eine auf Leben und Tod. Jesus hat sie bestanden; der Vater hat seinen Sohn nicht geschont, sondern für alle hingegeben, wie Paulus im Römerbrief schreibt. Ich würde sie nicht bestehen – Jesus hat es für mich getan. Deshalb bete ich, wie er mich zu beten gelehrt hat: Führe mich nicht in Versuchung.

    Weitere Artikel