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    „Kein Volk ist jemals eine Insel“

    Krakau (DT/KNA) Mit einem gemeinsamen Aufruf zu weltweitem Dialog ist am Dienstagabend in Krakau das diesjährige Friedenstreffen der Weltreligionen zu Ende gegangen. Darin unterstreichen die Vertreter von mehr als einem Dutzend Glaubensgemeinschaften, es könne keinen Frieden geben, wenn der Dialog zwischen den Völkern erloschen sei. „Kein Mensch, kein Volk ist jemals eine Insel“, heißt es in dem Appell. Außerdem erklären die Religionsvertreter, die Welt sei wegen der Wirtschaftskrise und einer „oft gesichtslosen und seelenlosen Globalisierung“ desorientiert. Die Globalisierung sei zwar eine einmalige Chance, doch die Welt habe sie bisher oft eher als einen Kampf der Kulturen und Religionen gelebt.

    Krakau (DT/KNA) Mit einem gemeinsamen Aufruf zu weltweitem Dialog ist am Dienstagabend in Krakau das diesjährige Friedenstreffen der Weltreligionen zu Ende gegangen. Darin unterstreichen die Vertreter von mehr als einem Dutzend Glaubensgemeinschaften, es könne keinen Frieden geben, wenn der Dialog zwischen den Völkern erloschen sei. „Kein Mensch, kein Volk ist jemals eine Insel“, heißt es in dem Appell. Außerdem erklären die Religionsvertreter, die Welt sei wegen der Wirtschaftskrise und einer „oft gesichtslosen und seelenlosen Globalisierung“ desorientiert. Die Globalisierung sei zwar eine einmalige Chance, doch die Welt habe sie bisher oft eher als einen Kampf der Kulturen und Religionen gelebt.

    Die gut 300 Repräsentanten unter anderem von Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus unterstreichen, unabhängig von allen Unterschieden stünden die religiösen Traditionen dafür, dass eine Welt ohne Seele nicht menschlich sein könne. Sie seien die Quelle des Friedens.

    Im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau setzten die Vertreter zuvor ein gemeinsames Zeichen der Versöhnung. Sie reichten sich nach dem Gedenken an die dort ermordeten Menschen die Hände zum Friedensgruß und umarmten sich. Nach einem Schweigemarsch legten Delegationen von Religionen und Ländern Blumen an den 21 Gedenktafeln vor dem Mahnmal nieder und gedachten der mehr als 1, 2 Millionen in Auschwitz ermordeten Menschen. Der Oberrabbiner von Tel Aviv, Israel Meir Lau, erinnerte an die Worte von Papst Johannes Paul II., dass alle Menschen verpflichtet seien, für das Überleben des jüdischen Volkes zu arbeiten. Als Auschwitz-Überlebende rief Ceija Stojka von der Volksgruppe der Roma zum Kampf gegen Rassismus auf. Sie verwies darauf, dass allein in Ungarn in jüngster Zeit fünfzehn Roma ermordet worden seien.

    Der Geist von Assisi

    An der Zeremonie im ehemaligen größten deutschen Vernichtungslager beteiligten sich unter anderen der Erzbischof von Krakau, Kardinal Stanislaw Dziwisz, Kurienkardinal Roger Etchegaray, der Erzbischof von Neapel, Kardinal Crescenzio Sepe, sowie der Oberrabiner von Polen, Michael Schudrich. Die Muslime vertraten unter anderen der Kairoer Philosoph Hassan Hanafi und der Präsident des islamischen Nationalrats der Elfenbeinküste, Kone Idriss Koudouss. Für Deutschland legte der Aachener katholische Bischof Heinrich Mussinghoff Blumen an einer Gedenktafel nieder.

    Das diesjährige Friedenstreffen der Weltreligionen hatte am Sonntag mit einem Gottesdienst in Krakau begonnen. Im Mittelpunkt der dreitägigen Konferenz stand das Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren und an den Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren. Der gastgebende Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz sagte in seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst, geistiger Schirmherr des Friedenstreffens sei Papst Johannes Paul II. Die Konferenz folge seinem Aufruf „Habt keine Angst! Reißt die Tore weit auf für Christus!“ Dziwisz erinnerte an die Worte von Johannes Paul II. beim ersten Friedenstreffen 1986: „Der Friede ist eine Werkstatt, die allen offensteht, nicht nur Fachleuten, Gebildeten und Strategen. Für den Frieden sind wir alle verantwortlich.“

    Der rumänisch-orthodoxe Erzbischof Serafim Joanta unterstrich, Frieden könne nie mit Gewalt erzwungen werden. Er sei vielmehr die Frucht der göttlichen Gnade, so der Metropolit von Deutschland und Zentraleuropa. An dem Gottesdienst nahmen unter anderen die Kurienkardinäle Walter Kasper und Stanislaw Rylko sowie Vertreter christlicher Kirchen teil. Johannes Paul II. hatte die jährliche Begegnung der Religionsführer der Welt 1986 im italienischen Assisi ins Leben gerufen. Seither wurde es von Sant'Egidio in unterschiedlichen Städten fortgesetzt.

    Der Sant'Egidio-Gründer und diesjährige Karlspreisträger Andrea Riccardi sagte zum Auftakt vor Journalisten, der Geist von Assisi sei in Krakau geboren worden. Hier habe der spätere Papst Karol Wojtyla den Zweiten Weltkrieg erlebt und durch die Bekanntschaft mit einem jüdischen Freund die Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs erfahren. Bei mehr als zwanzig Gesprächsforen ging es während des Treffens unter anderen um Problemregionen der Welt und Wege zum Frieden, aber auch um den Kontakt zwischen den großen Weltreligionen.

    Kasper: „Wir lassen nicht locker“

    Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper sprach sich bei der Eröffnungsveranstaltung am Sonntagabend für einen „mutigen weiteren Schritt“ im interreligiösen Dialog aus. Die katholische Kirche habe sich auf diesen Weg festgelegt und sei ihm verpflichtet, so Kasper, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen ist. „Wir sagen den nicht wenigen Skeptikern und Gegnern eines Dialogs in der Wahrheit und in der Liebe: Wir machen weiter. Wir lassen nicht locker“, so Kasper wörtlich. Der Frieden zwischen den Völkern müsse als Frieden zwischen den Religionen seinen Anfang nehmen, sagte der Kurienkardinal. Die Religionen und die Kirchen hätten sich nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs neu darauf besonnen, dass Friede ein Grundwort in allen Religionen und nicht zuletzt ein Schlüsselbegriff in der hebräischen und christlichen Bibel sei.

    Der Rektor der islamischen Al-Azhar-Universität Kairo, Ahmad Al-Tayyeb, erinnerte daran, dass Papst Johannes Paul II. den Koran einst geküsst habe. Al-Tayyeb erklärte, der Islam sei eine Religion des Dialogs. Das Alte Testament und die Botschaft des Evangeliums fänden sich auch im Korean wieder. Er beklagte zugleich, dass viele Menschen in den westlichen Ländern die Muslime nach wie vor als Feinde betrachteten.

    Der ehemalige Vorsitzende des Internationalen Jüdischen Komitees für Interreligiöse Beratungen (IJCIC), Rabbiner David Rosen, forderte, man müsse den Weg der Versöhnung zwischen den Religionen weitergehen. Kasper erklärte, man stehe erst am Anfang eines Weges, um alte Missverständnisse, tiefsitzendes Misstrauen und ungerechte Vorurteile abzubauen. Ziel des Dialoges seien Verständnis, Versöhnung und Freundschaft zwischen Völkern, Kulturen und Religionen.

    Rosen sagte, die 1986 von Johannes Paul II. im italienischen Assisi ins Leben gerufenen jährlichen Friedenstreffen der Weltreligionen hätten bereits viele gegenseitige Vorbehalte ausgeräumt. Ausdrücklich dankte er der Gemeinschaft Sant'Egidio, die seither in verschiedenen Städten die Folge-Konferenzen organisiert. Die katholische Basisgemeinschaft habe den Geist von Assisi weitergetragen und den Ansatz der Treffen vielleicht sogar vertieft.

    EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso sagte etwa mit Blick auf Afghanistan und den Irak, das jährliche Friedenstreffen sei heute wichtiger denn je. Europa solle mehr für den Frieden tun und aktiv für die Menschenrechte werben, forderte er.