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    Kaum Licht, viel Schatten

    Stellt sich die Kirche selbst ins gesellschaftliche Abseits, wenn sie bei ihrer Lehre über Ehe und Familie bleibt? Ist der von Kardinal Walter Kasper geforderte Weg eine Rettung aus diesem Dilemma und zugleich eine Änderung in der Praxis der Ehe- und Familienpastoral? So könnte der Fragenhorizont der Sammlung von Aufsätzen lauten, die das Institut Kardinal Walter Kasper mit Sitz an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und seiner Stuttgarter Stiftung zu dessen Finanzierung herausgegeben hat: Ehe und Familie. Wege zum Gelingen aus katholischer Perspektive.

    Begünstigt die Familiensynode im Herbst unreflektierte Wortmeldungen über das autonome Gewissen? Die außerordentliche Bi... Foto: dpa

    Stellt sich die Kirche selbst ins gesellschaftliche Abseits, wenn sie bei ihrer Lehre über Ehe und Familie bleibt? Ist der von Kardinal Walter Kasper geforderte Weg eine Rettung aus diesem Dilemma und zugleich eine Änderung in der Praxis der Ehe- und Familienpastoral? So könnte der Fragenhorizont der Sammlung von Aufsätzen lauten, die das Institut Kardinal Walter Kasper mit Sitz an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und seiner Stuttgarter Stiftung zu dessen Finanzierung herausgegeben hat: Ehe und Familie. Wege zum Gelingen aus katholischer Perspektive.

    George Augustin SAC, einer der Herausgeber, mahnt, dass trotz der Zeitsituation der Blick auf die gelungene Ehe nicht versperrt werden darf. Dem pflichtet ein großer Teil der 30 Autoren (zwei Kardinäle, fünf Bischöfe, ein Pfarrer, zwei Frauen, 20 Hochschullehrer) bei, einige erweitern diese Mahnung besonders im Hinblick auf die zu starke Konzentration der Diskussion auf die wiederverheirateten Geschiedenen.

    Dennoch dominiert diese Debatte, was ja durch das Anliegen der Herausgeber, Kaspers Rolle im deutschen Katholizismus zu stärken, nicht anders zu erwarten ist. Man lässt auch Gegenpositionen zu, allen voran die des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, der die Lehre und Pastoral der Kirche zu Ehe und Familie darlegt. Ihm sekundiert Bischof Rudolf Voderholzer, Regensburg, mit einem eigenen Schwerpunkt der Sicht der „menschlichen Liebe im göttlichen Heilsplan“ mit den von vielen erstaunt aufgenommenen rehabilitierenden Bemerkungen von Papst Franziskus zu Humanae vitae und Paul VI.: „…er hatte den Mut, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremse zu ziehen…“ (Interview 5.3.2014). Weihbischof Schwaderlapp, Köln, legt dem Staat nahe, klugerweise die Familie nach dem Grundgesetz wirklich zu schützen, Weihbischof Wörner, Augsburg, sieht in einer ganzheitlichen Sexualerziehung der Jugend eine der notwendigen Voraussetzungen für eine Ehepastoral und wirbt für Initiativen und Methoden, wie sie zum Beispiel von Teenstar angeboten werden. Bischof Heiner Koch, Dresden-Meißen, deckt als scharfsichtiger Anwalt der Familien die offenen und verkappten Defizite der derzeitigen Familienpolitik auf und warnt davor, eine notwendige Änderung nicht durch eine innerkirchlich zu starke Ausrichtung auf die wiederverheirateten Geschiedenen in der Vorbereitung der Synode zu gefährden.

    Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck fordert eine Sozialverkündigung ganz von der Familie her. Kardinal Christoph Schönborn, Wien, geht von seiner eigenen Biografie als Sohn getrennter Eltern aus und spricht sich für einen nicht verurteilenden, sondern mitfühlenden Umgang mit Gescheiterten aus. Eine Hilfe sieht er im Mittragen und Aufarbeiten der Schuldgeschichte der Betroffenen, ohne die es nicht geht. Er möchte Extreme ausschließen: keinen rigorosen Ausschluss von der Kommunion, aber auch keine generelle Zulassung, da es keine einfache Lösung und kein Rezept gebe. Im Gewissen stehe jeder alleine vor Gott, dem man nichts vormachen könne. Der Leser erwartet an dieser Stelle seine Sicht des menschlichen Gewissens. Ist es letztlich doch autonom? Kann Schönborns Ansatz nicht doch leicht in eine Position gleiten, die man allgemein mit der „Königsteiner“ (Deutschland) oder der „Marientroster“ Erklärung (Österreich) bezeichnet und die er in seiner Rede im Abendmahlssaal von Jerusalem als einen Sündenfall beklagte?

    Hochschullehrer der Theologie und Philosophie stellen wie die Bischöfe in allgemein verständlichen Aufsätzen ihre Positionen zu bestimmten Aspekten von Ehe und Familie vor. Johannes Brantl (Trier) untersucht die Bedeutung des Gewissens. Vor allem zeigt er die Fragwürdigkeit einer durchschnittlichen Gewissensbildung in schwerwiegenden Urteilen. Er lehnt die subjektive, wenn auch in aller Würde irrende Gewissensentscheidung ab, wie sie Eberhard Schockenhoff postuliert, der eine kirchliche Überprüfung für unnötig halte. Er fordert auch den Respekt vor dem Verzicht der Kommunion bei wiederverheirateten Geschiedenen, die dadurch ein Zeugnis ablegen und in der geistlichen Kommunion ihre Verbindung mit Christus erfahren. Hans-Joachim Höhn (Köln) legt die Zumutbarkeit eines (Ehe-)Versprechens bis zum Ende des Lebens plausibel dar und weist auch empirisch den Zusammenhang zwischen Glaubenden und ihrem lebenslangen gemeinsamen Eheweg nach.

    Wie eine einsame Warnboje im Wellengang von Episkopat und Hochschulbereich nimmt sich der Beitrag von Pfarrer Merkelbach (Stuttgart) aus, der die alltäglichen Probleme der Familienseelsorge drastisch schildert. Darf er auf Antworten aus der Synode hoffen, die auch sein Seelsorgerherz nicht im Stich lassen? Wird in der Kirche mehr Mütterlichkeit Raum gewinnen, wie Edith Stein sie begründet forderte, so fragt Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (Heiligenkreuz). Das Vorgehen der Genderideologie und der Homolobby werden von Jörg Splett (St. Georgen) und Franz-Josef Bormann (Tübingen) analysiert, letzterer zeigt die immanenten Ungerechtigkeiten in unserem Sozialsystem, wenn die Alterssicherung sozialisiert, die Kindererziehung jedoch privatisiert wird. Nur ein Autor widmet sich den Kindertragödien bei der Ehescheidung: Vaz (Vallendar) sieht sie als die modernen Sündenböcke im Streit der Eltern, natürlich mit den verheerenden Folgen für die nächste Generation. Ein ermutigendes Plädoyer für die gelungene Ehe trotz aller Schwierigkeiten ist der Beitrag von Weimann (Rom), ein „Verschnaufen“ für den Leser in der Fülle der hochproblematischen Aufsätze.

    Eine Reihe von Autoren identifiziert sich teilweise oder ganz mit den Kriterien von Kardinal Kasper. Dietmar Mieth (Tübingen) geht darüber hinaus mit seiner Parallele von leiblichem Tod und dem psychischen Tod einer Beziehung (vgl. Praxis in der Ostkirche). Ein genüsslich zitierter Beitrag des jungen Theologen Joseph Ratzinger, der dem von Kasper ähnlich ist, obwohl später dezidiert zurückgenommen, mindert meines Erachtens eine faire Auseinandersetzung. Der Schlüssel für den Widerspruch zur Lehre und Pastoral der Kirche ist die Barmherzigkeit, um derentwillen von Sandler (Innsbruck) von der Kirche gefordert werden darf, dass sie mehr an „objektivem Widerspruch“ (Johannes Paul II. in Familiaris consortio) zulassen dürfe. In diesem Zusammenhang ist der Aufsatz von Graulich (Rom) zum Kirchenrecht aufschlussreich, das sich vom ehemals kritisierten Vertragsrecht gewandelt hat zu einer personalen Sicht der Ehe. Graulich sieht wie andere auch das Gesamtproblem der kirchlichen Sicht von Ehe und Familie in deren noch sehr defizitären Vermittlung auf allen Ebenen.

    Kerstin und Herbert Schlögel-Flierl (Regensburg) entwickeln eine Versöhnungstheologie, die ihren Grund in der Bundestheologie hat und die menschliches Scheitern auch „im Geschehen von Tod und Auferstehung Jesu Christi mit eingeschlossen“ sieht (Anm., also der eucharistischen Kommunion). Dann sei auch der von Kardinal Kasper nicht hinnehmbare „Zwiespalt zwischen der offiziellen Ordnung und der stillschweigenden Praxis vor Ort“ überbrückbar.

    Der Leser überlegt: Barmherzige Aufnahme und Lossprechung – ohne Umkehr? Wie weit ist man dann von der Rechtfertigung des an sich „objektiven Widerspruches“ von Lebensstand und eucharistischer Kommunion entfernt? Ist der Beistand „fürsorgender Liebe“ nicht der bessere Weg, der die wiederverheirateten Geschiedenen ermuntert und hilft, das Wort Gottes zu hören, am heiligen Messopfer teilzunehmen, regelmäßig zu beten, die Gemeinde in ihren Werken der Nächstenliebe … zu unterstützen, die Kinder im christlichen Glauben zu erziehen … um so die Gnade Gottes auf sich herabzurufen“ (Familiaris consortio)?

    George Augustin, Ingo Proft (Hrsg.):

    Ehe und Familie. Wege zum Gelingen aus katholischer Perspektive, Herder, 2014, 480 Seiten, ISBN 978-3-451-31257-1 EUR 40,-