• aktualisiert:

    Katholizismus unter Konkurrenzdruck

    Mülheim an der Ruhr (DT) Seit den Tagen der Missionierung zu Zeiten der spanischen Kolonien bis in die heutige Zeit gilt Lateinamerika als „katholischer Kontinent“, geprägt von katholischen Traditionen, gesellschaftlich durchdrungen von einem die lateinamerikanischen Gesellschaften einenden, katholischen Wertefundament. In den vergangenen Jahren aber ereignen sich zunehmend nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Veränderungsprozesse, die das gesellschaftliche Leben und nicht zuletzt auch die religiöse Landschaft auf dem Subkontinent beeinflussen. Die Öffnung der Märkte hat zu einer stärkeren Dynamisierung und Pluralisierung in den lateinamerikanischen Gesellschaften geführt – mit weitreichenden Konsequenzen für die katholische Kirche.

    Der Volkskatholizismus schwindet in Brasilien. Wo er noch lebendig ist – das Bild zeigt das Gnadenbild Unserer Lieben Fr... Foto: KNA

    Mülheim an der Ruhr (DT) Seit den Tagen der Missionierung zu Zeiten der spanischen Kolonien bis in die heutige Zeit gilt Lateinamerika als „katholischer Kontinent“, geprägt von katholischen Traditionen, gesellschaftlich durchdrungen von einem die lateinamerikanischen Gesellschaften einenden, katholischen Wertefundament. In den vergangenen Jahren aber ereignen sich zunehmend nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Veränderungsprozesse, die das gesellschaftliche Leben und nicht zuletzt auch die religiöse Landschaft auf dem Subkontinent beeinflussen. Die Öffnung der Märkte hat zu einer stärkeren Dynamisierung und Pluralisierung in den lateinamerikanischen Gesellschaften geführt – mit weitreichenden Konsequenzen für die katholische Kirche.

    Erzbischof fordert Runden Tisch für Neuorientierung

    Denn in den letzten Jahren hat sich in vielen Ländern ein floriender „Markt der Religionen“ herausgebildet, auf dem sich die katholische vor allem im Verhältnis zu freikirchlichen Gruppierungen und einer wachsenden Bewegung der Pfingstkirchen behaupten muss.

    „Lateinamerika – der katholische Kontinent im Wandel“ – unter dieser Überschrift lud die Bischöfliche Aktion Adveniat im Jahr ihres 50-jährigen Bestehens zu einer Fachtagung in die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr ein. Im Zentrum der Tagung stand die Reflexion zwischen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den lateinamerikanischen Staaten. Zahlreiche lateinamerikanische und auch deutsche Vertreter aus Wissenschaft und Kirche – aus den Bereichen Pastoraltheologie und Religionssoziologie, aus den Bereichen Anthropologie und Sozialethik, aber auch aus den Bereichen praktische Pastoral und Caritas – kamen in der „Wolfsburg“ zusammen.

    Zu den Gästen aus Lateinamerika gehörte der Erzbischof der venezolanischen Diözese Merida und Vizepräsident des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM, Baltazar Porras Cardozo. Er erklärte, die katholische Kirche in Lateinamerika müsse angesichts des massiven Anwachsens evangelikaler Gemeinden neue Wege gehen und erinnerte an die Vorgaben für eine neue Evangelisierung durch die fünfte Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe im Frühjahr 2007 im brasilianischen Aparecida. „Dort wurde eine kontinentale Mission als Antwort auf den religiösen Wandel auf dem Kontinent beschlossen“, erläuterte Erzbischof Porras weiter. „Um eine langfristige Konzeption für eine nachhaltige Evangelisierung zu entwickeln, braucht es allerdings Zeit und eine tiefergehende Analyse.“

    Der Vizepräsident des CELAM rief dazu auf, dass der nun anstehende Prozess zur Neuorientierung der Kirche in Lateinamerika an einem „großen Runden Tisch“ stattfinden solle, an dem nicht nur die Bischöfe reden dürften. „Wir müssen alle Bereiche unserer Kirche einbinden, Priester wie Laien, und den Blick nicht nur nach innen richten, sondern alle gesellschaftlichen Fragen und Probleme mit einbeziehen.“ Denn wir können die Krise der Kirche, die auch als Glaubenskrise zu verstehen ist, nur begreifen, wenn wir auch die Gesellschaft im Ganzen mit in den Blick nehmen.

    Adveniat-Geschäftsführer, Prälat Bernd Klaschka, unterstrich, es sei besonders wichtig, weiterhin eng mit der Kirche in Lateinamerika zusammenzuarbeiten, um angemessen auf die Veränderungsprozesse reagieren zu können. „Wir müssen die Einheit von Spiritualität, sozialer Realität und Emotionalität fördern“, so Klaschka. Konkret: Kirche sei kein Selbstzweck, sie dürfe „sich nicht nur manifestieren in Steinen und Strukturen, sondern in den Herzen der Menschen“. Diesem Anspruch trügen die von den deutschen Bischöfen 2010 verabschiedeten neuen Projektkriterien Rechnung, mit denen Adveniat die Förderungswürdigkeit von Anfragen aus Lateinamerika messe. Adveniat müsse insbesondere Anwalt der indigenen Bevölkerung sein, denn die Ureinwohner Lateinamerikas gehörten auf dem Kontinent zu den Ärmsten der Armen.

    Konkrete Erfahrungsberichte kamen von Vertretern aus Lateinamerika wie der kolumbianischen Soziologin und Leiterin des nationalen ökumenischen Netzwerkes „Frauen für den Frieden“, Ana Mercedes Pereira Souza: In diesem Netzwerk, in dem sich Frauen für die Familien der rund vier Millionen durch den Bürgerkrieg in Kolumbien Vertriebenen engagieren, arbeiten Vertreterinnen aus katholischen Basisgemeinden zusammen mit Frauen aus protestantischen und Pfingstgemeinden.

    „Es ist ökumenische Zusammenarbeit an der Basis“, so Ana Mercedes Pereira. „Katholische Frauen, Protestantinnen und Frauen aus der Pfingstbewegung legen gemeinsam das Evangelium im Sinne der Friedensarbeit aus und versuchen, daraus gemeinsame Konzeptionen für unsere praktische Arbeit zu entwickeln.“

    Allerdings funktioniere diese Ökumene natürlich nicht ohne Brüche und Probleme. Denn die Voraussetzung und die Ausbildung, welche diese Frauen mitbringen würden, seien sehr unterschiedlich: „In den katholischen Basisgemeinden haben Frauen gelernt, die Bibel im Licht ihrer konkreten, persönlichen, aber auch der gesamtgesellschaftlichen Umstände zu interpretieren. Ausbildungskonzepte in den Pfingstkirchen setzen hingegen sehr stark auf wörtliche Bibelauslegung – es fehlt an einer Hermeneutik aus dem Blickwinkel der aktuellen Realitäten.“ Daneben seien in den vergangenen Jahren gerade in Kolumbien eine Reihe von neopentekostalen, neupfingstlichen Bewegungen entstanden – mit einer Reihe von Ausbildungszentren, aus denen bereits eine Reihe von Kandidaten für die politische Ebene hervorgegangen seien. „Gerade die Neupfingstler unterstreichen in ihren Zentren die Bedeutung einer ,Theologie der Prosperität‘: Reichtum wird als Zeichen einer besonderen Gnade Gottes interpretiert – soziale Probleme und Spannungen hingegen weitgehend ausgeklammert. Das steht natürlich im Widerspruch zu Grundsätzen der katholischen Soziallehre allgemein und auch zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Dann gibt es bei uns natürlich auch die historischen protestantischen Kirchen, die Seminare mit fundierter exegetischer Ausbildung haben. Die Anglikaner unterhalten zum Beispiel in Baranjilla ein theologisches Institut, auch die Mennoniten haben ein eigenes Seminar. In unserem Netzwerk treffen also unterschiedliche Voraussetzungen in der theologischen Ausbildung, aber auch unterschiedliche Mentalitäten zusammen.“

    Die Landbevölkerung zieht es in die Stadt

    Dennoch, so die kolumbianische Soziologin, eine das gemeinsame Ziel, gemeinsame Projekte – vor allem Schul- und Ausbildungsprojekte – zu schaffen, um den zahllosen Vertriebenen im Lande eine Zukunftschance zu geben, die Frauen des ökumenischen Netzwerkes und helfe dazu, Barrieren zu überwinden.

    Die brasilianische Sozialwissenschaftlerin, Professor Silvia Regina Alves Fernandez, bestätigte die allgemeine Einschätzung bei der Tagung, dass der herkömmliche „Kulturkatholizismus“ in Lateinamerika, ähnlich wie in Westeuropa, im Schwinden begriffen sei: „Gerade in ländlichen Gebieten werden zwar noch Formen des Volkskatholizismus praktiziert. Die starke Urbanisierung in den Ländern unseres Kontinents, die Abwanderung in große Städte, trägt allerdings zu größerer sozialer Heterogenität und schwindenden Bindungen an katholische Traditionen bei.“

    Wie kann, wie sollte die Kirche Lateinamerikas auf die Erscheinungen reagieren? Agenor Brighenti, Theologieprofessor an der Päpstlichen Universität von Paraná in Brasilien rief dazu auf, die aktuellen gesellschaftlichen und religiösen Transformationsprozesse in Lateinamerika von Seiten der katholischen Kirche nicht so sehr als Zeichen der Krise, sondern als Herausforderung für die Zukunft und Chance zur Erneuerung zu sehen: „Wir befinden uns an einer Kreuzung, nicht in einer Sackgasse. Ich plädiere daher für eine Kirche der Zukunft, die eine spezifisch katholische Spiritualität in der Welt, also in der konkreten Alltagserfahrung von Menschen verankert und eine persönliche Erfahrung des Heiligen ermöglicht. Wir brauchen eine Inkulturation des Evangeliums im Alltag.“ Kirchengemeinden, so der brasilianische Theologe, müssten Orte direkter Begegnung und unmittelbare Erlebensgemeinden sein. Kleine kirchliche Gruppen und Gemeinschaften seien daher Säulen kirchlichen Lebens in der Zukunft: „Das gilt übrigens nicht nur mit Blick auf die Kirche in Lateinamerika, sondern auch für die pastorale Entwicklung in Deutschland.“