• aktualisiert:

    Jung und zweitausend Jahre alt

    Es ist Zeit zum Gottesdienst und Vater Abdallah Dis und seine Gemeinde, Angehörige der Rum-orthodoxen Kirche von Antiochien in Karlsruhe, feiern zum ersten Mal in der katholischen Michaelskirche in Mannheim. Es ist eine erstaunlich junge Gemeinde – vermutlich die jüngste von allen, die bisher in dieser Serie besucht wurden. Alle Frauen tragen stolz langes, prachtvolles Haar, keine Kurzhaarfrisuren sind zu sehen. Sie begrüßen einander und auch die Honoratioren dieser Gemeinde mit einem dreimaligen Kuss wechselseitig auf die Wangen. Zusammen mit seinen Diakonen hat Vater Abdallah die katholische Kirche für orthodoxe Bedürfnisse hergerichtet: Zwei der typischen Kerzentische mit Sand stehen ganz vorne und rechts und links vor dem Altar zwei Pulte mit den „notwendigsten“ Ikonen in Ermangelung einer Ikonostase: Eine mit der Gottesmutter, die das Jesuskind auf dem Arm hält und eine von Jesus, dem Christus, der in der linken Hand eine Buchrolle hält und seine rechte im Segensgestus der orthodoxen Kirchen erhoben hat: Daumen und Ringringer berühren sich, der Zeigefinger bleibt aufrecht und die restlichen Finger sind leicht gekrümmt. Das neue orthodoxe Inventar ist leicht wegzuräumen und wieder aufzustellen. Doch die Gläubigen hoffen, dass sie sich hier vielleicht etwas dauerhafter und nicht nur provisorisch einrichten dürfen.

    Stolz tragen die Frauen ihr langes Haar. Den Gottesdienst leitet der verheiratete Priester Vater Abdallah Dis. Foto: Barbara Wenz

    Es ist Zeit zum Gottesdienst und Vater Abdallah Dis und seine Gemeinde, Angehörige der Rum-orthodoxen Kirche von Antiochien in Karlsruhe, feiern zum ersten Mal in der katholischen Michaelskirche in Mannheim. Es ist eine erstaunlich junge Gemeinde – vermutlich die jüngste von allen, die bisher in dieser Serie besucht wurden. Alle Frauen tragen stolz langes, prachtvolles Haar, keine Kurzhaarfrisuren sind zu sehen. Sie begrüßen einander und auch die Honoratioren dieser Gemeinde mit einem dreimaligen Kuss wechselseitig auf die Wangen. Zusammen mit seinen Diakonen hat Vater Abdallah die katholische Kirche für orthodoxe Bedürfnisse hergerichtet: Zwei der typischen Kerzentische mit Sand stehen ganz vorne und rechts und links vor dem Altar zwei Pulte mit den „notwendigsten“ Ikonen in Ermangelung einer Ikonostase: Eine mit der Gottesmutter, die das Jesuskind auf dem Arm hält und eine von Jesus, dem Christus, der in der linken Hand eine Buchrolle hält und seine rechte im Segensgestus der orthodoxen Kirchen erhoben hat: Daumen und Ringringer berühren sich, der Zeigefinger bleibt aufrecht und die restlichen Finger sind leicht gekrümmt. Das neue orthodoxe Inventar ist leicht wegzuräumen und wieder aufzustellen. Doch die Gläubigen hoffen, dass sie sich hier vielleicht etwas dauerhafter und nicht nur provisorisch einrichten dürfen.

    Die antiochenische Kirche ist – im Vergleich zu manch anderer orthodoxen Kirche – eine regelrechte Vielvölkerkirche. Ihren Sitz hat sie im antiken Antiochien, dem heutigen Antakya im Südosten der Türkei. Ihr gehören demnach nicht nur Türken, sondern auch ethnische Minderheiten der Region wie Syrer und Iraker, aber auch Libanesen, Palästinenser und Jordanier an. Antiochien kann sich einer bedeutsamen biblischen Erwähnung rühmen. In der Apostelgeschichte heißt es in Kapitel 11, Vers 26: „In Antiochien wurden die Jünger zuerst Christen genannt.“

    Sie gehört somit zu einer der ältesten Kirchen und führt ihre Ursprünge auf keine Geringeren als die Apostel Petrus und Paulus zurück. Die Geschichte dieser fast zweitausend Jahre alten Kirche, die zu den bedeutsamen altchristlichen Patriarchaten wie Rom, Konstantinopel, Alexandria und Jerusalem zählt, ist ebenso bewegt wie verwirrend; das hat historische Gründe und hängt mit dem Konzil von Chalcedon, welches im Jahre 451 abgehalten wurde, zusammen. Dessen wichtigstes Bekenntnis ist dasjenige von Jesus Christus als wahrem Menschen und wahrem Gott, zu erkennen mit zwei Naturen, unvermischt und ungeteilt, ungetrennt und unverändert. Diese Aussage führte zu einem veritablen Schisma zwischen der ost- und weströmischen und der altorientalischen Kirche.

    Die Christen im Patriarchat von Antiochien, die es vorzogen, dem dogmatischen Bekenntnis von Chalcedon zu folgen, wonach Jesus Christus zwei Naturen, wahrhaft göttlich und wahrhaft menschlich, unvermischt und ungetrennt, innehabe, spalteten sich im fünften Jahrhundert ab und wurden später auch als „rum-orthodox“ bezeichnet, wobei sich das Wörtchen „rum“ von „rhomaios“ für „Oströmer“ beziehungsweise „Byzantiner“ herleitet. Der andere Teil der antiochenischen Christen, der diesem Konzil nicht folgen wollte, war der Auffassung, dass in Jesus Christus eine Natur walte, und zwar die göttliche – sie bilden das heute sogenannte syrisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien.

    Mehr als zehntausend sind es in Deutschland

    Unter der muslimischen Besatzung von Kleinasien beziehungsweise der ehemaligen oströmischen Reichsgebiete, brach eine Zeit des Niedergangs an, der rum-orthodoxe Patriarch musste zunächst fliehen, dann, als im dreizehnten Jahrhundert Antiochia zerstört wurde, seinen Sitz immer wieder verlegen, bis er sich im sechzehnten Jahrhundert in Damaskus niederlassen konnte.

    In ganz Deutschland gibt es mittlerweile, insbesondere nach den großen Einwanderungswellen ab den siebziger Jahren, aber gerade aktuell auch durch den tobenden Krieg in Irak und Syrien sowie der Kämpfe in den Grenzgebieten der Türkei mehr als zehntausend rum-orthodoxe Gläubige, Tendenz aufgrund der humanitären Notlage in ihren Heimatgebieten steigend. Das hat gerade auch dazu geführt, dass die Rum-Orthodoxen für ihr eifriges Engagement in den Flüchtlingsheimen bekannt sind. Selbstverständlich ist es für sie auch, mindestens zwei, besser drei Sprachen zu sprechen: Türkisch, Arabisch und Deutsch.

    So wird an diesem ersten Gottesdienst in der katholischen St. Michaelskirche der Paulusbrief etwa auf Deutsch gelesen, das Glaubensbekenntnis auf Arabisch gebetet und das Sanctus wiederum in deutscher Sprache gesungen. Auch das wichtigste Gebet der gesamten Christenheit, das Vater Unser, wird in beiden Sprachen gesprochen. „Wir machen das wegen der Kinder“, erklärt die Frau von Vater Abdallah. Nicht zum ersten Mal geschieht es im Rahmen dieser Reihe, dass die Ehefrau des Priesters den Besucher betreut und informiert – sie ist für die Kommunikation nach innen und außen zuständig und zumeist hochbegabt dafür, während der Ehemann nach der Liturgie noch damit beschäftigt ist, Gläubigen die Beichte abzunehmen, für ein geistliches Gespräch zur Verfügung zu stehen oder, wie es an diesem Tag tatsächlich geschieht, ein gerade Neugeborenes feierlich nach vorne zum Altar zu bringen, es bei Gott zu präsentieren, vor Gott zu bringen. Ein sehr alter Brauch, der sich auf die Darstellung Jesu durch Maria im Tempel zurückführen lässt. Und ein sehr bewegender und wichtiger Moment für die frischgebackenen und glücklichen Eltern.

    Aber auch die älteren Kinder haben heute ihren eigenen, ganz besonderen Moment nach dem Gottesdienst: Sie dürfen sich vorne um Vater Abdallah versammeln und erhalten einen speziellen Kindersegen zum Ende der Ferien und dem Anfang des neuen – für viele des ersten – Schuljahres.

    Wie jede christliche Gemeinde ist auch die St. Petrus-und-Paulus-Gemeinde, die sich heute in der Michaelskirche versammelt hat, nicht nur in Freude, sondern auch in der Trauer und im Totengedenken vereint: Das fast lebensgroße Porträtfoto eines hübschen jungen Mannes, offenbar bei seiner Hochzeit aufgenommen, wurde vor dem Gottesdienst rechter Hand vom Altar aufgestellt. Auf dem Tischchen davor befinden sich Kerzen, Weihrauchhalter und eine Speise zum Gedenken. Er ist tragischerweise kurz nach seiner Hochzeit verstorben, weiß Frau Dis, die Ehefrau von Vater Abdallah, und die Gemeinde gedenkt in dieser Weise seiner, traditionell in Abständen von drei, neun und vierzig Tagen sowie an den Jahrestagen.

    Gebet und Schmaus im Vorraum als Totengedenken

    Als die Gläubigen den eigentlichen Kirchenraum verlassen, finden sie dort das Tischchen mit Kerzen, Foto und der althergebrachten Gedenkspeise vor, die von den Angehörigen an die Gemeinde verteilt wird. „Es ist eine Speise aus gekochtem Weizen“, sagt Frau Dis, ihr Schälchen mit einer Portion davon in der Hand haltend. „Seine Bedeutung ist symbolisch – das Korn steht für das ewige Leben.“

    Gebet und gemeinsamer Schmaus im Vorraum der Kirche zum Totengedenken gehen so eindrücklich ineinander. Wie häufig bei orthodoxen Gemeinschaften wird heute hier wieder einer der fundamentalen Glaubenssätze der christlichen Lehre, die Wiederauferstehung und das ewige Leben, mittels konkreter Versinnlichung für die Menschen verdeutlicht und erfahrbar gemacht.