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    „Jüngere Menschen entdecken unsere Gottesdienste“

    Hochwürdigster Vater Abt, Sie haben vor vier Jahren Ihre Abtei auf den außerordentlichen Ritus umgestellt.

    Die Abtei Mariawald geht auf einen Wallfahrtsort zu Ehren der Mutter Gottes zurück, die hier seit 1475 verehrt wird. Foto: KNA

    Hochwürdigster Vater Abt, Sie haben vor vier Jahren Ihre Abtei auf den außerordentlichen Ritus umgestellt. Welche Veränderungen hat das für Ihr Kloster mit sich gebracht?

    Im Januar 2009 konnten wir hier in Mariawald die erste feierliche Messe im klassischen römischen Ritus feiern, und einen Monat später wurde dann auch die Konventmesse im Kloster im außerordentlichen Ritus zelebriert. Zunächst haben nicht alle Mitbrüder diese Änderung begrüßt. Die Situation hat sich aber mittlerweile etwas normalisiert. Als Priester musste man den Ritus ja erst wieder erlernen – eine anspruchsvolle und nicht leichte Aufgabe, und dazu musste man sich wieder mit der lateinischen Sprache vertraut machen. Wir haben die Umstellung nach und nach vollzogen. In einem zweiten Schritt haben wir sonntags das Stundengebet vor der heiligen Messe, die Terz, in der überlieferten Form gesungen, sodass auf diese Weise eine liturgische Einheit entstand. Anschließend haben wir allmählich die Kleinen Horen umgestellt – Sext, Non, die Komplet, und später die Vesper, die Laudes – und ganz zum Schluss, 2009/2010, die Vigil. Für uns bedeutete das, uns ganz auf diese Liturgie einzulassen, die einen intensiveren theozentrischen Charakter hat und dadurch unserer kontemplativen Berufung in besonderer Weise entspricht.

    Welche Entwicklung spiritueller Art haben Sie seither zu verzeichnen? Inwiefern hat sich diese Umstellung auf den außerordentlichen Ritus auch auf Ihre Gemeinschaft ausgewirkt?

    Das Aufsuchen und Wiederentdecken der Quellen bedeutet eine nicht zu unterschätzende spirituelle Bereicherung. Wichtige Elemente der kirchlichen Tradition können nun wieder bedeutsam werden. Unsere monastische Berufung hat ihre Prägung durch die Regel Benedikts; auf sie haben wir unsere Profess abgelegt. Die Regel des hl. Benedikt und die lateinische Liturgie in der älteren Form bilden eine Symbiose, in der das eine das Verständnis und die Bedeutung des anderen fördert. So wie jeden Tag das heilige Messopfer gefeiert wird, so wird jeden Tag ein Abschnitt der Regel gelesen und meistens von mir ausgelegt. Am alten Spruch „Halte die Regel, dann hält sie dich“ ist mit Sicherheit etwas Wahres. Und es gilt auch und mehr noch, dass ohne das heilige Messopfer niemand bestehen kann. Dabei scheint die überlieferte Form, in der wir nun dieses Opfer feiern, für uns in außerordentlicher Weise angemessen zu sein. Die wiedererweckte Weisheit von Jahrhunderten ist, wie wir hoffen, dazu angetan, den Priester mehr Priester, den Mönch mehr Mönch werden zu lassen. Mit Sicherheit hat die Reform einige von uns verändert; Mariawald hat sich verändert. Maß und Wert dieser Veränderung zu qualifizieren, überfordert uns. Das Urteil darüber vertrauen wir Gott an und der Gottesmutter, der dieser Ort geweiht ist.

    Haben Sie seither mehr Eintritte zu verzeichnen? Letztlich zielten diese Reformen ja darauf ab.

    Dass die Reform „letztlich“ auf mehr Eintritte abgezielt hätte, möchte ich so nicht gelten lassen. Man darf das Heilige nicht funktionalisieren. Zuerst geht es und ging es um Gott und die Weise der ihm geschuldeten Verehrung. Gewiss muss ein Kloster auch auf Nachwuchs bedacht sein; aber das ist nicht sein vorgeordnetes Interesse. Dass eine Stärkung der monastischen und katholischen Ideale durch die Reform und damit eine erneuerte Attraktivität entstehen könnte, war gleichwohl eine Hoffnung. Es gab mehr Eintritte, das stimmt. Allerdings genügt für einen Eintritt nicht, ein Liebhaber des außerordentlichen römischen Ritus zu sein beziehungsweise der Besonderheiten unseres Zisterzienserritus mit seinen kleinen liturgischen Eigenheiten im Kalender und manchmal leicht modifizierten Messformularen. Man muss zuerst eine wirkliche Berufung zum Mönchsleben haben. Daher ist es wichtig, die Bewerber sehr gut auszusuchen, sie gut vorher kennenzulernen. Vor dem Postulat gibt es daher eine Probezeit von wenigstens vier Wochen. Diese Phase des gegenseitigen Kennenlernens ist sehr wichtig, um anschließend die Entscheidung über eine Aufnahme zu treffen. Interessenten gab es für unser Kloster sehr viele. Seit 2009 weit über 40. Das Jahr 2012 war ein gutes Jahr mit dem seltenen Ereignis einer feierlichen Profess. Und weiterhin gab es die Einkleidung eines Novizen. Zurzeit ist es also ganz erfreulich.

    Das reale Leben als Mönch stellt für viele Interessenten eine außerordentliche Herausforderung dar, denn ohne Opfer kann man nicht Mönch sein. Schon das regelmäßige Aufstehen mitten in der Nacht ist nicht so einfach, denn Mönche sind Menschen wie andere auch, freilich stehen sie unter einem besonderen Anspruch. Ich will das noch etwas erläutern. Auch in anderen Berufen, sei es bei der Eisenbahn, als Bäcker oder im Krankenhaus, gehören Nachtschichten zur beruflichen Pflicht. Wir Mönche müssen keine Nachtarbeit leisten, um konkret anderen zu helfen, und trotzdem wollen wir um 2.30 Uhr aufstehen. Wir halten uns dabei an Christus, der bei Nacht gebetet hat. Ich denke etwa auch an den heiligen Paulus, der bei Nacht – im Gefängnis – gebetet hat, und auch die ersten Mönche haben das ganz bewusst getan, gerade wenn der Tag noch ganz frisch, unbelastet, unbeschwert ist. Und Abertausende sind ihnen seither dabei gefolgt. „Gott zuerst“ ist buchstäblich das Bemühen in unserem Leben – der heilige Benedikt sagt, dem Gottesdienst solle nichts vorgezogen werden –, und so fangen auch wir, stellvertretend gerade für so viele Menschen in der Kirche und in der Welt, mit dem Gebet bereits in der Nacht um drei Uhr an, um gleichsam so die Finsternis zu durchbrechen, die uns so oft umgibt, und um da schon etwas von Gottes Licht, das in der Finsternis leuchtet, aufzunehmen.

    Welche Reaktionen haben Sie seitens der Gläubigen erfahren, die zu Ihnen in den Gottesdienst kommen?

    Das war durchaus unterschiedlich. Proteste waren glücklicherweise eher selten. Was die Gläubigen betrifft, die schon immer gekommen sind, so gab es neben denen, die blieben, auch einige, die dann bewusst anderswo zum Gottesdienst gingen – aber etliche sind neu dazugekommen. Auffallend ist, dass nach der Reform immer wieder auch mal jüngere Menschen da sind, was vorher eigentlich nie der Fall war. Hin und wieder entstand auch aus einem eher zufälligen Besuch eine bleibende Beziehung. Womöglich ist es so, dass durch die klassische Form der Liturgie der modernen Welt, die ja oft so vollgestopft ist von Technik, Kalkulieren, Finanzieren und Genießen, etwas gezeigt wird, was ihr fehlt. Gerade auch jüngere Menschen entdecken unsere Gottesdienste als eine Möglichkeit, ganz unaufdringlich zur Ruhe zu kommen und wirklich mitzubeten. Man wird hier nicht unausweichlich mit in einen organisierten Dialog hineingenommen und muss dauernd noch etwas dazu sagen. Man kann sich still hinsetzen, sich dem Geschehen anvertrauen, es mitverfolgen und alle eigenen Anliegen mit hineinnehmen. Die heilige Liturgie bietet einen Raum, der unserer Verfügungsgewalt glücklicherweise entzogen ist. Ja, Gott kommt zu den Menschen, wenn man sich der Liturgie überlässt, wenn man sich Ihm überlässt, der hier im Mittelpunkt steht.

    Wir haben erfreulicherweise etliche Emails und Briefe mit positiven Meldungen empfangen. Aber es gab auch einige sehr negative, die nicht weit vom Hass entfernt waren und in denen größtes Unverständnis geäußert wurde. Die Ablehnung der außerordentlichen Liturgie war nicht selten auch verbunden mit einer Ablehnung unseres Heiligen Vaters, der ja in seiner väterlichen Großherzigkeit die Reform genehmigt und befürwortet hatte. Man spürt auch um das Kloster herum, dass es ein subtiles Unverständnis, ja auch Dummheit gibt. Da der Papst unser Unternehmen gutgeheißen hat, hoffe ich insofern auch, dass Gottes Segen auf der Reform liegt, in der es ja letztlich um Seine Ehre geht und außerdem um das – was heute viele vergessen –: es geht um das Heil der Seelen. Wir glauben an Gott, wir glauben an das ewige Leben, das er denen bereitet, die ihn lieben. Im Credo der hl. Messe bekennen wir unseren Glauben an die „vita aeterna“. In diese Ewigkeit soll uns unser Lebensweg führen. Die Reform von Mariawald soll eine Hilfe dorthin sein.

    Haben Sie Kontakte zu Kongregationen im Ausland?

    Eigentlich weniger. Unser Problem ist, dass wir hier im Haus nicht viele sind, und da ist es oft schwer, Kontakt zu anderen Klöstern zu pflegen. Wir sind zehn Mitbrüder, davon sind etliche älter, und ich selbst als Abt bin weitgehend bei Aufgaben im Haus eingebunden. Besondere Kontakte gab es mit einzelnen Benediktinerklöstern der Tradition in Frankreich, so zum Beispiel mit Le Barroux oder Fontgombault und anderen oder auch mit Vyssi Brod in Tschechien. Außerdem gibt es immer wieder Kontakte zu den „in der Welt“ wirkenden Klerikern der Priesterbruderschaft St. Petrus, die uns durch die Liturgie besonders nahestehen. Doch die Dynamik in einem kontemplativen Kloster ist in vielem eine andere. Manchmal freilich muss man die eigene kleine Welt verlassen, wenn es bestimmte Anliegen gibt, die wichtig sind. Aber eigentlich nimmt einen der Dienst im Kloster schon so sehr in Anspruch, dass das Leben mehr als ausgefüllt ist.

    Würden Sie diesen Schritt der Reform noch einmal gehen?

    Auf jeden Fall. Auch wenn ich weiß, dass es kein einfacher Weg ist, auf dem man nicht nur Freunde gewinnt. Die Reform wird von manchen als Angriff auf ihr eigenes Terrain, als Angriff auf die von ihnen beanspruchte Deutungshoheit betrachtet. Den Papst halten sie zwar für fehlbar, aber sich selber nicht. Wir meinen aber, dass die Reform wichtig ist. Es geht in ihr um bedeutende Werte, die vielerorts verloren gegangen sind und die auch im monastischen Leben verloren zu gehen drohen. Und tatsächlich auch verloren gehen. Natürlich kann man nicht vergangene Zeiten absolut kopieren, aber man muss die wertvollen Schätze wieder heben – dazu gehört auch die Liturgie mit ihrer klaren Ausrichtung auf Gott, die für das kontemplative Leben wichtig ist. Es geht gerade auch – was vielen nicht recht bewusst ist – um den vollständigen Glauben, der nicht zu beliebiger Disposition steht. Er muss als Ganzer geachtet und gepflegt werden.

    Man spricht ja über vieles in der katholischen Kirche, aber eine grundlegende Katechese, die einmal alles in den Blick nimmt, was zum Beispiel im Credo steht, was unseren Glauben wirklich ausmacht, ist dringend nötig. Was von Anfang an dazugehörte, was also auch in der Gegenwart dazugehört und was auch in der Zukunft dazugehören wird, das kommt zu kurz. Gegen diese Bedrohung sollte und kann die Belebung der Tradition helfen. Sie kann den Glauben neu, das heißt unverkürzt zur Geltung bringen. Dabei bestärkt mich das, was ich immer wieder in der Heiligen Schrift entdecke: Es geht um nichts anderes als um die Wahrheit, um die Wirklichkeit. Sie ist nicht von Mehrheitsverhältnissen abhängig. Ich denke dabei an Moses. Er war manchmal in großer Bedrängnis; sie wollten ihn ja schon steinigen. Und ich denke manchmal an diesen oder jenen Propheten im alten Israel, dem es ähnlich erging. Wenn man auf sie und ihre Standhaftigkeit schaut, wird einem doch Trost und Zuversicht geschenkt. Die Wahrheit hat es nicht einfach, aber sie ist von Gott, ja mehr noch, Gott selbst ist die Wahrheit, nicht abstrakt, sondern in höchstpersonaler Konkretion Christus selbst.

    Noch einmal: Wahrheit ist nicht von Mehrheitsverhältnissen abhängig. Auch das sehen wir bei Christus selber, bei unserem Herrn. Er hat sich letzten Endes auch nicht von Mehrheiten beeindrucken lassen. Noch sind wir eine kleine Gruppe in der katholischen Kirche. Wir befinden uns aber im Prinzip in allerbester Gesellschaft. Ich würde es daher noch einmal in Angriff nehmen.