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    Jubel, Tränen, Dankgebete

    Kairo (DT) Am Ende ging alles ganz schnell: Kaum zehn Minuten währte die Zeremonie, während der am Sonntagmittag das Los entschied, wer an die Spitze der Kopten Ägyptens als neuer Papst treten sollte. Vorangegangen waren dem lange Stunden weihrauchgeschwängerter Liturgie voller fremdartiger Gesänge, Zimbeln- und Schellenklangs, geschäftig hantierender Priester und Bischöfe. Am Jerusalemer Tempel mag es ähnlich zugegangen sein. Tatsächlich: Wer der koptischen Kirche ins Antlitz blickt, der schaut in tiefe Vergangenheit. Bis heute bewahrt diese größte christliche Gemeinschaft des Nahen Ostens die herbe Strenge der Alten Kirche. Das Mönchstum und seine Askese prägen auch die Disziplin der Gläubigen.

    Metropolit Pachomius (am Mikrofon) zieht den Namen des Jungen aus einer Schale, der später den entscheidenden Griff in d... Foto: dpa

    Kairo (DT) Am Ende ging alles ganz schnell: Kaum zehn Minuten währte die Zeremonie, während der am Sonntagmittag das Los entschied, wer an die Spitze der Kopten Ägyptens als neuer Papst treten sollte. Vorangegangen waren dem lange Stunden weihrauchgeschwängerter Liturgie voller fremdartiger Gesänge, Zimbeln- und Schellenklangs, geschäftig hantierender Priester und Bischöfe. Am Jerusalemer Tempel mag es ähnlich zugegangen sein. Tatsächlich: Wer der koptischen Kirche ins Antlitz blickt, der schaut in tiefe Vergangenheit. Bis heute bewahrt diese größte christliche Gemeinschaft des Nahen Ostens die herbe Strenge der Alten Kirche. Das Mönchstum und seine Askese prägen auch die Disziplin der Gläubigen.

    Drei Tage harten Fastens waren der Papstwahl vorausgegangen. Fasten, das heißt auf koptisch, nicht nur auf Fleisch und Alkohol zu verzichten, sondern überhaupt auf jedes tierische Produkt, sei es Fett, seien es Eier. Solchermaßen vorbereitet drängten die Massen in die Markus-Kathedrale im von vielen Christen bewohnten Kairoer Stadtteil Abassiya. Die gewaltige Kirche – sie gilt als die größte des Nahen Ostens – konnte die Menschen nicht fassen, die seit den frühen Morgenstunden auf das Gelände strömten, das den Amtssitz des Nachfolgers des heiligen Evangelisten Markus beherbergt. Ein Teil seiner Gebeine ruht hier, seit Papst Paul VI. sie 1968 anlässlich der 1900-Jahr-Feier seines Martyriums in einer brüderlichen Geste Papst Kyrill VI. zurückgeben ließ. Die Venezianer hatten sie einst entwendet. Und direkt in apostolische Zeit führt auch die Zeremonie der Papstwahl durch das Los selbst. So wie die Apostel ihre vom Herrn gestiftete Gemeinschaft nach dem Selbstmord des Judas Iskariot durch das Los vervollständigten und den heiligen Matthias an seiner Statt beriefen, wird auch der Papst der Kopten durch ein Gottesurteil bestimmt.

    Gespannte, pfingstliche Erwartung lag also über der Liturgie, die der seit Papst Schenudas Tod im März amtierende Interims-Patriarch Pachomius frühmorgendlich eröffnete. Einem schwarzen Koffer entnahm er dazu drei durchsichtige Kugeln, deren jede ein gefaltetes Papier mit dem Namen eines der am vergangenen Montag von der großen Wahlversammlung bestimmten Kandidaten enthielt. Diese selbst waren nicht anwesend. Die Nacht vor der Wahl hatten sie im Gebet in einem Wüstenkloster fern der Hauptstadt verbracht. „Ich rufe Euch zu Zeugen an, dass diese Wahl rechtmäßig abläuft“, sprach Pachomius in Richtung der Gläubigen, nachdem er die Kugeln in ein gläsernes Behältnis gelegt und mit einem Deckel verschlossen hatte. Bänder wurden darum gewickelt und verknotet, rotes Wachs troff schwer darauf herab, mit einem Stempel wurde die Wahlurne gesiegelt. Die ganze Messe über sollte das Gefäß auf dem Altar hinter der Ikonostase stehen. Jeden Verdacht einer Manipulation galt es von Anfang an zu verhindern.

    Wer auch immer es wird, wir werden es als den Willen Gottes akzeptieren. Wir vertrauen auf Jesus“, meinte Ehad Labib, eine 49-jährige Bankangestellte aus Kairo, als sie die Vorbereitungen beobachtete. „Ich wollte heute unbedingt dabei sein. Ich bin die einzige Christin in der Bank. Meine muslimische Chefin hat mir dafür umstandslos freigegeben. Das hat mich schon gefreut. Es zeigt, dass es bei uns im Alltag in der Regel keine Probleme zwischen Moslems und Christen gibt.“ Sami Saber, auch er 49 und in einer Bank tätig, hört ihre Worte und widerspricht. „Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich, dass es einen großen Unterschied zwischen Kopten und Moslems in Ägypten gibt. Das macht mich traurig. Es gibt seit der Revolution das Bemühen, uns zu Fremden im eigenen Land zu stempeln. Ich hoffe, dass der neue Papst sich dieser Entwicklung widersetzt.“ Nun, bis der neue Papst gewählt war, sollten noch einige Stunden vergehen, während der alexandrinische Ritus der Kopten in ganzer Länge und rauer Schönheit zelebriert wurde, arabische, koptische und griechische Gesänge und Gebet einander abwechselten, das Erbarmen des heiligen, unsterblichen Gottes unablässig herabgerufen wurde. Es ist eine Mönchsliturgie, die keine Eile kennt. Nach über vier Stunden war es jedoch gegen Mittag soweit: Zwölf Knaben zwischen fünf und acht Jahren traten vor den Altar. Sie waren aus achtzig Bewerbern ausgewählt worden. In lange weiße Gewänder gehüllt – die Beauftragung zum Altardienst war die Voraussetzung – warteten sie, bis Metropolit Pachomius einen ihrer Namen aus einer gläsernen Schale fischte. Die Wahl fiel schließlich auf den achtjährigen Bischoy. Von irgendwo her brandete Applaus auf. Bischoys Heimatgemeinde mochte ihre Freude zeigen.

    Nur noch wenige Augenblicke und die Vakanz in dieser für die Kopten so schwierigen Zeit würde beendet sein. Pachomius verband dem Kleinen die Augen mit einem dunklen Tuch. Dann durchschnitt er mit einer Schere die Bänder, die die gläserne Wahlurne verschlossen. Nach kurzem Tasten ergriff der Knabe rasch eine der drei Kugeln. Die Gläubigen beteten derweil inbrünstig, fast beschwörend, das Kyrie Eleison. Als Pachomius dann das Papier auffaltete und den darauf in großen arabischen Lettern verzeichneten Namen des neuen Papstes Tawadros bekannt gab, erbebten die Kathedrale und die Umgebung vor den Jubelrufen und dem Klatschen der Menge. Nicht wenige Menschen wischten sich vor Rührung Tränen aus den Augenwinkeln und sprachen laute Dankgebete. Zu zeigen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war und sich tatsächlich alle drei Namen in der Urne befanden, wurden auch noch die beiden anderen Kugeln geöffnet und ihr Inhalt dem Volk gezeigt. Bei der Wahl Papst Schenudas 1971 waren Vorwürfe geäußert worden, alle drei Lose hätten denselben Namen enthalten.

    Pachomius gab bekannt, dass Tawadros, dessen sechzigster Geburtstag auf den Tag seiner Wahl fiel, der zweite Papst dieses Namens sein würde und forderte die Gläubigen auf, für ihn zu beten, bis er am 18. November den Stuhl des heiligen Markus besteigen wird. Das Volk schien zufrieden und glücklich. „Gott hat gesprochen, und wir vertrauen auf seine Vorsehung“, meint Menas Hany, ein Arzt aus Kairo, als die Massen nach der Wahl den Ausgängen zuströmen. „Der neue Papst ist die rechte Hand des Metropoliten Pachomius gewesen. Er ist in der Verwaltung erfahren. Mit ihm steht ein guter Kapitän auf der Brücke des Schiffes. Den brauchen wir auch. Denn das Meer ist unruhig.“