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    Ist die Hölle leer?

    Sibylle Lewitscharoff ringt mit Jan-Heiner Tück um dem Glauben ans Gericht. Von Regina Einig

    Es geht abwärts: Was die Seele tun muss, um es bis zur Höllenfahrt kommen zu lassen, ist eine Frage, die selten klar bea... Foto: KNA

    Weniger ist mehr: Das Theologische Terzett in der Katholischen Akademie in Bayern musste am Montag zu zweit miteinander auskommen. Annette Schavan hatte kurzfristig abgesagt. Der Qualität des Gesprächs schadete das nicht, im Gegenteil. Sibylle Lewitscharow und Jan-Heiner Tück tauschten ihre Argumente mit sichtlicher Freude an der Kontroverse. Vor allem die Schriftstellerin erwies sich als unbelastet vom theologischen Mainstream. Gegenstand der Debatte waren die „Theologie der drei Tage“ von Hans Urs von Balthasar, „Die 21“ von Martin Mosebach und „Das Wagnis der Torheit“ des langjährigen NZZ-Feuilletonredakteurs Uwe Justus Wenzel. Passion, Kreuz und Martyrium bilden einen Spannungsbogen zwischen den Bänden.

    Tück fiel an Wenzel das ins Positive gedrehte Diktum Nietzsches („Gott ist tot“) auf. Mit „Gott war tot“ fasse Wenzel bereits den Karsamstag österlich auf. Gott habe den Tod getötet – dieses unbegreifliche Mysterium werde an Ostern gefeiert. Ein ganzer Essay sei zudem dem befreienden Osterlachen gewidmet. Dessen Komik schreibt Wenzel einen durchaus subversiven Zug zu. Mit einem Essay über den ungläubigen Thomas schlage der Autor auch eine Brücke zu atheistischen Lesern und Zweiflern.

    „Bestrickend“ realistisch fand Lewitscharoff bei Wenzel und von Balthasar „die absolute Verlorenheit des Todes“ dargestellt, in der alles Denken, Hoffen und Spekulieren endet und fühlte sich an Dantes „Göttliche Komödie“ und ihre Darstellung eines Felsabsturzes in der Hölle erinnert. Selbst die Wege des Denkens und Glaubens seien in der Todesverlassenheit verschüttet – und daraus beziehe das Geschehen seine Dramatik. Mit Verve stellte die Schriftstellerin Mosebachs Reisebericht „Die 21“ vor. Die Spurensuche des Frankfurter Büchnerpreisträgers in Ägypten fand Lewitscharoff „wunderbar: wie einfühlsam aber auch hart er darüber schreibt“. Mosebach verweigere sich strikt jeder gefälligen Intonation und Soziologisierung, warum Terroristen, die am Strand von Lybien grausam mordeten, so etwas tun. Es sei eine moderne Form der Entschuldung, Motive und Herkunft von Tätern als Argumente dafür heranzuziehen, warum dieser nicht anders habe handeln können. Mosebach habe die Abscheulichkeit der Tat und die Großartigkeit des Martyriums so dargestellt, dass ihr das „völlig unkitschige“ Buch „in die Glieder gefahren sei“. Vergleiche man „Die 21“ mit Mosebachs metaphernreichen Romanen, so habe er sich hier sprachlich stark zurückgenommen, um den Mut und die Ehre dieser Männer sowie das Ungeheuerliche des Vorgangs zu zeigen. Auch seien die Schilderungen der Besuche bei den Angehörigen der Märtyrer im besten Sinn durchdrungen von einer einfachen Form der Volksfrömmigkeit.

    Tück sah die Gefahr, dass die Geschichte der 21 politisch instrumentalisiert werde. Mosebach habe diese Klippe klug umschifft und eine Gegengeschichte erzählt: die Begegnung mit zwei koptischen Priestern, von denen einer ebenfalls von IS-Schergen gefangengenommen, dann aber von Muslimen befreit worden war. Interessant sei, dass Mosebach in das Buch ein Kapitel eingestreut habe, in dem über den Sinn des Martyriums diskutiert werde.

    Lewitscharoff zeigte sich vom Kontrast des „absolut Durchschlagenden“ des Glaubenszeugnisses der Kopten beeindruckt: „Dagegen tragen wir das Religiöse doch eher wie ein lockeres Kleidchen, in dem wir rumspazieren.“ Tück bescheinigte dem Buch etwa mit Blick auf die Beschreibung der Beteiligung junger Kopten an der Liturgie „Kontrastierungen mit dem lau gewordenen Christentum, die mir eine Spur zu scharf sind“. Lewitscharoff widersprach: Als Protestantin wäre sie „gottfroh“, wenn Predigten manchmal in Griechisch gehalten würden, so dass sie sie schlecht verstünde. „Ich wäre sofort religionsgefangener, wenn ich den Quatsch, der oft angeboten wird, nicht genau verstehen würde, denn das ist an Banalität oft schwer zu überbieten.“ In einer Zeit, in der die großen, zugespitzten Formen des Theologischen auf protestantischer Seite sehr selten vorkämen und eine „trübe Verständnisbrühe in der Theologie angekommen ist“, die des Scharfsinns und der Dringlichkeit entbehre, betreffe die Häresie der Formlosigkeit uns stärker.

    Scharfsinn erkannte Tück dafür bei der in von Balthasars „Theologie der drei Tage“ dargelegten Überlegungen zum Karsamstag und des Abstiegs Christi zu den Toten. Balthasar sehe darin einen „Akt der Solidarität des toten Christus mit den Toten. Es gibt keine Stelle, an der Gott nicht ist. Gott habe auch das Nichts aufgesucht.“ Damit gebe von Balthasar die Antwort auf die Frage seines damaligen Rezensenten Joseph Ratzinger, was denn eine „Theologie des Descensus“ demjenigen an zusätzlicher Erkenntnis bringe, der an das Kreuz glaube. Dass Balthasar als Anhänger der Vorstellung, alle würden gerettet, den Ruch der Häresie auf sich zog, wollte Tück nicht nachvollziehen. Balthasar sei kein Verfechter von Allversöhnungstheorien, sondern nehme „den ganzen dramatischen Ernst des Selbsteinsatzes Gottes in Jesus Christus immer als Hintergrund“. Seine Eschatologie räume mit jeder Form des Indifferentismus auf. Balthasar glaube an die Hölle, doch sei alles für alle zu hoffen, weil Gott alles getan habe, um auch den Verlorensten nahezukommen. Lewitscharoff outete sich als Anhängerin Dantes und hielt dagegen: Es sei eine „empörende Vorstellung“, dass Massenschlächter wie Hitler, die nicht nur aus privaten Irrungen getötet hätten, in der von Tück beschriebenen Form „eine Beruhigung“ erfahren könnten. „Ich kann nicht verstehen, warum sich die christlichen Kirchen so sehr von der Vorstellung der Hölle gelöst haben, so als wäre die Hölle eine Privatstrafe, die uns vielleicht schon im Leben erreicht.“ Sie vermisse den Ernst, dass der Mensch sein Leben radikal verwirken könne. Wie Lewitscharoff Hölle verstehe, wollte Tück wissen. Ob sie an der Vorstellung festhalte, dass Gott aktiv verdamme? Diese würde von Balthasar „unterkomplex beziehungsweise für theologisch verfehlt halten, weil Gott alles tue, damit auch das Geschöpf, dass sich radikal verfehlt habe, bei ihm wieder ankommen könne. Bei von Balthasar gebe es allenfalls die verstockte Freiheit, nicht Ja zu sagen zum Heilswillen des Schöpfers. Doch selbst für diese Sünder müsse man Balthasar zufolge noch hoffen, dass noch eine „Möglichkeit der Vollendung“ bestehe. Die Frage sei, so Tück, ob Gott nicht selbst etwas fehlen würde, wenn am Ende auch nur ein Geschöpf verloren gehe? Lewitscharoff beharrte auf dem Widerspruch, den sie an der „Dimension des Tötens“ festmachte. Es bliebe unverständlich, wie es möglich sein solle, eine solche Schuld wegzuwischen. „Alles, was herumtheologisiert wird, empört mich.“ Mit Verweis auf das Konzil mochte Tück das Gericht als einen Prozess des „In-die-Wahrheit-Kommens“ sehen, in dem es Tätern nicht erspart bleibt, die Abgründigkeit ihrer Taten zu sehen“. Der Richter sei aber zugleich auch Anwalt und Retter der zu Richtenden. Er werde dem „beschämt Niederstürzenden nicht ins Nichts fallen lassen“. Die Person des Täters sei mehr als die Summe seiner Untaten. Dem Täter werde eingeräumt, „sich noch einmal „frei verhalten zu können“. Lewitscharoff hatte eine bessere Idee: Wenn alle Toten vor Gericht dazu gebracht werden könnten, durch ein Schuldeingeständnis des Täters dessen Sünden zu vergeben. Die Vorstellung, das göttliche Gericht stelle neben einer Lebensbilanz vielmehr auch eine letzte Gnade dar, um das auf Erden nicht verweigerte Heil nachträglich anzunehmen, hinterließ im Publikum offene Fragen.

    Bearbeitet von Regina Einig

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