• aktualisiert:

    FRAN¹OIS RECKINGER.

    In den Fußstapfen des heiligen Don Bosco

    Was hat Sie an dem Fall Alojs Andritzki besonders interessiert? Als bischöflicher Bevollmächtigter musste ich mich grundsätzlich für alles interessieren, was das Leben entsprechend dem christlichen Glauben betrifft.

    François Reckinger Foto: IN

    Was hat Sie an dem Fall Alojs Andritzki besonders interessiert?

    Als bischöflicher Bevollmächtigter musste ich mich grundsätzlich für alles interessieren, was das Leben entsprechend dem christlichen Glauben betrifft. Bei der Untersuchung in einem solchen Verfahren werden alle Tugenden auseinandergepflückt und die Zeugen danach befragt: Inwieweit der Kandidat die auf Gott bezogenen Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, geübt hat – und ebenso die sittlichen Tugenden, und damit Haltungen wie Klugheit, Tapferkeit, Demut, Selbstbeherrschung, Mäßigkeit und Keuschheit, das heißt Beherrschung der Sexualität. Im Bereich der Tapferkeit ging es vor allem um die Frage seines Martyriums, das heißt um den Nachweis, dass er nicht etwa aus rein politischen Gründen, sondern wirklich für den Glauben an Jesus Christus und für seine Treue ihm gegenüber gestorben ist. Was zum Beispiel die Klugheit betrifft, wurde ausgesagt, Andritzki sei im Lernen zielstrebig gewesen, um gute Noten bemüht. Er platzte nicht mit seiner Meinung heraus, sondern überlegte gut, bevor er sich äußerte. Sein damaliger Kommilitone Werner Laukus konnte sich nicht erinnern, von ihm jemals ein vorschnelles, unbedachtes Urteil gehört zu haben.

    Wie zeigte sich die Klugheit des neuen Seligen darüber hinaus?

    Klugheit bedeutet immer auch, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und im Sinne Gottes darauf zu reagieren, das heißt vor allem, innerhalb der vorherrschenden Tendenzen zwischen Gutem und Bösem, Nützlichem und Unnützem zu unterscheiden. Die Frage danach hat besonders interessante Ergebnisse erbracht. So hat Andritzki einen Großteil seiner Sommerferien 1936 in Lubin in Polen verbracht und einen ausführlichen Bericht darüber in der Zeitschrift „Serbski student“ veröffentlicht. Darin wird seine hohe Wertschätzung für Polen, für dessen Bevölkerung und für die slawische Kultur überhaupt deutlich, und damit seine dezidierte Ablehnung des nationalsozialistischen Rassenwahns, gleichzeitig auch seine Offenheit für internationale Kontakte und seine grundsätzliche Bejahung zeitgemäßer Lebensgestaltung.

    Und als Seelsorger?

    Die Jungen und Mädchen, mit denen Andritzki später als Kaplan zu tun hatte, bescheinigten ihm, eine zeitgemäße Seelsorge betrieben zu haben. So hat er etwa die Jugendlichen in die Predigtvorbereitung mit einbezogen, indem er sie nach ihrer Meinung zu den anstehenden Themen fragte. Zusammen mit ihnen hat er sich einen von den Nazis propagierten Hetzfilm gegen die Kirche angesehen und mit ihnen darüber diskutiert. Biblische Erneuerung wurde in seinem Religionsunterricht spürbar. Er zeigte insbesondere auf, wie wichtig für uns Christen das Alte Testament ist. Das war eine deutliche Spitze gegen das NS-Regime.

    Immer wieder wird von Andritzkis Hilfsbereitschaft berichtet. Konnten die Zeugenaussagen das bestätigen?

    Alojs war bereits als Schüler ein Anziehungspunkt für andere Kinder und Jugendliche und wusste sie zu begeistern. Er sagte selber, dass Don Bosco sein Vorbild sei, in seine Fußstapfen wolle er treten. Sonntags nachmittags organisierte er Spiele mit Kindern und Jugendlichen und motivierte sie, vorher an der Andacht in der Kirche teilzunehmen. Als Gymnasiast und Student besuchte er zusammen mit seiner Mutter Kranke und erteilte in den Ferien anderen Schülern Nachhilfe in Latein. Der von den Eltern angestellten Waschfrau trug er gern die schweren Wassereimer, und im Dorf unterhielt er sich mit allen Menschen, auch mit den älteren und einfachen. Und es gibt noch viele ähnliche Beispiele.

    Sie sprachen gerade vom „Erkennen der „Zeichen der Zeit“ und seiner „Bejahung einer zeitgemäßen Lebensgestaltung“. Inwiefern wirkte sich das – außer in seinen Äußerungen, die er in Bezug auf das politische System machte – auf sein privates und geistliches Lebens aus?

    Er bemühte sich zum Beispiel um eine umfassende, zeitgemäße Ausbildung, lernte Stenographie und Maschinenschreiben und darum, überall Freunde zu finden und Verbindungen aufzubauen. Mit seinem Freund Laukus war er sich einig, dass sie beide das Priestersein entsprechend dem Geist einer neuen Zeit leben wollten. Als geistlichen Autor liebte er Guardini und war ein engagierter Befürworter der damals spürbar werdenden liturgischen Erneuerung. Er betonte, dass die Messe gefeiert, nicht „gelesen“ wird. Im ersten Brief aus dem KZ gebrauchte er den Ausdruck „Hochgebet“, wo man doch – bis in die 50er/60er-Jahre hinein – viel eher „Kanon“ erwartet hätte. Mit der Jugend in Dresden feierte er die hl. Messe jeden Mittwoch früh um 6.00 Uhr als „Gemeinschaftsmesse“ um einen Tisch vor den Stufen des Hochaltars der Hofkirche stehend. In einem Brief an seinen Bruder berichtet Alojs von einem Besuch während der Semesterferien im Oratorium in Leipzig, damals eines der Zentren der liturgischen Erneuerung. Liturgie sei dort auch das Hauptgesprächsthema gewesen. Er schreibt, es sei auch für das sorbische Volk besonders wichtig, die hl. Messe richtig mitzufeiern. Einen Anfang zur Bewältigung dieser Aufgabe hat Andritzki gemacht, indem er für seine Primizfeier in Radibor die Messtexte ins Sorbische übersetzte, sodass die Teilnehmer sie still mitlesen konnten.

    Inwieweit könnte Kaplan Andritzki denn heute eine Vorbildfunktion für junge Priester einnehmen, die ja zunehmend unter einen gesellschaftlichen Druck geraten und bisweilen unter Depressionen, Vereinsamung, fehlender Akzeptanz und geringen Zugangsmöglichkeiten zu jungen Leuten leiden könnten?

    Sie können sich von ihm in seiner Selbstbeherrschung und in der Arbeit an sich selbst eine große Scheibe abschneiden. Sie können aber nicht alle die gleichen Mittel anwenden wie er – nicht alle vermögen ja etwa im Handstand über einen Tisch zu laufen. Als er als neuer Kaplan zum ersten Mal zu seiner Jugendgruppe kam, lief er im Handstand über die Tische – die Jugendlichen standen im Halbkreis um die Tische herum. Er machte einen Abgang im Salto, kam auf beiden Füßen auf, hatte dabei die Hand schon an der Stirn, und fing dann mit dem Kreuzzeichen an, das Eröffnungsgebet des Treffens zu sprechen. Die Jungens haben getobt vor Begeisterung. Aber das kann natürlich nicht jeder.

    Taugt der Fall „Andritzki“ eigentlich als Beispiel für die systematische Verfolgung für die katholischen Priester im Dritten Reich?

    Die Nationalsozialisten waren gegenüber Priestern, die großen Einfluss und vor allem Einfluss auf die Jugend hatten, besonders allergisch. Insofern gilt das für alle Jugendseelsorger im Dritten Reich.