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    Im Blickpunkt: Wo sich die Spreu vom Weizen trennt

    Der diesjährige „Marsch für das Leben“ in Paris hat viel zur Unterscheidung der Geister beigetragen. Von Regina Einig

    Der diesjährige „Marsch für das Leben“ in Paris hat viel zur Unterscheidung der Geister beigetragen (Seite 12). Allein die ablehnende Positionierung der katholischen Landjugendbewegung im Sinne des feministischen Mainstreams spricht für sich: Katholische Jugendliche, die Abtreibung im Namen der Gewissensfreiheit als „Grundrecht“ auffassen und dafür die öffentliche Unterstützung des Generalvikars der Missionsgesellschaft in Frankreich erfahren, sind für ihre Ignoranz nur bedingt verantwortlich. Ehe sich ein Jugendverband dazu aufschwingen kann, friedlich demonstrierenden Lebensschützern „Hass und Intoleranz“ zu unterstellen, braucht es ein entsprechendes binnenkirchliches Klima und jahrelange katechetische Unterlassungen. Das Phänomen ist keineswegs typisch französisch, sondern lässt sich auch in anderen Ortskirchen beobachten. Wenn es um die Perspektive „Lebenrecht für alle“ geht, verschieben sich die Gewichte in katholischen Kreisen: Vom unbedingten Lebensrecht jedes Einzelnen ist immer seltener die Rede, von der relativierenden „Option Lebensschutz“ dagegen immer öfter. Der Skandal um die Landjugendbewegung könnte eine heilsame Wirkung entfalten, wenn sich die französischen Hirten zu einem deutlichen Korrektiv durchrängen. Doch nur ein einziger der über hundert auf französischem Territorium residierenden Bischöfe hat Konsequenzen aus der Affäre gezogen und streicht der von der Bischofskonferenz mit jährlich 570 000 Euro geförderten Bewegung seine diözesanen Zuschüsse, da sie aus seiner Sicht nicht mehr katholisch ist. Bischof Bernard Ginoux von Montauban hat deswegen zwar keine pastoralen Verluste zu befürchten, da die Landjugendbewegung in seinem ländlich geprägten Bistum faktisch erloschen ist und keinerlei Rolle mehr in der Jugendseelsorge spielt. Doch die Ausgrenzung des binnenkirchlichen Mainstreams, das Gros der Mitbrüder eingeschlossen, ist Bischof Ginoux sicher. Weniger informierte Jugendliche können tatsächlich den Eindruck gewinnen, es handele sich bei der Entgleisung der Landjugendbewegung um eine Bagatelle, zumal der für die Landjugend zuständige Rat der Französischen Bischofskonferenz in dieser Woche eiligst das „Vertrauensverhältnis“ mit den Jugendfunktionären wieder herstellen will. Dieser Beschwichtigungsversuch scheint allerdings nicht zu fruchten. Im März beginnt in Frankreich die Vorsynode für die Weltjugendsynode im Herbst, und viele katholische Jugendliche können nicht nachvollziehen, dass ausgerechnet ein Vertreter der Landjugendbewegung unter den drei Delegierten ist, die Frankreichs katholische Jugend repräsentieren sollen. Das Primat der Funktionäre widerspricht hier tatsächlich dem gelebten kirchlichen Engagement: Kein einziger der in Frankreich überaus aktiven Pfadfinderverbände hat es in das auserwählte Trio geschafft. Zu Recht protestieren die Katholischen Pfadfinder Europas in Frankreich dagegen, dass sie von Gleichaltrigen vertreten werden sollen, deren Auffassung der Lehre der Kirche diametral entgegensteht. Bei der Weltjugendsynode dürfte sich die Scheidung der Geister vertiefen, die mit der Weltfamiliensynode begonnen hat.