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    Würzburg

    Im Blickpunkt: Vergessen oder vergeben?

    Die Empörung über das Verhalten des Münsteraner Pfarrers Ulrich Zurkuhlen ist groß und berechtigt. Das gilt aber auch für die Frage, die er aufgeworfen hat.

    Symbolbild zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: Schockierendes Ausmaß
    Mit der Aufarbeitung der Missbrauchskrise stellt sich für die Kirche auch die Frage, wie sie mit den Tätern umgeht. Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

    Nein, Ulrich Zurkuhlen taugt gewiss nicht zum Vorbild und sicher ist er auch nicht Opfer einer Überreaktion geworden. Die Versetzung des Münsteraner Pfarrers in den Ruhestand war wohl alternativlos. Am vergangenen Mittwochnachmittag, kurz nach Druckschluss dieser Zeitung, gab Bischof Felix Genn seine Entscheidung bekannt, Zurkuhlen bei gekürzten Bezügen und einem Verbot der öffentlichen Zelebration in den Ruhestand zu versetzen. Dem vorausgegangen war eine verunglückte Predigt über das Thema Vergebung, vehementer Protest der Gemeinde, öffentliche Diskussionen – und teils groteske Rechtfertigungsversuche des 79-jährigen Zurkuhlen.

    Vergebung wird nicht geschuldet

    Überraschend wenig wurde seit dem Bekanntwerden der Skandalpredigt allerdings über dessen Thema gesprochen. In einem seiner nachträglichen Erklärungsversuche auf seiner Webseite schreibt Zurkuhlen, er habe gepredigt, „dass ich es auch an der Zeit fände, dass unsere kirchlichen Hierarchen doch auch den Missbrauchs-Tätern irgendwann vergeben würden“. In einem Kommentar auf „katholisch.de“ erklärte der Jesuitenpater Klaus Mertes am vergangenen Mittwoch, Täter hätten kein Recht auf Vergebung durch ihre Opfer. Diese dürften ihre Peiniger auch dem Gericht Gottes anvertrauen und sie nie wieder sehen wollen. Ähnlich äußerten sich auch Theologen.

    Bischof Genn selbst erklärte, „Vergebung ist immer ein Geschenk, auf das ich kein Anrecht habe. Vergebung ist immer eine Gnade, die mir geschenkt wird.“ Dass dabei immer und zuallererst die Opfer tätig werden müssen, ist keine Frage mehr. Wenn die Opfer ihren Tätern nicht vergeben können, erübrigen sich fast alle weiteren Überlegungen. Viel zu lange hat die Kirche schließlich das Gegenteil getan und in erster Linie versucht, den Schaden für das System möglichst gering zu halten. Die gegenwärtige Krise ist damit in weiten Teilen hausgemacht.

    Zu ihrer Lösung genügt es aber nicht, nur darauf zu blicken, was „das System“ falsch gemacht hat. Es muss auch die Frage geklärt werden, wie die Kirche, das Volk Gottes, mit den Tätern umgeht. Der sexuelle Missbrauch ist schließlich nicht einfach nur ein Geschehen zwischen zwei Personen, klerikale Täter versündigen sich gegen die ganze Gemeinschaft. Diese gewährt ihnen qua ihres Amtes schließlich einen Vertrauensvorschuss, der auf perverse Weise ausgenutzt wird. Man denke nur an die Eltern der Kinder, die zu Opfern wurden. Auch sie stellen sich die Frage, wie sie mit den Tätern umgehen können.

    Ein erster, wichtiger Schritt ist die Weiterentwicklung der kirchlichen Straf- und sonstigen Rechtsnormen im Zusammenhang mit dem Missbrauch. Die zahlreichen Präzisierungen und Verschärfungen fanden in den zurückliegenden Jahren gerade unter Experten viel Zustimmung. Neben der besseren Verfolgbarkeit einzelner Taten setzt sich damit auch ein neuer Blick auf den Missbrauch selbst durch. Auch in der Kirche wird er heute als eine Art Offizialdelikt behandelt. Die Zeiten sind vorbei, in denen eine Missbrauchstat nach Gutdünken eines Ordinarius verfolgt wurde – oder eben nicht. Mit der zu Recht harten Linie gegen Täter und Vertuscher stellt sich heute aber auch die Frage: Was kommt danach?

    Was macht die Kirche mit den Tätern?

    Indem die Kirche Taten und Täter endlich aus dem Dunkel zieht, muss sie sich auch damit auseinandersetzen, wie sie mit Tätern umgeht, die ihre Strafe erhalten und aufrichtig bereut haben. In der alten Kirche mussten Sünder öffentlich vor der gesamten Gemeinde Buße leisten. Selbst wer wegen schwerster Verfehlungen aus der Gemeinschaft verstoßen wurde, konnte so, teils nach Jahren, wieder vor aller Augen aufgenommen werden. Im Jahr 2019, in dem die Missbrauchskrise die Kirche so schwer erschüttert wie noch nie, dürfte manchem schon die Vorstellung, über Vergebung gegenüber Tätern zu diskutieren, absurd vorkommen. Und doch verlangt der christliche Glaube, bei aller Aufarbeitung und Verfolgung auch zu bedenken: Können wir Missbrauchstätern vergeben?

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