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    Im Blickpunkt: Die Frage nach der Macht

    Reform für eine Kirche, die der Lebenswirklichkeit der Menschen von heute entspricht. Von Guido Horst

    Jetzt hat sich der Vatikan zum zweiten Mal mit dem Vorfall aus dem Jahr 2009 befasst, der dem ehemaligen Kurienmitarbeiter Pater Hermann Geißler 2014 eine Ermahnung durch seine Vorgesetzten, ihm dann Ende letzten Jahres seinen Job an der Glaubenskongregation gekostet und nun einen Freispruch durch fünf Richter der Apostolischen Signatur eingebracht hat. Das schriftliche Urteil mit den Begründungen des obersten Vatikangerichts steht noch aus. Aber der Zorn, den die Anklägerin, die ehemalige Schwester Doris Wagner der Gemeinschaft „Das Werk“, nach Bekanntwerden der richterlichen Entscheidung über ihren Twitter-Kanal ergoss, zeigt, dass der Fall noch nicht abgeschlossen ist. Statt die Versöhnung mit ihrem ehemaligen Beichtvater zu suchen, zieht Frau Wagner, heute Reisinger, weiter durch die Öffentlichkeit, um die Episode von 2009 als Beleg für ihren Feldzug gegen den Missbrauch von geistlicher Macht in der katholischen Kirche zu nutzen. Als Konzeugin gegen eine Institution, die in ihrem Inneren Menschen bricht, um sie zu führen und wie Werkzeuge zu lenken, tritt sie auch in dem auf dem Münchener Dokumentarfilmfestival Dok.fest vorgestellten Film von Christoph Röhl über Benedikt XVI. auf, der zwar den harmlosen Titel „Verteidiger des Glaubens“ trägt, aber dann doch zum Porträt eines Gescheiterten wird, der die Kirche in die schwerste Krise ihrer Geschichte geführt hat.

    Es geht bei den Anklagen der Doris Wagner schon längst nicht mehr bloß um eine unglückliche Begegnung mit ihrem ehemaligen Beichtvater Geißler. Es geht auch nicht allein um die Gemeinschaft „Das Werk“. Es geht denen, die den Fall Wagner instrumentalisieren, um das Ganze, um die Kirche. Sie soll sich ändern. Eine vermeintliche Männerorganisation, die nur die eigene Institution schützen will, soll abgelöst werden durch eine neue Kirche, die der Lebenswirklichkeit der Menschen von heute entspricht.

    Nur so ist es auch verstehen, dass einige deutsche Bischöfe den synodalen Weg, den die Bischofskonferenz nun beschreiten will, dazu nutzen wollen, Dinge umzusetzen, die mit dem Auslöser dieses Wegs, der Missbrauchskrise, zunächst einmal gar nichts zu tun haben: Die Weihe von Frauen, zunächst nur zu Diakoninnen, die Ausnahmen von der Zölibatsverpflichtung für Priester und die Neuausrichtung der katholischen Sexualmoral an den humanwissenschaftlichen Erkenntnissen der vergangenen Jahre berühren gar nicht den Kern der Missbrauchsseuche: die Verdunstung des Glaubens einhergehend mit einer Verlotterung des Gespürs für das moralisch Gebotene.

    Darum hat die Debatte um die vermeintliche Reform des Systems Kirche, die nun katholische Akadiemietagungen, diözesane Räte oder den Gremienkatholizimus durchzieht und auch hinter der unseligen Aktion Maria 2.0 steht, etwas Geisterhaftes: Was denn in Wahrheit die Kirche ist, was das Ideal des christlichen Lebens ist, was die Neuheit ist, die sich in Jesus Christus offenbarte und in den Sakramenten täglich zu greifen ist, kommt in ihr gar nicht mehr vor. Kirche wird nur noch soziologisch gesehen, wo sich dann fast alles auf die Frage nach der Macht reduziert. Mit den wirklichen Reformen, die es in der Kirche immer wieder gegeben hat, hat das nichts mehr zu tun.

    Von Guido Horst

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