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    Ikone der Nächstenliebe

    In Tours sah er den Sarkophag mit den Resten des heiligen Martin „in einer riesigen Menge aus Silber, Gold und Edelsteinen“ schimmern, die „enorme Basilika aus wunderbarem Mauerwerk“ verglich er mit jener in Santiago de Compostela. Der Verfasser des Codex Calixtinus, des großen mittelalterlichen Standardwerks zum Jakobuskult, erhob Tours im zwölften Jahrhundert quasi zur Pflichtstation der Jakobspilger durch Frankreich und unterstrich die Bedeutung des wundertätigen Martin als jenem, der „drei Tote“ wiedererweckt und „Leprösen, vom Wahn Befallenen, Verwirrten, vom Teufel Besessenen und anderen Kranken“ die Gesundheit zurückgegeben haben soll. In der Basilika, so der Codex-Verfasser weiter, „werden Kranke geheilt, werden Besessene befreit, sehen Blinde wieder, erheben sich Gelähmte, wird jede Art von Krankheit geheilt“.

    Martin teilt den Mantel. Skulpturenensemble neben der Neuen Basilika von Tours. Foto: A. Drouve

    In Tours sah er den Sarkophag mit den Resten des heiligen Martin „in einer riesigen Menge aus Silber, Gold und Edelsteinen“ schimmern, die „enorme Basilika aus wunderbarem Mauerwerk“ verglich er mit jener in Santiago de Compostela. Der Verfasser des Codex Calixtinus, des großen mittelalterlichen Standardwerks zum Jakobuskult, erhob Tours im zwölften Jahrhundert quasi zur Pflichtstation der Jakobspilger durch Frankreich und unterstrich die Bedeutung des wundertätigen Martin als jenem, der „drei Tote“ wiedererweckt und „Leprösen, vom Wahn Befallenen, Verwirrten, vom Teufel Besessenen und anderen Kranken“ die Gesundheit zurückgegeben haben soll. In der Basilika, so der Codex-Verfasser weiter, „werden Kranke geheilt, werden Besessene befreit, sehen Blinde wieder, erheben sich Gelähmte, wird jede Art von Krankheit geheilt“.

    Die alte Basilika ist nahezu im Nichts versunken

    Mit ihrem Ensemble aus Türmen und einer Länge von über hundert Metern muss die Basilika einen ergreifenden Anblick geboten haben. „Es war damals eines der größten Gotteshäuser in Europa“, sagt Stadtführerin Annick Sommer, die Besucher von heute vor die Tristesse aus Ruinen in der Rue des Halles führt. Bis auf ein paar magere Turmteile und Fundamente ist die alte Basilique Saint-Martin im Nichts versunken, eine Schautafel mit zwei Skizzen des einstigen Prachtbaus steckt den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ab. Die Plünderung 1562 durch die Hugenotten, die Französische Revolution, während der Pferdestallungen in ihr untergebracht waren, später der Einsturz der Gewölbe, der weitgehende Abriss unter Präfekt François René Jean de Pommereul – bis ins 19. Jahrhundert hinein durchlebte die Basilika ihre Todesstöße in mehreren Akten.

    Was jedoch geschah mit den Reliquien des heiligen Martin? Was ist von ihm geblieben in „seinem“ Tours, wie gedenkt die Stadt seiner? Dort, wo er 372 zum Bischof geweiht wurde, wo sein Einfluss weit ins Land der Touraine ausstrahlte, dort, wo er drei Tage nach seinem Tod am 8. November 397 im Örtchen Candas und der Bootsüberführung über die Loire auf dem öffentlichen Friedhof beigesetzt wurde. Sicher, es ist lange her, in der Zweiflüssestadt seither viel Wasser die Loire und den Cher hinuntergeflossen und manches zwangsläufig im Strom der Zeiten versunken – doch Martin bleibt auf unterschiedlichste Art allgegenwärtig als Begleiter durch Tours. Da reichen in der Altstadt bereits Blicke auf den Boden, so wie in der Rue Bernard Palissy und auf dem Vorplatz der Kathedrale, wo eingelassene Rundplaketten mit dem Schriftzug „Sanctus Martinus“ die Mantelteilungsszene zeigen.

    Die Kathedrale, die sich mit einer Doppelturmfassade zum Platz hin wendet, ist allerdings nicht nach Martin, sondern nach Tours' erstem Bischof Gatien benannt. Die Ursprungskirche aus dem vierten Jahrhundert, in der Martin die Bischofsweihe empfing, wurde im Mittelalter durch eine gotische Kathedrale überlagert, deren Bau Ludwig der Heilige und Blanca von Kastilien wesentlich mitförderten. Im Innern ist der heilige Martin auf einem Großgemälde im Altarraum sowie einem Wandbild in der Grabkapelle der Kinder von Frankreichs König Karl VIII. und Anne de Bretagne präsent: mit der berühmten Mantelszene, die auch im Chorumgang in der Franziskuskapelle wieder auftaucht.

    Dieses einschneidende Begebnis, das den jungen Martin zu Pferd als Soldaten zeigt, der am Stadttor von Amiens seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilt, steht am Anfang einer Abfolge aus zwanzig kleinen, um das Jahr 1300 entstandenen Buntglasfenstern. Diese thematisieren ausführlich das wohltätige Wirken und das Leben Martins, so auch die Vision des schlafenden Heiligen in der Nacht nach der Mantelzertrennung. Christus hält die Hälfte des Mantels in Händen und scheint ihm wie im Matthäusevangelium (25, 36.40) zuzusprechen, um die ewige Gültigkeit der Worte zu bestätigen: „Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben ... Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

    Weitere Glasfensterszenen zeigen Mirakelmotive wie die Wiedererweckung eines Toten und die Austreibung des Teufels aus dem Körper eines Besessenen, Martins Bischofsweihe, die diabolische Bedrängnis durch das Böse, seine Predigten und Taufen bei der Landbevölkerung, den Besuch bei einem anderen Bischof und schließlich eine Messe, bei der er den Umhang eines Bettlers trägt. Am Ende steht Martins Tod bei einer Seelsorgereise in Candes, gefolgt von der Bootsüberführung nach Tours und der Beisetzung unter großer Anteilnahme der Bevölkerung.

    Über dem Grab des Heiligen ließ Martins Bischofsnachfolger Brice eine Kapelle errichten, auf die eine erste, im Jahr 471 geweihte Basilika folgte, die 996 durch Normannen zerstört wurde und ab 1014 ihren Wiederaufbau im Stil der großen Pilgerkathedralen erfuhr. Die Überlieferung will, dass es einem Priester zur Zeit der Plünderung der Basilika durch die Hugenotten (1562) gelang, zumindest einen kleinen Teil der Martinsreliquien zu retten. Auf Grabungsinitiativen des Juristen Léon-Papin Dupont ereignete sich im Dezember 1860 die Sensation: Das Martinsgrab wurde wiederentdeckt! Zumindest Überbleibsel der Grabstätte. Dies führte bei den Ruinen der Alten Basilika zum Bau der neuen Basilique Saint-Martin, ein Mammutwerk des Architekten Victor Laloux in neo-römisch-byzantinischem Stil, geweiht 1925.

    In luftiger Höhe sitzt dem Bau ein Bildnis von Martin als Bischof auf, vor dem Südportal zeigt ein Skulpturenensemble einmal mehr die Mantelteilung, in der Tiefe der Basilika führt der Weg in die Krypta. Dort erwartet Gläubige das „Tombeau“, was sich zwar mit „Grab“ übersetzen lassen mag, doch auf eingefasste Steinreste des Originalgrabmals beschränkt. Ein Reliquiar, das am 11. November öffentlich gezeigt wird, birgt Teile vom linken Arm und vom Schädel des Heiligen.

    Ansonsten verläuft der Gedenktag erstaunlicherweise eher gewöhnlich. „Der heilige Martin wird bei uns kaum gefeiert, in unseren Kindergärten spricht man nicht über Religion, wir haben auch keine Martinsgans“, dämpft Fremdenführerin Annick Sommer falsche Erwartungen und steckt internationale Unterschiede in der Brauchtumspflege ab.

    Geht es nach den sechs Benediktinerinnen vom Heiligen Herzen von Montmartre, die sich sich um die Basilika kümmern und im Gebäude nebenan auf Anfrage Pilgergruppen bekochen, soll sich dies ändern. „Wir möchten, dass am Festtag möglichst viele Menschen Martin wieder entdecken“, sagt eine der Schwestern. Für die kleine Gemeinschaft ist Martin „ein immer aktueller Heiliger“ geblieben, wie auch das Infoblatt in der Basilika titelt, das zwei Papstzitate von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu Martin anführt. 1996 unterstrich Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Tours die fortdauernde Begleitung des Heiligen: „Wenn ihr ihn darum bittet, wird er keinen von euch im Stich lassen, keinen von jenen, die er voller Kummer auf den gekrümmten Wegen des Lebens sieht.“

    Allein in Frankreich sind ihm viertausend Kirchen geweiht

    Und in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ hat Benedikt XVI. an Martin als jenen Soldaten erinnert, „der später Mönch und Bischof“ wurde und hinzugesetzt: „Wie eine Ikone verdeutlicht er den unersetzlichen Wert des individuellen Liebes-Zeugnisses.“

    In der liebens-, lebens- und besuchenswerten Stadt Tours führt das Leitmotiv Martin auf die stimmungsvolle Place Plumereau, wo ein Schieferhaus am Platzeck einst Pilgerunterkunft bot, und auf die andere Seite der Loire zur Abtei Marmoutier, die Martin 372 begründete. Um „ein vergessenes Stück vom Erbe Martins zu entdecken“, propagiert das in Tours ansässige Europäische Kulturzentrum Saint-Martin neuerdings „Martinswege“ als „Wanderwege europäischer Kultur“. Eine Route führt über 236 Kilometer von Poitiers über Ligugé nach Tours, eine andere unter dem Leitmotiv „Der Sommerweg von Sankt-Martin“ von Chinon über Candes ins 104 Kilometer entfernte Tours. Die Spurensuche in Tours selbst komplettiert das kleine Sankt-Martin-Museum in der Rue Rapin. Der Zugang führt an privaten Briefkästen im Hauseingang vorbei, hinter der Glastür öffnet sich ein Ein-Raum-Museum mit Skulpturen, Bild- und Schautafeln. Darauf überrascht zum Abschluss eine Zahl. Alleine in Frankreich, so ist zu lesen, haben im Lauf der Zeiten 4 000 Kirchen den Namen Sankt Martin erhalten.