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    „Ich weiß, wem ich geglaubt habe“

    Der Papst spricht Ende Mai in Rumänien sieben wahre Märtyrerbischöfe selig. Von Rudolf Grulich

    Orthodoxe in Rumänien
    Die orthodoxen Priester in Rumänien tragen Palmenzweige vor der Kathedrale des Patriarchen in Bukarest. Ende Mai werden ... Foto: dpa

    Rumänien galt als kommunistisches Land und Mitglied des Warschauer Paktes als eine Ausnahme im Ostblock. Man glaubte im Westen, dass Präsident Ceauºescu außenpolitisch einen eigenen Weg ging, weil er 1968 bei der Niederschlagung des Prager Frühlings keine Truppen für die Besetzung der CSSR bereitgestellt hatte. Innenpolitisch war Rumänien aber einer der repressivsten kommunistischen Staaten. Doch andererseits hatten die nationalen Minderheiten mehr Rechte als in den anderen Ländern. Die Deutschen hatten zwei Tageszeitungen, Gymnasien und andere Schulen, aber trotzdem drängten sie zur Auswanderung. Auch die Tatsache, dass es bei der Wende 1989 nur in Rumänien Todesurteile für den Präsidenten und seine Frau gab, war eine außergewöhnliche Entwicklung.

    Rumänien war nach der Sowjetunion das zweitgrößte orthodoxe Land, eine Rolle, die jetzt die Ukraine einnimmt. Wie 1946 in der Ukraine war 1948 auch in Rumänien die seit 1697 mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche zwangsaufgelöst und in die orthodoxe Kirche gezwungen worden. Wie in der Sowjetunion und in der Tschechoslowakei waren alle katholischen Orden verboten und war die Zahl römisch-katholischer Diözesen eingeschränkt. Von sechs Diözesen waren nur zwei, nämlich Karlsburg (Alba Julia) und Bukarest anerkannt. Bukarest duldete zwar orthodoxe Klöster, unterdrückte aber brutal alle katholischen klösterlichen Gemeinschaften.

    Die unierte (griechisch-katholische) Kirche des byzantinischen Ritus zählte nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Machtübernahme der Kommunisten in fünf Diözesen über 1,5 Millionen Gläubige. Wie in der Ukraine 1946 sollte eine von den Kommunisten erzwungene Synode die „Rückkehr“ dieser Kirche zur Orthodoxie beschließen, aber nur 38 von insgesamt 1 810 katholischen Priestern konnte so unter Druck gesetzt werden, dass sie am 1. Oktober 1948 ein Dokument unterschrieben, das ausgerechnet 250 Jahre nach der Union von Alba Julia die Union mit Rom auflösen sollte. Bischof Iuliu Hossu von Klausenburg hatte schon am Vorabend dieser erzwungenen Versammlung alle eventuellen Teilnehmer exkommuniziert. Daher hatte diese von den kommunistischen Behörden manipulierte Versammlung keinerlei rechtmäßigen Charakter und schon gar nicht die Autorität einer Synode, wie von kommunistischer und orthodoxer Seite immer wieder durch vier Jahrzehnte gesagt wurde. Auf dem Weg der 38 Priester nach Bukarest konnte ein Priester noch fliehen, sodass nur 37 Priester diese „Rückkehr“ zur orthodoxen Kirche unterschrieben.

    Ein Regierungsdekret hob am 1. Dezember 1948 offiziell die Rumänisch-Unierte Kirche mit allen Institutionen und Körperschaften auf. Seitdem durfte im ganzen Land nichts mehr an die Unierten erinnern. Alle Bischöfe waren verhaftet worden und starben in der Folgezeit im Kerker, als erster 1950 Weihbischof Vasile Aftenie in Bukarest, dann Bischof Valerian Traian Frenþiu von Großwardein 1952 in Sighet, wo auch die Weihbischöfe von Großwardein, Ioan Suciu, und Titu Liviu Chinezu von Fagaras-Großwardein 1953 umkamen. Die Überlebenden wurden nach Curtea d'Argeº gebracht, später kamen sie getrennt in verschiedene orthodoxe Klöster. 1959 starb Bischof Ioan Balan von Lugoj in Bukarest, 1963 Bischof Alexandru Rossu, der erste griechisch-katholische Bischof von Maramureº, in Gherla. Der letzte der unierten Hierarchie Rumäniens war Iuliu Hossu. 1969 wurde er von Papst Paul VI. zum Kardinal in petto ernannt. Erst 1973, drei Jahre nach seinem Tode am 28. März 1970, wurde im Konsistorium am 3. März sein Name genannt, als „Symbol und Repräsentant des Glaubens vieler Bischöfe, Priester, Mönche und Gläubigen der rumänischen Kirche des byzantinischen Ritus“, wie der Osservatore Romano vom 5./6. März meldete. Wie die unierte Kirche in der Ukraine hätte man im Westen die unterdrückten rumänischen Unierten am liebsten vergessen. Sie waren für viele ein Störfaktor bei den „ökumenischen“ Kontakten zur orthodoxen Kirche.

    Alle zwischen Bukarest und dem Vatikan geführten Verhandlungen um eine Verbesserung der Lage in der Kirche hatten keine Anzeichen für ein Entgegenkommen der rumänischen Seite gebracht. Stattdessen zeigte sich, dass sich das Problem der Unierten auch nach fast 40 Jahren nicht gelöst hatte, denn gerade aus den Reihen dieser oft totgesagten Unierten sind immer wieder Memoranden an den Staats- und Parteichef Ceauºescu bekannt geworden und auch in den Westen gelangt, in dem unierte Gläubige betonten, sie seien ihrer Kirche treu geblieben, und worin sie forderten, ihre Kirche wieder zuzulassen.

    Allein die Tatsache, dass uns mehr als 30 solcher Petitionen bekannt sind, die mit der Forderung um Wiederzulassung der unierten Kirche an die staatlichen Behörden gerichtet wurden, zeigt, dass es diese Kirche des byzantinischen Ritus immer noch gab. Auch die Gesetze des Staates sprachen dafür, denn es war ein Gesetz in Kraft, das jedem Gläubigen die Beschlagnahme des ganzen Vermögens androhte und Gefängnis bis zu acht Jahren vorsah, falls eine Familie einen unierten Priester aufnahm und mit ihm nach byzantinischem Ritus die Liturgie feierte. Das geschah aber immer noch wie in der Ukraine, und wie dort konnte auch für Rumänien gesagt werden, dass trotz des Verbots und der Unterdrückung die unierte Kirche lebte.

    Johannes Paul II. hatte bei der Weihe des innerhalb der Kurie tätigen unierten Bischofs Traian Criºan am 6. Januar 1982 die Hoffnung ausgesprochen, dass die unierte Kirche Rumäniens „als anerkannter … einheimischer Ritus“ weiterbestehen möge und rief alle Gläubigen auf, ihren Glauben unerschüttert zu bewahren. Mit Empörung reagierte die Orthodoxe Kirche: In einem Telegramm des Patriarchen Justin an Staats- und Parteichef Ceauºescu vom 13. Januar 1982 heißt es, die Mitglieder der Heiligen Synode hätten „ihre tiefe Empörung zum Ausdruck gebracht und die letzte Erklärung des Papstes über eine Reaktivierung der Unierten, was eine Trennung von Angehörigen der Rumänischen Orthodoxen Kirche voraussetzen würde, scharf verurteilt. Die Zahl der unierten Priester, die ihr Amt im Geheimen in kleinem Kreis ausübten und zelebrierten, Taufen spendeten und bei Trauungen assistierten, betrug einige Hunderte. Die Wende in Südosteuropa hat auch der katholischen Kirche Rumäniens eine Auferstehung gebracht. Die vom Staat aufgelöste Griechisch-Katholische Kirche wurde wieder zugelassen und alle Diözesen beider Riten konnten wieder mit Bischöfen besetzt werden. Der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Rumänien zeigte den erfolgreichen Neubeginn besonders deutlich.

    Aus den kommunistischen Archiven kamen wichtige Quellen zum Vorschein, die für den Seligsprechungsprozess wertvolles Material enthielten und bewiesen, dass es sich um wahre Märtyrer handelt. So weiß man, dass Weihbischof Vasile Aftenie im Keller des Innenministeriums gefoltert wurde und verkrüppelt im Gefängniskrankenhaus 1950 den Tod fand, von einem Offizier der Securitate erschossen. Erst 1990 erhielt er einen Grabstein, der zu einem Wallfahrtsort wurde, wie Kerzen und Blumen täglich zeigen. Bischof Ioan Suciu starb krank und gebrochen von Hunger und Kälte in Einzelhaft im Gefängnis von Sighet und wurde ohne Sarg in einem Massengrab verscharrt. Der erst im Dezember 1949 geheim geweihte Bischof Titu Liviu Chinezu fand ein ähnliches Massengrab, nachdem er im Januar 1955 spärlich bekleidet bei offenem Zellenfenster nach fünf Tagen völlig unterkühlt starb. Bischof Ioan Balan war zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, stand aber bis zu seinem Tode 1959 „nur“ unter Hausarrest. Bischof Alexandru Rusu starb im Zuchthaus in Gherla. Der letzte überlebende Bischof Iuliu Hossu war wie die anderen jahrelang inhaftiert, bis 1955 im Gefängnis von Sighet. Später stand er unter Hausarrest in orthodoxen Klöstern, dann wurde er in ein Krankenhaus in Bukarest verlegt. Dort waren sterbend seine letzten Worte: „Mein Kampf ist vorbei, ich weiß, wem ich geglaubt habe!“

    Die einzige Schuld der sieben neuen Seligen war ihre Treue zu Rom. Als Papst Franziskus am 10. März dieses Jahres alle Voraussetzungen für die Seligsprechung bestätigen konnte, war der Weg zur Seligsprechung frei. Der Papst wird sie bei seinem Besuch Ende Mai in Rumänien vornehmen, wo er zum ersten Mal einer Eucharistiefeier im byzantinischen Ritus der Chrysostomos-Liturgie vorstehen wird.

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