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    „Ich habe euch erwartet“

    Brancaccio ist Mafia-Land. Von den 11 000 Einwohnern dieses Viertels am östlichen Stadtrand von Palermo sind 35 Prozent arbeitslos, Hunderte im Gefängnis, dreißig Prozent der Erwachsenen können weder lesen noch schreiben. Armut, Arbeitslosigkeit und Unwissenheit treiben die Menschen schon früh in die Hände der Mafia: Hier rekrutiert die Cosa nostra ihre Killer, benutzt Kinder als Drogenhändler, Zigarettenschmuggler und Schutzgelderpresser. Die Welt der Kinder beschränkt sich auf die lärmig-stickige Via Brancaccio. Dort, wo sich die Straße gabelt, wacht die Statue des Schutzpatrons von Brancaccio, San Gaetano. In seinem Augenwinkel sieht der Heilige das Centro Padre Nostro.

    Guiseppe Puglisi wurde 1993 auf dem Heimweg von Killern der Mafia ermordet. Das Bild zeigt ihn bei einer Eucharistiefeie... Foto: dpa

    Brancaccio ist Mafia-Land. Von den 11 000 Einwohnern dieses Viertels am östlichen Stadtrand von Palermo sind 35 Prozent arbeitslos, Hunderte im Gefängnis, dreißig Prozent der Erwachsenen können weder lesen noch schreiben. Armut, Arbeitslosigkeit und Unwissenheit treiben die Menschen schon früh in die Hände der Mafia: Hier rekrutiert die Cosa nostra ihre Killer, benutzt Kinder als Drogenhändler, Zigarettenschmuggler und Schutzgelderpresser. Die Welt der Kinder beschränkt sich auf die lärmig-stickige Via Brancaccio. Dort, wo sich die Straße gabelt, wacht die Statue des Schutzpatrons von Brancaccio, San Gaetano. In seinem Augenwinkel sieht der Heilige das Centro Padre Nostro.

    Vor seinem Tod 1993 hat Guiseppe Puglisi, der damalige Pfarrer von San Gaetano, das Centro Padre Nostro gegründet. Die Mitarbeiter des Zentrums wollen Jugendlichen eine Perspektive geben und die Bewohner von der Mafia unabhängig machen. Der Mafia, die im Sumpf von Resignation und Armut gedeiht, ist das Zentrum ein Dorn im Auge. Deshalb ist es bis heute Diebstählen, Zerstörungen und Drohungen ausgesetzt. Und deshalb hat die Mafia auch Puglisi umgebracht, ehe er das Zentrum einweihen konnte. Aber mit ihrer Brutalität bringt die Mafia ihre Gegner nicht zum Schweigen, sondern steigert den Protest: Palermo jubelte, als Papst Benedikt XVI. im Juli bekannt gab, Pfarrer Puglisi, den alle „Don Pino“ nannten, seligzusprechen.

    Puglisi war gerade 56 Jahre alt, als ihn am 15. September 1993 Mafiosi vor seiner Haustür abpassten: Vier Killer verstellten ihm den Weg, einer schoss ihm eine Kugel ins Genick. Der Mörder, Salvatore Grigoli, gestand später, er könne das Lächeln des Priesters im Augenblick seines Todes nie vergessen, auch nicht seine letzten Worte: „Ich habe Euch erwartet.“ Zeit seines Lebens hatte der Priester die Verbrechen der Cosa nostra und deren örtlicher Familie, der Gravianos, angeprangert, auch wenn die Brüder Giuseppe und Filippo Graviano die Sonntagsmesse in der Kirche San Gaetano besuchten.

    Über eine Verstrickung zwischen Kirche und Mafia, besonders in Süditalien, wird viel spekuliert: Hier Geistliche, die sich von der Mafia einwickeln lassen, weil die Staatsmacht schwach und der örtliche Mafia-Pate spendabel ist und in die Kirche geht. Dort Mafiosi, die sich religiös geben: Heiligenbilder, Rosenkränze und Bibeln sollen bei flüchtigen Mafiosi gefunden worden, Mafiosi sich vor einem Mord noch kurz bekreuzigt haben. Dass Mord, Diebstahl und Erpressung Gottes Gebote verletzen, scheint den Verbrechern gar nicht aufzufallen. Mit der Instrumentierung katholischer Symbole und Traditionen wolle die Mafia ihre Hierarchie und ihren Verhaltenskodex rechtfertigen, sagt der Soziologe und Theologe Augusto Cavadi. Und die Soziologin Alessandra Dini meint, Gott sei für Mafiabosse selbst ein Pate: „Der Gott der Mafia ist ein omnipotenter und nicht verständnisvoller Gott, transzendent und doch wie ein zu fürchtender Herrscher hoch über den Menschen stehend, unerreichbar“, sagt sie. „Eher ein Padrino als ein Padre, also ein Boss und kein Vater.“ Mit dem Gott des Evangeliums hat solch eine Frömmelei wenig zu tun. Deshalb brach Don Pino das Schweigen und kritisierte, wie die Mafia arbeitslose Jugendliche für ihre Verbrechen instrumentierte: Heranwachsende würden über Wach- und Botendienste ins Drogengeschäft gezogen und endeten als Killer. Mädchen würden durch erzwungene Familientreue-Eide zu passiven Mittätern. Aber erwachsene Mafiosi zur Umkehr zu bewegen, war fast unmöglich, wusste Don Pino aus Erfahrung. Wenn sich etwas in Brancaccio ändern sollte, müsste er bei der jüngeren Generation ansetzen. Deshalb konzentrierte er sich auf die Erziehung der jungen Leute: Er vermittelte ihnen den Wert von Ehrlichkeit, Selbstachtung, Nächstenliebe und wirklicher Gottesfurcht. Er zeigte ihnen, dass ein reines Gewissen mehr wert ist als Reichtum, Macht oder Ansehen bei der „ehrenwerten Gesellschaft“. Er baute mit dem Centro Padre Nostro, wo Kinder und Jugendliche spielen und etwas lernen konnten, eine Gegenwelt zur Mafia-Realität auf.

    Die Entscheidung, Don Pino zu töten, muss die Mafia nach der Pastoralreise von Johannes Paul II. 1993 in Sizilien gefasst haben. Erstmals klagte ein Papst die Mafia öffentlich an: „Gott hat gesagt: Du sollst nicht töten. Kein Mensch, keine Menschenvereinigung, keine Mafia kann dieses hochheilige Gesetz Gottes ändern und mit den Füßen treten“, sagte Johannes Paul II. am 9. Mai 1993 zum Abschluss einer Messe in Agrigent. Dann wandte er sich direkt an die Mafia: „Im Namen Christi ... wende ich mich an die Verantwortlichen: Kehrt um! Eines Tages wird Euch das Jüngste Gericht Gottes einholen!“

    Für die Cosa Nostra war das eine Kriegserklärung: Zwei Wochen später schockten Bomben-Attentate das Land. Die Antimafia-Staatsanwälte Falcone und Borsellino wurden mit Sprengsätzen getötet, Bomben detonierten vor Museen, Theatern und Kirchen in Rom. Mitte September 1993 wurde Don Pino umgebracht. Diesmal schwieg die Kirche nicht: Schon Ende 1991 hatte die italienische Bischöfe die „Erziehung zur Legalität und Aufhebung der ungerechten Bindung von Politik und Geschäft“ gefordert. Nach der Ermordung von Don Pino betonte die sizilianische Bischofskonferenz im Mai 1994 in ihrem Hirtenbrief „Neue Seelsorge und Evangelisation“ die absolute Unvereinbarkeit der Mafia mit dem Evangelium. Einem Christen sei es nicht gestattet, sich um Hilfe oder der Vorteile wegen an die Mafia zu wenden.

    Im Oktober 2010 forderte Papst Benedikt XVI. die Menschen bei seinem Besuch in Palermo auf, sich an Don Pino Puglisi ein Beispiel zu nehmen. Denn 1999 war das Seligsprechungsverfahren für Don Pino auf Betreiben von Kardinal Pappalardo eingeleitet worden. Für das Verfahren musste keine Wundertätigkeit bewiesen werden. Vielmehr ging es um die Frage, ob der Priester „in odium fidei“, das heißt aus Hass auf seinen Glauben getötet worden sei. Es wäre die erste Seligsprechung eines Opfers der Mafia.

    Spektakuläre Erfolge gegen das organisierte Verbrechen täuschen nicht darüber hinweg, dass die Mafia in einer neuen Generation von Kriminellen weiterlebt, die subtiler arbeitet als ihre Vorgänger, aber mindestens ebenso gefährlich ist. Das direkte Eintreten gegen die Paten bleibt lebensgefährlich. Aber die Zahl der Priester wächst, die sich nicht mehr heraushalten, sondern sich bemühen, durch moralische Bildung der Jugend den Einfluss der Mafia zurückzudrängen. Bekanntester Anti-Mafia-Priester ist heute Don Luigi Ciotti, der mit seiner Bewegung Libera seit Jahren gegen das organisierte Verbrechen kämpft.