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    „Homophobe – raus aus der Uni!“

    Vortrag mit „Demo für alle“-Vertretern von extremer Linken behindert – Katholisches Verbindungshaus angegriffen. Von Simon Kajan

    „Die Arbeit der Initiative Demo für alle“ Initiator Raphael Schlimbach und Referent Alexander Tschugguel
    Da war es noch friedlich: Initiator Raphael Schlimbach (r.) und Referent Alexander Tschugguel. Foto: Kajan

    Eine Universität soll ein Hort des Wissens und des anspruchsvollen Diskurses sein. Leider zeigte sich in Bonn, dass Diskurs nur dann erlaubt zu sein scheint, wenn man in ein bestimmtes Raster passt“, resümierte Raphael Schlimbach am Donnerstag. Der Initiator des Studentischen Kulturforums Bornewasser, einer Hochschulgruppe an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, lud zum Vortragsabend mit Alexander Tschugguel zum Thema „Die Arbeit der Initiative Demo für alle“ und speziell zur Wahrung der Meinungsfreiheit im öffentlichen Raum, die hinsichtlich der Diskussion um frühkindliche Sexualerziehung infrage gestellt scheint.

    Das Kulturforum, das sich zum Ziel gesetzt hat, auch konservativen Themen auf christlicher Grundlage im studentischen Leben der Universität Raum zu geben, stieß laut Schlimbach bislang auf ungeteilt positives Echo, auch bei politisch und weltanschaulich Andersdenkenden.

    Zu dieser Veranstaltung mit dem Mitarbeiter von „Demo für alle“ und Organisator des Marsches für das Leben Österreich riefen jedoch diverse Gruppierungen zu Protesten auf. SDS, Jungsozialisten und Grüne Hochschulgruppe, wie auch das „LGBT*IQ+ Jugendzentrum GAP“ und das „Referat für Frauen- und Geschlechtergerechtigkeit“ verbreiteten Aufrufe, in denen die Veranstaltung als menschenfeindlich und fundamentalistisch bezeichnet wurde.

    Nach Beendigung einer Gegenkundgebung im Arkadenhof der Universität drängten etwa 200 Demonstranten unter Beteiligung der Antifa mit Regenbogenfahnen in das Hauptgebäude. Die Veranstalter des Kulturforums erklärten dem Sicherheitsdienst der Universität, dass gerade im Hinblick auf das Thema Meinungsfreiheit auch Kritikern der Veranstaltung Zugang gewährt werden soll, wenn sie willens sind, sich der Diskussion zu stellen.

    Im Gebäude angelangt, blockierten Demonstranten den Eingang des Hörsaals für interessierte Gäste des Kulturforums, während die übrigen Protestierenden in den Hörsaal zu den etwa 30 Teilnehmern der Veranstaltung drängten, und den Referenten mit Parolen wie „Homophobe, raus aus der Uni“ oder „Halt die Fresse“ niederschrien, Transparente mit Aufschriften wie „Masturbation statt Kommunion“ in die Höhe haltend. Der Referent versuchte daraufhin mitten im Auditorium Teile seines Vortrags zu halten und das Gespräch auch mit den Protestierenden zu suchen, sofern dies der Lärmpegel zuließ. Geschichtsstudentin Prisca, die erklärt, die Veranstaltungen des Kulturforums als Bereicherung des studentischen Lebens zu schätzen, beschreibt denn auch den „erkennbaren Kontrast zu den grünen und linken Gegnern, die offenbar nichts anderes können, als Andersdenkende niederzubrüllen. Die Gegendemonstranten scheinen nichts von Demokratie, Toleranz, Meinungsfreiheit und Fairness zu verstehen.“ Aber auch nachdenkliche Stimmen auf der Seite der protestierenden Studenten, die aus Interesse zu der Veranstaltung gekommen waren, erklärten ihre Enttäuschung über das Verhalten ihrer lautstarken Kommilitonen. Eine Philosophiestudentin, die mit ihrer lesbischen Freundin gekommen war, zeigt sich vom Verhalten ihrer Begleiter irritiert: „Wir haben etwas gegen Homophobie, aber doch nicht gegen die Menschen, die diese Meinung vertreten.“ So wird auch in den sozialen Netzwerken Kritik am Vorgehen der protestierenden Kommilitonen von wohlwollender Seite geübt: „Durchgehendes Parolengegröle und keine Pause, um die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen und darauf einfach einmal mit ganzen Sätzen zu reagieren – mehr können wir nicht? Inwiefern unterscheiden wir uns jetzt von AfD-lern, die den Sündenbock im Migranten sehen und ihn mit Beschimpfungen geißeln?“, so Seyma auf der Facebookseite des „LesBiSchwules- und Trans*-Referats“ des Bonner AStAs.

    Nach einer Stunde wurde die Veranstaltung aufgrund fortgesetzter Störungen beendet. Der Kreis um Schlimbach und Tschugguel verließ daraufhin die Universität, während sich der angehende Agrarwissenschaftler und Freund der Demo für alle, Matthias, noch Diskussionen stellte: „Bei der Suche nach dem persönlichen Gespräch mit einzelnen Personen, die sich dem Gegenprotest angeschlossen hatten, wurde deutlich, dass viele nicht wussten, was überhaupt Thema der Veranstaltung war. Während einige sehr frustriert und wütend das Gespräch verließen, waren andere bereit, die Gegenargumente anzuhören und sachlich, wenn auch hitzig zu diskutieren.“

    Im Laufe des Abends kam es dennoch zu einer Eskalation, als Pflastersteine gegen die gläserne Front eines katholischen Verbindungshauses geworfen wurden, in das sich Gäste des Kulturforums zurückgezogen hatten, um die Themen des Vortrags im privaten Rahmen zu erörtern. „Zwei schwarz-vermummte Personen liefen auf den gläsernen Eingangsbereich des Hauses zu und holten zum Wurf aus. Wäre das Sicherheitsglas nicht gewesen, wären wir von den Steinen getroffen worden“, berichtet Matthias. Die polizeilichen Ermittlungen laufen.

    Nun melden sich auch Stimmen aus der Politik zu Wort. Die Landesvorsitzende der Werte-Union NRW, Simone Baum, stellte fest: „Alle demokratischen Kräfte in unserem Land müssen ihren Beitrag zur Stärkung der Demokratie und der Meinungsfreiheit leisten. Solche Zustände an der renommierten Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn sind unerträglich.“ Ihr Vorstandsmitglied Diego Faßnacht sekundiert ihr: „Das Vorgehen zeigt einen im Kern faschistoiden Ansatz, Andersdenkende auszugrenzen. Wer durch Lautstärke oder andere Gewaltanwendung die Abhaltung einer politischen Veranstaltung verhindern will, ist ein Radikaler, ein Extremist und in den Methoden ein Nazi.“

    Gegenüber dieser Zeitung stellen Rektor und Kanzler der Universität fest, dass man der Verbreitung „homophober Thesen“ kritisch gegenüberstehe. Aber „das Recht auf freie Meinungsäußerung bedeutet nicht, unliebsame Meinungen zu unterbinden. Sie sind zu ertragen, solange sie nicht gegen geltendes Recht verstoßen“. Ungeachtet der Bewertung konkreter Vorfälle werden von der Universitätsleitung Gewalt und Sachbeschädigung einhellig verurteilt. Derweil zeigt sich der AStA, nach dessen Kriterien es die Veranstaltung nicht hätte geben sollen, unbeeindruckt: „Der Protest gegen die ,Demo für Alle‘ war bunt, vielfältig und kam aus unterschiedlichsten, auch politischen Richtungen. (…) Eine streitbare Studierendenschaft, die Diskriminierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit keine Bühne bietet, ist Kern einer demokratischen Uni und Abbild eben jener Meinungsfreiheit, die nun so pathetisch beschworen wird.“

    Angesichts dessen ist der Initiator des Kulturforums, Schlimbach, enttäuscht: „Als Student der Universität Bonn schockiert es mich zu sehen, welches Bild von Meinungsfreiheit, von Anstand und von demokratischer Teilhabe an unserer alma mater bonnensis geduldet wird.“

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