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    Historikerstreit auf katholisch

    Split (DT) Ist die Kirche eine einzige? Oder gibt es mehrere, vielleicht sogar viele christliche Kirchen, die erst zur inneren Einheit zurückfinden müssen, um dann wieder die eine und geeinte Kirche Christi zu sein? Als das von – dem inzwischen verstorbenen – Giuseppe Alberigo geleitete „Institut für die religiösen Wissenschaften“ in Bologna begann, die Sammlung sämtlicher Konzilstexte neu herauszugeben und vor über einem Jahr den ersten Band vorstellte, machte die Fachwelt eine überraschende Feststellung. Das Institut, das ab 1962 die Reihe „Conciliorum Oecumenicorum Decreta“ (Dekrete der Ökumenischen Konzilien) – kurz COD genannt – publiziert hatte, nahm nun in der Neuauflage ohne jede Vorankündigung alle Kirchenversammlungen des zweiten christlichen Jahrtausends aus der Liste der ökumenischen Konzilien heraus. Aus dem COD war das COGD geworden: „Conciliorum Oecumenicorum Generaliumque Sekreta“: Dekrete der Ökumenischen und Allgemeinen Konzilien. Das Erste und Zweite Vatikanum wie auch das Konzil von Trient, von den Päpsten und der katholischen Kirchengeschichtsforschung immer als ökumenische Synoden betrachtet, sollten jetzt nur noch Generalkonzilien der römisch-katholischen Kirche des Westens zu sein, ohne den Anspruch erheben zu können, in der Definition von Glaubensfragen eine allumfassende, eben ökumenische, Gültigkeit für die gesamte Kirche zu besitzen.

    Split (DT) Ist die Kirche eine einzige? Oder gibt es mehrere, vielleicht sogar viele christliche Kirchen, die erst zur inneren Einheit zurückfinden müssen, um dann wieder die eine und geeinte Kirche Christi zu sein? Als das von – dem inzwischen verstorbenen – Giuseppe Alberigo geleitete „Institut für die religiösen Wissenschaften“ in Bologna begann, die Sammlung sämtlicher Konzilstexte neu herauszugeben und vor über einem Jahr den ersten Band vorstellte, machte die Fachwelt eine überraschende Feststellung. Das Institut, das ab 1962 die Reihe „Conciliorum Oecumenicorum Decreta“ (Dekrete der Ökumenischen Konzilien) – kurz COD genannt – publiziert hatte, nahm nun in der Neuauflage ohne jede Vorankündigung alle Kirchenversammlungen des zweiten christlichen Jahrtausends aus der Liste der ökumenischen Konzilien heraus. Aus dem COD war das COGD geworden: „Conciliorum Oecumenicorum Generaliumque Sekreta“: Dekrete der Ökumenischen und Allgemeinen Konzilien. Das Erste und Zweite Vatikanum wie auch das Konzil von Trient, von den Päpsten und der katholischen Kirchengeschichtsforschung immer als ökumenische Synoden betrachtet, sollten jetzt nur noch Generalkonzilien der römisch-katholischen Kirche des Westens zu sein, ohne den Anspruch erheben zu können, in der Definition von Glaubensfragen eine allumfassende, eben ökumenische, Gültigkeit für die gesamte Kirche zu besitzen.

    Sofort entbrannte eine Art katholischer Historikerstreit. In einem mit drei Sternchen versehenen Artikel (hier spricht der Vatikan!) protestierte der „Osservatore Romano“ im Juni 2007 gegen die Streichung des Titels „ökumenisch“ für die großen Konzilien der westlichen Kirche. Und der Präsident des Päpstlichen Komitees für die Geschichtswissenschaften, Prälat Walter Brandmüller, legte kurz darauf mit einem Aufsatz nach: Es scheine so zu sein, dass die Herausgeber des COGD „lediglich jene Konzilien als ökumenisch bezeichnen wollen, die dem byzantinischen Pentarchie-Modell entsprechen“, schrieb er ebenfalls im „Osservatore Romano“ wie auch in der Zeitung der italienischen Bischofskonferenz, „Avvenire“. An der Sachgemäßheit dieses Kriteriums seien „erhebliche Zweifel“ angebracht. Denn es sei mit Nachdruck festzuhalten, so Brandmüller, „dass auch nach der Verfestigung des östlichen Schismas die ,Una sancta catholica et apostolica Ecclesia‘ besteht und ökumenische, das heißt die gesamte Kirche verpflichtende Lehraussagen und kanonische Normen erlassen kann“.

    Bei der Frage, ob die Päpste auch im zweiten christlichen Jahrtausend ökumenische Konzilien einberufen konnten, geht es nicht nur um den katholischen Kirchenbegriff, sondern ganz grundsätzlich um die Frage nach der Wahrheit. Auf ihren Konzilien definiert die römisch-katholische Kirche, in der laut Zweitem Vatikanum die eine Kirche Jesu Christi besteht („subsistit“), keine „katholischen Wahrheiten“, die zum Beispiel für orthodoxe Christen keine Geltung hätten, sondern „wahre Wahrheiten“, die sie jedem Christen vorlegt, egal wie sich im Einzelfall orthodoxe, anglikanische oder protestantische Gemeinschaften dazu stellen. Es geht um die Wahrheitsfrage an sich.

    So war es nicht verwunderlich, dass die „Gesellschaft für Konzilienforschung“ vor einer Woche zu einem Kongress nach Split in Kroatien eingeladen hatte, der genau dieser Frage nachging: „Was ist ein Konzil? Überlegungen zur Typologie insbesondere der ökumenischen Konzilien“. Die „Gesellschaft für Konzilienforschung“ unterstützt eine internationale Expertengruppe, die seit vierzig Jahren unter der Leitung von Walter Brandmüller, derzeit Präsident des römischen Komitees für Geschichtswissenschaften und bis 1997 Professor für Neuere und Mittelalterliche Kirchengeschichte an der Universität Augsburg, die Geschichte der ökumenischen und regionalen Konzilien der Kirche erforscht und dazu zahlreiche Fachtagungen veranstaltet hat, deren Ergebnisse in der Zeitschrift „Annuarium Historiae Conciliorum“ veröffentlicht werden. Eine ebenfalls von dieser Expertengruppe erarbeitete und von Walter Brandmüller herausgegebene Reihe zur Konziliengeschichte ist inzwischen auf 37 Bände angewachsen. Während der Tagung in Split wurde es auch offiziell, dass sich dieser Kreis von Forschern ein weiteres, ehrgeiziges Ziel gesetzt hat: die Veröffentlichung eines Lexikons der Konzilien. Teilnehmer der Tagung widersprachen nicht, wenn man die von Brandmüller vierzig Jahre lang geleitete Expertengruppe als wissenschaftliche Konkurrenz zu dem Institut in Bologna bezeichnete, das heute öffentlich von Alberto Melloni vertreten wird. Die Konzilienforschung ist kein umfangreiches Fachgebiet unter dem Dach der theologischen Wissenschaften, angesiedelt im Umfeld von Kirchengeschichte und Kirchenrecht. Und die Zahl der Fachleute, die Kenner auf dem Gebiet der Konzilien sind, ist nicht sehr groß. Dennoch verhandelt derzeit dieser Kreis eine Frage, die an das Selbstverständnis der katholischen Kirche rührt. Gibt man es auf, wie es der Kreis um Alberto Melloni tut, von der einen, auf die Apostel zurückgehenden Kirche zu sprechen, die Jesus Christus auf dem Felsen Petri errichtet hat, dessen Nachfolger das Haupt des Bischofskollegiums darstellen? Dann verträten etwa die Patriarchate von Rom, Moskau, Konstantinopel und Jerusalem (Alexandrien und Antiochien spielen heute keine besondere Rolle mehr) eigenständige Kirchen, deren Patriarchen auf gleicher Augenhöhe miteinander verhandeln. Direkt zu Beginn seines Pontifikates scheint Benedikt XVI. eine Antwort darauf gegeben zu haben, als er den Titel „Patriarch des Abendlandes“ abgelegt hat.

    Oder aber man bleibt bei der Lehre der letzten Päpste und Konzilen, denen zufolge die katholische Kirche ökumenische, das heißt universale, allgemein gültige Konzilien veranstalten kann. Der Kirchenhistoriker Hermann Josef Vogt wies auf der Tagung in Split darauf hin, dass viele bereits bei der Ankündigung des Zweiten Vatikanums als ökumenischen Konzils durch Johannes XXIII. geglaubt hätten, es handle sich bei der Kirchenversammlung um ein Unions- oder Wiedervereinigungskonzil. Der Begriff „ökumenisch“ hatte in den Jahrzehnten zuvor einen Bedeutungswandel erfahren. Er wurde nicht mehr als Synonym zu „general“ oder „universal“ verstanden, sondern als Ausdruck, der die Bemühungen um die Einheit der Kirche meint.

    Hermann Josef Sieben SJ von der Hochschule Sankt Georgen und Walter Brandmüller stellten in Split dar, welche die Kriterien waren, um von ökumenischen Konzilien im ersten und dann auch im zweiten Jahrtausend zu sprechen. Waren dafür etwa zur Zeit des römischen Reiches die Einberufung durch den Kaiser und die Teilnahme von Bischöfen aus dem ganzen Reichsgebiet notwendige Voraussetzung, so ging im zweiten Jahrtausend das Recht der Einberufung auf den römischen Papst über und die Christianitas des Westens löste das römische Reich ab. Auch wenn Vertreter der östlichen Patriarchate fallweise bei westlichen Konzilien anwesend waren, so war dies keine Voraussetzung für die Ökumenizität. Nach katholischer Lehre, so Brandmüller, können Schismen und Häresien die Einheit der einen Kirche zwar schwächen, aber nicht zerstören. Ökumenische Konzilien seien auch im zweiten Jahrtausend möglich gewesen, auch wenn die abgetrennten Kirchengemeinschaften nicht daran teilgenommen haben.

    Zum Schluss ein Paukenschlag in Split: Walter Brandmüller trat aus Altersgründen vom Vorsitz in der Expertengruppe der Konzilienforscher zurück. Seine Aufgaben als Organisator und Herausgeber der Konziliengeschichte gingen auf gleich drei Professoren über: Peter Bruns in Bamberg, Thomas Prügel in Wien und Johannes Grohe in Rom.

    Von Guido Horst