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    Hexenjagd

    Pater Geißler ist kein überführter Missbrauchstäter. Aber zu Tätern können die werden, die den Missbrauchsverdacht nutzen, um eine ganz andere (innerkirchliche) Agenda zu betreiben. Ein Kommentar von Guido Horst 

    Pater Geißler: Von Missbrauch zu sprechen wäre unredlich
    Das Verhalten Geißlers mag man als unklug oder peinlich bezeichnen, aber es in der Schublade „sexueller Missbrauch“ abzu... Foto: IN

    Selbst als die Anklägerin, die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner, von Pater Hermann Geißler im September für einen Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ den Beschuldigten kenntlich gemacht hat, war nicht die Rede von Ausübung pastoraler Macht oder gar von Gewalt. Im Februar 2014, so erklärte die Frau in der „Zeit“, habe ihr die Glaubenskongregation mitgeteilt, der Pater, der derselben Gemeinschaft angehört, sei „wegen seines unklugen Verhaltens in zwei Fällen“, die er zugegeben und für die er sich entschuldigt habe, „verwarnt und darüber hinaus ermahnt“ worden sei, „künftig mit Klugheit und Bedacht zu handeln.“

    Das Ergebnis der Untersuchung fiel für Pater Geißler entlastend aus

    Tatsächlich aber hat die Glaubenskongregation ihren Mitarbeiter damals nicht schuldig gesprochen. Was zwischen Geißler und und der Schwester vorgefallen war, wurde dort vor sechs Jahren von dem damaligen „Promotor Iustitia“ (Anwalt) für „schwerwiegende Delikte“, Monsignore Charles Scicluna, und dem damaligen Untersekretär der Kongregation, Monsignore Damiano Marzotto untersucht. Das Ergebnis der Untersuchung fiel für Pater Geißler entlastend aus und Papst Franziskus wurde davon unterrichtet.

    Das damalige Verhalten des im Dienst der Glaubenskongregationen stehenden Geistlichen der Gemeinschaft „Das Werk“, der am Dienstag seinen Dienst quittiert hat, mag man als unklug oder peinlich bezeichnen, aber es in der Schublade „sexueller Missbrauch“ abzulegen, wäre unredlich, zumal der Beschuldigte nach wie vor seine Unschuld beteuert und der Ausgang eines kanonischen Verfahrens erst noch abzuwarten ist.

    Sexuelle Gewalt im kirchlichen Raum ist ein Thema, das immer für Schlagzeilen sorgt

    Aber so ist die Stimmung. Medien, auch von der Kirchensteuer finanzierte, griffen das Thema begierig auf, denn sexuelle Gewalt im kirchlichen Raum ist – und das hat sich die Kirche selbst eingebrockt – ein Thema, das immer für eine Schlagzeile taugt. Manche mögen da vom Missbrauch mit dem Missbrauch sprechen, ja befürchten, dass der gesamte Berufsstand der Kleriker unter Generalverdacht gestellt werden soll. Pater Geißler ist kein überführter „Täter“. Aber zu Tätern können die werden, die den Missbrauchsverdacht nutzen, um eine ganz andere (innerkirchliche) Agenda zu betreiben.

    Immerhin: Geissler saß bei den Gesprächen mit deutschen Bischöfen über die Kommunionzulassung von evangelischen Ehepartnern „auf der anderen Seite“, das heißt der der Glaubenskongregation. Und Medienspekulationen zufolge soll er mit der „causa Wucherpfennig“ zu tun gehabt haben. Da kann einem ganz anders werden, wenn man befürchten muss, dass das Verbrechen des Missbrauchs von Schutzbefohlenen nun auch dazu benutzt wird, offene Rechnungen zu begleichen oder Altbewährtes zu entsorgen wie etwa die Ohrenbeichte oder die geistliche Leitung im seelsorglichen Gespräch unter vier Augen.

    Das Ende jeglichen Vertrauens in der Kirche

    Es wäre wirklich eine Hexenjagd, wenn man allen Geistlichen unterstellen würde, die Seelenführung nur zu nutzen, um Macht über andere auszuüben. Das wäre das Ende jeglichen Vertrauens in der Kirche, mit dem die Gewinnung der Herzen für eine ernsthafte Nachfolge Jesu nun einmal steht und fällt.

    DT

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