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    Herz und Vernunft verbinden

    Pater Lombardi: Heiligkeit, danke, dass Sie zu Beginn dieser so schönen und wichtigen Reise unter uns sind.

    Während der Pressekonferenz unterstrich der Heilige Vater den sozialen Auftrag der Kirche. Foto: dpa

    Pater Lombardi: Heiligkeit, danke, dass Sie zu Beginn dieser so schönen und wichtigen Reise unter uns sind. Wie Sie sehen, ist unsere Reisegesellschaft zahlreich: mehr als 70 Journalisten folgen Ihnen aufmerksam, und die wichtigste Gruppe – neben den Italienern – bilden natürlich die Mexikaner, die eine schöne Gruppe sind: wenigstens 14 sind hier; die Vertreter der mexikanischen Fernsehanstalten, die Ihnen folgen und über die ganze Reise berichten werden. Auch eine Gruppe aus den Vereinigten Staaten ist anwesend, eine Gruppe aus Frankreich, aus anderen Ländern. So vertreten wir ein bisschen die ganze Welt. Wie üblich haben wir in den vergangenen Tagen verschiedene Fragen der Journalisten gesammelt und fünf ausgewählt, die ein wenig Ausdruck der allgemeinen Erwartung sind. Und da wir dieses Mal ein wenig mehr Raum und Zeit zur Verfügung haben, werden sie nicht von mir, sondern von den Journalisten selbst gestellt, die sie formuliert haben, oder Fragen, die wir unter uns aufgeteilt haben, um sie vorzubringen. Nun, beginnen wir mit einer Frage, die Ihnen Frau Collins für den Fernsehsender „Univision“ stellt, einer der Sender, der diese Reise verfolgt; es handelt sich um eine Mexikanerin, die ihre Frage auf Spanisch stellen wird. Ich werde sie dann für alle auf Italienisch wiederholen. Frage: Heiliger Vater, Mexiko und Kuba sind Länder gewesen, in denen die Reisen Ihres Vorgängers Johannes Paul II. in die Geschichte eingegangen sind. Mit welchem Geist und mit welchen Hoffnungen begeben Sie sich heute auf seine Spuren?

    Liebe Freunde, vor allem möchte ich euch sagen: willkommen und danke für eure Begleitung bei dieser Reise, die – so hoffen wir – vom Herrn gesegnet sein wird. Ich fühle mich bei dieser Reise völlig in Kontinuität mit Papst Johannes Paul II. Ich erinnere mich bestens an seine erste Reise nach Mexiko, die wirklich historisch war. In einer rechtlich noch sehr verwirrten Situation hat sie die Türen geöffnet, es hat eine neue Phase der Zusammenarbeit zwischen Kirche, Gesellschaft und Staat begonnen. Und ich erinnere mich auch gut an seine erste historische Reise nach Kuba. So versuche ich, in seinen Spuren zu gehen und das fortzusetzen, was er begonnen hat. Ich hatte von Anfang an den Wunsch, Mexiko zu besuchen.

    „Freude und

    Hoffnung,

    aber auch

    Trauer und Furcht“

    Als Kardinal bin ich in Mexiko gewesen, woran ich beste Erinnerungen bewahre, und jeden Mittwoch höre ich den Applaus, die Freude der Mexikaner. Jetzt als Papst hier zu sein, ist eine große Freude für mich und entspricht einem Wunsch, den ich schon seit langem gehegt habe. Um zum Ausdruck zu bringen, welche Gefühle mich bewegen, kommen mir die Worte des II. Vatikanischen Konzils in den Sinn:„gaudium et spes, luctus et angor“, Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Furcht. Ich teile die Freuden und Hoffnungen, doch ich teile auch die Trauer und die Schwierigkeiten dieses großen Landes. Ich komme, um zu ermutigen und zu lernen, um im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu stärken, und um im Einsatz für das Gute zu stärken, im Einsatz für den Kampf gegen das Böse. Hoffen wir, dass der Herr uns helfe!

    Danke, Heiligkeit. Und jetzt geben wir Dr. Alatorre das Wort, der Tele Azteca vertritt, einen der großen mexikanischen Fernsehsender, die uns in diesen Tagen folgen werden.

    Frage: Heiligkeit, Mexiko ist ein Land mit wunderbaren Ressourcen und Möglichkeiten, doch in diesen Jahren haben wir erfahren, dass es durch das Problem des Drogenhandels auch ein Land der Gewalt ist. Es ist die Rede von 50 000 Toten in den letzten fünf Jahren. Wie begegnet die katholische Kirche dieser Situation? Werden Sie Worte für die Verantwortlichen und für die Drogenhändler haben, die sich bisweilen als katholisch oder als gar Wohltäter der Kirche bekennen?

    Wir kennen gut alle Schönheiten Mexikos, aber auch dieses große Problem des Drogenhandels und der Gewalt. Es ist dies gewiss eine große Verantwortung für die katholische Kirche in einem Land, das zu 80 Prozent katholisch ist. Wir müssen gegen dieses für die Menschheit und unsere Jugend zerstörerische Übel alles Mögliche tun. Ich würde sagen, dass das Erste, was zu tun ist, die Verkündigung des Wortes Gottes ist: Gott ist der Richter, Gott, der uns liebt, doch er liebt uns, um uns zum Guten, zur Wahrheit gegen das Böse hinzuziehen. Somit ist es die große Verantwortung der Kirche, die Gewissen zu erziehen, zur moralischen Verantwortung zu erziehen und das Böse zu enttarnen, diesen Götzendienst am Geld zu entlarven, der die Menschen allein um dieser Sache willen verknechtet; auch die falschen Versprechen zu entlarven, die Lüge, den Betrug, der hinter der Droge steht. Wir müssen sehen, dass der Mensch der Unendlichkeit bedarf. Wenn Gott nicht da ist, schafft sich das Unendliche seine eigenen Paradiese, einen Schein von „Unendlichkeiten“, der nur eine Lüge sein kann. Daher ist es so wichtig, dass Gott gegenwärtig, zugänglich ist; es ist eine große Verantwortung vor Gott, dem Richter, der uns leitet, der uns zur Wahrheit und zum Guten hinzieht, und in diesem Sinn muss die Kirche das Böse enttarnen, die Güte Gottes gegenwärtig machen, seine Wahrheit gegenwärtig machen, das wahrhaft Unendliche, nach dem wir dürsten. Das ist die große Pflicht der Kirche. Wir wollen alle gemeinsam alles Mögliche tun, immer mehr.

    Pater Lombardi: Heiligkeit, die dritte Frage stellt Ihnen Valentina Alazraki für Televisa, eine Veteranin unserer Reisen, die Sie gut kennen und die sich so sehr freut, dass Sie endlich auch ihr Land besuchen können.

    Frage: Heiligkeit, wir heißen Sie wirklich in Mexiko willkommen: Wir freuen uns alle, dass sie nach Mexiko kommen. Meine Frage ist die folgende: Heiliger Vater, Sie haben gesagt, dass Sie sich von Mexiko aus anlässlich des 200. Jahrestags der Unabhängigkeit an ganz Lateinamerika wenden wollen. Lateinamerika ist trotz der Entwicklung weiterhin eine Region großer sozialer Gegensätze, in der die Reichsten neben den Ärmsten stehen. Manchmal hat es den Anschein, dass die katholische Kirche nicht ausreichend Mut findet, sich in diesem Bereich einzusetzen. Ist es möglich, weiterhin positiv von „Befreiungstheologie“ zu sprechen, nachdem gewisse Ausschweifungen – hinsichtlich des Marxismus oder der Gewalt – korrigiert worden sind?

    Natürlich muss sich die Kirche immer fragen, ob genug für die soziale Gerechtigkeit auf diesem großen Kontinent getan wird. Das ist eine Gewissensfrage, die wir uns immer stellen müssen. Fragen: Was kann und muss die Kirche tun, was kann und darf sie nicht tun. Die Kirche ist keine politische Macht, sie ist keine Partei, sondern eine moralische Wirklichkeit, eine moralische Macht. Insofern die Politik grundsätzlich eine moralische Wirklichkeit sein soll, hat die Kirche in diesem Sinn grundlegend mit der Politik zu tun. Ich wiederhole, was ich schon gesagt hatte: Der erste Gedanke der Kirche ist, die Gewissen zu erziehen und so die notwendige Verantwortung zu schaffen; die Erziehung der Gewissen sowohl in der individuellen als auch in der öffentlichen Ethik. Und hier fehlt vielleicht etwas. In Lateinamerika, aber auch anderswo ist bei nicht wenigen Katholiken eine gewisse Schizophrenie zwischen individueller und öffentlicher Moral zu sehen: Persönlich sind sie in der individuellen Sphäre katholisch, gläubig, doch im öffentlichen Leben folgen sie anderen Straßen, die nicht den großen Werten des Evangeliums entsprechen, welche für die Gründung einer gerechten Gesellschaft notwendig sind. Somit muss man zur Überwindung dieser Schizophrenie erziehen, nicht nur zu einer individuellen Moral erziehen, sondern zu einer öffentlichen Moral, und wir versuchen, dies mit der Soziallehre der Kirche zu tun, da diese öffentliche Moral natürlich vernünftig, gemeinsam geteilt und auch von Nichtgläubigen teilbar sein muss, eine Moral der Vernunft. Gewiss, im Licht des Glaubens können wir viele Dinge besser sehen, die auch die Vernunft sehen kann, doch gerade der Glaube dient auch dazu, die Vernunft von falschen Interessen und von den Verfinsterungen der Interessen zu befreien und so in der Soziallehre die substanziellen Modelle für eine politische Zusammenarbeit, vor allem für eine Überwindung dieser sozialen, antisozialen Spaltung zu schaffen, die es leider gibt. Wir wollen in diesem Sinn arbeiten. Ich weiß nicht, ob uns das Wort „Befreiungstheologie“, das man auch sehr gut interpretieren kann, viel helfen würde. Wichtig ist die gemeinsame Vernünftigkeit, zu der die Kirche einen grundlegenden Beitrag leistet und die immer bei der Erziehung der Gewissen sowohl für das öffentliche als auch für das private Leben helfen muss.

    Pater Lombardi: Danke, Heiligkeit. Und jetzt eine vierte Frage. Sie stellt eine unserer „Dekaninnen“ dieser Reisen, die jedoch immer jung ist, Paloma Gómez Borrero, und auch Spanien auf dieser Reise vertritt, welche natürlich auch für die Spanier von großem Interesse ist.

    Frage: Heiligkeit, blicken wir auf Kuba. Wir alle erinnern uns an die berühmten Worte Johannes Pauls II.: „Kuba öffne sich der Welt, und die Welt öffne sich Kuba“. Vierzehn Jahre sind vergangen, doch es scheint, dass diese Worte immer noch aktuell sind. Wie Sie wissen, haben sich in Erwartung Ihrer Reise viele Stimmen der Opposition und Vertreter der Menschenrechte zu Wort gemeldet. Heiligkeit, haben Sie die Absicht, die Botschaft Johannes Pauls II. aufzunehmen, dies im Gedanken sowohl an die innere Situation Kubas als auch an die internationale Lage?

    Wie ich schon gesagt habe, fühle ich mich in absoluter Kontinuität mit den Worten des Heiligen Vaters Johannes Paul II., die noch immer sehr aktuell sind. Dieser Besuch des Papstes hat einen Weg der Zusammenarbeit und des konstruktiven Dialogs eingeleitet; einen Weg, der lang ist und Geduld erfordert, doch vorangeht. Heute ist deutlich, dass die marxistische Ideologie so, wie sie konzipiert worden war, nicht mehr der Wirklichkeit entspricht: So ist keine Antwort mehr möglich und so kann keine Gesellschaft aufgebaut werden; es müssen neue Modelle gefunden werden, mit Geduld und auf konstruktive Weise. In diesem Prozess, der Geduld, aber auch Entschlossenheit fordert, wollen wir in einem Geist des Dialogs helfen, um Traumen zu vermeiden und dem Weg zu einer brüderlichen und gerechten Gesellschaft zu helfen, wie wir sie für die ganze Welt ersehnen, und wir wollen in diesem Sinn zusammenarbeiten. Es ist offensichtlich, dass die Kirche immer auf der Seite der Freiheit steht: der Gewissensfreiheit, der Religionsfreiheit. In diesem Sinne leisten wir, leisten auch die einfachen Gläubigen ihren Beitrag auf diesem Weg nach vorne.

    Pater Lombardi: Danke, Heiligkeit. Wie Sie sich vorstellen können, wird die Aufmerksamkeit von uns allen auf Ihre Ansprachen in Kuba sehr groß sein. Und jetzt geben wir für die fünfte Frage das Wort einem Franzosen, weil hier eben auch andere Völker vertreten sind. De La Vaissiere ist Korrespondent der France Press in Rom und er hat uns für diese Reise verschiedene interessante Fragen unterbreitet, und somit ist es richtig, dass er sich auch zum Sprecher unserer Fragen und Erwartungen macht.

    Frage: Heiligkeit, seit der Konferenz von Aparecida ist von „kontinentaler Mission“ der Kirche in Lateinamerika die Rede; in wenigen Monaten wird die Synode über die Neuevangelisierung stattfinden und das Jahr des Glaubens beginnen. Auch in Lateinamerika gibt es Herausforderungen der Säkularisierung, der Sekten. In Kuba gibt es Folgen einer langen Propaganda des Atheismus, die afro-kubanische Religiosität ist sehr verbreitet. Denken Sie, dass diese Reise eine Ermutigung für die „Neuevangelisierung“ ist, und was liegt Ihnen in dieser Hinsicht besonders am Herzen?

    Die Zeit der Neuevangelisierung hat mit dem Konzil begonnen; dies war im Grund die Absicht Papst Johannes' XXIII.; sie wurde sehr von Papst Johannes Paul II. betont, und ihre Notwendigkeit wird in einer Welt, die großen Veränderungen ausgesetzt ist, immer deutlicher. Eine Notwendigkeit in dem Sinne, dass das Evangelium auf neue Weisen zum Ausdruck kommen muss; Notwendigkeit auch im anderen Sinn, dass die Welt in der Verwirrung, in der Schwierigkeit, sich heute zu orientieren, eines Wortes bedarf.

    „Alle wissen intuitiv, dass es wahr ist,

    dass uns die

    Gottesmutter hilft“

    Es gibt eine gemeinsame Lage der Welt, da ist die Säkularisierung, die Abwesenheit Gottes, die Schwierigkeit, Zugang zu ihm zu finden, ihn als eine Wirklichkeit zu sehen, die mein Leben angeht. Und andererseits gibt es spezifische Kontexte; Sie haben die kubanischen mit dem afro-kubanischen Synkretismus, mit vielen anderen Schwierigkeiten angedeutet, doch jedes Land hat seine spezifische kulturelle Situation. Und einerseits müssen wir von einem gemeinsamen Problem ausgehen: wie wir heute, in diesem Kontext unserer modernen Rationalität, Gott als grundlegende Orientierung unseres Lebens wiederentdecken können, als die Grundhoffnung unseres Lebens, als das Fundament der Werte, die wirklich eine Gesellschaft aufbauen, und wie wir dem Besonderen der unterschiedlichen Situationen Rechnung tragen können. Das erste scheint mir sehr wichtig zu sein: einen Gott verkündigen, der unserer Vernunft entspricht, da wir die Vernünftigkeit des Kosmos sehen, wir sehen, dass etwas dahinter steht, doch wir sehen nicht, wie nah dieser Gott ist, wie sehr er mich angeht, und dieses Zusammengehen des großen und majestätischen Gottes und des kleinen Gottes, der mir nahe steht, gibt mir Orientierung, zeigt mir die Werte meines Lebens, ist der Kern der Evangelisierung. Also ein essenziell gewordenes Christentum, wo sich wirklich der Grundkern für ein Leben heute mit allen Problemen unserer Zeit findet. Und andererseits der konkreten Wirklichkeit Rechnung tragen. In Lateinamerika ist es im Allgemeinen sehr wichtig, dass das Christentum nicht so sehr eine Sache der Vernunft, sondern des Herzens ist. Die Gottesmutter von Guadalupe wird von allen anerkannt und geliebt, da sie verstehen, dass sie eine Mutter für alle und am Anfang dieses neuen Lateinamerikas nach der Ankunft der Europäer gegenwärtig ist. Und auch in Kuba haben wir die Gottesmutter von Cobre, die an die Herzen rührt, und alle wissen intuitiv, dass es wahr ist, dass uns diese Gottesmutter hilft, dass es sie gibt, sie uns liebt und hilft. Doch diese Intuition des Herzens muss sich mit der Vernünftigkeit des Glaubens und mit der Tiefe des Glaubens verbinden, die über die Vernunft hinausgeht. Wir müssen versuchen, das Herz nicht zu verlieren, sondern Herz und Vernunft miteinander zu verbinden, sodass sie zusammenwirken, da der Mensch allein auf diese Weise vollständig ist und wirklich zu einer besseren Zukunft verhelfen und für sie arbeiten kann.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Ludwig Ritter