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    „Heimstatt am Grabe des Erlösers“

    Jerusalem (DT) Wiener Kaffeehauskultur inmitten von Alt-Jerusalem? Das Österreichische Hospiz an der Via Dolorosa nahe dem Damaskustor ist tatsächlich bekannt dafür, eine Oase mitteleuropäischer Lebensart in der arabischen Altstadt zu sein. Nicht jedem Besucher, der bei Wiener Schnitzel und Sachertorte unter den Bildnissen Franz Josephs und Sissis sitzt, dürfte indes klar sein, wie wechselvoll die Geschichte des charmanten Hauses war, das heute vor 150 Jahren ersten Pilgern seine Pforten öffnete.

    Rektor Markus Bugnyar vor dem Österreichischen Hospiz. Foto: Maksan

    Jerusalem (DT) Wiener Kaffeehauskultur inmitten von Alt-Jerusalem? Das Österreichische Hospiz an der Via Dolorosa nahe dem Damaskustor ist tatsächlich bekannt dafür, eine Oase mitteleuropäischer Lebensart in der arabischen Altstadt zu sein. Nicht jedem Besucher, der bei Wiener Schnitzel und Sachertorte unter den Bildnissen Franz Josephs und Sissis sitzt, dürfte indes klar sein, wie wechselvoll die Geschichte des charmanten Hauses war, das heute vor 150 Jahren ersten Pilgern seine Pforten öffnete.

    Die Gründung des Hospizes fällt in die Zeit, da die Schwäche des kranken Manns am Bosporus immer deutlicher wurde. Die Begehrlichkeiten der europäischen Mächte wurden nur durch die Furcht um das europäische Gleichgewicht gemäßigt. So waren es europäische Truppen, die dem osmanischen Sultan 1840 halfen, den aufständischen ägyptischen Pascha Muhammad Ali aus Syrien und Palästina zu vertreiben. Im Gegenzug für diese Schützenhilfe suchten sich die europäischen Großmächte im Heiligen Land zu etablieren. Ehemalige Post- und Telegrafenstationen, Konsulate, Schulen und Krankenhäuser in Jerusalem erzählen noch heute diese Geschichte. Österreich wollte da nicht zurückstehen, zumal der Kaiser in Wien den Titel eines Königs von Jerusalem führte. An ein großes Krankenhaus dachte man. Dies stieß allerdings auf den Widerstand der Franzosen, die eine Konkurrenz für ihre Ansprüche fürchteten, erste Schutzmacht der Katholiken im Orient zu sein.

    Der Ausweg war, statt einer staatlichen Einrichtung eine kirchliche unter dem Schutz des Wiener Erzbischofs zu gründen, statt eines Krankenhauses ein Pilgerhaus als „Heimstatt am Grabe des Erlösers“ zu bauen, wie es in der Stiftungsurkunde heißt. Die ursprünglichen Pläne sahen dabei eine wesentlich größere, mit Seitenflügeln versehene Anlage vor, als sie dann schließlich zur Ausführung kam. Doch das dafür vorgesehene Geld floss in die Fundamente. Weil man das Gebäude auf Fels stellen wollte, dieser sich aber im Bauareal anders als andernorts in der Altstadt nicht zeigen wollte, musste man sehr tief graben. Am 19. März 1863, dem Fest des heiligen Joseph, aber war es dann schließlich soweit: Die ersten Pilger fanden Aufnahme im neuen Hospiz. 1869 traf auch Kaiser Franz Joseph selbst ein. In den folgenden Jahren nahm das Pilgerwesen aus den Ländern der Monarchie nicht zuletzt aufgrund des Beispiels des Kaisers einen beträchtlichen Aufschwung. Selbst die Besatzungen der Kriegsschiffe der k.u.k. Marine kamen auf kaiserliche Weisung regelmäßig zu den Heiligen Stätten nach Jerusalem.

    Doch mit dem Ersten Weltkrieg kam der Pilgerbetrieb ins Stocken, wenn auch nicht zum Erliegen. Das Hospiz wurde zum Erholungsheim für deutsche und österreichische Soldaten und Offiziere. Ansonsten überstand das Haus die Kriegsjahre gut. Österreich war schließlich mit dem Osmanischen Reich verbündet. Das änderte sich, als die Briten im Dezember 1917 in die Stadt einzogen und bald darauf ein Waisenhaus in dem Gebäude unterbrachten. Zwar blieb dies nur eine Episode und wurde das Haus der Kirche zurückgegeben, doch war es so verwanzt und heruntergekommen, dass der reguläre Pilgerbetrieb vollständig erst 1924 wieder aufgenommen werden konnte. Zwischenzeitlich hatten die selbstständig gewordenen Länder der ehemaligen Monarchie wie die Tschechoslowakei Ansprüche am Hospiz angemeldet. Doch war die Rechtslage eindeutig: Das Hospiz war ein aus kirchlichen Mitteln errichtetes und unter Aufsicht des Wiener Erzbischofs stehendes kirchliches Institut, kein staatliches.

    Das galt es auch nach dem Anschluss Österreichs 1938 zu verteidigen. Die Nationalsozialisten wollten das Hospiz nämlich dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande eingliedern. Die Diskussionen erübrigten sich allerdings mit Kriegsausbruch im September 1939. Denn ab diesem Zeitpunkt war das Haus jeder deutschen Einflussnahme entzogen. Die Briten beschlagnahmten es noch am Tag der Kriegserklärung Großbritanniens an das Reich. Allerdings wurde es nicht vom Militär requiriert, sondern zu einem Internierungslager für aus den Feindstaaten stammende Geistliche in Palästina. Später dann brachten die Briten eine Offiziersschule unter. Nach 1948 wurde das in der nunmehr zum Königreich Jordanien gehörenden Altstadt Jerusalem liegende Hospiz zu einem Krankenhaus für die Armen Jerusalems. Hoffnungen, den seit Jahrzehnten brachliegenden Pilgerbetrieb nach der Eroberung Ost-Jerusalems durch Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 wiederaufnehmen zu können, erfüllten sich nicht. Zu umstritten war der Status der Altstadt, als dass irgendeine Seite nachgeben wollte. Das Krankenhaus blieb bestehen.

    Doch 1988 war es endlich soweit: Das Österreichische Hospiz konnte seinen regulären Pilgerbetrieb wieder aufnehmen. Doch brachten die Jahre der Zweiten Intifada nach 2000 einen jähen Einbruch. Markus Bugnyar, seit 2004 Rektor des Hospizes: „Unser Haus war nur zu sieben bis fünfzehn Prozent ausgelastet. In dieser Zeit reifte der Gedanke, es dem interreligiösen Gespräch und Versöhnungsinitiativen der verfeindeten Parteien für Treffen zur Verfügung zu stellen. Neben dem Pilgerbetrieb hat unser Haus nämlich auch einen kulturellen Auftrag, den wir heute vor allem durch die Förderung des Dialogs zwischen den abrahamitischen Religionen entsprechen wollen.“ Mit der Normalisierung der Verhältnisse lief auch der Pilgerbetrieb wieder an. „Wir können uns heute über mangelnde Auslastung nicht beklagen. Das Haus trägt sich problemlos selbst“, meint der Eisenstädter Priester weiter. Die für 2015 geplante Generalsanierung will Rektor Bugnyar indes erst beginnen, wenn das Gästehaus mit seinen zwölf Doppelzimmern neben dem Hauptgebäude fertiggestellt worden ist. Der Pilgerbetrieb soll nicht unterbrochen werden. Das war in der Geschichte schon zu oft der Fall. Aber Rektor Bugnyar liegt nicht nur ein reibungsloser Pilgerbetrieb am Herzen. „Wir versuchen, unsere Einnahmen nicht nur in die Renovierung des Gebäudes zu stecken, sondern setzen sie auch ein, um einheimischen Christen Arbeitsplätze zu bieten. Von 27 Bediensteten des Hauses sind 22 Christen. Was man als Gast hierlässt, hilft also Menschen vor Ort.“

    Die Feiern zum Jubiläum beginnen heute mit einem Dankgottesdienst in der Hospizkapelle, den der Wiener Weihbischof Franz Scharl zelebrieren wird. Anfang Juni dann wird ein Symposium veranstaltet, das sich der Aufarbeitung der Jahre von der Stiftung bis zur Eröffnung des Hauses widmen will. Dazu wird hoher Besuch erwartet. Rektor Bugnyar: „Dass der jetzige Chef des Hauses Habsburg, Erzherzog Karl, nicht nur den Ehrenschutz über das Symposium übernommen hat, sondern auch mit seinem Sohn Erzherzog Ferdinand anreist, zeigt, wie wichtig ihm unser Haus ist, das zutiefst mit der Geschichte Österreichs und seiner Familie verbunden ist.“