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    Gottesnähe in schwerer Zeit

    Über Dietrich Bonhoeffer ist nicht wenig geschrieben worden. Allein drei Biografien, zwei von ihnen aus neuerer Zeit. Auch Texte von Bonhoeffer selbst sind veröffentlicht. Das gilt nicht nur für seine Briefe aus der Zeit seiner Haft an seinen theologischen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge und die besonders bekannten Brautbriefe Zelle 92, die veröffentlichte Korrespondenz mit seiner Verlobten aus dem Berliner Untersuchungsgefängnis. Bereits 1937 erschien Bonhoeffers Werk „Nachfolge“, das Auszüge aus seinen Vorlesungen enthält und als Streitschrift gegen die national-sozialistische Unrechtsherrschaft verstanden werden kann. Mit „Bonhoeffer. Gefangen und frei“ legt Bernd Aretz jetzt ein weiteres Buch über Bonhoeffer vor, das die vorhandene Literatur glücklich ergänzt.

    Über Dietrich Bonhoeffer ist nicht wenig geschrieben worden. Allein drei Biografien, zwei von ihnen aus neuerer Zeit. Auch Texte von Bonhoeffer selbst sind veröffentlicht. Das gilt nicht nur für seine Briefe aus der Zeit seiner Haft an seinen theologischen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge und die besonders bekannten Brautbriefe Zelle 92, die veröffentlichte Korrespondenz mit seiner Verlobten aus dem Berliner Untersuchungsgefängnis. Bereits 1937 erschien Bonhoeffers Werk „Nachfolge“, das Auszüge aus seinen Vorlesungen enthält und als Streitschrift gegen die national-sozialistische Unrechtsherrschaft verstanden werden kann. Mit „Bonhoeffer. Gefangen und frei“ legt Bernd Aretz jetzt ein weiteres Buch über Bonhoeffer vor, das die vorhandene Literatur glücklich ergänzt.

    Aretz zeichnet im ersten Teil des Buches die Stationen in Bonhoeffers Leben nach und widmet sich in einem zweiten Teil unter der Überschrift „Vertiefungen“ verschiedenen thematischen Bereichen.

    Dietrich Bonhoeffer wird am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Kindern in Breslau geboren. Die Familie des Vaters, eines Psychiaters, stammt aus dem Schwäbischen. 1912 zieht die Familie nach Berlin, als der Vater einen Ruf an die Berliner Charité erhält. Bonhoeffer wächst in Berlin auf, sein Wohnhaus in der Marienburger Allee in Charlottenburg ist heute Gedenkstätte. In Berlin wird er 1924 auch sein Theologiestudium beginnen. Noch vor seinem Examen schließt er seine Promotion mit Summa cum laude ab. Es folgt die Habilitation im Jahr 1930 mit einem religionsphilosophischen Thema. Anschließend geht Bonhoeffer für ein Jahr in die USA, wo er am New Yorker Union Theological Seminary Vorlesungen besucht. Nach seiner Rückkehr nach Berlin 1931 erhält er eine Pfarrstelle an der Matthäuskirche und beginnt seine Lehrtätigkeit an der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität.

    Bonhoeffer war von Beginn an ein entschiedener Gegner des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Lange bevor er sich am politischen Widerstand gegen das Hitler-Regime beteiligte, bemühte er sich auf kirchlicher Ebene, klar Position zu beziehen. 1933 trat er dem Pfarrernotbund bei, dem auch Martin Niemöller angehörte. Während die „Deutschen Christen“ sich mehr und mehr der NS-Ideologie anpassten, ging Bonhoeffer auch hier den Weg des Widerstands. 1936 wird ihm seitens der Reichskirche die Lehrbefugnis entzogen. Bonhoeffer, der in der Bergpredigt „die einzige Quelle“ sieht, um dem Nationalsozialismus auf geistiger Ebene entgegenzutreten, gerät schließlich auch in Opposition zur Bekennenden Kirche, deren Widerstand nach und nach erlahmt.

    In der Widerstandsgruppe der militärischen Abwehr um Admiral Canaris wird Bonhoeffer auch politisch aktiv. Bonhoeffer stand mit Helmuth von Moltke in Kontakt, den er auf mehreren Auslandsreisen begleitete.

    Die Texte Bonhoeffers sind von ungebrochener Aktualität. Er formuliert Perspektiven, an denen es heute so oft fehlt. So, wenn er von einem Ziel ausgeht, das es zu erreichen gilt, und dessen Erreichen Freiheit bedeutet. „Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen“, fordert er uns auf. Unser Handeln muss auf ein Ziel hin ausgerichtet sein, das sich, wie die Kompassnadel am Magnetfeld des Nordpols, an einem Maßstab ausrichtet. Dass gerade dies nicht in die Aufgabe seiner selbst, sondern in die Freiheit führt, ist eine lohnenswerte Überlegung.

    Wichtig waren ihm Freundschaften, in denen er den existenziellen Wert im menschlichen Leben erkannte. Der Freund, das ist, wie Bonhoeffer es in einem Gedicht beschreibt, der „Helfer zur Freiheit und Menschlichkeit“. Nicht nur gegenüber den Menschen, die ihm nahestehen, lebt Bonhoeffer das Ideal der Freundschaft. Auch die Mitgefangenen bewundern seine Ruhe und Heiterkeit. Er ist es, der auch in der Situation der Haft anderen Kraft und Zuversicht schenkt, auch wenn ihm dies alles andere als leicht fiel, wie er seinem Freund Eberhard Bethge gegenüber bekennt.

    Neben Briefen ist es die literarische Form des Gedichts, in der er seine Gedanken ausdrückt. Im Letzten jedoch weiß er sich von Gott getragen: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“, so lautet die letzte Strophe eines Gedichts. Sein bekanntestes Gedicht „Von guten Mächten“ ist Ausdruck einer tiefen, unverbrüchlichen Gottesbeziehung, wie sie deutlicher nicht formuliert werden konnte.

    Bonhoeffers theologische Gedanken, mit denen sich der Autor im letzten Teil des Buches in vertiefter Weise befasst, verdienen besondere Aufmerksamkeit. Es sind radikal realistische Betrachtungen, die nichts mit einem diesseitig beschränkten Blickwinkel gemein haben. Bonhoeffer betrachtet die sogenannte „mündige Welt“, also die säkulare Welt, die Welt, die ohne Gott auskommt. Aber wie der katholische Theologe Karl Rahner sieht auch Bonhoeffer in der säkularen Welt keinen Gegensatz zu der gläubigen Welt. „Die mündige Welt ist Gott-loser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt“, schreibt Bonhoeffer. Er will damit auf das reale Sein Gottes in der Welt, auch in der vermeintlichen Gottlosigkeit, verweisen. Die Gottlosigkeit, die Entfremdung der Menschen von Gott, wird nicht geleugnet oder verdrängt, aber sie ist aufgehoben in der noch größeren Liebe und Gegenwart Gottes. Sein Gedanke, dass in dieser Sichtweise „ein überraschendes Licht auf die Welt fällt“, ist auf den ersten Blick nicht ganz leicht zu verstehen. Aber er zeigt die radikale Tiefe der Theologie Bonhoeffers und seinen klaren Blick, der auf die Welt gerichtet ist und gleichzeitig darüber hinausgeht. In diesem Zusammenhang ist auch seine Forderung zu sehen, die Kirche dürfe keine Prinzipien verkünden, die immer wahr seien, „sondern nur Gebote, die heute wahr sind“. Er meint damit, dass ein Gebot immer anwendbar sein muss auf die gegenwärtige Situation: „Das Wort der Kirche an die Welt muss … aus der tiefsten Kenntnis der Welt dieselbe in ihrer ganzen gegenwärtigen Wirklichkeit betreffen, wenn es vollmächtig sein will.“ Ähnliches ist mit seinem Begriff der „verheißungsvollen Gottlosigkeit“ gemeint: die Liebe Gottes, die stärker ist als alle menschliche Schwäche und menschliches Versagen. „Während wir unterscheiden zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos den wirklichen Menschen.“ Damit soll natürlich nicht einem Relativismus das Wort geredet werden. Es ist Bonhoeffers Interesse an der konkreten Welt, die darin zum Ausdruck kommt und die er schon in seiner Zeit als Vikar in Barcelona gezeigt hat, als er seinen Eindruck beschreibt, in seiner seelsorglichen Tätigkeit „den wirklichen Menschen“ getroffen zu haben. Gottes Sein in der Welt hängt nicht ab von der Heiligkeit der Menschen, will Bonhoeffer damit sagen. Deshalb kann auch die konkrete Wirklichkeit, wie sie in der Entfernung des Menschen von Gott und in seiner Zerrissenheit besteht, daran nichts ändern. Das ist kein relativierendes Denken, sondern im Gegenteil eine Theologie, die Gott ganz in das Zentrum stellt. Bonhoeffer sieht damit auch die säkularisierte Welt nicht ausgeschlossen von der Gnade. Sie ist ihrer teilhaftig und kann damit gar nicht „absolut a-theistisch“ sein. Oder mit den Worten des Autors gesprochen: Bonhoeffer respektiert den Menschen in seiner Weltlichkeit. In einer klaren, eingängigen Sprache geschrieben, ist auch dieser theologisch anspruchsvolle Teil des Buches ohne Mühe zu lesen.

    Die Gegenwart Gottes wird für Bonhoeffer auch in seinem eigenen Leben spürbar. Seine Liebesgeschichte verstand er als ein solches sichtbares Zeichen der Güte Gottes. Bonhoeffer lernte seine spätere Verlobte Maria von Wedemeyer 1942 in Finkenwalde in Pommern kennen. Die 18 Jahre jüngere Maria wird für Bonhoeffer zum nicht mehr erwarteten Glück. Ein lesenswertes Buch, das persönliche Elemente im Leben Bonhoeffers mit seinem theologischen Werk verbindet.

    Bernd Aretz: Bonhoeffer. Gefangen und frei. Verlag Neue Stadt, 2016, 176 Seiten, ISBN: 978-3734610950, EUR 18,95