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    Gottesbegegnung in Raum und Zeit

    Alle Völker, die den Gott Abrahams anbeten, kennen und lieben heilige Stätten. Viele haben auch dafür gekämpft und ihr Leben gegeben und sind dazu auch heute noch bereit. Denn der Gott Abrahams und Moses und Jesu ist unsichtbar und hat kein Bild. Umso wichtiger werden die heiligen Orte, an denen er für kurze oder längere Zeit gesprochen und Zeichen gesetzt hat. Es sind Orte der Begegnung von Himmel und Erde und daher Heiligtümer. Wie man in einer Liebesgeschichte die Orte der ersten Begegnungen nie vergisst, so zeigt man auf diese Erinnerungspunkte und sagt: „Weißt du noch?“ Daher gehören heilige Stätten zu einer Religion, die auf Geschichte baut, auf Offenbarung, Gottesbegegnung in Raum und Zeit. Den Raum jedenfalls hat man ja noch. Das macht die Faszination heiliger Stätten aus.

    Alle Völker, die den Gott Abrahams anbeten, kennen und lieben heilige Stätten. Viele haben auch dafür gekämpft und ihr Leben gegeben und sind dazu auch heute noch bereit. Denn der Gott Abrahams und Moses und Jesu ist unsichtbar und hat kein Bild. Umso wichtiger werden die heiligen Orte, an denen er für kurze oder längere Zeit gesprochen und Zeichen gesetzt hat. Es sind Orte der Begegnung von Himmel und Erde und daher Heiligtümer. Wie man in einer Liebesgeschichte die Orte der ersten Begegnungen nie vergisst, so zeigt man auf diese Erinnerungspunkte und sagt: „Weißt du noch?“ Daher gehören heilige Stätten zu einer Religion, die auf Geschichte baut, auf Offenbarung, Gottesbegegnung in Raum und Zeit. Den Raum jedenfalls hat man ja noch. Das macht die Faszination heiliger Stätten aus.

    Der Papst beginnt mit dem Berg Nebo. In der Jesus-Überlieferung und im Neuen Testament kommt dieser Berg gar nicht vor. Daher ehrt der Papst auf seiner Pilgerreise dorthin die Moses-Offenbarung. Vom Berg Nebo aus sieht Moses auf Palästina, und hier ist er gestorben. Denn so heißt es in Deuteronomium 32 über den Berg Nebo: „Der Herr sprach zu Moses: Steige auf das Gebirge Abarim hier, auf den Berg Nebo im Lande Moab, gegenüber von Jericho! Schau das Land Kanaan, das ich den Israeliten als Eigentum verleihen will. Sterben sollst du auf dem Berge, auf den du steigst... Denn ihr habt euch... gegen mich vergangen, weil ihr mich nicht ... als den Heiligen geehrt habt. Nur aus der Nähe darfst du das Land schauen, aber hineinkommen darfst du nicht in das Land, das ich den Israeliten verleihen will.“ Gestorben ist Mose zwar auf dem Berg Nebo, aber es heißt schon im ersten Jahrhundert nach Christus, Engel hätten ihn „in Herrlichkeit“ begraben. Also offenbar nicht in der Erde. Und wenn Moses bei der Verklärung Jesu zusammen mit Elias erscheint, setzt das voraus, dass er lebt. Auch nach Judasbrief 9 ist Moses durch einen Engel (und nicht durch den Teufel) abtransportiert worden, aber wohin und ob lebend, das sagen die rabbinischen Texte nicht. Anders ist es mit den alten rabbinischen, syrischen und äthiopischen Überlieferungen. „Über (das Leben und) den Tod des Moses“ lauten regelmäßig Traktate in diesen alten Literaturen.

    Nach rabbinischer Überlieferung sind auf dem Nebo auch die Gerätschaften des Tempels seit Beginn der babylonischen Gefangenschaft verborgen. Und sie werden am Ende der Zeiten dort wieder entdeckt werden. Die kleine byzantinische Kirche mit dem (mutmaßlichen) Grab des Moses ist jetzt in Händen der Franziskaner und wird gerade restauriert. Wenn der Papst kommt, wird man wohl eine Nische für die Andacht freimachen.

    In Amman wird der Papst die St. Georgs-Kathedrale besuchen, die zum syro-melkitischen Ritus gehört. St. Georg ist überall im Osten der Heilige, an dessen Verehrung man die Christen erkennt, schon am Türrahmen wird er abgebildet. Das Bild des Drachentöters ist daher eine Art Chiffre für die Christen. Als Besieger des Drachens der Finsternis hat er stark christologische Züge. Ikonographisch nimmt der Drachentöter Züge der Mithras-Darstellungen auf; sein Tag ist (wie der des heiligen Georg) der 30. April, und es gab Kirchen, in denen am 30. April ein Stier (vgl. Mithras) in das Gotteshaus getrieben und getötet wurde. In der Gestalt des heiligen Georg verdichten sich daher in besonders intensiver Weise orientalische Mythen über Frühling und Fruchtbarkeit, über die Besiegung des Bösen durch das Gute, der Finsternis durch das Licht. Das Besondere: Der heilige Georg ist selbst den Märtyrertod gestorben. – Der Besuch des Papstes in dieser Kathedrale ist eine besondere Verbeugung vor den Ostkirchen.

    Die Evangelien gehen nicht weiter auf das Passahmahl ein

    Über den Saal des letzten Mahles Jesu berichtet das Evangelium nach Markus in 14, 12–16 : „Am ersten Tag der Zeit, in der man Brot ungesäuert isst, fragten die Jünger Jesus: „Was meinst du, wohin sollen wir gehen, um das Passahmahl vorzubereiten?“ Jesus schickte zwei seiner Jünger voraus mit folgendem Auftrag: „Geht nach Jerusalem hinein. Dort wird euch ein Mann mit einem Wasserkrug entgegenkommen. Ihm geht nach. In dem Haus, in das ihr dann kommt, meldet dem Hausherrn: Der Lehrer lässt fragen: ,Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Passahmahl einnehmen kann?‘ Er wird euch einen großen Raum im oberen Stockwerk zeigen, der bereits mit Liegepolstern ausgelegt ist. Dort sollt ihr das Passahmahl für uns vorbereiten.“ Die Jünger machten sich auf in die Stadt und fanden alles so vor, wie Jesus gesagt hatte. Dann bereiteten sie das Passahmahl vor.“

    Nun gehen die Berichte der Evangelien nicht weiter auf das Passahmahl ein, sondern sie konzentrieren ihre Aufmerksamkeit auf das, was Jesus mit den Jüngern über das Passahmahl hinaus gefeiert hat. Denn entweder waren die Gemeinde, die sich für die Eucharistiefeier an den Berichten der Evangelien orientierten, judenchristlich – dann brauchten sie keine Information über das Passahmahl, oder sie waren heidenchristlich, dann hatten die Passah-Elemente für sie keine weitere Bedeutung, sondern der Ton lag ganz auf den Elementen von Brot und Wein.

    In seiner Schlichtheit wie in seiner Bedeutung korrespondiert der Abendmahlssaal ganz eng der Kammer Mariens in Nazareth: Gott wird Mensch, Gott wird ein Stück Brot. Die Gottheit ist verborgen, in der Eucharistie auch die Menschheit. Der Saal gehört in das Territorium der byzantinischen Kirche Hagia Sion. Im Erdgeschoss wird das Grab Davids verehrt.

    Der Papst wird dann das Josaphat-Tal besuchen, eine Fortsetzung des Gehinnom-Tals, das dem Lehnwort „Gehenna“ (Feuerhölle, vgl. Mk 9) seinen Namen gab. Man kann vermuten, dass der Heilige Vater das Kloster des heiligen Onuphrios (1874) besuchen wird, um den Schauder wieder loszuwerden, den diese düstere Landschaft seit fast drei Jahrtausenden ausstrahlt. Denn hier ist – nach alter Überzeugung der drei abrahamitischen Religionen – der Ort des Weltgerichts und der Eingang zur Feuerhölle. Viele Christen ließen sich hier auch beerdigen, weil sie damit – gewissermaßen als Teil der Szene und weil sie schon vorher durch Aufenthalt an diesem Ort die Freudlosigkeit satt hatten – hoffen konnten, das Weltgericht überhaupt zu umgehen. Jedenfalls wird in allen älteren Apokalypsen, besonders in den orientalischen, das Drama des Endgerichts im Tal Josaphat eindrücklich und stufenweise beschrieben. Auch die Möglichkeit der Hölle gehört schließlich zur Botschaft Jesu, und ich kann mir gut vorstellen, dass der Papst durch seinen Besuch hier die Themen Gericht und Hölle in Erinnerung rufen will, auch als Kontrast zu Nazareth. Der Papst könnte hier die „Kirche aller Nationen“ besuchen, die an der Stelle des Gartens Gethsemane errichtet ist, in dem Jesus vor seinem Leiden gebetet hat.

    Das nächste Pilgerziel des Heiligen Vaters ist der „Berg des Sprunges“ nahe (2, 5 km) bei Nazareth. Der Name nimmt Bezug auf Lk 4, 28–30: „Als die Synagogenbesucher dies (sc. Jesu Auslegung von Jes 61) hörten, wurden sie wütend. Sie sprangen auf, trieben Jesus aus der Stadt hinaus und drängten ihn bis an den Steilhang des Berges, auf dem Nazareth liegt, um ihn hinabzustürzen. Doch Jesus schritt mitten durch sie hindurch und verließ sie.“ Der Berg, auf den die jüdischen Hörer Jesus hinausdrängten, muss der Nebi Sa'in gewesen sein, der Berg, auf dem Nazareth liegt.

    Legenden um den Sprung Jesu vom Berg

    Clemens Kopp (Die heiligen Stätten der Evangelien, 1964,122ff) schreibt dazu: „... doch sollte dieser Berg heilig sein, aber nicht bloß als die Stätte des Absturzes. Denn Jesus liebte die Einsamkeit der Berge, hier oben stand er wieder und wieder. Die Aussicht ist weit und bezaubernd, dazu noch inhaltsreich, denn sie umspannt manches Kapitel der Heilsgeschichte, zum Beispiel den Karmel.“

    Die (griechisch-orthodoxe) Legende will es, dass Jesus von einer Steinkante des Ostberges aus gesprungen sei; die Muttergottes habe sich vor Angst in einer Nische versteckt, der späteren Kirche „St. Maria vom Schrecken“, besiedelt von äthiopischen Mönchen.

    Dagegen verlegten die Franziskaner den Absturz Jesu auf die Felsklippe des Westberges, Fluchtstätte Jesu war dann eine Höhle am Fuß des Westberges. Jesus habe sich am Felsen entlanggleiten lassen (also kein Sprung auf die andere Seite). Dazu Kopp: „Heute liegen sich der griechische und der lateinische Absturzberg wie zwei feindliche Brüder gegenüber. Und doch waren sie einst ein Zwillingspaar: Absprung und Hinsprung.“

    Nazareth ist der Ort der Menschwerdung Gottes, und hier ist Jesus auch, nachdem er in Bethlehem geboren war, aufgewachsen. Den Namen Nazareth kennt das Alte Testament noch gar nicht. Und ob die Bezeichnung Jesu als des Nasoräers oder Nasaräers – in deutschen Übersetzungen zumeist brav mit Nazarener wiedergegeben – wirklich auf Nazareth Bezug nimmt, ist umstritten. – Dieser Streit ändert aber natürlich nichts an der theologischen Bedeutung von Nazareth. Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes ergeht nach Lk 1 an Maria in Nazareth. Zehntausendfach haben Künstler aller Zeiten die Szene von Lk 1 zärtlich dargestellt. Im Angelus-Gebet gedenkt die Christenheit dreimal am Tag dieses zentralen Ereignisses der Heilsgeschichte. Immerhin gibt es in Nazareth zumindest eine protestantische Kirche (anglikanisch, von Lutheranern mitbenutzt – ein letzter Rest eines anglikanisch-lutherischen Bischofsstuhles in Jerusalem).

    In der Verkündigungskirche in Nazareth sind Unterkirche und Oberkirche zu unterscheiden. Die Unterkirche ist vor allem die Verkündigungsgrotte, eine zwei mal zwei Meter große Vorratshöhle an einem kleinen Wohnhaus, die schon im zweiten Jahrhundert Judenchristen als Kultstätte diente. Hier findet sich auch die älteste Erwähnung Mariens in einer Inschrift (XE MAPIA, griechisch chaire Maria, „sei gegrüßt, Maria), und zwar in einer wie eine Synagoge gebauten Kirche des dritten Jahrhunderts. Die Oberkirche, die der Papst besuchen wird, stammt aus dem 20. Jahrhundert. In diesem Bauwerk spielt die 32 eine besondere Rolle, und zwar einerseits als die Zahl, die sich aus 22 (Zahl der Buchstaben des hebräischen Alphabets) plus Zehn Gebote Gottes ergibt, andererseits als Zahl der Lilie, Mariens Symbol, die 16 Blütenblätter hat, jedes mit zwei Flächen. Ein Holzrelief stellt Papst Paul VI. vor der Grotte dar.

    Die Grabeskirche, über dem Felsen von Golgotha errichtet, ist der sichere Ort des Todes und der Auferstehung Jesu. Im Neuen Testament gibt es zwischen dem Ort des Todes (Golgotha) und dem Grab Jesu (Ort der Auferstehung) keine erkennbare lokale Verbindung. Über Jesu Grab erfahren wir nur, dass es Josef von Arimathia gehörte und in einem Garten gelegen war.

    In der Grabeskirche sind nun beide Traditionen ortsmäßig miteinander verbunden worden. In der Tat hat man allerdings auch in der Grabeskirche antike Begräbnisplätze gefunden, sodass die Verknüpfung beider heiliger Orte auf kleinem Raum sehr wohl historisch sein dürfte.

    Zunächst Golgotha: Um nach Golgotha zu kommen, muss man in der Grabeskirche rechts steile Treppe hinaufgehen. Dort wird dann der Spalt gezeigt, der durch das Erdbeben nach Mt 27 entstanden sei, ebenso der Spalt, in dem das Kreuz Christi gestanden und in den das Blut hineingelaufen sei. Darunter liegt die Adamskapelle, in der nach alter syrischer Tradition Adam und Eva begraben sind. In der Kunst findet diese Überzeugung darin Ausdruck, dass direkt zu den Füßen des Kreuzes jeweils der Totenschädel Adams (und zum Teil überkreuzte Knochen) abgebildet ist. Diese Adam/Christus Typologie, die sich hier auch in der Architektur äußert, ist einer der Schwerpunkte schon in der Theologie des Apostels Paulus.

    Golgotha lag sehr wohl außerhalb der Stadtmauern

    Unter der Rotunde der Grabeskirche wird auf der Erdgeschossebene das Grab Jesu verehrt. Dieser Teil der Kirche heißt „Anastasis“ („Auferstehung“). Das Grab Jesu ist ein kleiner Raum, in dem der christliche Glaube in Stein geritzt ist: christos aneste, „Christus ist auferstanden“, der Ostergruß der griechischen Christen. Eine kleine Nische der Kopten schließt sich an, in der stets ein koptischer Mönch wacht. Die Franziskaner verehren das Grab Christi weiter südlich in demselben Raum.

    Nun berichtet das Neue Testament, Jesus sei außerhalb der Stadtmauer gekreuzigt worden. Im 19. Jahrhundert konnte man das nicht sehen, daher wurde die gesamte Überlieferung der Evangelien in Zweifel gezogen. Inzwischen haben ganz neue Ausgrabungen erbracht, dass Golgotha sehr wohl außerhalb der Stadtmauer lag, was eben auch durch weitere antike Gräber im Areal der Anastasis-Kirche bekräftigt wird. Der spätere Verlauf der Stadtmauer entsprach nicht dem zur Zeit Jesu.

    Wenn der Heilige Vater die Kathedrale des heiligen Jakobus besucht, bezeugt er auch den Armeniern seinen Respekt, vor allem aber dem „Herrenbruder“ (Vetter Jesu) Jakobus, der nach dem erzwungenen Weggang des heiligen Petrus Bischof in Jerusalem wurde. Ein besonders pompöses Amt war dieses freilich nicht. Statt in einer bischöflichen Residenz lebte er beständig im Jerusalemer Tempel, und zwar als Nasiräer (keine Körperpflege, kein Alkohol, ständiges Beten auf Knien), bis er von der Tempelzinne gestürzt und von einem Walker erschlagen wurde. Eusebius berichtet in seiner Kirchengeschichte ebenso darüber wie die kürzlich aufgefundene koptische Apokalypse des Jakobus aus Nag Hammadi. Sein Grab war zunächst im Kedrontal, und zwar als Säulengrab. Jakobus wurde dann hierher umgebettet. Außer dem „Herrenbruder“ wird hier auch noch ein zweiter neutestamentlicher Jakobus verehrt, der nach Apostelgeschichte 12, 1f hingerichtete Zebedaide Jakobus. Seine Gebeine liegen in Santiago de Compostela, sein Haupt dagegen hier.

    Archäologische Einzelergebnisse bekräftigen eine allgemeine Tendenz: Genauere Untersuchungen von Grund und Boden können viele Zweifel des 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in das Reich der Schreckgespenster verbannen. Generell wächst das Zutrauen zu alten schriftlichen Berichten und alten Lokalisierungen der heiligen Orte.

    Von Klaus Berger