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    Gott spricht durch das Gewissen

    Kardinal John Henry Newman war – wie einige Forscher jetzt behaupten – für die größte Heldin der Deutschen der geistliche Auslöser, um Adolf Hitler die Stirn zu bieten. Neuere Dokumente, die durch deutsche Wissenschaftler zu Tage gefördert wurden, zeigen, dass die Schriften des anglikanischen Konvertiten aus dem neunzehnten Jahrhundert einen direkten Einfluss auf Sophie Scholl ausgeübt haben, die enthauptet wurde, weil sie Flugblätter verteilt hatte, auf denen sie die Studenten an der Münchener Universität dazu aufforderte, sich gegen den Nazi-Terror aufzulehnen.

    Kardinal John Henry Newman war – wie einige Forscher jetzt behaupten – für die größte Heldin der Deutschen der geistliche Auslöser, um Adolf Hitler die Stirn zu bieten. Neuere Dokumente, die durch deutsche Wissenschaftler zu Tage gefördert wurden, zeigen, dass die Schriften des anglikanischen Konvertiten aus dem neunzehnten Jahrhundert einen direkten Einfluss auf Sophie Scholl ausgeübt haben, die enthauptet wurde, weil sie Flugblätter verteilt hatte, auf denen sie die Studenten an der Münchener Universität dazu aufforderte, sich gegen den Nazi-Terror aufzulehnen.

    Sophie, eine Studentin, die zum Zeitpunkt ihres Todes im Februar 1943 21 Jahre alt war, ist in Deutschland eine Legende. Zwei Filme wurden über ihr Leben gedreht und mehr als 190 Schulen nach ihr benannt. Außerdem wurde sie von den Lesern der Frauenzeitschrift Brigitte zur „Frau des zwanzigsten Jahrhunderts“ gewählt und im Jahr 2003 bei der beliebten Fernsehserie „Die größten Deutschen“ zur größten Deutschen aller Zeiten erklärt.

    Doch hinter ihrem Heldentum stand die von Kardinal Newman dargelegte „Theologie des Gewissens“. Das erklären sowohl Professor Günther Biemer, der führende deutsche Newmanexperte, als auch Jakob Knab, ein Experte über das Leben von Sophie Scholl, der seine Forschungsergebnisse noch in diesem Jahr in den „Newman Studien“ über die Widerstandsbewegung der Weißen Rose, der sie angehörte, veröffentlichen will.

    Diese Erkenntnisse schließen den Briefwechsel zwischen Sophie und ihrem Freund Fritz Hartnagel, einem deutschen Offizier, mit ein. Sie hatte ihm zwei Bände der Predigten von Kardinal Newman mitgegeben, als er im Mai 1942 an die Ostfront geschickt wurde. Bei seiner Ankunft in der russischen Stadt Mariupol sah Hartnagel Leichen sowjetischer Soldaten, die von ihren deutschen Wachen erschossen worden waren, und er hörte Berichte über die Massentötung ortsansässiger Juden.

    Er schrieb später an Sophie, um ihr zu sagen, dass die Lektüre der Worte Newmans an einem solch furchtbaren Ort wie das Verkosten von „Tropfen kostbaren Weins“ sei. „Welch ein Trugschluss es doch ist, die Natur als Vorbild für unser Handeln zu nehmen und ihre Grausamkeit als ,großartig‘ zu bezeichnen“, erklärte er in einem Brief vom Juli 1942. „Doch wir wissen, von wem wir geschaffen wurden und dass wir unserem Schöpfer gegenüber in einem Verhältnis sittlicher Verpflichtung stehen“, sagte er. „Das Gewissen verleiht uns die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können“.

    Knab hat herausgefunden, dass Hartnagels Aussage wörtlich aus einer Predigt Newmans mit dem Titel „Das Zeugnis des Gewissens“ übernommen wurde. Newman lehrte, dass das Gewissen ein Echo der Stimme Gottes ist, das jedem Menschen in den konkreten Situationen die sittliche Wahrheit sichtbar werden lässt. Die Christen, so erklärte er, hätten die Pflicht, über alle anderen Betrachtungen hinausgehend einem guten Gewissen zu gehorchen. Leutnant Hartnagels Überzeugungen führten ihn später dazu, gegen den Massenmord der Juden zu protestieren. Am 22. Januar 1943 wurde er mit dem letzten Flugzeug aus Stalingrad ausgeflogen, bevor die Stadt in einer Schlacht, die den Wendepunkt des Krieges bedeuten sollte, an die Russen fiel.

    Zu dem Zeitpunkt, als er nach Deutschland zurückkehrte, war Sophie bereits tot – gemeinsam mit Hans und ihrem Freund Christoph Probst hingerichtet im Münchener Gefängnis Stadelheim, nachdem sie ihre eigene Protestaktion gegen Hitlers Tyrannei geführt hatte. Bei den Verhören der Gestapo hatte sie gesagt, ihr christliches Gewissen habe sie verpflichtet, sich dem Nationalsozialismus auf friedliche Weise zu widersetzen.

    Dermot Fenlon, ein Priester des Oratoriums von Birmingham, der Auszüge von Knabs Forschungsergebnissen erhalten hatte, um diese letzte Woche in einen Vortrag über Newman in Mailand einbeziehen zu können, sagte, die Originalität dieser Untersuchung bestehe darin, dass sie die klare „Zentralität“ Newmans für die Geschwister Scholl aufzeige. Er sagte: „Knab hat die Präsenz Newmans in der Korrespondenz, in den Tagebüchern und vor allem in der Analyse des Briefwechsels zwischen Sophie und Hartnagel herausgestellt. Er hat aufgezeigt, wie dieser Einfluss in einem entscheidenden Moment wirksam geworden ist“. Weiter sagte er: „Die religiöse Frage im Zentrum der Weißen Rose ist nicht auf angemessene Weise erkannt worden und erst durch die Arbeit von Günther Biemer und Jakob Knab kann Newmans Einfluss als äußerst wichtig bestimmt werden“.

    Fenlon erklärte in seiner Rede, dass Sophie, eine Lutheranerin, durch den Gelehrten Theodor Haecker in die Schriften Newmans eingeführt wurde. Haecker hatte 1920 das Oratorium von Birmingham um Kopien von Newmans Arbeiten gebeten, die er ins Deutsche übersetzen wollte. Nach der Lektüre Newmans konvertierte er zum Katholizismus und wurde später ein so ausgesprochener Kritiker des Nationalsozialismus, dass das Regime ihm Publikationsverbot erteilte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er ein guter Freund der Scholls und nahm unmittelbaren Einfluss auf die Weiße Rose, die sich den Nationalsozialisten durch das Verteilen Tausender von Flugblättern widersetzte, die den deutschen Christen sagten, sie hätten die „sittliche Pflicht“, sich gegen Hitler, einen „Boten des Antichrist“, zu erheben. Die Bewegung, die sich vor allem aus deutschen Studenten zusammensetzte, verurteilte 1942 – das Jahr in dem Hitler mit der Durchführung der „Endlösung“ begann – auch die Verfolgung der Juden, als „das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann“.

    Vieles in der Sprache vor allem des vierten Flugblattes erinnert direkt an Newmans Theologie, erklärte Fenlon. Newmans Einfluss auf die Bewegung habe „die Form eines Lichts angenommen, das die Dunkelheit hinterfragte“. Er sagte: „Newman hatte Haecker für die Kirche gewonnen. Haecker versuchte, die junge Generation für Newman zu gewinnen.“ Weiter erklärte er, Newmans Theologie habe ihren „höchsten Ausdruck“ später in den Handlungen der Weißen Rose gefunden.

    Durch Haecker sollte auch der junge Joseph Ratzinger – der künftige Papst Benedikt XVI. – Newman, der 1890 in Birmingham gestorben war, schätzen lernen. Der Papst ist so sehr darauf bedacht, Newman seligzusprechen, dass er sich regelmäßig über den Fortgang der Causa erkundigt. Ein Gremium von Theologen untersucht derzeit, ob die unerklärliche Heilung eines Amerikaners von einem schweren Rückenmarkschaden das Wunder sein kann, das für den Fortgang der Seligsprechung Newmans notwendig ist.

    Newmans Theologie des Gewissens wurde bei derselben Konferenz in einem Vortrag des Newmanbiographen Ian Ker, einem Theologen aus Oxford, erläutert. In dem Vortrag, der unter dem Titel „Newman, Modernität und Gewissen“ stand, erklärte Ker, Newman habe das Gewissen für „souverän“, aber nicht für „autonom“ gehalten. „Das Gewissen ist nicht die Stimme der eigenen Persönlichkeit oder des eigenen Naturells, sondern die Stimme Gottes“, sagte er.

    Von Simon Caldwell