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    Gott hören im schweigenden Anspruch der Dinge

    Würzburg (DT) Hochkarätige Referenten haben beim zweitägigen Studientag des Würzburger Zentrums für Augustinusforschung (ZAF) in der Woche nach Pfingsten ein facettenreiches Bild der Bedeutung der Ästhetik bei Augustinus von Hippo (354–430) vermittelt. Die Frage nach dem Schönen in Theologie, Philosophie und Musik bot reichlich Raum für interdisziplinäre Ansätze. Ein ausgewogenes Verhältnis von geistesgeschichtlich gewichten Beiträgen und der Präsentation aktueller Forschungsergebnisse erlaubte es, einen weiten Bogen zu spannen – vom Neuplatonismus über musikalische Hörbeispiele bis zur Wirkungsgeschichte der Ästhetik Augustins in der Musik des Mittelalters.

    Seit den siebziger Jahren stehen Professor Petrus Cornelius Mayer OSA (li.) und Joseph Ratzinger wegen Augustinus-Lexiko... Foto: O.R.

    Würzburg (DT) Hochkarätige Referenten haben beim zweitägigen Studientag des Würzburger Zentrums für Augustinusforschung (ZAF) in der Woche nach Pfingsten ein facettenreiches Bild der Bedeutung der Ästhetik bei Augustinus von Hippo (354–430) vermittelt. Die Frage nach dem Schönen in Theologie, Philosophie und Musik bot reichlich Raum für interdisziplinäre Ansätze. Ein ausgewogenes Verhältnis von geistesgeschichtlich gewichten Beiträgen und der Präsentation aktueller Forschungsergebnisse erlaubte es, einen weiten Bogen zu spannen – vom Neuplatonismus über musikalische Hörbeispiele bis zur Wirkungsgeschichte der Ästhetik Augustins in der Musik des Mittelalters.

    Professor Cornelius Petrus Mayer OSA, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Augustinusforschung und Herausgeber des Augustinus-Lexikons, wies einführend auf das rationale Prinzip in Augustins Ästhetik hin. Die bruchstückhaft erhaltenen Quellen lassen keinen Zweifel zu: Nach Auffassung des Bischofs von Hippo gefällt das Schöne, weil „Schönsein einsichtig ist“, so Mayer. Neuplatonisches Gedankengut prägte den Philosophen Augustinus: Es spiegelt sich zum einen in seiner Vorstellung eines Aufstiegs über eine hierarchisch gestuft gedachten Ordnung alles Seienden zu dessen Quelle und zum anderen in der Unterscheidung alles Seienden zwischen einem materiellen „Außen“ und einem geistigen „Innen“. Der Weg des Menschen führt in dieser Ordnung vom Körperlichen zum Unkörperlichen. Vor diesem Hintergrund erschließt sich der augustinische Imperativ, der Mensch solle sich nicht äußerlichen Dingen zuwenden, sondern in sich selbst zurückkehren, denn im Inneren des Menschen wohnen Wahrheit und Schönheit. Beide identifiziert der Kirchenlehrer mit dem dreifaltigen Gott.

    Woran auch moderne Künstler glauben

    Wie eng die Gottesfrage bei Augustin mit der Wahrnehmung des Schönen verwoben ist, erläuterte der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann am Beispiel des berühmten Zitates aus den „Bekenntnissen“: „Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und neu (...). Und sieh, Du warst innen, ich aber außen. Dort suchte ich nach Dir, und auf die schönen Gestalten, die Du schufst, warf ich mich Missgestalt.“ Über die erfahrbare sichtbare Schönheit gelte es, die unsichtbare Schönheit Gottes zu suchen, unterstrich Bischof Hofmann, der den Gedanken des Kirchenlehrers über die Schönheit vor allem mit Blick auf die Liturgie besondere Aktualität beimaß. Die Schönheit des Alls sei darin begründet, dass alles Geschaffene „letztlich von Gott her und auf Gott hin ausgerichtet sei“. Von dem Gedanken Augustins, dass der Mensch in den verschiedenen Künsten Teilaspekten der Schönen begegnen könne. Mit Blick auf die Kunst zog Hofmann die Linien aus. Auch wenn sich der Glaube an den Urheber aller Gesetzmäßigkeiten in der Kunst der Gegenwart nicht mehr in nach Zahl und Maß geordneten Bauten sinnenfällig ausdrückt, ist doch der Gedanke an den überzeitlichen Geist hinter dem sichtbaren Kunstwerk für moderne Künstler nicht obsolet geworden. Wenn es um die Bedeutung des Schönen in der zeitgenössischen Kunst geht, so Bischof Hofmann, „wird aus dem diese Geschöpflichkeit übersteigenden kreativen Schaffen die Frage nach dem Transzendenten, nach dem ,Mehr‘ eines Kunstwerkes, unausweichlich“.

    Folgerichtig verwies Johann Kreuzer (Oldenburg) auf das Augustinuswort von der „Beredsamkeit der Dinge“. Wahrheit verschafft sich in der Stille Gehör. Schönheit wahrnehmen bedeute, des „stillschweigenden Anspruchs“ der Dinge inne zu werden, stellte Kreuzer in seinem Beitrag über den Grund ästhetischer Erfahrung bei Augustinus fest. Mehrere Gesichtspunkte hob er als bedeutsam für die Bestimmung des Schönen bei Augustinus hervor: Zunächst das Bewusstsein der eigenen beziehungsweisen der geschöpflichen Endlichkeit, ferner der Zusammenhang zwischen der Bestimmung des Schönen als ästhetischer Erfahrung, der Evidenz intelligiblen Sinns und dem Vermögen der Erinnerung. „An dem, was schön heißt, begreifen wir, was Erinnern bedeutet. Was schön heißt, lässt erinnernd bewusst werden, was bedeutungsgebend ist“ so Kreuzer. Augustinus habe die Erinnerung als „Kraft des Lebens im sterblich lebenden Menschen“ betrachtet.

    An dritter Stelle sind Augenblicke ästhetischer Erfahrung zu nennen. Sie haben bei Augustinus nicht nur bewusstseinstheoretische, sondern auch zeitliche Konnotationen. Den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis dieser Erfahrung des Bischofs von Hippo benannte Kreuzer schließlich als „Finden Gottes im Anblick“ des geschöpflich Vorübergehenden. Für Augustinus laute die Antwort auf die Frage, was er als einzige Gewissheit liebe – Schönheit. Und das ist Gott. Die Erkenntnis des Höchsten wird in diesem Zusammenhang zum dynamischen Vorgang. Der Glanz göttlicher Sinnevidenz, so Kreuzer, sei kein „einmaliger Blitzschlag“, sondern ein Geschehen, das „als Energie die Zeit endlicher Wesen gleichsam durchpulst“. Der um seine irdische Begrenztheit wissende Augustinus fasste dieses Phänomen in den Begriff der „liebenden und wiederbegehrenden Erinnerung“. Das Schöne mache sinnfällig, was dem Denken als Transzendenz gelte, so Kreuzer.

    Dass sich dieses Denken in der antiken Philosophie nicht verschließt, sondern kreativ entfaltet, veranschaulichte Werner Beierwaltes in seinen Ausführungen über Plotins (205–270) Theorie des Schönen. Kosmische Schönheit, als sinnliche Erscheinung Spur der geistigen Schönheit, könne für den Menschen zum Anfang einer „denkenden Rückkehr“ in ihren eigenen Grund werden. Das Ziel dieser Rückkehr verlangt Selbstbeschränkung und Konzentration auf das Eine. Abwendung von der Vielgeschäftigkeit und Zerstreuung um größerer Gelassenheit willen ist die Konsequenz. Plotin sieht die Lebensaufgabe des Menschen darum in einer Umformung seiner selbst: im Schönen und Einen zu sein.

    Die Synthese von Schönheit und Einheit prägt auch das ästhetische Empfinden Augustins. Ausgehend von der Musikschrift „De musica“ erläuterte Silke Wolf (Oldenburg), wie der Kirchenlehrer Musik definierte: als Wissenschaft der guten Modulation. Gelingt das Zusammenspiel von Bewegung und Maß bei der freien musikalischen Modulation, entsteht Augustinus zufolge eine Einheit, die als schön empfunden wird – wobei die „zahlhafte Gleichheit“ das Kriterium für ästhetische Urteile schlechthin ist. Der sinnliche Schalleindruck fordert der aufmerksamen Seele Tätigkeit ab: Der Hörende wird produktiv und bildet sich aktiv den Rhythmus des wahrgenommenen Signals ein. „Der Wahrnehmende“, unterstrich Wulf, „ist also nach Augustins Vorstellung nicht passiv oder reproduktiv tätig. Er fügt dem ihm Entgegenkommenden etwas ganz eigenes hinzu.“ Musikalität hängt demnach davon ab, in welchem Grad die Kunst der kreativen Wahrnehmung und der freien Bewegung der Seele beherrscht wird.

    Wie geistesverwandt der Bischof von Hippo einem antiken Denker wie Boethius (um 480–524) war, führte Anja Heilmann (Jena) aus: Wie Augustinus habe sich auch Boethius in der neuplatonischen Tradition Zahlen als quantitative Chiffre für die Schöpfung betrachtet. Die Zahl, so Heilmann, sei somit „ein Widerschein der göttlichen Schöpfung und der Schöpfungsordnung“.

    Musikalische Beispiele zur Wirkungsgeschichte der Ästhetik Augustins in der Musik des Mittelalters führten Sänger und Instrumentalisten des „Ensembles für frühmittelalterliche Musik“ auf. Gabriele Ziegler (Münsterschwarzach) zeigte die Abbildung einer mittelalterlichen Handschrift, die den Anfang der „Bekenntnisse“ des heiligen Augustinus und mittelalterliche Dirigierzeichen zeigte. Neben der von Ziegler rekonstruierten zugehörigen Antiphon veranschaulichte das Ensemble grundlegende Aussagen Augustins zur Symbolik der Notenabstände und der Zahlen: beispielsweise die Vier als Sinnbild für das Kreuz und die Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Maßhalten und Gerechtigkeit.

    Die Suche nach dem Schönen und Wahren hat Augustinus als lebenslangen Prozess verstanden. Die Diskussionen des Studientages verorteten ästhetische Erfahrungen bei Augustin konkret in der Musik und in der Dichtkunst. Zu berücksichtigen ist hier, dass der Kirchenlehrer schon Sprache als Musik betrachtete und sich vom Sprachgebrauch der Grammatiker seiner Zeit teilweise abgrenzte. Die „Bekenntnisse“ selbst seien, wie ein Diskussionteilnehmer einwarf, in ihrem Aufbau ein Nachweis der Schönheit. Mit Blick auf das beim Studientag mehrfach thematisierte philosophische Motiv des Einen wurde auch die Caritas erwähnt – als eine für augustinische Schriften charakteristische Ergänzung.

    Aktueller Band des Lexikons dem Papst überreicht

    Grüße von Papst Benedikt XVI. übermittelte Professor Mayer OSA den Teilnehmern des Studientags. Am Donnerstag nach Pfingsten hatte er Papst Benedikt XVI. im Rahmen einer Privataudienz den soeben im Basler Schwabe Verlag erschienenen dritten Band des Augustinus-Lexikons überreicht. Dieser war erst kürzlich in einer Feierstunde im Würzburger Museum am Dom der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Unter den Gastgeschenken für den Papst befand sich auch der Corpus Augustinianum Gissense, die elektronische Edition der Werke des Augustinus von Hippo.

    Benedikt XVI. dankte Mayer für seinen Beitrag zur weltweiten Augustinusforschung. Von Würzburger Bürgermeister Adolf Bauer, Vorsitzender des ZAF e.V. und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung, erhielt der Papst die Pfingstausgabe dieser Zeitung, in der ein Interview mit Mayer zum Thema „Was Augustinus über Pfingsten lehrt“ und ein weiterer Beitrag über die vor sechzig Jahren ausgezeichnete Promotion Joseph Ratzingers veröffentlicht worden war. Der junge Joseph Ratzinger hatte im Frühjahr 1951 bei Professor Gottlieb Söhngen in München mit einer Arbeit über das Kirchenverständnis Augustins mit summa cum laude promoviert. Überrascht nahm Papst Benedikt XVI. zur Kenntnis, dass jeden Tag mehr als tausend Besucher im Internet die Seite www.augustinus.de anklicken. Die hohe Nachfrage nach online-Informationen des Portals bestätigt neben der wissenschaftlich fundierten Arbeit am Augustinus-Lexikon, dass Würzburg ein Mekka der Augustinusforschung geworden ist. Ein weiteres internationales Forum bietet sich dem ZAF im Herbst 2012 in Rom, wenn Augustinisten aus aller Welt zum Symposion über „Civitate Dei“ erwartet werden.