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    DORIS NAUER.

    Glaubwürdige Seelsorge im Geiste Vinzenz Pallottis

    Welches Verständnis von Seelsorge war prägend für Vinzenz Pallotti? Hier sind drei Kernpunkte zu nennen.

    Welches Verständnis von Seelsorge war prägend für Vinzenz Pallotti?

    Hier sind drei Kernpunkte zu nennen. Zum einen ging es Pallotti sowohl in seinem Verständnis als auch in seiner Alltagspraxis vorrangig darum, jeden Menschen radikal ernst zu nehmen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, ihn zu akzeptieren, wertzuschätzen und wirklich heilsam mit ihm umzugehen. Diese zwischenmenschlich heilsame Dimension hat Vinzenz Pallotti gelebt. Zugleich war er ein ganz und gar mystischer Mensch, der zutiefst aus seinem Glauben lebte. Deshalb wollte er, dass dieser Glaube an die Liebe Gottes auch für andere Menschen erfahrbar werde. Das ist die mystagogische Dimension von Seelsorge, die zur heilsamen hinzu kommt, also, sich mit den Menschen auf den Weg machen, um Spuren Gottes, die Liebe Gottes in ihrer Alltagsexistenz zu finden. Und die dritte Dimension ist die, dass es in der Seelsorge nicht nur darum geht, Menschen auf ein Jenseits zu vertrösten. Seelsorge ist nicht nur die Sorge um das ewige Seelenheil, sondern heißt: Weil ich heilsam mit Menschen umgehe, weil ich ihnen helfen will, Spuren Gottes im Leben zu entdecken, möchte ich auch, dass sie in Würde auf Erden leben können. Das ist die dritte, die diakonische, dienende Dimension. Es ist das Zupackende, die Ärmel Hochkrempelnde, das ganz konkret, auch materiell Helfende. Das hat Vinzenz Pallotti praktiziert – er und seine Mitstreiter. Er hat seinen Hut aufgesetzt, seine Schuhe angezogen und sich auf den Weg zu den Menschen gemacht.

    Wurde Vinzenz Pallotti damit zu einer öffentlichkeitswirksamen Person?

    Es gibt zwar die These, dass er unpolitisch war, sich gesellschaftspolitisch nicht eingemischt hat und auch kirchenpolitisch neutral blieb. Aber in dem Moment, da er sich öffentlich und intensiv für Menschen einsetzte, Spendengelder sammelte, mit Obrigkeiten verhandelte, Netzwerke knüpfte, wurde er gleichsam automatisch gesellschaftspolitisch aktiv, ob er das nun ausdrücklich wollte oder nicht.

    Kann Pallottis Seelsorgeverständnis im 21. Jahrhundert weiterhelfen?

    Ich glaube, dass die Schätze Pallottis im Blick auf unser heutiges Seelsorgeverständnis noch nicht wirklich gehoben sind. Das hängt auch damit zusammen, dass viele seiner Texte noch gar nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt es hier noch viel zu tun. Eines aber lässt sich heute schon mit Sicherheit sagen: Pallotti war seiner Zeit weit voraus! Sowohl seine „Seelsorgetheorie“ als auch seine „Seelsorgepraxis“ waren gekennzeichnet durch eine außergewöhnlich hohe Komplexität. Während der Ruf nach einer ganzheitlichen Seelsorge, die dem ganzen Menschen mit all seinen irdischen Krisen, Nöten und Problemen wirklich gerecht wird, sowohl auf katholischer als auch auf evangelischer Seite erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. lautstark erklang, war Pallotti bereits 200 Jahre früher ganzheitlich seelsorglich unterwegs. In den letzten Jahrzehnten haben viele Theologinnen und Theologen – ermutigt durch das Zweite Vatikanische Konzil – wertvolle Grundlagenarbeit geleistet, um entweder die heilsame oder die mystagogische oder die diakonische Dimension von Seelsorge theoretisch zu begründen und praktisch umzusetzen. Es dauerte jedoch einige Zeit, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass man Seelsorge nicht eindimensional verengen darf. Erst dann, wenn alle drei Dimensionen gleichwertig und zusammengehörig betrachtet werden, wird Seelsorge zu einer wirklich glaubwürdigen ganzheitlichen Seelsorge. Dies hat Pallotti meines Erachtens schon zu einer Zeit begriffen, als die Worte „heilsam“, „mystagogisch“ und „diakonisch“ im Seelsorgekontext noch gar nicht verwendet wurden.

    Was bedeutet heute glaubwürdige Seelsorge im Geiste Vincenz Palllottis unter den stark veränderten kirchlichen und gesellschaftlichen Bedingungen?

    Wir können von Pallotti lernen, dass es wichtig ist, Seelsorge vor dem Hintergrund eines sehr profilierten christlichen Gottes- und Menschenbildes zu praktizieren. Wir können lernen, dass wir angesichts einer sich immer stärker pluralisierenden Gesellschaft ganz bewusst und selbstbewusst zu unserem christlichen Gottes- und Menschenbild stehen, dass wir gerade deswegen den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen suchen und gerade wegen unseres christlichen Gottes- und Menschenbildes fähig sind, tolerant zu sein. Ich denke, wir können von Pallotti lernen, klares Profil zu zeigen in einer komplexer werdenden Gesellschaft und uns nicht immer weiter verstecken und gleichsam selbst immer mehr neutralisieren.

    Was kann Pallotti der Kirche von heute weiter sagen?

    Wesentlich ist heute – gerade angesichts der immer größer werdenden pastoralen Räume – ein Zweites, das Pallotti gelebt hat, das heißt: der „unio“-Gedanke, der Gedanke eines gemeinsamen, katholischen Apostolats von Klerikern, Ordensleuten, Laien – Hand in Hand, weil sie nur gemeinsam aufgrund der Vielfalt ihrer Charismen die drei Dimensionen von Seelsorge wirklich abdecken können. Das ist eine Riesenchance in den neuen pastoralen Räumen, in dieser Weise miteinander zu arbeiten. Dazu braucht es aber auf Seiten der Kleriker ein Umdenken, denn es bedeutet, den Laien, dem Volk Gottes, viel mehr zuzutrauen. Umgekehrt sollte es auch bei Laien größeres Selbstvertrauen einerseits und mehr Bereitschaft zur Verantwortung andererseits geben. Und hier kann Pallotti als früher Vordenker gelten. Denn er war jemand, der den Laien zugetraut und gleichzeitig zugemutet hat, wirklich Volk Gottes zu sein. Das traute er Frauen und Männern, Klerikern und Laien zu. Lange schon vor „Evangelii Nuntiandi“ (1975) rief Pallotti auf zur Selbstevangelisierung. Dass Pallotti mit seiner Seelsorge nicht nur auf materielle (Über)Lebenshilfe, sondern auch auf spirituelle Glaubenshilfe im Sinne einer Begeisterung für den christlichen Glauben abzielte, war Folge seiner felsenfesten Überzeugung, dass sich alle Menschen zutiefst von Gott geliebt fühlen dürfen, weshalb sie diese Liebe weitergeben und ihre Mitmenschen ebenfalls vom christlichen Glauben begeistern wollen. Für Pallotti war „Selbst-Evangelisierung“ im Sinne einer „Selbst-Einspurung“ auf den christlichen Glauben Voraussetzung, um andere für den Glauben gewinnen zu können. Dies bedeutet für heute: Bevor wir lautstark andere „missionieren“ oder „neuevangelisieren“ wollen, gilt es, leise und selbstkritisch zu überprüfen, ob wir überhaupt noch in der Spur Jesu Christi sind. Pallotti war sich sicher: Wer seinen Glauben glaubwürdig lebt, wird automatisch anziehend für andere Menschen!