• aktualisiert:

    "Glaube soll provozieren"

    Erzbischof Diarmuid Martin von Dublin setzt Hoffnungen in einen Generationenwechsel.

    Erzbischof Diarmuid Martin
    "Die religiöse Kultur Irlands ist in einem radikalen Umbruch. Das Land ist keine Bastion katholischer Werte mehr, sonder... Foto: Paul Haring/CNS photo (Catholic News Service)

    Exzellenz, wie präsentiert sich der irische Katholizismus heute?

    Die religiöse Kultur Irlands ist in einem radikalen Umbruch. Das Land ist keine Bastion katholischer Werte mehr, sondern vergleichbar mit der Situation Westeuropas. Die Menschen respektieren ihre Pfarrer noch, aber nicht mehr die Institution Kirche. Die Vorstellung, dem heidnischen Dublin stehe eine gesunder Katholizismus auf dem Land gegenüber, trifft nicht mehr zu. In Dublin gibt es Pfarreien, wo weniger als zwei Prozent der Gläubigen sonntags die heilige Messe besuchen. An einem beliebigen Sonntag gehen etwa fünfzehn Prozent der katholischen Bevölkerung im Erzbistum Dublin zur Sonntagsmesse. Wenn ich bei Pfarreibesuchen junge Familien und Teenager treffe, sind es meistens Polen. Manche irischen Bischöfe haben noch nie einen Priester geweiht.

    Welchen Eindruck haben Sie von den jungen Iren?

    Die jungen Iren gehören zu den am meisten katechisierten und am wenigsten evangelisierten Menschen in Europa – auch wenn weit über achtzig Prozent der Grundschulen in katholischer Trägerschaft sind. Bei der letzten Volkszählung haben sich 48 Prozent der 24–29-Jährigen im Erzbistum Dublin als religionslos bezeichnet. Auf der anderen Seite sind sie idealistisch, großzügig und tolerant.

    "Es gibt eine starke Säkularisation.
    Junge Iren wachsen heute in einer Kultur
    auf, in der die Kirche nicht mehr präsent ist"

    Jedoch tun sie sich schwer damit, diese Großzügigkeit explizit in ihrer religiösen Bildung zu verankern. Sie leben in einem Land, in dem das Staatsfernsehen jeden Abend den Angelus überträgt und das Heiligtum von Knock einer der meistbesuchten Orte in Irland ist. Andererseits gibt es eine starke Säkularisation. Junge Iren wachsen heute in einer Kultur auf, in der die Kirche nicht mehr präsent ist.

    Warum?

    Die Vorbereitung auf die Erstkommunion und die Firmung laufen vor allem in den katholischen Schulen. Man darf aber nicht davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Lehrer an katholischen Schulen praktizierende Katholiken sind. Erstkommunion und Firmung sind oft eher ein gesellschaftliches Event als ein religiöses Fest. Am Sonntag nach der Firmung kommen viele Jugendliche bereits nicht mehr in die Kirche. Was mir Sorgen macht ist, dass die meisten Messbesucher der Mittelschicht angehören. Alles läuft ruhig und freundlich ab. Glaube soll aber provozieren. Bei uns fehlen die Arbeiter und die Intellektuellen.

    Gibt es Hotspots der Neuevangelisierung?

    Ja, es gibt geistliche Bewegungen wie die Jugend 2000 und traditionsverbundene Gläubige. Und dank katholischer Einwanderer wachsen auch Focolare und Comunione e Liberazione. Ich sehe auch in der Kategorialseelsorge Modelle für die Zukunft.

    Was würden Sie sich wünschen?

    Mir ist wichtig, dass wir Katholiken fördern, die in der Gesellschaft und im Kulturleben tätig sind. Sonst wird Religion reine Privatsache. Irland hat nie eine christdemokratische Partei gehabt. Es kommt gar nicht darauf an, ob engagierte Laien alle Glaubensinhalte akzeptieren. Neulich hat mir jemand gesagt: Wer sich öffentlich als Katholik zu erkennen gibt, erinnert an jemand, der im Pelzmantel zu einer Umweltschützerversammlung geht.

    Wie hat die Kirche in Irland auf die Missbrauchskrise reagiert?

    Langsam. Ich habe als Erzbischof von Dublin einer Regierungskommission Tausende von Akten übergeben. Das wurde in Irland kritisiert und auch der Vatikan war nicht immer zufrieden. Ich habe so entschieden, weil die Wahrheit uns auch frei macht, wenn sie nicht besonders schön ist. Das hat mir viel Respekt eingetragen.

    "Seit einiger Zeit haben wir gute Leitlinien.
    Jedes Bistum und jede Ordensgemeinschaft wird
    extern überprüft. Ich glaube, dass wir heute
    auch ein Beispiel für andere sein können"

    Seit einiger Zeit haben wir gute Leitlinien. Jedes Bistum und jede Ordensgemeinschaft wird extern überprüft. Ich glaube, dass wir heute auch ein Beispiel für andere sein können. Jede Pfarrei hat einen Beauftragten für Kindesschutz. Auch ausländische Priester werden überprüft, ehe sie in Irland tätig werden dürfen. Dublin hat zwei, drei Fälle aus diesem Jahrhundert. Alle anderen ereigneten sich früher.

    Wie würden Sie die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in Irland beschreiben?

    Als distanziert. Es gibt nur wenige strukturierte Beziehungen. Bemerkenswert ist, dass bei den Volksabstimmungen über die Liberalisierung der Abtreibung und die Einführung der gleichgeschlechtlichen „Ehe“ jede politische Partei in Irland die Statusveränderung befürwortete. Die Trennung zwischen Kirche und Staat ist keine feindselige, aber sie könnte zu einer solchen werden. Es gibt eine wachsende Zahl lautstarker Befürworter einer wesentlich feindseligeren Beziehung.

    Wieviele Seminaristen hat Ihr Erzbistum?

    Vier. Als ich eingetreten bin waren es 120. Drei werden in Rom ausgebildet und einer wohnt und arbeitet in einer Pfarrei. Er besucht die Theologische Hochschule der Dominikaner in Dublin und wird von drei Priestern begleitet.

    Welchen Eindruck haben Sie von den jungen Priestern?

    Einige sind sehr traditionalistisch. Man fragt sich, ob die Kirche für sie eine Komfortzone von Gleichgesinnten ist. Die Kirche muss in der Gesellschaft präsent bleiben. Das braucht Mut.

    Sie selbst haben eine Personalpfarrei für die außerordentliche Form des römischen Ritus eingerichtet.

    Ja, jeden Sonntag kommen etwa 400 Gläubige in Dublin zur alten Messe. Es ist schön und sehr würdig. Für mich ist es wichtiger, dass es ein Zentrum gibt, in dem die überlieferte lateinische Liturgie würdig gefeiert wird, als zu versuchen, in jeder Pfarrei eine lateinische Messe anzubieten. Aber auch im neuen Ritus werden in mehreren Dubliner Gemeinden lateinische Hochämter sehr würdig gefeiert.

    "Für mich ist es wichtiger, dass es ein Zentrum
    gibt, in dem die überlieferte lateinische Liturgie
    würdig gefeiert wird, als zu versuchen, in
    jeder Pfarrei eine lateinische Messe anzubieten"

    In der Dubliner LGBT-Gemeinde haben Sie am Anfang selbst zelebriert. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

    Zunächst kamen viele Mütter Homosexueller. Eine sagte mir nachher: Ich werde meinem Sohn schreiben, dass das hier möglich ist. Das Ganze ist nicht ohne Risiko. Man muss darauf achten, dass eine solche Messe nicht politisiert wird. Inzwischen übernehmen einige Pfarrer der umliegenden Gemeinde diese Sonntagsmesse. Es ist keine Bewegung entstanden, aber man musste eine Pastoral für sie finden, ohne die katholische Lehre zu verleugnen. Wir sind alle Sünder.

    Ja, wir sind alle Sünder, allerdings fühlen sich manche irischen Katholiken von der LGBT-Agenda in ihren elterlichen Erziehungsrechten eingeengt.

    Das Problem ist der staatliche Lehrplan, der den Schulen Vorgaben macht. Man muss aber auch berücksichtigen, dass Homosexualität vor zwanzig Jahren strafbar war. Wir müssen aber Respekt lernen und sehen, dass diese Menschen leiden. Ich unterstütze die gesamte Position der katholischen Kirche zum Thema Homosexualität und versuche, Distanz zu Polemiken zu halten.Wenn ich einfach von Sünde spreche, könnte ich den Sünder vergessen. Ich unterstütze auch die kleinen Gruppen von Homosexuellen, die versuchen, nach der Lehre der Kirche zu leben.

    Im April 2020 werden Sie 75. Welche Bilanz ziehen Sie?

    Ich habe meinen Beitrag geleistet, aber ich bedauere, dass es mir nicht gelungen ist, die Brücke zu den jungen Menschen zu schlagen. Allerdings bin ich nicht der Einzige. Die Institution Kirche ist derzeit nicht dazu in der Lage. Auch viele Priester sagen mir: Wir haben alles versucht, und es ist hoffnungslos. Merkwürdigerweise ist die Kirche aber heute gesünder als zu Zeiten des Massenkatholizismus.

    "Es ist eine Fehleinschätzung zu meinen,
    weil wir Katholiken achtzig Prozent der
    Bevölkerung repräsentierten, seien wir stark"

    Es ist eine Fehleinschätzung zu meinen, weil wir Katholiken achtzig Prozent der Bevölkerung repräsentierten, seien wir stark. Das war nicht der Fall. Manche Pfarreien sind heute aktiver denn je. Wir haben Laien als Katecheten. Nachdem Newmans Idee von einer katholischen Universität in Irland gescheitert war, blieb theologische Bildung lange Zeit ausschließlich Klerikern vorbehalten. Jetzt studieren auch Laien Theologie. Hoffnung habe ich auch, wenn ich die Priester sehe, die jetzt zwischen 50 und 60 sind und jetzt Leitungsaufgaben übernehmen. Sie sind gut und fromm. Ich bin stolz auf diese Generation. Sie werden es schaffen, vielleicht besser als meine Generation.

    Weitere Artikel