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    Geht raus in die Welt, nicht rein in die Sitzungen

    Worte zum Abschied sagt man nicht so einfach dahin! Letzte Worte sind immer wie eine Art Testament. Sie klingen nach. Sie sind besonders wertvoll und wichtig. „Geht zu allen Völkern!“, liebe Kinder, liebe Jugendliche und Erwachsene, Schwestern und Brüder im Herrn, hier in unserem „Freiluftdom“ von Regensburg und überall dort, wo Sie über Rundfunk, Fernsehen oder Internet mit uns feiern, und „… seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ – Das sind die letzten Worte, wie sie uns der Evangelist Matthäus von Jesus überliefert.

    ZdK-Präsident Alois Glück, Bundespräsident Joachim Gauck und Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg (von links). Foto: Benedikt Plesker

    Worte zum Abschied sagt man nicht so einfach dahin! Letzte Worte sind immer wie eine Art Testament. Sie klingen nach. Sie sind besonders wertvoll und wichtig. „Geht zu allen Völkern!“, liebe Kinder, liebe Jugendliche und Erwachsene, Schwestern und Brüder im Herrn, hier in unserem „Freiluftdom“ von Regensburg und überall dort, wo Sie über Rundfunk, Fernsehen oder Internet mit uns feiern, und „… seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ – Das sind die letzten Worte, wie sie uns der Evangelist Matthäus von Jesus überliefert.

    Was Jesus seinen Jüngern vor 2 000 Jahren bei seinem Abschied ans Herz legt, soll auch heute unsere Herzen bewegen. Was meint Jesus, wenn er seine Jünger und damit die Christen aller Zeiten auffordert: „Geht!“? „Gehen“ heißt: „Nicht sitzen bleiben“, allzu viele innerkirchliche „Sitzungen“ halten oder sich einsperren, auch nicht nur gebannt in die Luft starren, sondern gehen. Aufbruch ist angesagt!

    Die Jünger haben die Weisung ihres Herrn befolgt. Gestärkt durch den Pfingstgeist sind sie gegangen. Schon nach wenigen Generationen war die Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu an den Grenzen der damals bekannten Welt angelangt. Die Jünger sind aufgebrochen. Mit einem erfüllten Herzen haben sie Gottes Wort ausgesät, und der Herr ließ vielfache Frucht wachsen. Viele der Jünger in den ersten Jahrhunderten, aber auch bis herein in unsere Gegenwart, haben für die Botschaft Jesu und den Glauben an ihn sogar ihr Leben hingegeben. So verbreitete sich das Evangelium, und schon im vierten Jahrhundert erreichte es – durch Soldaten und Kaufleute, durch Laien also – auch die von den Römern gegründete Stadt Castra Regina, die Ratisbona, Regensburg, die Stadt, in der wir den 99. Deutschen Katholikentag begehen dürfen.

    Dass das Evangelium von so kleinen Anfängen in Jerusalem her die Enden der Erde erreicht hat und heute Christen in Asien, Australien, Amerika, Afrika und in Europa ihren Glauben leben und das Wort Gottes verkünden, ist für mich allein schon ein überzeugender Hinweis, dass diese Botschaft echt ist und ich ihr glauben darf. Schulen, Krankenhäuser, Klöster, herrliche Kirchen, verschiedenste sozial-caritative Einrichtungen sind Früchte dieses Glaubens.

    Geht, geht zu allen!, sagt der Herr auch heute und zu jedem von uns. Der Katholikentag bringt uns in Erinnerung: „Du bist gesandt, Du hast eine Mission, Du bist beauftragt, den Glauben zu verkündigen …!“ das gilt nicht nur für die Bischöfe, Priester und Diakone und die hauptamtlich Bestellten. Schon die Taufe und die Firmung befähigen und beauftragen jeden Christen: Geht, geht zu allen. Jesus, der Brückenbauer, braucht auch Dich und mich. Baut mit ihm an der Brücke zwischen Gott und den Menschen und der Menschen untereinander.

    Der Katholikentag als Fest, bei dem die besondere Sendung aller Laienchristen in den Blick rückt, will uns darüber hinaus die vielen Richtungen aufzeigen, in die es heißen kann: Geht, geht zu allen.

    Geht zu den Kranken, zu den Gemobbten, zu allen, die auf irgendeine Weise an den Rand gedrängt sind. Lasst sie erfahren, dass sie nicht alleine sind, sondern dass ihnen ganz besonders die Liebe Christi gilt.

    Geht zu den Flüchtlingen und Heimatlosen. Reicht ihnen die Hand und tragt Sorge, dass sich über dieser menschlichen Brücke auch Wege in eine menschwürdige Zukunft auftun.

    Geht in die Schulen. Tragt dazu bei, dass der Religionsunterricht dazu beiträgt, dass unser Glaube lebendig bleibt; aber unterstützt den Religionsunterricht auch von den anderen Fächern her. Schlagt untereinander die Brücken, dass klar wird: Religion ist nicht eine Sonderwelt, sondern die Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens!

    Geht in die Hochschulen und Universitäten! Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern sie brauchen einander! Helft mit, Gräben zwischen Naturwissenschaft und Glauben, zwischen Philosophie und Theologie, zu überwinden. Sorgt für die „Entfesselung der Vernunft“ als eine erste Brücke zwischen Mensch und Gott

    Geht in die Redaktionsstuben der Zeitungen und in die Funkhäuser und dorthin, wo über so viele unterschiedliche Kanäle Informationen verbreitet und Meinungen gemacht werden. Helft mit, dass die Medien sich der Wahrheit verpflichtet wissen, ihr Ethos nicht dem wirtschaftlichen Druck opfern und ihre Funktion als Brücke zum Guten hin ausfüllen. Der Münchner Publizist Fritz Michael Gerlich, der vor 80 Jahren für seine Überzeugung zu einem der ersten Märtyrer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde, ist für mich in diesem Zusammenhang ein großes Vorbild.

    Geht in die politischen Parteien! Gerade die jungen Christen möchte ich ermutigen, sich ernsthaft die Frage zu stellen, ob das nicht ihre Berufung ist. Wir brauchen junge Menschen, die fest im Glauben verwurzelt, beruflich kompetent und mit einem starken Rückgrat sich einbringen, Verantwortung übernehmen und mitbauen an einer menschlichen Gesellschaft.

    Geht in die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und in die Wirtschaft und Industrie, dass phantasiereich Wege gefunden werden, wie die Kluft zwischen arm und reich zumindest gemildert werden kann, Grenzen zwischen den Völkern allmählich überflüssig werden, Mauern den Brücken weichen können.

    Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang, der mehrere Jahrzehnte lang Europa in zwei Hälften trennte. Diese friedliche Umwälzung war nicht zuletzt vom Wirken und Beten vieler Christen vorbereitet, die die politische Bedeutung ihres Glaubens umgesetzt haben und zu Brückenbauern geworden sind. Mit großer Dankbarkeit schauen wir auf den heiligen Papst Johannes Paul II. Auch ihm ist es zu verdanken, dass der völkerverbindende Brückenschlag zwischen Bayern und Böhmen wieder möglich wurde. Mitten im Herzen Europas ist das gelungen, in unserer Nachbarschaft. So grüße ich an dieser Stelle ganz besonders und ausdrücklich meinen Mitbruder aus Pilsen, Bischof Frantisek, und alle Schwestern und Brüder aus unseren benachbarten tschechischen Bistümern. Freuen wir uns darüber und feiern wir dankbar, dass tragfähige Brücken unsere Freundschaft möglich gemacht haben.

    Diese Erfahrung ermutige uns auch, dem Auftrag Jesu in den vielen anderen Bereichen zu folgen, der uns zuruft: Geht, geht zu allen Völkern. Amen.