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    Gebot der Stunde: Nüchternheit

    Eines der beunruhigendsten Nebenprodukte der durch den Ryan Report hervorgerufenen Empörung ist die Art und Weise, wie hier einzig den Ordensleuten die Schuld zugeschoben wird. Indem man sie zu Sündenböcken abstempelt, wird die öffentliche Aufmerksamkeit von der Rolle abgelenkt, die Politiker, Ärzte, Richter, Polizisten und Inspektoren des Tierschutzvereins (sic!) gespielt haben. Sie waren es, die diese staatlichen Institutionen eingerichtet, genehmigt und belegt haben (und dann die Ordensleute benutzten, um sie mit Personal zu versorgen, das den Staat praktisch nichts kostete).

    Eines der beunruhigendsten Nebenprodukte der durch den Ryan Report hervorgerufenen Empörung ist die Art und Weise, wie hier einzig den Ordensleuten die Schuld zugeschoben wird. Indem man sie zu Sündenböcken abstempelt, wird die öffentliche Aufmerksamkeit von der Rolle abgelenkt, die Politiker, Ärzte, Richter, Polizisten und Inspektoren des Tierschutzvereins (sic!) gespielt haben. Sie waren es, die diese staatlichen Institutionen eingerichtet, genehmigt und belegt haben (und dann die Ordensleute benutzten, um sie mit Personal zu versorgen, das den Staat praktisch nichts kostete).

    Das Resultat ist, dass der Name aller Ordensleute verunglimpft wurde: Männer und Frauen, die seit mehr als zweihundert Jahren ihr Leben für Christus aufgeopfert haben, um jungen und kranken Menschen mit selbstloser Hingabe zu dienen. Irland steht ihnen gegenüber in großer Schuld. Das kann auch von den vielen anderen Ländern in der angelsächsischen Welt gesagt werden, wo sie ebenfalls gedient haben, ohne Kosten dafür zu berechnen.

    Man sollte in Erinnerung rufen, dass der irische Staat nicht nur versäumt hat, adäquate Überprüfungen durchzuführen, sondern dass er jegliche Kritik – wie etwa von Frank Duff, dem Gründer der Legio Mariae – zurückgewiesen hat. Ein anderer, der „Halt“ gerufen hat, war der in Roscommon geborene Priester Edward Flanagan, Gründer der Boys Town in den Vereinigten Staaten, die sich um Waisen sowie um solche Kinder kümmert, die von ihren Eltern verlassen oder in staatliche Obhut genommen werden. Er wurde zu einer Berühmtheit, nachdem sein Leben und seine Arbeit mit Spencer Tracey in der Hauptrolle verfilmt wurden. Sein Motto lautete: „So etwas wie einen schlechten Jungen gibt es nicht“. 1946 hielt er nach dem Besuch einiger Gewerbeschulen einen öffentlichen Vortrag in Cork. Er verurteilte diese Einrichtungen als „Skandal, unchristlich und unrecht“. Er beschuldigte seine Zuhörerschaft der Mittäterschaft an dem geschehenen Unrecht. Irlands Strafanstalten, so sagte er, seien eine „Schande für die Nation“. Während einer Versammlung im Unterhaus des irischen Parlaments wies der damalige Justizminister Gerald Boland diese Kritik als „so übertrieben“ zurück, dass er nicht glaube, jemand könne ihr irgendeine Bedeutung zumessen. Nach diesem entschiedenen Urteil herrschte Schweigen – einschließlich, so scheint es, seitens der Journalisten.

    Ein weiteres Nebenprodukt der Reaktion auf den Ryan Report ist die Art und Weise, wie Politiker und weltliche Berichterstatter die derzeitige Entrüstung dazu benutzen, für ihr eigenes Programm zu werben. Das schließt den Versuch ein, die Regierung dazu zu bewegen, die Kirche komplett aus dem Erziehungswesen zu entfernen, vor allem aus der Grundschule, die auf lokaler Ebene weitgehend von Gemeindepriestern und Geistlichen anderer Konfessionen geleitet wird.

    Ein solches Programm kann in der irischen Bevölkerung langfristig nur weiteren Schaden anrichten. Und zwar deswegen, weil es auf der Annahme aufbaut, dass die Probleme der Gesellschaft nur durch größere staatliche Eingriffe und strengere Vorschriften zu lösen sind. Das kann am Ende nur zu einem Polizeistaat führen, der von Bürokratie, Misstrauen und Furcht gezeichnet ist.

    Ich entstamme dem traditionellen irischen Katholizismus. Ich kenne und schätze seine Bedeutung, die sich vor allem – aber nicht nur – in dem jahrhundertlangen Dienst, den die Ordensgemeinschaften geleistet haben, gezeigt hat. Ich bin dankbar für die Erziehung, die engagierte Ordensleute mir und zahlreichen anderen jungen Menschen haben zukommen lassen. Doch ich weiß auch, dass er als Kultur – wie alles Menschliche – mit Fehlern behaftet war. Ich bin davon überzeugt, dass wir, wenn wir die Vergangenheit und ihre Sünden bewältigen und als Gesellschaft und Kirche voranschreiten wollen, weiterhin so nüchtern wie möglich fragen müssen: Was ist in unserer Kultur falsch gelaufen, dass Kindesmissbrauch in so großem Ausmaß möglich war? Gleichermaßen wichtig ist die Frage: Wie können wir einen Heilungsprozess für alle herbeiführen, die direkt oder später indirekt betroffen waren?

    Niemals bedurfte die irische Nation stärker einer Art Selbstaufopferung – und des Einfallsreichtums –, die die Quelle der wirklichen Größe des traditionellen irischen Katholizismus war. Sollte jemand das bezweifeln, dann möge er daran denken, was mit unserem ehemals effizienten Gesundheitsdienst passiert ist, nachdem der Staat ihn von den Ordensleuten übernommen hat: der reinste Scherbenhaufen.

    Von Professor Vincent Twomey