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    Gebet als Mutter aller Theologie

    Köln (DT) Innerhalb der ökumenischen Bewegung gibt es ein wachsendes Interesse an vorreformatorischen Schriftkommentaren. Ihre Verfasser lebten zu einem großen Teil in Klöstern nach der Regel des heiligen Benedikt. Zu den bemerkenswertesten literarischen Ergebnissen der jüngsten Zeit gehört der im Patrimonium-Verlag erschienene Kommentar zum Römerbrief des mittelalterlichen Zisterziensers Wilhelm von Saint-Thierry (Rezension in dieser Zeitung folgt). Der Neutestamentler Klaus Berger und seine Frau Christiane Nord haben ihn erstmals aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt und stellten den Band kürzlich in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek in Köln vor. Bereits im Dezember 2009 hatte Benedikt XVI. den 1148 verstorbenen Zisterzienser Wilhelm von Saint-Thierry mit einer Katechese im Rahmen der Mittwochsaudienzen gewürdigt.

    Inbegriff zisterziensischer Frömmigkeit: Christus umarmt den heiligen Bernhard von Clairvaux. Ölgemälde von Francisco Ri... Foto: IN

    Köln (DT) Innerhalb der ökumenischen Bewegung gibt es ein wachsendes Interesse an vorreformatorischen Schriftkommentaren. Ihre Verfasser lebten zu einem großen Teil in Klöstern nach der Regel des heiligen Benedikt. Zu den bemerkenswertesten literarischen Ergebnissen der jüngsten Zeit gehört der im Patrimonium-Verlag erschienene Kommentar zum Römerbrief des mittelalterlichen Zisterziensers Wilhelm von Saint-Thierry (Rezension in dieser Zeitung folgt). Der Neutestamentler Klaus Berger und seine Frau Christiane Nord haben ihn erstmals aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt und stellten den Band kürzlich in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek in Köln vor. Bereits im Dezember 2009 hatte Benedikt XVI. den 1148 verstorbenen Zisterzienser Wilhelm von Saint-Thierry mit einer Katechese im Rahmen der Mittwochsaudienzen gewürdigt.

    Eine Abfolge in fünf Schritten

    Der emeritierte Kölner Weihbischof Klaus Dick unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung der angemessenen inneren Haltung vor der in der Schrift geoffenbarten Wahrheit für den richtigen Umgang mit der Heiligen Schrift. Wie also muss der Christ die Wahrheit entgegennehmen, um sie wirklich zu treffen? Klaus Berger antwortete in Anspielung an seine jüngste Publikation, bei Wilhelm von Saint-Thierry lerne man, es anders zu machen als die „Bibelfälscher“. In seinen Schriftkommentaren begegne der Leser der Exegese der Zisterzienser in konzentrierter Form.

    Eine Abfolge von fünf Schritten kennzeichnet Berger zufolge die monastische Schriftauslegung: Lesung, Meditation, Kontemplation, die sogenannte ruminatio, das „Wiederkäuen“ und Wiederholen, schließlich das Gebet. Dass Exegese als Gebet endet deckt sich mit der persönlichen Erfahrung Bergers, der selbst Familiare des Zisterzienserordens ist: „Nach meiner Erfahrung hat man biblische Texte erst dann spurenweise verstanden, wenn man mit Gott darüber spricht“. Das Gebet sei daher die Mutter aller Theologie. So sei auch den Texten Wilhelm von Saint-Thierrys anzumerken, dass der Verfasser nicht nur über Gott rede, sondern mit ihm.

    Passionsfrömmigkeit und Gnadentheologie

    Als Besonderheit der Zisterzienser hob Berger die Passionsfrömmigkeit hervor: Neben den Kindheitsgeschichten Jesu „entdeckten die Zisterzienser die Passionsgeschichten für eine Frömmigkeit, die das Herz angeht“. In vielen Zisterzienserklöstern wird das Vesperbild sehr verehrt. Schriftauslegung, Mystik und Realismus verdichteten sich zur spezifischen zisterziensischen Frömmigkeit.

    Zum Realismus der geistlichen Söhne des heiligen Bernhard von Clairvaux gehöre die schonungslose Darstellung menschlichen Elends. Zieht man die Linien aus, stellt sich aus Bergers Sicht die Frage, was dabei herauskommt, „wenn der Mensch sich selbst realistisch einschätzt im Angesicht des Kreuzes“. Als Antwort darf die Gnadentheologie der Zisterzienser dienen. Ihren bildlichen Ausdruck findet sie im sogenannten Amplexus, dem Bild des Gekreuzigten, der den heiligen Bernhard umarmt. Berger bezeichnete es als das „Herz der Gnadentheologie der Zisterzienser“ und zitierte Wilhelm von Saint-Thierry: „Meine Sehnsucht nach Gott kann allein Gott im Gekreuzigten erfüllen.“