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    Ganz Ohr für Gott

    Freising (DT) Was begeistert Katholiken heute am Theologiestudium? Zum Beispiel der faszinierende Gedanke, Teil einer neuen Evangelisierung zu sein, bekennt eine junge Frau im unlängst bei Echter erschienenen Band: „Unruhig ist unser Herz“ – was junge Theologen über ihr Studium denken“. In Hochschulkreisen findet dieser Gedanke zwar kaum Beachtung. Doch wie exzellent sich wissenschaftlicher Anspruch und Impulse zur Neuevangelisierung verbinden lassen zeigte am Wochenende das gut besuchte erste deutschsprachige Internationale Symposion zur Vorbereitung auf den 500. Geburtstag der spanischen Kirchenlehrerin Teresa von vila (1515–1582).

    Die Zeiten sind stürmisch“, schrieb die heilige Teresa von Jesus angesichts der Widerstände gegen die Kirche ihrer Zeit.... Foto: Einig

    Freising (DT) Was begeistert Katholiken heute am Theologiestudium? Zum Beispiel der faszinierende Gedanke, Teil einer neuen Evangelisierung zu sein, bekennt eine junge Frau im unlängst bei Echter erschienenen Band: „Unruhig ist unser Herz“ – was junge Theologen über ihr Studium denken“. In Hochschulkreisen findet dieser Gedanke zwar kaum Beachtung. Doch wie exzellent sich wissenschaftlicher Anspruch und Impulse zur Neuevangelisierung verbinden lassen zeigte am Wochenende das gut besuchte erste deutschsprachige Internationale Symposion zur Vorbereitung auf den 500. Geburtstag der spanischen Kirchenlehrerin Teresa von vila (1515–1582).

    Ausgehend vom „Buch der Gründungen“ der spanischen Kirchenlehrerin beleuchteten der Eichstätter Dogmatiker Manfred Gerwing, Vertreter der Katholischen Universität vila, Marianne Schlosser von der katholisch-theologischen Fakultät Wien und Markus Enders von der Uni Freiburg die zeitlos aktuellen Erkenntnisse einer Lehrerin auf dem Weg nach innen. Teresas Plauderton und ihr Sinn für das Praktische können allerdings nicht über ihren hohen geistlichen Anspruch hinwegtäuschen: Unter teilweise widrigen Bedingungen gründete sie zwischen 1562 und 1582 siebzehn Reformklöster und entdeckte dabei den Gehorsam als schnellsten Weg zu Vollkommenheit.

    Zu den Stärken des „Buchs der Gründungen“ gehört die Fülle der Parallelen, die sich dem gläubigen Leser des 21. Jahrhunderts bieten. Einer dem Autonomiestreben und dem Emanzipationsideal verpflichteten Moderne präsentiert sich die Heilige als Meisterin der Entweltlichung. Lydia Jiménez von der Katholischen Universität vila hob die Zeitgemäßheit der teresianischen Pädagogik hervor: Gegen Relativismus und falsche Vorstellungen von Autonomie, die heute zum Erziehungsnotstand beitrügen, setze die Kirchenlehrerin Demut, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe. Im deutschsprachigen Raum übten ihre Schriften starken Einfluss auf Edith Stein aus. Als „treue Tochter der Kirche“ verkörpere Teresa von vila zudem ein Wesensmerkmal der Neuevangelisierung: tiefe Verbundenheit mit dem Lehramt der Kirche.

    Der schlimmste Feind der Kirche ist die Verweltlichung

    Die Karmelitin gehörte zu einem Netzwerk von Heiligen, das sich für die Erneuerung der Kirche einsetzte. Unter ihnen waren Johannes vom Kreuz, Johannes von vila, Pedro von Alcántara und die selige Anna vom heiligen Bartholomäus. Von den Widerständen, die sie dafür überwinden mussten, lassen sich die Linien in die Gegenwart ausziehen: Glaubensspaltung und Verweltlichung der Kirche bestimmten die „stürmischen Zeiten“, in denen sich Teresa und ihre Mitstreiter zu Reformen und zur Neuevangelisierung entschlossen. Dass der schlimmste Feind der Kirche nicht die Verfolgung von außen, sondern die eigene Verweltlichung, erlebten Teresa und ihre Mitschwestern auf ihren dornenreichen Gründungsreisen.

    Innerkirchlich scheiden sich an der historischen Einordnung des Lebenswerkes Teresas die Geister. War sie lediglich Gründerin neuer Klöster, wie im deutschsprachigen Raum oft vermutet wird? María del Rosario Sáez Yuguero, Rektorin der Katholischen Universität vila, rückte dieses Bild zurecht: Das Wirken der spanischen Mystikerin gehört zur spanischen Gegenreformation. Ziel der teresianischen Reform sei es gewesen, das apostolische Wirken der Kirche durch das Gebet zu unterstützen. Den „aufrichtigen sensus ecclesiae“ der Heiligen unterstrich auch Christoph Ohly in seinem Porträt der Heiligen. Mit ihrem Gründungswerk habe Teresa von vila einen Beitrag zur Verteidigung der Kirche geleistet. Zugleich zeichnete der Trierer Kirchenrechtler ein differenziertes Bild ihrer Christusbeziehung. Die Betrachtung einer Figur des Geißelheilandes veränderte das Leben der jungen Nonne von Grund auf. Christus habe sich Teresa nicht als strenger Richter, sondern als verständnisvoller Freund gezeigt, so Ohly. Doch habe sie nie vergessen, dass „Christus Gott ist und königlicher Herrscher“.

    Ausgewogen und stimmig fielen auch die Vorträge über die Spiritualität der Kirchenlehrerin aus. Gebet, so Marianne Schlosser, bedeute für Teresa von Ávila weder Gefühl noch Gestimmtheit, sondern die Entschlossenheit, Gott zu suchen und an sich wirken zu lassen. Das für den Karmel typische innere Gebet erfordere nicht zuletzt hohe Disziplin. Dass die Lebensform des kontemplativen Beters auch mit geistlichen Risiken verbunden ist, beleuchtete Frau Schlosser anhand teresianischer Überlegungen zur Unterscheidung der Geister. Gehorsam und Reinheit des Gewissens stellen demzufolge die wichtigsten Hilfsmittel dar, um Täuschungen zu vermeiden. Für den Umgang mit Visionen und Privatoffenbarungen zog Frau Schlosser auf der Grundlage der Schriften der Kirchenlehrerin eine klare Empfehlung: die Kriterien der Kirche anwenden. Publicity und Gefallsucht sollten demnach zur Vorsicht mahnen. Als ein wichtiges Kriterium nannte die Referentin die Fähigkeit, einzuordnen, „dass der Glaubensschatz der Kirche größer und wichtiger ist als eine Privatoffenbarung“.

    Auch wenn Teresa von Ávila selbst mystische Erfahrungen hatte, sind die im „Buch der Gründungen“ festgehaltenen Einsichten weit entfernt von jeder einseitigen Sichtweise. Der Dogmatiker Manfred Gerwing veranschaulichte das anhand des fünften Kapitels. Es besage, was heute vielfach aus dem Blick geraten sei: Gelebter Glaube und systematisch reflektiertes Glaubenswissen gehören zusammen. „Sie dürfen nicht als Gegensätze aufgefasst, sondern müssen aufeinander bezogen werden.“ Teresas Erfahrung, dass inneres Beten nicht im vielen Denken, sondern im vielen Lieben besteht, darf darum nicht als Absage an die Vernunft missverstanden werden. Die Gottesliebe zeige sich darin „ganz Ohr für ihn zu sein“ und den Gehorsam zu üben, unterstrich Gerwing. Weder die Ruhe noch die innere Erfüllung der eigenen Person ist darum das Ziel des aufrichtigen Beters, sondern die Erfüllung des göttlichen Willens. Darum, so Gerwing, dürfe der Mensch Teresas Auffassung nach auch nicht versuchen, Gott im Gebet festzulegen. „Der Beter muss sich den jeweils richtigen Weg von Gott sagen lassen.“ Richtig im Sinne Teresas verstanden, zeugt der Gehorsam darum weder von Unmündigkeit noch von der Unfähigkeit, für die eigenen Taten Verantwortung zu übernehmen, sondern ergibt sich aus einer vernünftigen Selbstbescheidung. Frau Schlosser verwies auf die von vielen Mystikern geteilte Erfahrung Teresas, dass „subtile Eigenliebe das geistliche Leben kontaminiert“. Darum bewertet die Heilige den Wunsch, sich dem Gehorsam zu entziehen, als Anzeichen für eine Versuchung im geistlichen Bereich. Eine ihrer positiven Erfahrungen formuliert sie im „Buch der Gründungen“: „Der Gehorsam verleiht Kräfte.“ Den Mut zu ihren Gründungsreisen hatte Teresa, weil sie spürte: „Gott will es“, erklärte Frau Schlosser.

    Welcher Spannungsbogen bei Teresa zwischen Gehorsam und Mut liegt, zeigte Markus Enders auf. In Demut, Heilsgewissheit und innere Ruhe bestehe den Schriften der Heiligen zufolge der unmittelbare spirituelle Nutzen des Gehorsams. Verdienste sieht Teresa nach Darstellung Enders auch in einem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, der der menschlichen Verstandeserkenntnis widerspricht – etwa in Form von Anweisungen kirchlicher Oberer. „Dieser Gehorsam ist deshalb objektiv vernünftig, weil es der schlechthin unübertreffliche Wille Gottes ist, den dieser Gehorsam zu erfüllen sucht. Denn der Wille Gottes muss ebenso unübertrefflich sein wie das Sein Gottes selbst.“

    Enders zufolge zieht sich die außerordentliche Hochschätzung der spirituellen Bedeutsamkeit des Gehorsams wie ein Cantus firmus durch das „Buch der Gründungen“. Mit seiner These, dass Teresas Loblied auf den Gehorsam auch taktisch-strategische Funktion besessen haben, sich aber nicht darin erschöpfe, gab der Referent das Stichwort für eine lebhafte Diskussion über die historische Einordnung der Schriften der Kirchenlehrerin. Der im Auditorium anwesende Pater Ulrich Dobhan OCD, einer der Übersetzer der Neuübertragung der Schriften Teresas von vila, stieß mit seinen Ausführungen über das frauenfeindliche Umfeld Teresas von vila – expressis verbis nahm er nur den heiligen Johannes vom Kreuz aus – auf Skepsis.

    Im deutschen Sprachraum fehlt die Literatur

    Weihbischof Juan Antonio Martínez Camino SJ beurteilte die gesellschaftliche Stellung der Frauen im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts als deutlich besser als die in anderen Ländern Europas – eine durchaus stichhaltige These, deren Vertiefung im deutschsprachigen Raum jedoch leicht an fehlender Literaturkenntnis scheitern dürfte. Schriften und Sekundärliteratur zur ersten Generation der Unbeschuhten Karmelitinnen – unter denen hochgebildete Frauen wie die Priorin des ersten Karmels in Sevilla, Maria vom heiligen Josef, waren – sind im deutschsprachigen Raum noch nicht wissenschaftlich erschlossen.

    Die Diskussion zeigte, dass vor allem jüngere Theologen mit einer feministisch getönten Hermeneutik der mit Evidenzen gespickten Texte Teresas fremdeln. „Eine Frau des sechzehnten Jahrhunderts kann ich nicht durch die Brille des einundzwanzigsten Jahrhunderts betrachten“, merkte eine Religionslehrerin kritisch an. Deutlich wurde, dass die historische Einordnung wie ein Belichtungsmesser wirkt. Von ihr hängt ab, wie nuanciert sich dem Leser das geistliche Profil und die Persönlichkeit der Heiligen erschließt. Hat Teresa für sich und ihre Schwestern tatsächlich einen „Schutzraum“ vor einer frauenfeindlichen Männerwelt gesucht? Allein diese Perspektive verführt zu einer unverhältnismäßigen Betonung der privaten Frömmigkeit einer zutiefst apostolisch gesonnenen Ordensreformerin. Ohne die Liebe zur Kirche Teresas, aber auch das Spannungsfeld der kastilischen Ständegesellschaft des sechzehnten Jahrhunderts dem Textverständnis zugrunde zu legen, bleibt das Bild Teresas trüb.

    Das Symposion ermutigte jedoch dazu, dieses arbeitsintensive Projekt in Angriff zu nehmen um die Verkürzungen einer dem Leser des 21. Jahrhunderts zwar zunächst vertrauter anmutenden, aber letztlich doch unbefriedigenden feministischen Hermeneutik zu überwinden. Eine Fortsetzung mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2015 wäre allein deswegen ein Desiderat, weil die geistliche Tiefe der teresianischen Texte für das Projekt Neuevangelisierung noch nicht ausgeschöpft ist. Sara Gallardo aus vila brachte Teresas Vorbildcharakter auf den Punkt: „Der Wunsch nach dem Heil der Seelen war ihr Charisma.“