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    Für die Einheit von Monument und Dokument

    Jerusalem (DT) Es waren traurige Vorzeichen, unter denen kürzlich die Feiern zum 125. Geburtstag der Ecole biblique standen. Die französische Flagge über dem Gebäude wehte auf Halbmast. Wenige Tage nach den Pariser Anschlägen wurde beim Festgottesdienst in der dem Erzmärtyrer Stephanus geweihten Basilika auch der Opfer von Paris gedacht. In Anwesenheit des französischen Konsuls in Jerusalem sprach der Hauptzelebrant, Jerusalems Lateinischer Patriarch Fuad Twal, Gebete für die Opfer des Terrors.

    Pater Marie-Joseph Lagrange OP. Foto: IN

    Jerusalem (DT) Es waren traurige Vorzeichen, unter denen kürzlich die Feiern zum 125. Geburtstag der Ecole biblique standen. Die französische Flagge über dem Gebäude wehte auf Halbmast. Wenige Tage nach den Pariser Anschlägen wurde beim Festgottesdienst in der dem Erzmärtyrer Stephanus geweihten Basilika auch der Opfer von Paris gedacht. In Anwesenheit des französischen Konsuls in Jerusalem sprach der Hauptzelebrant, Jerusalems Lateinischer Patriarch Fuad Twal, Gebete für die Opfer des Terrors.

    Dennoch blickten die versammelten Professoren und Studenten der in aller Welt renommierten Dominikaner-Hochschule dankbar auf die Jahre zurück, die seit der Gründung vergangen waren. Gegründet wurde die Einrichtung 1890 von dem französischen Dominikanerpater Marie-Joseph Lagrange. Sie wurde dem wenige Jahre zuvor, 1882, gegründeten Dominikanerkonvent Sankt Stephan angegliedert. Dem 1855 geborenen Gelehrten ging es darum, die Bibel in ihrer Heimat, dem Heiligen Land und dem Nahen Osten, zu studieren. Die Einheit von Dokument und Monument nannte Pater Lagrange diesen Ansatz, der Exegese und Archäologie zusammenführte. In den Zeiten, da die historisch-kritische Methode innerhalb der katholischen Kirche verpönt war und man in ihr einen Angriff auf den Glauben erblickte, konnten teilweise schwierige Beziehungen zur Hierarchie nicht ausbleiben. Pater Jean-Jacques Perennes, der neue Direktor der Ecole biblique, betont mit Blick darauf, dass es Pater Lagrange darum ging, eine naive, wortwörtliche, angesichts der historischen Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts nicht mehr haltbare Lektüre der Bibel aufzugeben, gleichzeitig aber den Glauben an das Wort Gottes zu bewahren. Lagrange habe in medio ecclesiae, im Herzen der Kirche, gehandelt. „Der Mut von Pater Lagrange und seinen ersten Gefährten bestand darin, die Defizite einer gläubigen Lektüre, die die modere Wissenschaft offengelegt hatte, ernst zu nehmen, ohne sie deswegen aber wie Loisy oder Renan ganz abzulehnen“, betont Pater Perennes.

    Pater Lagrange versammelte um sich deshalb Spezialisten auf allen für die Bibelwissenschaft relevanten Gebieten. Assyriologen, Ethnographen, Archäologen und so weiter forschten an Texten und Denkmälern. Unermüdlich durchstreiften die Patres den Nahen Osten, leiteten Ausgrabungen in Petra, Aleppo und Baalbek, fotografierten dabei den vormodernen Nahen Osten aus der Zeit des untergehenden Osmanischen Reichs. Über 12 000 Fotografien mit Abbildungen von Menschen und Orten bilden noch heute einen Schatz sondergleichen in den Archiven der Einrichtung. Schnell erwarben sich die forschenden Dominikaner Renommee. 1920 wurde sie von französischen staatlichen Einrichtungen offiziell anerkannt und erhielt ihren heutigen Namen: Ecole biblique et archeologique française.

    In den 1930er Jahren setzte ein Generationswechsel ein. Pater Lagrange starb 1938. Die zweite Forschergeneration der Ecole biblique – ermutigt von der Enzyklika Divino Afflante Spiritu Papst Pius XII. von 1943 – stellte auch jenes Projekt auf die Beine, für das die Einrichtung noch heute weit über Fachkreise hinaus berühmt ist: die Jerusalemer Bibel. Bei der 1956 veröffentlichten kommentierten französisch-sprachigen Bibelausgabe handelte es sich seinerzeit um ein absolutes Novum. Neueste exegetische und archäologische Erkenntnisse wurden für ein breites Publikum in einer einbändigen Bibelausgabe zugänglich gemacht. Übersetzungen in die wichtigsten modernen Sprachen folgten. In Theorie wie Praxis trug die Ecole biblique so zur Erneuerung der Bibelwissenschaft und -lektüre im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils bei. Die Spannungen der Anfangszeit sind so vergangen. Längst haben sich die Päpste wie Paul VI. und Johannes Paul II. anerkennend über Pater Lagrange, den großen Pionier der katholischen Bibelexegese, geäußert. Sein Orden hat mittlerweile auch ein Seligsprechungsverfahren für den Priester eröffnet, der täglich auf Knien den Rosenkranz betete und stets ein Ave Maria sprach, ehe er mit einer Übersetzung begann. Es fehlt noch ein Wunder auf seine Fürsprache. 1983 gewährte die Studienkongregation in Rom der Jerusalemer Hochschule das Recht, Doktorgrade in Bibelwissenschaft zu verleihen. Die über die Jahre auf über 130 000 Bände angewachsene Fachbibliothek sowie die Forschungen und Ausgrabungen etwa in Qumran machen die Hochschule zum Ziel von Studenten und Forschern aus aller Welt.

    Die heute forschende Gelehrtengeneration hat längst ihr eigenes Mammutprojekt entwickelt. La Bible en ses traditions, Die Bibel in ihren Traditionen, heißt das auf Jahre angelegte Forschungsvorhaben, das die Jerusalemer Bibel und ihre seit 1956 erfolgten verschiedenen Auflagen weiterentwickelt. Es geht darum, die unterschiedlichen Traditionen– jüdische, verschiedene christliche, aber auch islamische – der Bibelauslegung aufzudecken und ihre liturgische, theologische und künstlerische Rezeption zugänglich zu machen. Die Bibel soll als lebendiger Text erfahrbar werden.

    Die dem Dominikanerkonvent Sankt Stephan angeschlossene Ecole bleibt aber neben aller exegetischen Spezialisierung ein Ort des Gebets. Pater Perennes legt auch 125 Jahre nach ihrer Gründung Wert darauf, dass die Ecole biblique von einer religiösen Gemeinschaft getragen werden möge, „die betet, die Liturgie zusammen feiert und täglich den Aufruf zur brüderlichen Liebe umsetzt, der vom Wort Gottes ausgeht“.