• aktualisiert:

    Friedlich, windig und voller Freude

    Glasgow (DT) Krasser hätte der Unterschied nicht sein können. Noch am Mittwochabend hatte der zweite Kanal des englischen Fernsehsenders BBC die Nation mit einem einstündigen Ratzinger-Porträt auf den Besuch aus Rom vorbereitet. Der Autor des Beitrags, ein homosexueller Ex-Dominikaner, muss ein ordentliches Budget auf Europas Straßen zurückgelassen haben. Er hatte die Wirkungsstätten Joseph Ratzingers aufgesucht, Hans Küng und Georg Ratzinger seine Aufwartung gemacht – und am Ende jedes Klischee über den deutschen Papst bedient, das sich in den angelsächsischen Medien fest eingeprägt hat: Der Hitlerjunge Joseph, der es an der Spitze der Glaubenskongregation bis zum „Rottweiler Gottes“ schafft und schließlich als Papst bei den nötigen „Reformen“ innerhalb der Kirche – Anerkennung der Homo-„Ehe“, Frauenweihe und Abschaffung des Zölibats – kräftig auf der Bremse steht. Und im Grunde die alleinige Verantwortung für die Missbrauchsskandale im katholischen Klerus trägt.

    Glasgow (DT) Krasser hätte der Unterschied nicht sein können. Noch am Mittwochabend hatte der zweite Kanal des englischen Fernsehsenders BBC die Nation mit einem einstündigen Ratzinger-Porträt auf den Besuch aus Rom vorbereitet. Der Autor des Beitrags, ein homosexueller Ex-Dominikaner, muss ein ordentliches Budget auf Europas Straßen zurückgelassen haben. Er hatte die Wirkungsstätten Joseph Ratzingers aufgesucht, Hans Küng und Georg Ratzinger seine Aufwartung gemacht – und am Ende jedes Klischee über den deutschen Papst bedient, das sich in den angelsächsischen Medien fest eingeprägt hat: Der Hitlerjunge Joseph, der es an der Spitze der Glaubenskongregation bis zum „Rottweiler Gottes“ schafft und schließlich als Papst bei den nötigen „Reformen“ innerhalb der Kirche – Anerkennung der Homo-„Ehe“, Frauenweihe und Abschaffung des Zölibats – kräftig auf der Bremse steht. Und im Grunde die alleinige Verantwortung für die Missbrauchsskandale im katholischen Klerus trägt.

    Siebzigtausend Gläubige ließen Kritiker verstummen

    Genau einen Abend später auf demselben Sender die Übertragung des feierlichen und musikalisch eindrucksvoll umrahmten Gottesdienstes in Glasgow, der ersten Messe Papst Benedikts auf britischem Boden mit etwa siebzigtausend Gläubigen. Auch nicht der Hauch eines kritischen Kommentars. Als das „Kyrie eleison“ erklang, später das Hochgebet in lateinischer Sprache – und das alles beim strahlenden Licht der abendlichen Sonne, da traten auch die Ideologen der BBC einen Schritt zurück und ließen die Bilder sprechen: Da feierten die Katholiken mit ihrem Oberhaupt die Eucharistie, öffentlich und unter freiem Himmel, da sprach der Hirte aus Rom zu den Seinen wie ein Vater zu den Kindern. Öffentlich und unter freiem Himmel, nicht im Verborgenen und in abgehobenen Elfenbeintürmen, wie es die Entscheider der Hochfinanz und die Freimaurer tun.

    Der Staatsbesuch von Benedikt XVI. im Vereinigten Königreich war schon ein Medienereignis, bevor er begonnen hatte. Hart hatten atheistische Prominente wie Richard Dawkins den Gast aus Rom attackiert, fünfzig von ihnen hatten ein Manifest gegen den Papstbesuch unterzeichnet. Kleine humanistische und atheistische Gruppierungen erhielten ein breites Forum in den Medien.

    Dass sich Kardinal Walter Kasper am Montag gegenüber dem Magazin „Focus“ über den multikulturellen Hintergrund Englands ausgelassen hatte, goss zusätzlich Öl ins Feuer. Wörtlich hatte er gesagt: „England ist heute ein säkularisiertes, pluralistisches Land. Wenn Sie am Flughafen Heathrow landen, denken Sie manchmal, Sie wären in einem Land der Dritten Welt gelandet.“ Dieses Zitat, aus dem Zusammenhang herausgerissen, sorgte dann zwei Tage später für zusätzliche Schlagzeilen, mit denen die britischen Medien die Ankunft des Papstes zur Bruchlandung machen wollten. „The Times“ sprach von einem „Last-Minute-PR-Debakel“, selbst englische Bischöfe ließen sich zu entsetzten Kommentaren hinreißen. Kasper, der nicht wegen des Interviews, sondern schon vor einer Woche wegen Krankheit von der Reise zurückgetreten war, hatte aber auch vom anwachsenden Atheismus in England gesprochen, von der Angestellten von „British Airways“, die kein Kreuz tragen durfte. Der Papst sollte ihm darin folgen – aber für die Leitmedien des Landes waren Kaspers Äußerungen ein einziger Skandal.

    So war der Auftakt der Visite Papst Benedikts ein einziger Medienrummel. Aber Joseph Ratzinger war nicht gekommen, sich diesem Zirkus zu unterwerfen. So erhielt die Queen, die den Papst am Donnerstag in ihrer Residenz in Edinburgh empfing, zunächst einmal eine leise „correctio fraterna“, eine brüderliche Zurechtweisung, in dem Stil, wie man sie sich unter Monarchen macht: „Ihre Regierung und Ihr Volk“, sagte ihr der Papst beim Empfang auf Schloss Holyroodhouse, „bringen Ideen ein, die nach wie vor weit über die britischen Inseln hinaus Wirkung zeigen.“ Das lege ihnen eine besondere Verpflichtung auf, klug für das Gemeinwohl zu arbeiten. „Entsprechend“, so der Papst wörtlich, „haben auch die britischen Medien, deren Meinungen ein so breites Publikum erreichen, eine schwerwiegendere Verantwortung als die meisten anderen Medien und eine größere Gelegenheit, den Frieden der Nationen, die ganzheitliche Entwicklung der Völker und die Ausbreitung authentischer Menschenrechte zu fördern.“ Frei übersetzt: Auch die Medien haben eine moralische Verantwortung. Und vor allem die britischen sollten sich dreimal überlegen, ob ihre Polemik dem Frieden und der Entwicklung dient.

    Den Atheisten die Hand reichen? Nicht Benedikt!

    Wie die meisten britischen Zeitungen dann am Freitag zu Recht festgestellt haben, ist der Papst nicht gekommen, um Säkularisierung und Atheismus die Hand zum Frieden zu reichen.

    Bereits am ersten Tag sauste die Botschaft des Papstes wie ein Fallbeil auf den Nacken der postchristlichen Gesellschaft Englands hinunter: „Viele Versuchungen“, so wandte sich Benedikt XVI. in Glasgow vor allem an die Jugendlichen, „stehen euch Tag um Tag vor Augen – Drogen, Geld, Sex, Pornografie, Alkohol –, von denen die Welt euch vorgaukelt, sie brächten Glück; doch diese Dinge sind zerstörerisch und zwiespältig. Nur eines ist dauerhaft: die Liebe, die Jesus Christus persönlich zu einem jeden von euch hat. Sucht ihn, lernt ihn kennen und liebt ihn, dann wird er euch befreien von der Sklaverei gegenüber der verlockenden, aber oberflächlichen Existenz, für die die heutige Gesellschaft so häufig wirbt. Legt ab, was wertlos ist, und lernt von eurer eigenen Würde als Kinder Gottes.“ Wieder schrien Atheisten und Humanistenverbände auf, zumal Benedikt XVI. bei seinem Empfang durch Elisabeth II. nicht nur daran erinnert hatte, dass Großbritannien der Nazityrannei widerstanden habe, sondern auch von den „nüchternen Lektionen des atheistischen Extremismus des zwanzigsten Jahrhunderts“ sprach und davon, dass „der Ausschluss von Gott, Religion und Tugend aus dem öffentlichen Leben letztlich zu einer verkürzten Vision des Menschen und der Gesellschaft führt und damit zu einer herabwürdigenden Sicht des Menschen und seiner Bestimmung“. Atheisten und Humanisten dankten dem Papst diese Nennung von Nazityrannei und dem „atheistischen Extremismus“ in einem Atemzug mit empörten Kommentaren in den Zeitungen des nächsten Tages.

    Doch wie sah der Beginn des wirklichen, des real existierenden Papstbesuchs in England aus? Friedlich, windig und voller Freude. Die schottische Kirche hatte die Parade zu Ehren des heiligen Ninianus, eines Missionars des vierten und fünften Jahrhunderts, wiederbelebt und den diesjährigen Umzug von Dudelsackpfeifern und Schülern in ihren Uniformen auf den Tag der Ankunft Papst Benedikt in Edinburgh gelegt. So füllten etwa zweihunderttausend junge und alte Schotten die Straßen der Innenstadt, als der Papst nach seiner Begegnung mit der Queen zur Residenz des örtlichen Erzbischofs fuhr. Kleine Gesten unterstrichen die Freundlichkeit des Empfangs: Der Herzog von Edinburgh, Prinz Philip, hatte Benedikt XVI. am Flughafen abgeholt, der Papst erhielt ein neu entworfenes und um die vatikanischen Farben bereichertes Schotten-Karo überreicht, die Begegnung zwischen der Königin in ihrem taubenblauen Kostüm und dem fast gleichaltrigen Papst hatte etwas Rührendes. Diesmal war es die Queen, die einen Gast in Audienz empfing und ihm einige Räumlichkeiten ihres Palastes zeigte. Und auf dem Flughafen hatte der Wind ordentlich das Gewand des Papstes durchpflügt, so dass dieser sich gar nicht erst steif halten konnte. Mal ein Griff nach dem Pileolus auf dem Kopf, dann nach dem Schulterumhang, der sich immer wieder aufbeulte. Der Besuch in England, so Vatikansprecher Federico Lombardi, hätte nicht besser beginnen können.

    Wahr ist aber auch, dass in Edinburgh, der alten Hauptstadt der Schotten, nichts auf den kommenden Papstbesuch hingewiesen hatte, kein Transparent, kein Fähnchen, kein Plakat. Und wahr ist auch, dass 1982, als Johannes Paul II. Schottland besuchte, dreihunderttausend Menschen zur Papstmesse kamen. Doch als Benedikt XVI. die Stadt am Donnerstagabend mit seiner Autokolonne in Richtung Bellahouston Park in Glasgow wieder verließ, da waren ihm viel Applaus, jugendliche Zurufe und Sympathie entgegengeschlagen. Es beginnt – wie bei fast jedem Papstbesuch im Ausland – derselbe Prozess: Die aggressive ideologische Vorberichterstattung der Medien wird allmählich überlagert von den Bildern des wirklichen Besuchs, der tatsächlichen Begegnung des Papstes mit den Menschen. Es war bereits dunkel, als die Sieben-Millionen-Metropole London das aus Glasgow kommende Flugzeug des Papstes verschlang. Ob ihm hier dasselbe gelingen wird, muss dieses Wochenende zeigen.