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    Frausein positiv gesehen

    Von prophetischer Inspiration angetrieben hat sich sich die Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098–1181) leidenschaftlich für die Erneuerung der Kirche eingesetzt. An Hildegards bildreiche Theologie lässt sich auch interkulturell anknüpfen, sie hat damit eine Bedeutung für die Weltkirche und öffnet den Menschen heute neu die Augen für die Schönheit Gottes und seiner Schöpfung.

    Beginn einer geglückten Entwicklung: Das Relief des Altars in der Binger Rochuskapelle zeigt den Eintritt der kleinen Hi... Foto: KNA

    Von prophetischer Inspiration angetrieben hat sich sich die Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098–1181) leidenschaftlich für die Erneuerung der Kirche eingesetzt. An Hildegards bildreiche Theologie lässt sich auch interkulturell anknüpfen, sie hat damit eine Bedeutung für die Weltkirche und öffnet den Menschen heute neu die Augen für die Schönheit Gottes und seiner Schöpfung.

    Nicht mit Hilfe von eigenen Studien, sondern in der Kraft des Heiligen Geistes deutete Hildegard die Bibel für die Menschen damals und heute. Sie ließ ihre geheimnisvollen Bilder nicht einfach unkommentiert stehen und verwirrte damit weder ihre zeitgenössischen noch ihre heutigen Leser. Denn sie war kein wahrsagendes Orakel, dessen Aussprüche sich in die eine oder andere Richtung lesen lassen. Hildegard interpretierte ihre eigenen Visionen klar von den Prinzipien der Heiligen Schrift her, Gott sei Liebe, Vernünftigkeit, Sinn, Schöpfungs- und Erlösungskraft und habe auf diese Weise den Menschen geformt und berufen. Damit wich Hildegard in ihren Bildern nicht etwa von der biblischen und kirchlichen Lehre ab, sondern sie deutete die Dogmatik aus, so etwa ihre Deutung der Weltentstehung aus dem „Welt-Ei“. Dieses Bild findet sich auch in asiatischen Vorstellungen, aber anders als in Asien geht es Hildegard nicht um eine unpersönliche mechanische Welt-Entstehung, sondern das Ei wird von Gottvater bewusst aus Liebe geschenkt. „Denn als Gott die Welt erschaffen wollte, neigte Er sich in zärtlicher Liebe herab [...]. Da erkannte die Schöpfung in diesen Gestalten und ihren Formen ihren Schöpfer, denn die Liebe war demgemäß der Quell dieser Schöpfung, als Gott sprach: ,Es werde‘, und es ward (Gen 1, 3), weil die ganze Schöpfung gleichsam in einem Augenblick von ihr [von der Liebe] hervorgebracht wurde.“

    Die Kirche ist für Hildegard ganz biblisch die „Braut des Sohnes“, „die durch die Wiedergeburt im Geist und im Wasser ständig ihre Kinder gebärt“. Wenn hier von „Wiedergeburt“ die Rede ist, ist damit nicht die Reinkarnationslehre des Hinduismus und Buddhismus oder auch des vorchristlichen Europas gemeint, sondern der biblische Hintergrund. Es geht im Christentum darum, in diesem Leben neu geboren zu werden, ein zutiefst weibliches Bild, das für den wichtigsten christlichen Vorgang überhaupt gewählt wird, dafür, dass ein Mensch überhaupt Christ wird, in den Raum des Glaubens, die Kirche, eintritt. Der Phärisäer Nikodemus kommt heimlich zu Jesus (Joh 3, 1–13) und spricht ihn auf seine göttliche Herkunft an. Jesus fordert ihn im Gegenzug heraus, seine geistliche Sichtweise verändern zu lassen: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. […] Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch: was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.“ (Joh 3, 3. 5–6)

    Was bedeutet diese christliche Wiedergeburt? Sie vollzieht sich nicht automatisch, wie man am biblischen Beispiel sieht, denn sie muss vom Erwachsenen bewusst vollzogen werden, und oft ist der Verstand dazu im Weg. Es braucht das Ja und eine innerliche Hingabe, ein Loslassen von eigenen Vorstellungen, wie das Leben zu laufen hat, damit die Erlösungstat Christi im Einzelnen fruchtbar wird.

    Hildegard schreibt in ihrem Werk „Scivias“ über den Empfang der Gaben des Heiligen Geistes, die jeder zu jeder Zeit empfangen kann, nicht nur im Moment der Firmung: „Daher bewirkt auch die Aushauchung (des Heiligen Geistes), die aus ihr (der göttlichen Macht) kommt, dass ihn (den Menschen), sobald er im Überdruss zu erlahmen beginnt, die mystischen Gaben des Heiligen Geistes berühren, damit er die Erstarrung von sich abschüttelt und sich eifrig zur Gerechtigkeit erhebt.“ Die Erstarrung abschütteln und wieder lebendig sein, lebendig nicht steif lieben – darum geht es für jeden und für die Kirche.

    Geschaffen aus Liebe und erlöst aus Liebe sei der Mensch, der den Mittelpunkt und die Fülle der ganzen Schöpfung bildet. Er ist ein Mikrokosmos im Makrokosmos, eine Welt im Kleinen, die den großen Kosmos in sich abbildet. Alles ist mit allem verbunden, in Liebe verknüpft, nichts darf sich losreißen, weder die Seele vom Leib, noch der Mensch von der Natur oder von Gott. Gottes Plan mit dem Menschen ist es, den Verlorenen, Vereinsamten, den widerspenstigen Rebellen, der der Natur und seiner Bestimmung widerstreitend im Weg ist, in seine göttliche Liebe und damit in die wahre Freiheit zurück einzuladen, durch Jesus Christus, der ganzheitliches Heil schenkt. Dazu gehört auch das leibliche Wohl.

    Hildegard war in ihrer Lebenshaltung der Schöpfung und der Schönheit zugewandt, wofür sie stark kritisiert wurde von Tengswich von Andernach, die die Kleider- und Schmucksitten des Rupertsberger Klosters anprangerte: „Auch von einem sonst nicht üblichen Brauch bei Euch drang etwas an unser Ohr: dass nämlich Eure Nonnen an Festtagen beim Psalmengesang mit herabwallendem Haar im Chore stehen und als Schmuck leuchtend weiße Seidenschleier tragen, deren Saum den Boden berührt. Auf dem Haupt haben sie goldgewirkte Kränze, in die auf beiden Seiten und hinten Kreuze und über der Stirne ein Bild des Lammes harmonisch eingeflochten sind. Auch sollen die Finger der Schwestern mit goldenen Ringen geschmückt sein. Dies alles, obgleich der erste (Völker-)Hirt der Kirche (Paulus) solches verbietet, da er mahnt und sagt: ,Die Frauen sollen sich sittsam halten, nicht mit Haargeflecht und Gold und Perlen oder mit kostbarem Gewand‘ (sich schmücken).“

    Hildegards Antwort: „Das alles gilt nicht für die Jungfrau (im Kloster). Diese steht vielmehr in Einfalt und Unversehrtheit wie im schönen Paradies, das nie verdorrt dastehen wird, sondern immer in der vollen grünenden Kraft ihrer Blüte, die dem Reis (Christus) entsprang. Für die Jungfrau besteht nämlich nicht die Vorschrift, die Schönheit ihres Haares zu bedecken, sondern aus eigenem freien Willen verhüllt sie in tiefster Demut ihr Haupt. Denn der Mensch soll seine Seelenschönheit verbergen, damit der Habicht des Hochmutes sie nicht raubt. Die Jungfrauen sind im Heiligen Geist der Heiligkeit vermählt und der Morgenröte der Jungfräulichkeit. Daher sollen die sich dem Hohenpriester nahen wie ein Gott geweihtes Brandopfer. Deshalb steht es der Jungfrau zu, ein leuchtend weißes Gewand anzulegen – kraft der Ermächtigung und Offenbarung durch den geheimnisvollen Anhauch dessen, der der ,Finger Gottes‘ heißt. Es ist die klare Hindeutung auf ihre Vermählung mit Christus.“

    Hildegard schreibt in ihren drei theologischen Werken eine Kosmos- und Heilsgeschichte, von der Schöpfung bis zur Apokalypse, und dabei geht es um Gottes Kampf um den Menschen. Gott liebt den Menschen, aus Liebe hat er den Menschen geschaffen und erlöst und wird nun von Gott eingeladen, mit ihm mitzuwirken. Der Mensch verweigert aber die Kooperation, läuft in die Arme des Bösen, wird verwundet. Er wird dann von den Tugenden zu Gott hin erneut eingeladen, und wenn er dann umkehrt, werden seine Wunden durch die Wunden Christi geheilt und er kann Mitarbeiter Gottes sein: Heilung im ganzheitlichen Sinne.

    Hildegard ist die erste christliche Denkerin – zumindest die erste, deren Schriften erhalten sind – die sich ernsthaft und ausgesprochen positiv mit dem Weiblichen als solchem beschäftigt hat. Sie geht in ihren Werken von einem polaren Menschenbild aus, in dem Mannsein und Frausein jeweils einen eigenständigen Wert haben und sich ergänzen. Ganz eindeutig wertet Hildegard die Weiblichkeit auf. Außerdem betont sie die Liebe zwischen Mann und Frau, während zeitgenössisch eher von Begehren, Sünde, höchstens von Treue die Rede ist. Zwar muss sich die Frau dem Mann unterordnen, die traditionelle Mann-Frau-Hierarchie wird aber von Hildegard aufgelöst, indem sie die Merkmale weiblicher Überlegenheit herausstellt: Die Frau sei kreativer, besitze Geschicklichkeit im Sinne des Kunsthandwerklichen (Aufwertung der weiblichen Arbeitsfelder), weil sie aus beseeltem Menschenfleisch geformt wurde, während Adam nur aus der unbeseelten Materie, dem Ackerboden stammt. Die Frau hatte die Umwandlung von Materie in beseelten Leib nicht nötig, sie sei also das vollkommenere Geschöpf, weil sie das zweitgeschaffene ist. „Gott schuf den Menschen aus Lehm, aber der Mann wurde aus Lehm in Fleisch verwandelt und deshalb ist er der eigentliche Grund und Herr der Schöpfung und er bearbeitet die Erde, damit sie Früchte trägt. Und Festigkeit ist in den Knochen, in den Adern und im Fleisch […] Die Frau verwandelte sich nicht, weil sie, vom Fleische genommen, Fleisch blieb, und deshalb ist ihr die kunstfertige Handarbeit gegeben. Und sie ist gleichsam luftig, da sie das Kind in der Gebärmutter trägt und es hervorbringt.“ Insgesamt geht es bei Hildegard um die Ergänzung, die Polarität von Mann und Frau, es braucht beide, um Gottes Ebenbild darzustellen – so auch in der Kirche, um geistlich fruchtbar zu sein. Denn, so sagt Hildegard: „Gott schuf den Menschen, und zwar den Mann von größerer Kraft, die Frau aber mit zarterer Stärke.“

    Den heutigen Leser erstaunt die unverblümte und treffende Schilderung der menschlichen Sexualität. Sie betont sogar den Eigenwert der leidenschaftlichen erotischen Liebe: „Wie das Feuer von Vulkanen, das man nur schwer löschen kann“, so sei die Leidenschaft Adams, aber: gottgegeben. Ein „lustvolles Hitzegefühl“ kündigt im „Gehirn“ des Mannes „den Genuss dieser Lust und den Samenerguss“ an. „Dann ziehen sich auch die Lenden dieser Frau zusammen, und alle Glieder, die zur Zeit der Menstruation bereit sind, sich zu öffnen, schließen sich alsbald so fest, wie wenn ein starker Mann etwas in seine Hand schließt.“ – „Die Liebe der Frau ist im Vergleich mit der Liebe des Mannes wie eine milde Wärme, die von der Sonne ausgeht und Früchte hervorbringt, im Vergleich mit einem sehr heftig brennenden Holzfeuer, weil sie durch ihre Milde in den Kindern Früchte hervorbringt.“

    Hildegard war sich des positiven Wertes des Frauseins voll bewusst, und so ergänzt sie auch das Bild des himmlischen Vaters durch weibliche Züge des Sohnes: „Denn durch diesen Quell des Lebens [Jesus] kam die mütterliche Liebe Gottes zu uns, die uns zum Leben genährt hat und die unsere Helferin in Gefahren ist; sie ist die tiefste und zärtlichste Liebe, die uns zur Reue anleitet.“

    Die Verfasserin ist Religionsphilosophin und Autorin. Der vorstehende Beitrag enthält Auszüge aus einer Rede, die sie am Wochenende beim Bundeskongress des Verbandes katholischer deutscher Lehrerinnen e.V. in Wiesbaden-Naurod gehalten hat.