• aktualisiert:

    Franziskus und die Fixsterne

    Berlin (DT) „Zwischen Entweltlichung, Reform und Normalisierung“: Unter diesem Stichwort haben Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur, und Christoph Möllers, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Berliner Humboldt-Universität, in der vergangenen Woche an der Katholischen Akademie in Berlin ein Resümee über die gegenwärtigen Entwicklungen der katholischen Kirche gezogen.

    Wie lassen sich Unschärfen im öffentlichen Bild des Heiligen Vaters am ehesten beheben? Genau hinhören, was Papst Franzi... Foto: dpa

    Berlin (DT) „Zwischen Entweltlichung, Reform und Normalisierung“: Unter diesem Stichwort haben Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur, und Christoph Möllers, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Berliner Humboldt-Universität, in der vergangenen Woche an der Katholischen Akademie in Berlin ein Resümee über die gegenwärtigen Entwicklungen der katholischen Kirche gezogen.

    „Die katholische Kirche befindet sich – mindestens seit den Tagen der Weimarer Republik, vielleicht aber auch schon seit dem Bismarck-Reich – immer zwischen den gleichen Fixsternen“: Mit diesem Bild eröffnete Ring-Eifel seine Analyse. Diese „üben auf unterschiedliche Weise ihre Gravitation auf die Kirche aus.“

    Der eine Fixstern sei der deutsche Staat, in dem „die katholische Kirche eine große, gesellschaftlich und politisch aktive, aber doch letztlich nicht prägende und nicht kulturbildende Kraft“ sei, der zweite Fixstern Rom, der Vatikan, der auf die Ortskirchen im deutschen Raum „immer nur aus einer geographischen und kulturellen Distanz wirken kann“.

    Zu beiden hatte die katholische Kirche in Deutschland stets „ein nicht ganz einfaches, ein irgendwie gebrochenes Verhältnis“, betonte Ring-Eifel. Das Hin- und Hergerissensein zwischen „römischer Prinzipienfestigkeit“ und „dem doch nicht unattraktiven deutschen Staat“ sei „sozusagen die Konstante, die den deutschen Katholizismus mindestens seit 100, wenn nicht seit 150 Jahren prägt“.

    Von 1949 bis 1969 herrschte eine „Sonderphase“, in der das deutsche Rechtssystem – Ring-Eifel erinnerte an das Verbot von Abtreibung und Scheidung, an die Konfessionsschulen und an den Paragrafen 175 – „beinahe anmutet wie eine weiche Form eines katholischen Fundamentalismus“. Sie endete mit den Reformgesetzen der Regierung Brandt-Scheel und wurde endgültig überwunden durch die Wiedervereinigung, als sich auch innerhalb der CDU die Gewichte verlagerten. Heute seien alle führenden Ämter innerhalb der CDU in der Hand von Protestanten, während ein politischer, kultureller und gesellschaftlicher Gestaltungswille der katholischen Kräfte in Deutschland seither kaum noch erkennbar sei.

    Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erschien ein dritter Fixstern am Firmament: die protestantischen Kirchen. Durch die einsetzende Suche der Gemeinsamkeiten mit den Protestanten kam es zu einer „Ausstrahlung des liberalen Protestantismus in die katholische Kirche hinein“. Ring-Eifel zufolge ist „die um sich greifende Infragestellung der katholischen Sexualmoral, des Zölibats und so weiter“ eine Auswirkung dieser Ausstrahlung.

    Gleichzeitig versuchte die katholische Kirche, ihre eigene Beziehung nach Rom neu zu definieren. „Es wurde immer erbitterter darum gekämpft: Was ist Rom? Wie stehen wir zu Rom?“

    Spätestens seit 1968, mit der Enzyklika Humanae vitae, kam es dann zu einer klaren Trennlinie zwischen beiden Strömungen, die sich unter dem Pontifikat Benedikts XVI. und dessen Kampfansage an die Diktatur des Relativismus und die Verkündigung einer entweltlichten Kirche noch verschärft habe.

    Heute erlebe die deutsche Gesellschaft und Verfassungswirklichkeit – wie schon 1968 – wieder einen massiven Liberalisierungsschub, in Form einer Forderung nach Gleichstellung homosexueller Beziehungen bis hin zum Adoptionsrecht, nach Reformen bei der Sterbehilfe sowie durch die polyreligiöse Zergliederung der Gesellschaft. Gleichzeitig gebe es in Rom einen Veränderungsschub unter dem neuen Papst. Dieser wolle jedoch nicht die katholischen Dogmen verändern, sondern sie menschlicher und überzeugender vermitteln. Es gebe da eine Menge Missverständnisse. Diese werden „in den nächsten Monaten bis Jahren insgesamt der katholischen Kirche auch schaden, weil sie in ein falsches Fahrwasser gerät, weil sie ein unklares Selbstbild hat, weil sie nicht wirklich versteht, was dort geschieht.“

    „Der Katholizismus in seinem Mainstream“, so Ring-Eifels Prognose, werde sich auch diesem neuen Liberalisierungsschub in der Gesellschaft anpassen. „Ich glaube, dass wir es auch noch alle erleben werden, dass auch die katholische Kirche die Homosexuellen mehr akzeptieren wird, dass sie die Sterbehilfe akzeptieren wird“, und zwar in Form einer „retardierenden Anpassung“: „Man läuft nicht mit wehenden Fahnen zur neuen Position über, man brummelt, man verweigert sich, aber irgendwann passt man sich dann doch an, und inzwischen ist ja die Karawane dann auch schon wieder ein Stückchen weitergezogen.“

    Christoph Möllers hob hervor, dass Papst Franziskus „eine uns eigene Form von Schranken und Frontbildung in Frage stellt“. In Bezug auf die Kirchenorganisation müsse eine „theologisch abgesicherte Form von Reform“ angeboten werden. Den Ortsbischöfen müsse eine größere Rolle gegeben, die Kurie als eine Art Dienstleister verstanden werden. Gleichzeitig sollte man auch das Positive an der oft kritisierten „Anstaltlichkeit“ der katholischen Kirche erkennen, die dazu beitrage, einen „spirituellen Extremismus“ zu vermeiden.

    Franziskus gelinge es, so Möllers, wieder etwas Positiv-Fröhliches in den Kirchenbegriff hineinzubringen. „Wir sollten alle wieder davon runterkommen, dass wir vor lauter Regeln keine Freude mehr an der Verkündigung haben.“

    Eine große Chance des Pontifikats erkennt Möllers darin, dass Papst Franziskus – im Gegensatz zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – „kein großer Theologe“ sei. Theologische Fragen interessierten ihn in gewisser Weise auch nicht so sehr, so Möllers. Seinen Armutsbegriff und sein Verständnis vom Liebesgebot theologisch einzufangen und zu formulieren sei jetzt eine Herausforderung für die Theologen. Es gehe darum, die Identität einer Kirche zu sichern, die bescheiden werden und etwas von ihrer Sichtbarkeit und ihrer Zentralität verlieren soll. Das verlange ein „systematisches Denken darüber, was Katholizismus ist“.

    „Wir hatten im Pontifikat Johannes Pauls II. in der Theologie fast eine ,bleierne Zeit‘, wo nichts mehr geforscht wurde und Debatten quasi tot waren“, stimmte Ring-Eifel zu. „Dann gärte es unter dem Benedikt-Pontifikat, und jetzt scheint es, eben weil der jetzige Papst kein Theologe ist, endlich wieder die Möglichkeit zu geben, stärker an theologischen Fragen zu arbeiten.“

    „Die katholische Kirche in Deutschland wird nicht um eine neue Phase einer schmerzlichen Selbstvergewisserung herumkommen“, resümierte Ring-Eifel. Sie müsse lernen, woran sie glaubt, und solle sich – das sei sehr wünschenswert – „eines Tages wieder als mitgestaltende Kraft in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs einbringen. Sie kann das mindestens mit dieser ,retardierenden‘ Funktion, aber sie sollte irgendwann doch einmal wieder mehr wagen.“ Auf keinen Fall dürfe die Kirche „sich damit zufriedengeben, dass ihre Werte und Normen nur noch als religiöse Sonderregeln angesehen werden“.