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    Figuren für lebendige Katechesen

    In über zwanzigjähriger Forschungsarbeit hat sich das Ehepaar Bernhard und Ingeborg Rüth der wissenschaftlichen Erschließung und Dokumentation der Krippenkunst im Bundesland Baden-Württemberg und im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben, also im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum, gewidmet. In einem großformatigen, reich illustrierten Band haben sie ihre Ergebnisse in sechs Kapiteln vorgelegt: Im einleitenden Kapitel wird die süddeutsche Weihnachtskrippe vorgestellt und das Forschungsfeld eingegrenzt. Im zweiten Teil, dem historischen, wird die Entstehung des Krippenbrauchtums im Zusammenhang der Frömmigkeitsgeschichte sowie die Vielfalt seiner Ausdrucksformen nachgezeichnet.

    Das klösterliche Erbe des Barock in seiner filigranen Pracht: Anbetung der Könige in der katholischen Pfarrkirche St. Ko... Foto: aus dem besprochenen Band

    In über zwanzigjähriger Forschungsarbeit hat sich das Ehepaar Bernhard und Ingeborg Rüth der wissenschaftlichen Erschließung und Dokumentation der Krippenkunst im Bundesland Baden-Württemberg und im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben, also im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum, gewidmet. In einem großformatigen, reich illustrierten Band haben sie ihre Ergebnisse in sechs Kapiteln vorgelegt: Im einleitenden Kapitel wird die süddeutsche Weihnachtskrippe vorgestellt und das Forschungsfeld eingegrenzt. Im zweiten Teil, dem historischen, wird die Entstehung des Krippenbrauchtums im Zusammenhang der Frömmigkeitsgeschichte sowie die Vielfalt seiner Ausdrucksformen nachgezeichnet.

    Vom liturgienahen Brauchtum zum Brauch ohne Glaube

    In den topographischen Teilen drei bis sechs wird die Krippenlandschaft in Baden-Württemberg und Bayerisch-Schwaben, einschließlich Krippenmuseen und Museumskrippen, umfassend erkundet. Ein Blick über die Grenzen nach Oberbayern, Franken, Vorarlberg, Tirol und die Schweiz beschließt den Band. Die Verfasser verstehen die Krippenkunst als „liturgienahes Brauchtum“, das sich bis in die Gegenwart mancherorts zum „Brauch ohne Glaube“ verflüchtigt hat. Die Unsicherheit der Verfasser über die Dauer des Weihnachtsfestkreises in der katholischen Kirche überrascht (Weihnachten bis Taufe Jesu am Sonntag nach Epiphanie). Krippen werden definiert als „eigenständige, dreidimensionale, figürlich-räumliche Darstellung der christlichen Weihnachtsgeschichte (im weiteren Sinne: der biblischen Geschichte), die zur Veranschaulichung religiöser Inhalte dient.“

    Zu den Sonderformen werden Bretterkrippen, Papierkrippen, Kastenkrippen, Stoffcollagenkrippen und Krippendioramen gezählt. Sehr gewinnbringend ist der Verweis auf die mittelalterliche Betrachtungsliteratur, die den Weg der Verinnerlichung des Heilsgeschehens durch Veranschaulichung beschritten hat. In den Betrachtungsanweisungen wurde die Bereitung des geistlichen Bethlehem im eigenen Herzen und die Vergegenwärtigung der Schauplätze angeregt. In der Aufforderung zur täglichen geistlichen Pilgerreise zur Krippe liegt der spirituelle Ursprung der Krippenkunst. Die Entwicklungslinien, die zum Krippenbau geführt haben, stellen sich für die Verfasser als komplexes „Wurzelgeflecht“ dar: „Monokausale Entstehungstheorien (sind) nicht in der Lage, den Prozess der ,Verselbstständigung‘ der Weihnachtskrippe zu erklären.“

    Die bis heute gängige Vorstellung, dass der heilige Franziskus mit seiner Weihnachtsfeier 1223 die Entstehung der Krippe vorbereitet habe, wird von den Verfassern entschieden „in das Reich der Legende“ verwiesen. Weihnachtsspiele, Weihnachtsaltäre der Spätrenaissance, Krippenaltäre, Anbetungsgruppen aus Einzelfiguren, ähnlich den Ölberg- und Grablegungsgruppen, gehören in dieses „Wurzelgeflecht“, aus dem das Phänomen Krippen herausgewachsen ist. Als eigenständige Kunstform tritt die Krippe erst zu Beginn der Neuzeit auf.

    In Schwaben breitet sich der Krippenbau im Zusammenhang der katholischen Reform zwischen 1570 und 1650 flächendeckend aus. Von den Ordensgemeinschaften und den Kunstzentren in den Residenzstädten ging die Verbreitung aus. Als Mittel der Katechese hat der Jesuitenorden in seinen Niederlassungen in Freiburg, Mindelheim, Augsburg, Oettingen, Rottweil, Dillingen, Ellwangen die Weihnachtskrippen gezielt angeschafft und wirksam eingesetzt. Um 1700 waren Krippen in Schwaben in allen Pfarrkirchen, Ordensniederlassungen und Klöstern vorhanden. Eine der ältesten erhaltenen schwäbischen Krippen befindet sich in St. Mang in Füssen (1628). Die Verbreitung der Hauskrippen verlief zeitlich parallel zu den Kirchenkrippen.

    Problematisch ist die unkritische Verwendung des Begriffs „Konfessionalisierung“ durch das Ehepaar Rüth. Sie verstehen darunter „die mit der Ausbildung der christlichen Bekenntnisse verbundene konfessionelle Formung von Frömmigkeit und Kirche wie auch die damit einhergehende konfessionelle Überformung von Gesellschaft und Staat“. Die auch von Kirchenhistorikern vielfach unkritisch übernommene Konfessionalisierungstheorie besagt, dass die endgültige Christianisierung erst mit der modernen Staatenbildung eingesetzt habe. Dahinter steht die Auffassung, dass der alte vorchristliche Volksglaube unter einer dünnen christlichen Oberfläche lebendig geblieben sei und dass dieses darunterliegende alte „magische Weltbild“ erst mit den Bildungsmaßnahmen der Aufklärung überwunden worden ist. Diese Theorie ist nachweislich falsch. Zur Krippenkunst gehörte der fast tägliche Wechsel der Szenen gemäß der Abfolge des kirchlichen Fest- und Heiligenkalenders der Weihnachtszeit. Eine Kirchenkrippe umfasste zumeist Figuren für die Szenen Verkündigung an die Hirten, Anbetung der Hirten, Anbetung der Könige, Hochzeit zu Kana, Flucht nach Ägypten, Kindermord von Bethlehem, Höllenfahrt des Herodes, Beschneidung Jesu, Darstellung des Herrn, Leben in Nazareth, der Zwölfjährige im Tempel, Steinigung des Stephanus. In Baden-Württemberg und Bayrisch-Schwaben haben sich um die siebzig Barockkrippen in Kirchen und Museen erhalten.

    Kampf gegen die Bildsymbolik der Kirche

    Es sind Gesamtkunstwerke, bei deren Herstellung Künstler und Handwerker zusammengearbeitet haben. Nicht nur vollplastische Gliederpuppen, sondern auch Bretterkrippen mit illusionistischen Architekturkulissen gehören zu den Barockkrippen. Mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773, der Enteignung der Bettelorden und schließlich der Prälatenorden in der Säkularisation verband sich der Kampf der Aufklärer gegen den sogenannten kirchlichen Aberglauben. Es handelte sich dabei eigentlich um den Kampf gegen die Glaubenspraxis und die Bildsymbolik der Kirche, an deren Stelle die reine Vernunftreligion und die Ästhetik des Klassizismus treten sollten. Die staatliche Bürokratie des aufgeklärten Absolutismus griff massiv mit Verordnungen in die kirchlichen Belange ein. Oftmals sind diesen kirchliche Verbote aufgeklärter Bischöfe schon vorausgegangen. Verinnerlichung und Veranschaulichung der heilsgeschichtlichen Ereignisse der Menschwerdung Gottes musste der deistische Rationalismus ablehnen. Krippenverbote erließ Ignaz Heinrich von Wessenberg, der Bistumsverweser von Konstanz, aber auch der König von Bayern. Erst 1825 wurde für Bayern das Krippenverbot für Pfarrkirchen von König Ludwig I. wieder aufgehoben. Folge der Verbotspraxis war die weitere Privatisierung des Krippenbrauches.

    Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts erlebte die Krippe wieder große Zustimmung. Etwa der Schüler von Johann Michael Sailer, der Dichter des Liedes „Ihr Kinderlein kommet“ (1811/1819) Christoph von Schmid, setzte sich sehr für die Wiederaufnahme der Krippenfrömmigkeit ein. Mit der sogenannten Nazarenerkrippe des Malers Joseph Ritter von Führich wurde das stark noch der Barockkrippe verhaftete Krippenschaffen des Biedermeier von einem neuen Stil abgelöst.

    Von den Verfassern wird der Nazarenerstil treffend charakterisiert: In einer römisch-deutschen Ideallandschaft mit italienischen Hirten nach romantischer Vorstellung, einer Heiligen Familie in morgenländischer Tracht, der Geburt in einer Felsengrotte. Auf Genreszenen wurde in der Nazarenerkrippe fast vollständig im Interesse einer zurückgenommenen Innerlichkeit verzichtet. Lange Zeit wurde die Nazarenerkrippe von vielen Künstlern zum Vorbild genommen. Auch die Massenproduktion in Ton, Gips, Papiermaschee orientierte sich an dieser populären Stilrichtung. Einen eigenen Weg ging der akademische Bildhauer Sebastian Osterrieder mit seinen Krippen im orientalischen Stil.

    Eine neue Blüte der Krippenkunst war dann die Zeit zwischen 1900 und 1960. Mit der Gründung des „Vereins bayerischer Krippenfreunde“ begann eine neue Hochschätzung der Kirchenkrippen, verbunden mit der Wiederentdeckung wertvoller Krippen, der Erfassung der Bestände und der ersten Restaurierung bedeutender Krippen. Die Krippenbewegung regte stets auch Laienschnitzer und Krippenbauer zum gediegenen kunsthandwerklichen Krippenschaffen an. Im Wesentlichen werden heute entweder orientalische Krippen oder sogenannte Heimatkrippen hergestellt.

    Im Einzelnen stellen die Verfasser alle bedeutenden Krippen des schwäbisch-alemannischen Raumes ausführlich vor. Jeweils angegebene genaue Anschriften und Öffnungszeiten machen das Buch darüber hinaus zu einem hervorragenden Krippenführer. Mit ihrem großen Bildband haben die Verfasser sowohl eine fundierte Einführung in die Geschichte der Weihnachtskrippe und ihres Schicksals im Verlauf der Kulturgeschichte am Beispiel Süddeutschlands, als auch einen umfassenden Reiseführer in eine der reichhaltigsten faszinierendsten Krippenlandschaften vorgelegt. Ein umfassendes Literaturverzeichnis und ein Personen- und Ortsregister beschließen den Band.

    Bernhard und Ingeborg Rüth: Schwäbisch-alemannisches Krippenbuch. Weihnachtskrippen in Baden-Württemberg und Bayerisch-Schwaben. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg, geb., 352 S., 296 Abbildungen, EUR 39,–