• aktualisiert:

    Faszinosum und Skandalon

    Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer wurde am 1. Oktober 1949 in Altdorf bei Titting geboren. Seit seiner Ministrantenzeit war Thiermeyer von einer tiefen Liebe zu den Ostkirchen erfüllt. Nach Studienaufenthalten in Eichstätt, Jerusalem und Griechenland wurde er 1977 zum Priester geweiht. Als Gründungsrektor des Collegium Orientale (1998–2008) war er maßgeblich mit der Ausbildung von Kollegiaten aus den Ostkirchen betraut. Im März 2006 berief ihn Papst Benedikt XVI. zum Konsultor in der vatikanischen Ostkirchen-Kongregation. 2010 weihte ihn Bischof Milan Saschik zum Titular-Archimandrit der Abtei St. Stephanus in Remety (Ukraine). In den letzten beiden Jahren war Thiermeyer Flüchtlingsseelsorger im Bistum Eichstätt. Am 1. September 2017 ging er in den Ruhestand.

    Alle unter einem Dach: Die Kollegiaten des Collegium Orientale in Eichstätt kommen aus den verschiedenen Ostkirchen. Bei... Foto: Collegium Orientale

    Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer wurde am 1. Oktober 1949 in Altdorf bei Titting geboren. Seit seiner Ministrantenzeit war Thiermeyer von einer tiefen Liebe zu den Ostkirchen erfüllt. Nach Studienaufenthalten in Eichstätt, Jerusalem und Griechenland wurde er 1977 zum Priester geweiht. Als Gründungsrektor des Collegium Orientale (1998–2008) war er maßgeblich mit der Ausbildung von Kollegiaten aus den Ostkirchen betraut. Im März 2006 berief ihn Papst Benedikt XVI. zum Konsultor in der vatikanischen Ostkirchen-Kongregation. 2010 weihte ihn Bischof Milan Saschik zum Titular-Archimandrit der Abtei St. Stephanus in Remety (Ukraine). In den letzten beiden Jahren war Thiermeyer Flüchtlingsseelsorger im Bistum Eichstätt. Am 1. September 2017 ging er in den Ruhestand.

    Herr Archimandrit Thiermeyer, der zweite Mann des Vatikans, Pietro Parolin, reiste vor einigen Wochen nach Russland. Wie bewerten Sie den Besuch? Welche Hoffnungen verbinden Sie mit den Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche?

    Der Besuch ist positiv zu werten. In der Ökumene gibt es keine Alternative zu einem Dialog und zu einem Besuch. Vieles kann in einem Besuch ausgedrückt werden, was schriftlich gar nicht zu sagen wäre. Es lassen sich Dinge ansprechen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Es bleibt zu hoffen, dass die Dinge angesprochen wurden zwischen Rom und Moskau, die auf den Nägeln brennen. Es genügt nicht bei dem Austausch zwischen zwei Kirchen, zu reden wie Politiker reden. Das Evangelium ist für uns alle geschrieben. Wir müssen aufhören, in machtpolitischen Kategorien zu denken und zu sprechen. Die Kirche, egal wie sie heißt, ist nicht Selbstzweck, sie ist für die Menschen da. Und jeder Vertreter seiner Kirche hat eine große Verantwortung für die Menschen, die ihm anvertraut sind. Und da müssen einfach die eigenen Machtpositionen und die echten und vermeintlichen Verletzungen und Verwundungen überwunden werden, wenn wir Kirche Jesu Christi sein wollen.

    Wie schätzen Sie Papst Franziskus ein für den ökumenischen Dialog?

    Da muss er erst noch verschiedene Ernsthaftigkeiten zeigen. Er ist sicher bereit, vieles zu tun, was der Einheit dient. Aber ich würde sagen, er soll seine unierten, jetzt im Hinblick auf Russland, und die griechisch-katholischen Kirchen nicht vergessen. Er soll sie immer wieder ins Gespräch bringen durch seine Mitarbeiter und seine Vertreter. Es wird solange keine Ökumene geben, wenn man einfach die Griechisch-Katholischen ausblendet. Diese Griechisch-Katholischen sind eine Kirche sui iuris, erfüllen alles, was das katholische Kirchenrecht vorschreibt für eine solche Kirche. Es gab im 18. Jahrhundert das Schlagwort in Rom von der „praestantia ritus latini“, das heißt, Vorrang aller Riten hat der römische Ritus. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn heute Moskau mit Rom etwas verhandelt, ökumenisch, dann muss eine griechisch-katholische Kirche mit am Tisch sitzen.

    Was bedeutet Ökumene für Sie? Können Sie ein Beispiel nennen?

    Wenn Sie in Jerusalem sind und sich in diesem Milieu bewegen, wie ich das 1973/74 getan habe; und was ich auch später immer wieder bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen von Christen erfahren durfte: Da gab es in einer Familie ganz selbstverständlich sieben oder acht verschiedene christliche Konfessionen. Ein Vater sagte mir: „Ich danke Gott, dass meine Tochter einen Christen geheiratet hat, was er ist, ist nicht so wichtig. Hauptsache ist, dass er gläubiger Christ ist.“ So muss man das sehen.

    Was behindert die Ökumene im Vorderen Orient?

    In einer Situation, wo es um Minderheiten geht, da wirkt jeder Konfessionalismus nur zerstörerisch. Der christliche Konfessionalismus ist mit schuldig an den Problemen der Marginalisierung und Auslöschung der Christenheit in verschiedenen Gegenden des Vorderen Orients. Die Christen haben es nicht vermocht, mit einer Stimme im Vorderen Orient zu sprechen. Warum? Nationalitäten, Clan-Denken, Sippschafts-Denken. Es ist ein Skandalon, dass es so weit gekommen ist. Christus sagt immer wieder in seinen Abschiedsreden: „Auf dass sie doch alle eins seien“ (Joh 17,21). „Ich habe gebetet, auf dass ihr eins seid.“ Wenn ich die Ostkirchen anschaue, die Griechisch-Katholischen, die Altorientalen oder die Byzantiner im Nahen Osten: Warum müssen wir immer erst warten, bis wir in einem KZ, einem Gulag oder sonst einem Gefängnis sind, dass wir miteinander beten können, dass wir miteinander Eucharistie feiern können? Die Ökumene hat leider immer erst in den Zeiten der Verfolgung am besten funktioniert, das können wir in der Kirchengeschichte sehen. Sobald die Kirche sich etabliert und Staatskirche wird, nach 313, beginnen die Streitereien und wenn es der Kirche „sehr gut“ geht, dann leisten wir uns „theologische Luxusthemen“.

    Brauchen wir als gut situierte Kirche wieder eine Katakomben-Erfahrung?

    Nein, ich wünsche das keiner Kirche, aber wir sollten uns nicht so sicher wähnen. Papst Johannes Paul II. hat uns schon gewarnt: Der Kapitalismus im Westen ist eine große Gefahr für das Christentum. Was für den Glauben der Kommunismus im Osten war oder in manchen totalitären Systemen heutzutage immer noch ist, das ist der Kapitalismus heute im Westen für die Kirchen. Manche hatten gehofft, wenn mit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine gewisse ideologische Lockerung eintritt, dann würde sich auch religiös mehr tun, das war aber eine große Täuschung. Ich denke auch, dass die materielle Armut nicht unbedingt frommer macht. Der Glaube braucht einen glaubwürdigen Zeugen und da stellt sich uns die Frage, inwieweit sind wir, die Kirche als Ganzes und wir als Einzelne, glaubwürdige Verkündiger.

    Sie haben das Collegium Orientale gegründet. Wie kam es dazu?

    Die Idee für eine ökumenische Einrichtung, die dann später als das Collegium Orientale in Eichstätt entstanden ist, hat 25 Jahre reifen müssen. Eigentlich sind mir diese Ideen 1973 während des Studiums in Jerusalem zum ersten Mal gekommen, und zwar durch das Faszinosum und das Skandalon. Ich habe mich jeden Tag gefreut und war jeden Tag skandalisiert im Umgang der Christen untereinander in Jerusalem, im Heiligen Land. Allein im Heiligen Grab, wenn man das erlebt hat: dieses Gestreite, dieses Gezänke, dieses Nicht-Miteinander. Und jeder schrie zum Herrn und einer gegen den Anderen, wie es im Alten Testament heißt. Und da wuchs in mir die Idee, irgendwo auf der Welt müsste es doch mal einen Ort geben, wo alle miteinander beten und singen und sich nicht als Gegner, sondern als Bereicherung erfahren können. Das hat dann 25 Jahre gedauert, bis diese Grundidee ermöglicht wurde.

    Wie ging der deutsche, speziell der bayerische Katholizismus mit dem Orient zusammen?

    Das Collegium Orientale habe ich ziemlich naiv angegangen, ohne zu wissen, was auf mich zukommt. Aber ich sage immer zum Priestersein oder zu solchen Aktionen, es ist wie beim Heiraten, es ist gut, dass man nicht alles weiß, was kommt. Da gehört auch ein Schuss Leichtsinn und Gottvertrauen dazu, sonst würde man so etwas nicht machen.

    Zu unserem damaligen Bischof Dr. Walter Mixa habe ich öfter im Scherz gesagt: „Das Collegium Orientale ist nur möglich gewesen, weil du, lieber Bischof Walter, leichtsinnig und eitel genug warst, es zuzulassen.“ Er wusste im Endeffekt genauso wenig wie ich, was dabei herauskommt. Wir beide haben dann sehr bald den starken Gegenwind seitens des Domkapitels und seitens der Theologischen Fakultät gespürt. Viele konnten sich das anfangs nicht vorstellen, was „der Thiermeyer mit seinen Orientalen“ in Eichstätt will. Ein Beispiel: Am Anfang haben die Leute in Eichstätt gesagt: „Das ist der Thiermeyer mit seinen Russen“, dann später haben sie gesagt, „das sind die Kollegiaten“, und dann nach zwei Jahren hieß es, „das sind unsere Kollegiaten“. Ich denke schon, dass das Kolleg für eine katholische Universität ein Segen ist, ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn Sie heute in das Collegium Orientale gehen, ist es eines der schönsten ostkirchlichen Kollegien, die die katholische Kirche weltweit aufzuweisen hat.

    Welche Konfessionen wohnen im Kolleg unter einem Dach?

    Ich bin stolz darauf, dass wir von Anfang an darauf insistiert haben, dass wir nicht nur die katholischen Ostkirchen im Haus haben, sondern auch die Orthodoxen und die Altorientalen. Wir haben uns nicht eingelassen auf einen „Ghetto-Bereich“ für nur Griechisch-Katholische und Unierte, wie man es uns auferlegen wollte. Eichstätt ist jetzt gewiss nicht der Maßstab der Ökumene. Aber in Eichstätt funktioniert die Ökumene schon ganz gut. Die Theologen studieren miteinander, essen miteinander, feiern und beten miteinander. Und ich habe den Studenten immer gesagt: Wenn ihr gar keinen Gegner habt, dann schimpft miteinander über den Rektor. Ein gutes Feindbild ist immer gut für eine Einheit.

    Welche Erfahrungen haben Sie mit verheirateten Anwärtern auf das Priesteramt gemacht? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich für die Pastoral und die Seelsorge? Was kann die katholische Kirche von den Ostkirchen lernen?

    Das Collegium Orientale ist das einzige Seminar oder Kolleg weltweit – es gibt nichts Vergleichbares bei den Orthodoxen oder in der katholischen Kirche –, wo auch die jungen verheirateten Diakone oder Priester mit ihren Frauen kommen können. Bei uns sind auch schon viele Kinder geboren worden.

    Für die Ostkirchen ist es auf alle Fälle zuträglich, dass wir den verheirateten Priester haben. Natürlich gibt es da auch Probleme. Es gibt überhaupt kein Leben ohne Probleme. Auch mit zölibatären Priestern gibt es Probleme, davon kann die katholische Kirche ein Lied singen. Aber ich würde sagen, die verheirateten Priester sind ein Segen für die Ostkirchen. Bei uns wäre es vielleicht auch angebracht, einfach wohl dosiert zu überlegen und Wege zu beschreiten, Männer, die sich etwa in der Familie und als Diakon bewährt haben, zu Priestern zu weihen. Denn wenn wir sagen, die Eucharistie ist das höchste Gut für unsere Gläubigen, dann ist es unverantwortlich, priesterlose Gemeinden oder Seelsorgeräume zu haben. Wir reden von der Sonntagspflicht und empfehlen, am Sonntag in einen Wortgottesdienst zu gehen. Es darf uns dann nicht wundern, wenn unsere Katholiken nach und nach keinen Unterschied mehr zwischen Eucharistie und evangelischem Wortgottesdienst ausmachen. Die Gewährleistung der Eucharistie in den Gemeinden müsste über eine kirchenrechtlich disziplinarische Vorschrift gehen.

    Inwieweit hat Sie der christliche Osten sensibel gemacht für die Arbeit mit muslimischen Flüchtlingen?

    Seit meinem Studienaufenthalt in Jerusalem, ich war ein halbes Jahr ein Illegaler in der Westbank, habe ich einige Muslime als Bekannte, manche sogar als Freunde. Bevor ich nach Eichstätt kam, wohnte ich sieben Jahre lang Tür an Tür mit einer muslimischen Familie. Wir haben einander beten gehört, wir haben voneinander alles gewusst, miteinander gefeiert und miteinander getrauert.

    Viele Menschen haben Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Was sagen Sie denen?

    Ich sage immer, die Menschen, die zu uns kommen, sind genauso Gottes geliebte Geschöpfe wie wir. Dort wo wir Christen uns zurückziehen, da wird unser Platz ausgefüllt werden. Ein ernst zu nehmender Islam kann manches ausfüllen. Man braucht nicht schreien gegen die Islamisierung, wir sollten stattdessen gute Christen sein und ein gutes Zeugnis geben. Wir können im Moment gar nichts anderes tun, als ein einladendes Christentum in unseren Breiten einfach zu leben. Wir haben so viele Leute vor unsere Haustür geschickt gekriegt. Das ist kein Zufall. Wir sollten Gastfreundschaft hier pflegen. Wir brauchen nicht mehr Missionare nach China schicken oder nach Afrika, denn wir haben hier „eine doppelte Erntezeit“. Gott schenkt dem ausblutenden Europa mit seinem verdunstenden Christentum diese Chance durch die Flüchtlinge und die Fremden, die „Hungrigen“ und „Durstigen“, die es nutzen oder verspielen kann. Die Saat wächst heran. Damit wir diese Ernte, die Gott, der Herr, uns vor unserer Haustüre angedeihen lässt, gut einbringen können, ist eine „gelebte Martyria“ nötig.

    Wenn Sie zurückblicken auf vier Jahrzehnte als Priester, Kollegsrektor, Vatikan-Konsultor, Archimandrit und Flüchtlingsseelsorger, was ist Ihre Bilanz?

    Im Großen und Ganzen, wenn ich die vierzig Jahre zurückschaue, war es ein erfülltes, reiches und beglückendes Dasein, überhaupt nicht langweilig. Mir wird es auch im sogenannten Ruhestand nicht langweilig. Ich würde sicher wieder Priester werden, gar keine Frage. Ob ich manches noch im „gleichen Leicht-Sinn“ angehen würde, in dem Bewusstsein, was ich heute weiß, das ist eine andere Frage.

    Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

    Ich helfe weiter in der Seelsorgeeinheit Berching-Plankstetten mit und feiere regelmäßig byzantinische Gottesdienste in Oening. Es gibt verschiedene Vortragstätigkeiten im In- und Ausland, und ich schreibe noch das eine und das andere. Ferner ist mir meine Mitarbeit an dem kleinen Hilfswerk „Arbeitsgemeinschaft Kyrillos und Methodios“ wichtig. Ich freue mich mit den Menschen hier vor Ort, bete mit ihnen, trauere und feiere mit ihnen. Sie halten mich für realistisch. Mir hat ein alter Mann einmal vor vielen Jahren gesagt: „Wir hatten lange keinen Pfarrer mehr. Es war gar nicht gut, dass im Pfarrhaus kein Licht mehr gebrannt hat. Gott sei Dank brennt jetzt wieder Licht.“ Ich halte es im Ruhestand mit den Worten aus dem Alten Testament: Die Lampe ist noch nicht erloschen…