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    Fast-Food oder wenigstens Hausmannskost?

    Mit der sogenannten Bologna-Erklärung vom Juni 1999 wurde auf internationaler Ebene ein Reformprozess angestoßen, der bis zum Jahr 2010 einen gleichermaßen homogenen wie durchlässigen europäischen Hochschulraum schaffen und damit die Wettbewerbsfähigkeit Europas als Bildungsstandort stärken sollte. Zu diesem Zweck wurde verabredet, ein zweistufiges System von Studienabschlüssen (Bachelor und Master) zu schaffen, das an die Stelle der bislang bestehenden, historisch gewachsenen Studiengänge treten soll. In Deutschland sind davon vor allem die Diplom- und Magister-, zum Teil auch die Staatsexamensstudiengänge betroffen.

    Mit der sogenannten Bologna-Erklärung vom Juni 1999 wurde auf internationaler Ebene ein Reformprozess angestoßen, der bis zum Jahr 2010 einen gleichermaßen homogenen wie durchlässigen europäischen Hochschulraum schaffen und damit die Wettbewerbsfähigkeit Europas als Bildungsstandort stärken sollte. Zu diesem Zweck wurde verabredet, ein zweistufiges System von Studienabschlüssen (Bachelor und Master) zu schaffen, das an die Stelle der bislang bestehenden, historisch gewachsenen Studiengänge treten soll. In Deutschland sind davon vor allem die Diplom- und Magister-, zum Teil auch die Staatsexamensstudiengänge betroffen.

    Inzwischen, fast zehn Jahre später, können die Universitäten in Deutschland nun auf erste Erfahrungen mit der Praxis des Bachelor-Studiengangs zurückblicken. Zwar ist die bundesweite Umstellung noch nicht abgeschlossen, aber niemand scheint mehr grundsätzlich an ihrer Realisierung zu zweifeln. Die Bedenken waren lange Zeit sehr groß, der Streit zwischen Skeptikern und Befürwortern der Reform fiel oftmals heftig aus und war nicht selten ideologisch gefärbt. Doch mittlerweile müssten wir ja klarer sehen können. Kann das bisher Erreichte die Zweifler also beruhigen? Erweist sich der eingeschlagene Weg doch als der richtige?

    An der Würzburger Universität ist die Reform schon recht weit gediehen. Spätestens im kommenden Wintersemester sollen auch die letzten Fächer ihr Studienangebot auf die Bachelor-Struktur, drei Jahre später dann auch auf die Master-Struktur umgestellt haben. Der Verfasser dieser Zeilen lehrt bereits seit einem Semester im Bachelor-Studiengang Philosophie. Die Mühe der Neu-Konzeptualisierung der universitären Lehre im Fach Philosophie war erheblich. Inzwischen liegt jedoch ein Ergebnis vor, das eine solide Lehre gewährleisten und die Studierenden namentlich auf das sich hoffentlich anschließende Master-Studium unter den gegebenen Bedingungen bestmöglich vorbereiten soll. Und dennoch sei die Frage erlaubt: Ist das nun alles ein Fortschritt gegenüber dem alten Magister-Studiengang? Profitieren Lehre und Forschung davon, aber vor allem: profitieren die Studierenden davon?

    Gleiche Studienbedingungen?

    Vielleicht kann man erste Antworten auf diese Fragen finden, indem man prüft, ob der erreichte Stand der Dinge den Zielen und Intentionen der Reform genügt. Falls dies aber nicht der Fall sein sollte, wird man sich fragen müssen, ob das nur mit Übergangsschwierigkeiten zu tun hat, oder ob es womöglich auch daran liegt, dass diese Intentionen in ihrer Pauschalität dem Selbstverständnis der Universität und der so unterschiedlichen Universitätsfächer nicht entsprechen.

    Angestrebt war die internationale Vergleichbarkeit der im Studium zu absolvierenden Leistungen und zu erwerbenden Kompetenzen durch Schaffung einheitlicher Studienbedingungen, namentlich durch Einführung eines Leistungspunktesystems – European Credit Transfer System (ECTS) – und durch die Modularisierung der Studieninhalte. Ist also diese Vergleichbarkeit nun gegeben? Ja, nur waren derartige Vergleiche eigentlich schon immer möglich; denn auch und gerade das Verschiedene kann man miteinander vergleichen. Und verschieden sind die Studiengänge bis heute geblieben. So sehr verschieden, dass man von Internationalität erst gar nicht reden muss, um zu erkennen, dass ja gerade die individuelle Profilierung eines Studiengangs dessen Attraktivität ausmacht, dass dies aber zugleich auch dazu führt, dass ein Philosophiestudent schon an der Universität Erlangen vieles ganz anders lernt als an der Universität Würzburg. Die formale Angleichung von Studienbedingungen hat eben – Gott sei Dank! – kaum Auswirkung auf die Studieninhalte, um die es doch eigentlich gehen sollte. Wozu also ist sie dann gut?

    Erklärtermaßen soll sie unter anderem dazu gut sein, einen stärkeren Berufsbezug der Studiengänge durch engere Bindung an soziale, ökonomische und kulturelle Anforderungen der Gesellschaft zu gewährleisten. Damit verbunden ist vor allem eine bessere Berücksichtigung sogenannter ,Soft skills‘, also allgemein bildender Schlüsselqualifikationen. Nun wissen wir freilich, dass bereits umstritten ist, ob das Studium überhaupt auf einen speziellen Beruf vorbereiten soll. Sicher gibt es Fächer – häufig eher technischen Inhalts –, die diesen Gedanken besser bedienen können als andere. Die Universitäten selbst aber haben in der Berufsausbildung im engeren Sinne eigentlich nie ihre originäre Aufgabe gesehen. Ihnen ging es vielmehr um eine Öffnung des Denkens gegenüber dem Prinzip des Wissens um seiner selbst willen – also gegenüber den Prinzipien der wissenschaftlichen Forschung. Mit Papst Benedikt XVI. könnte man sagen, dass der eigentliche innere Ursprung der Universität „in dem Drang des Menschen nach Erkenntnis“ liege. „Er will wissen, was das alles ist, was ihn umgibt. Er will Wahrheit.“ Das mag sich nun für manchen weltfremd anhören – richtig bleibt es trotzdem. Wissenschaft selbst nämlich setzt eine gewisse Form von Weltfremdheit voraus, da erst die Distanz gegenüber den Sachzwängen des Tagesgeschäfts es uns erlaubt, dessen Regeln und Rechte selbst in den Blick zu bekommen. Die im Grundgesetz zugesicherte Freiheit von Forschung und Lehre soll eben auch dies gewährleisten. Dass die Bologna-Reform nun also den Berufsbezug so stark betont, bedeutet daher in der Konsequenz: Wissenschaft muss sich in Zukunft woanders abspielen und hat mit dem Studium nicht mehr allzu viel zu tun. Die Einheit von Forschung und Lehre geht zusehends verloren. Die Universitäten heißen deshalb auch im Jargon der Politiker gar nicht mehr Universitäten, sondern Hochschulen. Das sagt schon alles.

    Ein weiteres Ziel der Reform ist die Förderung der Mobilität der Studierenden in sowohl räumlicher wie kultureller Hinsicht, insbesondere der Mobilität zwischen Hochschulen und Bildungsgängen. Ist das Ziel erreichbar? Leider nein, denn etwa ein Studienortwechsel ist, anders als früher, praktisch ausgeschlossen. Der Grund ist einfach: die Gedrängtheit des fachlichen Curriculums mit seinen vielen Pflichtveranstaltungen bei gleichzeitig starker Individualisierung der Studiengänge – Profilierung genannt – lässt weder zeitlich noch sachlich entsprechende Spielräume zu; Auslandssemester etwa wird es kaum noch geben. Strukturierungsabsichten kollidieren hier offensichtlich mit dem so populären Wunsch, die internationale Durchlässigkeit des Studiums zu erhöhen.

    Besagte verbindliche Studienstruktur soll aber natürlich ebenso zur Verkürzung der Studienzeiten führen. Doch auch diesbezüglich ist zu befürchten, dass sich die starke curriculare Disziplinierung der Studiengänge eher als ein Hindernis erweisen wird. Denn wo mehrere Fächer miteinander kombiniert werden sollen – und dies ist zumindest in Würzburg die Regel –, da wird es unvermeidlich zu Pflichtenkollisionen kommen, die zuletzt verhindern, dass das obligatorische Pensum wie gewünscht in sechs Semestern absolviert wird. Überdies wird sich die Studienzeit für viele Studierende, insbesondere für jene, die der Universität aufgrund ihrer Leistungen besonders wertvoll sein sollten, durch die Fortsetzung ihres Studiums in einem konsekutiven Masterstudiengang noch erhöhen. Waren früher mindestens acht Semester nötig, um einen Magister oder Diplomabschluss zu erlangen, sind es nun mindestens zehn Semester, bevor jemand das Master-Zeugnis ausgehändigt bekommt. Man muss das nicht für tragisch halten, aber mit der erklärten Absicht der zeitlichen Straffung des Studiums hat das natürlich nichts mehr zu tun. Da wenden sich die Geister, die man rief, also erneut gegen die Hexenmeister.

    Mit der besseren Kombinierbarkeit der Fächer untereinander sowie der Schaffung neuer, attraktiver Studiengänge durch Kombination des modularen Angebots soll schließlich auch die Interdisziplinarität – ein ebenso unvermeidliches wie undurchschautes Schlagwort unserer Zeit! – der Hochschulausbildung gefördert werden. Das könnte gelingen, würden nicht halbherzige Entwicklungen diesen Gedanken wiederum konterkarieren. Denn jedes Studienfach sucht – wen wundert's – möglichst viele Inhalte des alten Curriculums ins neue, aber zeitlich verkürzte zu retten. Ein eingebundenes Studium fundamentale etwa, das den Blick über den Tellerrand des einzelnen Faches hinaus lenken könnte, kann so in der Regel nicht zusätzlich installiert werden. Was durch den Import fachexterner Studienmodule gegebenenfalls an Interdisziplinarität gewonnen wird, ist häufig nur der Not jener Fächer geschuldet, die infolge einer unzureichenden Personalausstattung allein kein komplettes Bachelor-Studium ermöglichen können. So bedient man sich bei anderen, womit der Interdisziplinaritätsgedanke freilich droht, zur bloßen Kosmetik zu geraten. Und selbst die Kombinierbarkeit der Studienfächer untereinander, die insbesondere den Reiz der ehemaligen Magisterstudiengänge ausgemacht hat, wird deutlich reduziert werden. Der Grund liegt wiederum in der starken Strukturiertheit der neuen Angebote, in denen große Teile als obligatorische Pflichten gelten, was zu erheblichen zeitlichen Überschneidungen zwischen Fächern führt – deren Kombination dann eben nicht mehr möglich ist.

    Wird das Studium nun wenigstens qualitativ besser sein als früher? Qualitätsentwicklung der Hochschulausbildung durch Akkreditierung der Studiengänge sowie Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätsentwicklung sind jedenfalls angestrebt. Richtig ist, dass ein konsequentes Qualitätsmanagement mit regelmäßigen Evaluationen der Lehre und einem generell zu bestehenden Akkreditierungsverfahren den Supervisionsgedanken stärker macht, als dies früher der Fall war. Doch auch hier wird das Schwergewicht vor allem auf formellen Prüfkriterien liegen. Ob damit die individuellen Fähigkeiten der Lehrenden hinreichend berücksichtigt werden können, und vor allem: ob sie sich deshalb gegebenenfalls ändern werden, bleibt natürlich eine ganz offene Frage. Dennoch liegen hier Chancen, etwa in der Förderung didaktischer Kompetenzen der Lehrenden, die nicht zu unterschätzen sind. Dieser Gedanke wäre auch für die alten Studienmodelle attraktiv gewesen; mit dem Rest der Reform ist er nicht notwendig verbunden.

    Eigenständige Orientierung fehlt

    Welcher Schluss lässt sich also angesichts all dieser Beobachtungen nun ziehen? Ein offenbar ernüchternder: Dass nämlich die Praxis der Studienreform offenbar in sehr vielen, wenn nicht sogar in den meisten Punkten die Intentionen ihrer Initiatoren konterkariert. Wer profitiert also von dieser Reform? Die Wissenschaft gewiss nicht, weil sich deutlich zeigt: Lehre und Forschung fallen auseinander. Zwar kann man dagegen auf die sich dem Master anschließende Doktoratsausbildung verweisen, die immer mehr in sogenannte Graduiertenschulen innerhalb der Universitäten verlagert wird. Eine damit verbundene bessere Strukturierung der Doktorandenförderung ist gewiss ein Gewinn auch für die Forschungskultur. Doch auch dazu hätte es der Studienreform nicht bedurft.

    Profitieren also wenigstens die Studierenden? Man kann sich das nur schwer vorstellen. Gewiss, der eine oder andere hätte sich auch schon früher mit Beginn seines Studiums einen Stundenplan gewünscht, den es einfach abzuarbeiten galt, um erfolgreich zu studieren. Doch eben dies war ja ein durchaus erwünschter Nebeneffekt des vergleichsweise offen organisierten Curriculums: das Vermögen zur eigenständigen Orientierung und Zielsetzung zu fördern. Heute ist das anders. Die Vorgaben sind ebenso rigide wie detailliert. Die Rede von einer Verschulung des Studiums ist also nicht nur ein Schlagwort – sie ist harte Realität für Lehrende wie Lernende. Lernen nach selbst gesetzten Schwerpunkten wird so nicht begünstigt. Das individuelle Eindringen in die Wissenskultur unserer abendländischen Gesellschaft, die gute Hausmannskost der ehemaligen Universität, wird kaum gefördert. Die Hochschulpolitik hat die Fast-Food-Kultur für sich entdeckt: Alles ist nach denselben Regeln zuzubereiten und hat dementsprechend gleich zu schmecken. Die Selbstständigkeit des Denkens, das Wissen-Wollen um des Wissens willen muss man nun woanders suchen. Die Universität selbst hingegen bleibt bemerkenswert desorientiert zurück: ein bisschen noch gymnasiale Oberstufe, ein bisschen schon Berufsausbildung – eine irgendwie höhere Lehranstalt, eine Hochschule eben. Schade drum!

    Von Karl-Heinz Lembeck