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    Evangelisch-Sein mit Wandlung

    Altenberg (DT) Der Thesenanschlag am Dom zu Altenberg bei Köln: In der Bischofskonferenz wird man am Freitag doch etwas unruhig auf die groß angekündigte Geste der organisierten Verbandsjugend geblickt haben. Ihr werdet doch nicht etwa ...?! Nun, ob die Herren sich wirklich beruhigen können, ob Altenberg kein neues Wittenberg werden wird, sei dahingestellt. Bekanntlich hatte auch Doktor Luther nicht die Absicht, eine neue Kirche zu errichten. Aber man soll dem PR-Gag nicht zu viel Ehre antun. Eindrucksvoller wird es anno 1517 dann doch zugegangen sein. So wurden die „Thesen“ zur Kirchenreform nicht an die schweren Portale des Altenberger Doms genagelt, sondern an wackelige Holzgestelle davor gepinnt, die der Wind dann auch reihenweise umwarf – weitergehende Vermutungen über die Gründe dafür seien an dieser Stelle ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

    Kirchenreform mit dem Hammer: Bei der BDKJ-Hauptversammlung schlagen Jugendliche Thesen an eine Wand. Foto: KNA

    Altenberg (DT) Der Thesenanschlag am Dom zu Altenberg bei Köln: In der Bischofskonferenz wird man am Freitag doch etwas unruhig auf die groß angekündigte Geste der organisierten Verbandsjugend geblickt haben. Ihr werdet doch nicht etwa ...?! Nun, ob die Herren sich wirklich beruhigen können, ob Altenberg kein neues Wittenberg werden wird, sei dahingestellt. Bekanntlich hatte auch Doktor Luther nicht die Absicht, eine neue Kirche zu errichten. Aber man soll dem PR-Gag nicht zu viel Ehre antun. Eindrucksvoller wird es anno 1517 dann doch zugegangen sein. So wurden die „Thesen“ zur Kirchenreform nicht an die schweren Portale des Altenberger Doms genagelt, sondern an wackelige Holzgestelle davor gepinnt, die der Wind dann auch reihenweise umwarf – weitergehende Vermutungen über die Gründe dafür seien an dieser Stelle ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

    Ein Meinungsbild nach Rom tragen

    Aber gut. Man ist besorgt. Man leidet in und an „seiner“ Kirche. Aber man will im Gespräch bleiben: Das ist die Botschaft, die die Ende vergangener Woche zur Hauptversammlung zusammengekommenen BDKJ-Vertreter in Richtung des bischöflichen „Gesprächsprozesses“ sandten. Das Kind Dialogprozess hat jetzt nämlich einen neuen Namen. Und der klingt weniger nach Augenhöhe, eher wie ein unverbindlicher Gedankenaustausch.

    Und auch der BDKJ rüstet ab – verbal wenigstens. Hieß das Papier zum Dialogprozess vor seinem Beschluss noch „Freiheit der Kinder Gottes – Altenberger Streitschrift“, so ist jetzt ein „Freiheit der Kinder Gottes – Unsere Kirche, unser Beitrag“ daraus geworden. Inhaltlich indes nimmt das dialektisch gewundene, etwas langatmige Dokument nichts von den Forderungen – „Anfragen“ genannt – zurück, die jetzt schwer auf dem bischöflichen Tisch lasten: Priesterweihe der Frau, Aufhebung des Zölibatsgesetzes, demokratische Bischofswahl, Anerkennung selbstverantworteter Sexualität. Soll heißen: Ehe ist ok, aber alles andere auch.

    Vor allem sorgen sich die BDKJ-Funktionäre um das Phänomen der „Exkulturation“, also der Verabschiedung der Kirche aus der zeitgenössischen Kultur. Mit diesem Bedauern stehen sie tatsächlich nicht allein. Während aber andere beklagen, dass es zu wenig Kirche in der Gesellschaft gibt, beklagt der BDKJ zu wenig Gesellschaft in der Kirche. „Demokratie in Kirche“ nennt BDKJ-Chef Dirk Tänzler das, während er mit dieser Zeitung spricht.

    „Die entscheidende Frage ist die Frage nach der Macht in der Kirche. Und die ist bei uns alles andere als demokratisch und geschlechtergerecht beantwortet.“ Ist also der vom BDKJ beklagte katholische Reformstau der Grund für die Glaubenskrise in Deutschland? Nun, so der für drei weitere Jahre im Amt bestätigte 42-Jährige, das komme darauf an. Sicher fühlten sich viele Menschen etwa von der katholischen Liturgie angezogen. Ihre Lebenswirklichkeit fänden sie aber „in Kirche“ nicht wieder. Und das führe dazu, dass viele „Kirche“ nicht mehr ernst nehmen könnten.

    Wenn Saalmikrofone Frauen abschrecken

    Gefragt, ob es nicht Zeitverschwendung sei, mit den deutschen Bischöfen über den Pflichtzölibat und die Frauenweihe zu sprechen, wo sie gar keine Entscheidungskompetenzen hätten, meinte Tänzler, dass es darum gehe, ein „Meinungsbild nach Rom“ zu tragen, was dann auch weltkirchlich eine Diskussion in Gang bringen könne. Davor müsse aber erst in der deutschen Kirche offen um Positionen gerungen worden sein. „Das Wesentliche aber ist, dass wir miteinander im Gespräch sind.“

    Aber sind nicht alle BDKJ-Forderungen in den evangelischen Kirchen erfüllt und übererfüllt, ohne dass ihnen deswegen die Türen eingerannt würden? Eher im Gegenteil. Ist eine Protestantisierung dann nicht der falsche Weg? Tänzler: „Wir stehen zur römisch-katholischen Kirche. Gerade was Eucharistie und Wandlung angeht. Auch glauben wir, dass die Bischöfe Nachfolger der Apostel sind. Aber wir sehen dringenden strukturellen Handlungsbedarf. Mehr Demokratie hätte sicher auch die Vertuschung von Missbrauchsfällen wesentlich schwerer gemacht.“

    Der BDKJ wenigstens muss sich da nichts vorwerfen. Schließlich hat er schon 1994 einen „Demokratieförderplan“ für die Kirche beschlossen – und konsequent umgesetzt. Ein Blick ins Plenum ist deshalb auch ein Blick in die demokratische und geschlechtergerechte Kirche der Zukunft. Am Gender-Tisch – nahe dem Stand mit den fair gehandelten Produkten und den Anti-Coca-Cola-Broschüren – wurde von den Gender–Watchern eifrig registriert, wie oft sich Männer und Frauen zu Wort meldeten, wie lange sie sprachen. Fragebögen zur Gendergerechtigkeit machten die Runde. „Wir wollen gerne demokratisch sein. Und dazu gehört, dass die Strukturen Frauen nicht daran hindern, zu sprechen“, so Yvonne Everhartz, BDKJ-Referentin für Genderfragen.

    So standen bei früheren Hauptversammlungen nur Saalmikrophone zur Verfügung. Das habe aber viele Frauen davon abgehalten, sich zu Wort zu melden. Jetzt liegen auf jedem der Tische welche. Doch Geschlechtergerechtigkeit erschöpfe sich nicht darin. Sie drückt einem den jüngsten Beschluss der Bundesfrauenkonferenz in die Hand. Der erblickt in der Kirche eine „vielschichtige strukturelle und bis in die persönlichen Beziehungen hineinwirkende Diskriminierung von Frauen“ und fordert deshalb die Bischöfe auf, auf allen Ebenen – lokal, diözesan, weltweit – dafür zu sorgen, dass Frauen entsprechend ihres Anteils im Kirchenvolk in allen kirchlichen Gremien und Entscheidungspositionen vertreten sind. Energisch verweisen sie dabei auf ihren gleichlautenden Beschluss aus dem Jahre 2005, der immer noch nicht umgesetzt ist. Außerdem werden weibliche Gottesbilder gefordert, „denn sie sind wichtig, um Gott nicht nur männlich zu denken, sondern in seiner/ihrer Vielschichtigkeit und Unbegreifbarkeit wahrzunehmen“. Und das alles natürlich in geschlechtergerechter Sprache.

    Bei soviel Sitzungsstress und Papierproduktion tat den Teilnehmern etwas gruppendynamische Abwechslung gut. „Wie fühle ich mich als Hauptamtliche/r, Ehrenamtliche/r, als Frau, Mann derzeit in meiner Kirche?“, fragte Bundespräses Simon Rapp die Versammelten. Und die mussten eine pantomimische Antwort geben. Nicht gut geht es ihnen. Reihenweise gingen die Daumen nach unten, langten sich Leute an den Kopf. Beim anschließenden Ringelpietz mit Anfassen auf dem Fußballplatz dann durfte man seinem Gegenüber Auskunft darüber geben, was man den Papst fragen würde, wenn man ihn im September träfe. „Warum sein Besuch so scheißviel Geld kostet“, meinte eine Teilnehmerin gegenüber dieser Zeitung. Wenn das mal keine Gesprächsgrundlage ist.