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    Evakuierung um jeden Preis

    Die Reichspogromnacht jährt sich zum 80. Mal. Der Vatikan plante die Evakuierung deutscher Juden nach der „Kristallnacht“. Von Michael Hesemann

    Serie Jahrestage der Nazi-Diktatur - Nuntius Pacelli
    Eugenio Pacelli (vorn), Apostolischer Nuntius und spätere Papst Pius XII., blickte besorgt auf den Aufstieg Adolf Hitler... Foto: dpa

    Wie reagierte die Kirche, als in Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hunderte Synagogen und Betstuben jüdischer Gemeinden brannten, jüdische Geschäfte geplündert und verwüstet, jüdische Mitbürger schikaniert, geschlagen oder gar ermordet wurden? Zu wenig, sagen die Kritiker. Ein großer, öffentlicher Protest blieb aus. Lediglich ein einziger Priester, Dompropst Bernhard Lichtenberg aus Berlin, prangerte die Pogromnacht in seiner Predigt am nächsten Tag an und betete fortan in der Hedwigskathedrale, keinen Kilometer von Hitlers Reichskanzlei entfernt, für die verfolgten Juden, bis ihn am 23. Oktober 1941 die Gestapo verhaftete. In Münster hielt Bischof Clemens August Graf von Galen Rücksprache mit der jüdischen Gemeinde: er sei bereit, öffentlich zu protestieren, könne aber nicht die Verantwortung für eventuelle Vergeltungsmaßnahmen der Nazis übernehmen. Der lokale Rabbi, Fritz Leopold Steinthal, lehnte dankend ab; er sah in Deutschland keine Zukunft mehr, wanderte Wochen später nach Argentinien aus. Dass stattdessen, wie er später behauptete, „in allen Kirchen des Bistums für die Juden gebetet wurde“, ist sicher übertrieben, einzelne Fälle aber sind dokumentiert. Die Nazis antworteten darauf, indem sie einen Monat später die Fensterscheiben des Bischöflichen Hofes zerschlugen und später zwei Priester des Bistums zu KZ-Haft verurteilten. In München, wo Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber einen Lastwagen zur brennenden Synagoge geschickt hatte, um die kostbaren Torahrollen seines Freundes Rabbi Ernst Ehrentreu zu retten, fanden gleich mehrere Großkundgebungen der Nazis „Gegen das Weltjudentum und seine schwarzen und roten Bundesgenossen“ statt. Anschließend zog der aufgehetzte Mob am Abend des 11. Novembers gegen 22 Uhr zum Erzbischöflichen Palais, skandierte kirchenfeindliche Parolen und zerschlug in einem Steinhagel 116 Fensterscheiben. Das ließ erahnen, wie die braunen Machthaber auf deutlichere Proteste der Kirche reagiert hätten. In Rom dachte man ähnlich und vermied tunlichst, Öl ins Feuer zu gießen. Am 15. November traf ein umfangreicher Bericht des Nuntius in Berlin, Erzbischof Cesare Orsenigo, ein, der keinen Zweifel daran ließ, dass der „antisemitische Vandalismus“ der Pogromnacht „auf Anweisung … von sehr weit oben“ geschehen, also von Hitler und Goebbels selbst orchestriert worden war. Kurzfristig erwog Papst Pius XI., das Konkordat mit dem Deutschen Reich aufzukündigen, aber das hätte bedeutet, die Katholiken in Deutschland im Stich zu lassen. Die nationalsozialistische Ideologie samt ihrem Rassismus hatte der Papst bereits anderthalb Jahre zuvor in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ verurteilt, die fast einen neuen Kulturkampf ausgelöst hätte. Im April 1938 war die Instruktion, rassistische Thesen und die „Blut- und Boden“-Ideologie, die Pius XI. als „unverschämte Verleumdungen und gefährliche Doktrinen“ bezeichnete, zu bekämpfen, an alle katholischen Bildungsinstitutionen gegangen. Noch im September hatte der Papst vor belgischen Pilgern erklärt: „Der Antisemitismus ist eine verabscheuungswürdige Haltung … für Christen nicht legitim … Spirituell sind wir alle Semiten!“ Seit dem Sommer 1938 kämpfte er gegen die Einführung antisemitischer Gesetze in Italien, die Hitler bei seinem Besuch in Rom von seinem Bündnispartner Mussolini verlangt hatte. Auch da hatte Pius XI. kein Blatt vor den Mund genommen. Dass er trotzdem zur „Kristallnacht“ schwieg, hatte einen anderen Grund: Schon im Juni 1939 hatte der Papst den amerikanischen Jesuitenpater John LaFarge beauftragt, für ihn eine Enzyklika gegen den Rassismus, „Humani generis unitas“ (Von der Einheit des Menschengeschlechts), zu entwerfen, die er eigentlich gegen Ende des Jahres veröffentlichen wollte. Er konnte nicht ahnen, dass die Überforderung des Paters mit dieser Aufgabe und antijudaistische Ressentiments einiger Mitbrüder, die er um Hilfe gebeten hatte (einschließlich seinem Ordensgeneral, dem polnischen Grafen Pater Ledóchowski), zu einer Reihe bewusster Verzögerungen geführt hatten. Der erste Entwurf, der schließlich im Januar 1939 auf dem Schreibtisch Pius XI. landete, war zudem kontraproduktiv: er enthielt seitenweise antijudaistische Passagen, die Wasser auf den Mühlen der NS-Propaganda gewesen wären. So ging er sofort an die Autoren zurück. Zu einer zweiten, verbesserten Fassung sollte es nicht mehr kommen, denn einen Monat später verstarb der Ratti-Papst. Erst 2010 entdeckte ich im Vatikan-Archiv Dokumente, die belegen, dass der Vatikan es keineswegs bei der Vorbereitung einer Enzyklika belassen wollte, sondern auch an praktische Hilfe dachte: Geplant war nicht weniger als die größte humanitäre Hilfsaktion der Geschichte.

    Urheber dieses Plans war nicht der bereits erkrankte Pius XI., sondern sein Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der ihm schließlich im März 1939 als Pius XII. auf die Kathedra Petri folgen sollte. Pacelli war bekannt für seine philosemitische Einstellung, seit er sich, damals noch als Untersekretär, 1917 bei Papst Benedikt XV. für einen Dialog mit Vertretern der zionistischen Bewegung eingesetzt hatte. Daher war seine Ernennung zum Kardinalsstaatssekretär durch Pius XI. 1930 von jüdischen Verbänden sehr positiv aufgenommen worden. Pacelli, der als Nuntius in München und Berlin von 1917 bis 1929 den Aufstieg Adolf Hitlers hautnah erlebt und in Dutzenden Memoranden an den Vatikan vor ihm und seiner Bewegung gewarnt hatte, wusste, dass der „Führer“ zu keiner Mäßigung in der Lage war und wie ein Besessener seine Wahnideen durchsetzen würde. Mit der Pogromnacht hatte die Gewalt gegen die Juden im Dritten Reich eine neue Dimension erreicht. Mit geradezu prophetischer Klarheit begriff der Kardinalstaatssekretär, dass sie im Deutschen Reich ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Sie mussten, koste es, was es wolle, evakuiert werden. Nur drei Wochen nach der „Kristallnacht“ verfasste Pacelli ein Telex an die Apostolischen Nuntiaturen und Apostolischen Delegationen in 16 Staaten, in dem er darum bat, herauszufinden, ob rassisch verfolgte Akademiker in den jeweiligen Ländern Chancen auf eine Anstellung hätten. Doch auch das war nur ein Versuchsballon. Auf den Tag genau zwei Monate nach den November-Pogromen, am 9. Januar 1939, schickte der spätere Papst Pius XII. ein in lateinischer Sprache verfasstes Rundschreiben an 68 Erzbischöfe, darunter sieben Kardinäle, in 17 Nationen, die meisten davon klassische Einwanderungsländer auf dem amerikanischen Doppelkontinent. In ihm bat er die Empfänger, sich bei ihren Regierungen dafür einzusetzen, dass insgesamt 200 000 Flüchtlingen jüdischer Abstammung Visa ausgestellt und ihnen die Niederlassung in ihrem Land erlaubt würde. Während in dem Dokument lediglich von „katholischen Nichtariern“ die Rede ist, wird aus seinem Kontext deutlich, dass tatsächlich hauptsächlich Glaubensjuden gemeint sind. So werden die Regierungen der meist katholischen Staaten gebeten, den Flüchtlingen eigene „Sakralbauten und Schulen“ zu errichten und, so wörtlich, „alles bereitzustellen, dass sie ihre religiösen Sitten und Traditionen fortführen können“. Katholiken hätten die im vorkonziliaren Deutschland übliche lateinische Messe auch in den örtlichen Kirchen feiern, ihre Kinder auf vorhandene katholische Schulen schicken können. Auch die Zahl der benötigten Visa weist in diese Richtung; Anfang 1939 lebten in Deutschland noch rund 234 000 „Rassejuden“, aber nur circa 20 000 Konvertiten, von denen gut die Hälfte katholisch war. Selbst wenn man Österreich mitrechnet, käme man auf maximal 16 000 „katholische Nichtarier“ im Reich. Offensichtlich hatte Pacelli nur aus Sicherheitsgründen vermieden, von „Juden“ zu schreiben. Zu groß war die Gefahr, dass ein Exemplar des Schreibens in die Hände der Nazis fiel. Sie hätten es als Beweis gewertet, dass die Kirche den „Feinden des Reiches“ hilft. Niemand konnte ihr dagegen vorwerfen, dass sie sich für Katholiken jüdischer Abstammung einsetzt. Dass in den meisten Antwortschreiben direkt von „Juden“ die Rede ist, zeigt, dass der „Pacelli-Code“ von den Empfängern verstanden wurde. Doch obwohl der Vatikan bereit war und bald aktiv wurde, für tausende Flüchtlinge Transitvisa zu besorgen und ihnen sogar die teure Überfahrt zu finanzieren (Juden durften 1939 zwar ungehindert ausreisen, ihr Vermögen aber wurde konfisziert), blieb die erhoffte Welle der Hilfsbereitschaft aus. Irland nahm gerade einmal neunzig Juden auf, Brasilien versprach dreitausend Visa, stellte aber nur tausend aus, Argentinien folgte seinem Beispiel. Auch die anderen südamerikanischen Staaten kleckerten allenfalls, statt zu klotzen. Lediglich die Dominikanische Republik war bereit, bei Bedarf alle halbe Jahre bis zu ahcthundert Visa auszustellen, wenn der Nuntius den eitlen Diktator Trujillo persönlich im Namen des Papstes darum bat. So gewaltig der vatikanische Hügel auch kreißte, die Welt erlaubte nur die Geburt einer Maus. Niemand jedoch darf Pacelli vorwerfen, nicht früh genug alles Menschenmögliche versucht zu haben, um eine größtmögliche Anzahl Juden vor der drohenden Katastrophe der Schoah zu retten.

    Der Autor ist Historiker und forscht seit zehn Jahren im Vatikanarchiv. Sein neues Buch „Der Papst und der Holocaust“ (448 S.) erschien im Oktober im LangenMüller-Verlag Stuttgart.

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